Nördlich von Riva erstreckt sich eine fruchtbare Ebene, die Busa; einst war sie ebenfalls vom Gardasee bedeckt, und der Monte Brione zwischen Riva und Torbole ragte als Insel aus dem Wasser.Die Busa endet vor den Mauern von Arco, über denen sich der Koloss des Burgfelsens erhebt; mit ihm rücken die Berge wieder zusammen und bilden das Tal der einstmals wilden Sarca, des Hauptzuflusses zum Gardasee. Doch seit die italienische Elektrizitätsgesellschaft dem Fluss das Wasser für ihre Kraftwerke entnimmt, windet sich den größten Teil des Jahres nur noch ein Rinnsal durch die mächtigen Geröllberge des alten Bachbettes. Einzigartig ist das Sarcatal durch die kilometerlangen, spiegelglatt geschliffenen Felswände seiner seitlich begrenzenden Berge: Dies ist das Resultat des jahrtausendelangen Geschiebes der eiszeitlichen Gletscher, die auf ihrem Weg nach Süden die Felswände abschliffen. Diesem Prozess unterlag auch der Burgfelsen von Arco, weshalb er wie ein halbierter Kegel aussieht: Neigt er sich zum Ort noch in steiler Schräge, so steht sein oberster Turm über einer ungeheuren senkrechten Felswand, zu deren Füßen die Sarca aus ihrem Tal bricht. Der Anblick ist so spektakulär, daß er neben zahllosen anderen Künstlern auch Albrecht Dürer auf seiner Italienreise zum Anfertigen eines Aquarells anregte.
Allem Anschein nach reicht die Geschichte der Besiedlung dieses Felsens weit zurück, denn jenes oberste Bauwerk, der Rengheraturm mit seiner Ringmauer, ist vermutlich bereits um das Jahr 500 von den Goten erbaut worden. In jenen anarchischen Zeiten der Völkerwanderung diente der Berg mit seinen Befestigungen als große Fluchtburg für die ganze Bevölkerung der Busa; ein Recht der Talgemeinde auf den Burgberg, über das sich im 12. Jh. die zur Macht strebenden Herren von Arco gewalttätig hinwegsetzten. Erbittert schlugen diese sich mit den Castelbarco von der Burg Penede über Torbole, die Gerichtsbarkeit über judikarien beanspruchten sie mit einer gefälschten Urkunde, Zölle und Wegegelder der vorbeiziehenden Händler wurden eingetrieben, vor allem aber boten sie jedem größeren Herren ihre Dienste an. So waren sie heute Statthalter Veronas, morgen Mailands, übermorgen Trients; für alle Machthaber wurden sie so unentbehrlich, dass sie mit Titeln und Gütern überhäuft 1413 in den Reichsgrafenstand erhoben wurden.
Basis der mittelalterlichen Macht der Arco war jedoch immer die große Burg am Rande des unersteigbaren Felsens, die ihre wildesten Episoden mit Mord, Rache und Intrigen erlebte, als sich die Familie in tödlich verfeindete ghibellinische und guelfische Linien spaltete.
So manch enger Verwandter hat damals den Kerker nicht lebend verlassen, und für solche Räumlichkeiten war viel Platz unter der großen Gebäudegruppe, die einst den heute noch stehenden mächtigen Turm auf der halben Höhe des Berghanges umgab. Denn dort (und nicht auf dem Gipfel) errichteten die Arco ihre Festung und sperrten den ganzen oberen Berg mit einer quer verlaufenden Mauer, die von einem Steilabsturz des Felsens zum anderen reichte. Der Niedergang der Burg setzte im 16. Jh. ein, als sich die Grafen bequemere und zeitgemäßere Residenzen in der Altstadt von Arco erbauten. Nachdem die wehrhaften Mauern jahrzehntelang zum Unterschlupf marodierender Banditen geworden waren, entzog Kaiser Leopold von Österreich 1680 den Arco den Besitz der Burg und unterstellte sie direkter kaiserlicher Kontrolle. Als im Verlauf des Spanischen Erbf0lgekrieges ein französisches Heer gegen die Stadt Trient zog, ließ ihr Komnandant Vendome die Burg sprengen (1703). Neben immer noch > eindruckenden Mauergürteln steht seitdem noch die alte Torre Renghera auf der Spitze des Berges; von der gräflichen Burg sind die l‘0rre Grande, der große Turm mit seinen ghibellinischen Zinnen erhauen. Die größte Sehenswürdigkeit ist nahebei die Sala die Giochi, der Saal der Spiele, mit köstlichen Fresken um 1370. Darge-Stellt sind noble Herren und kapriziöse Edelfräulein beim Spiel und sonstigen höfischen Vergnügungen. Rechts vom Eingang sieht man sie beim Würfelspiel, daneben beim Damespiel. An der folgenden Wand sind eine Frühlingsszene (zwei Damen und ein Höfling im Rosengarten) und ein Drachenkampf erhalten. An der nächsten Wand verabschiedet eine Dame ihren Ritter vor dem Turnierkampf.
Es folgt ein weiteres Brettspiel und links des Fensters das Schachspiel, bei dem das Edelfräulein — wie an der Stellung der Figuren und in ihrem Gesichtsausdruck zu erkennen ist- kurz vor dem Sieg über ihren männlichen Partner steht. Die Fresken in dem kleinen Raum sind nicht nur wegen der genauen Darstellung mittelalterlicher Brettspiele interessant, sie vermitteln in der Bewegung der Hände und Mienen auch die Faszination, die das Spiel auf die Beteiligten ausübt.
Alle Wege führen in Arco zum Hauptplatz (Piazza 3 Novembre) vor der Pfarrkirche, der Collegiata, die als bedeutendes Zeugnis der Trienter Spätrenaissance gilt. Der Bau beeindruckt innen noch mehr als außen durch seine Monumentalität, seine ins Riesenhafte gesteigerten Renaissance-Elemente wie die doppelgeschossige Pilastergliederung der Fassade und die gemalten illusionistischen Kassetten des Chorgewölbes. Schwere und prunkvolle Altäre säumen die Kirchenwände (erster Altar links mit einem Gemälde des Veronesers Felice Brusasorci); das einzige liebenswürdige Stück der Ausstattung ist die hübsch verzierte Orgelempore: Die kleinen Skulpturen stellen nicht die üblichen trompetenden Putti dar, hier sind musizierende Bürger im zugeknöpften Ausgehrock mit Harfe und Cello zu sehen.
Gegen 1500 begannen die Grafen von Arco, sich im Ort prächtig ausgestattete Paläste zu errichten. Auch hier kamen die Mitglieder bald in Streit, sodass die Brüder Andrea und Odorico d’Arco die Aufteilung der Stadt in eine westliche und eine östliche Hälfte beschlossen. Der Palast des Andrea d’Arco steht gleich neben der Collegiata und beherbergt das Restaurant > Cantina Marchetti <. Außen schenke man der Galerie reich verzierter Kamine sowie dem vielfarbigen Freskenfries Beachtung, der sich mit seinen Göttern und Helden, Nymphen und Rittern unter der Dachtraufe leidlich erhalten hat und aus dem 16./ 17. Jh. stammt. Durch den Schankraum gelangt man in den weiten Innenhof mit den großen Lauben, die einst zum Unterstellen der Kutschen dienten. Unter dem Dach befindet sich ein weiterer umlaufender Freskenfries, darunter residiert das Restaurant im Freien. Sehenswert sind auch die inneren Säle. Im Raum am unteren Ende der langen Theke speist man unter einem Gewölbe, dessen Felder vollständig mit Renaissance-Fresken ausgemalt sind. Hier wird über der Tafel von Engeln musiziert, dem Amor ein Herz vorenthalten, Wein eingeschenkt oder leutselig als Heiliger dreingeblickt. Den mächtigen Renaissance-Kamin ziert ein großes Wappenfresko. Der Palast des feindlichen Bruders Odorico erhebt sich in der am oberen Ende der Piazza 3 Novembre nach links abzweigenden Via Vergolano, Auch hier residiert ein stadtbekanntes Restaurant ( Alla Lega ). Man speist im lauschigen Innenhof unter einem umlaufenden Freskenfries der Renaissance, der die Geschichte Roms illustriert, oder in balkengedeckten Räumen mit gemalten Wappen der Arco und der mit ihnen verwandten Adelshäuser.
Außen vor der Altstadt werden dem Besucher die großen Gebäude im Park auffallen, die wie aus einem österreichischen Kurbad wirken, So waren sie auch gedacht, denn nachdem Erzherzog Albert von Österreich wegen des ungemein milden Klimas in Arco einen Palast erbauen ließ, avancierte der Ort in der k.u.k.—Gesellschaft zum > Nizza des Trentino <, und es entstanden Parks mit tropischen Pflanzen, Salons und einem Casino.
Sehenswerte Kunst findet man vor allem in den kleinen Kirchen in der Umgebung der Altstadt. Als Erstes suche man — von der Altstadt kommend über die Straße, die kurz vor der Sarcabrücke nach links abzweigt — das Kirchlein Sant’Apollinare auf. Der Innenraum ist mit vorzüglich erhaltenen Fresken des späten 14. ]h. ausgemalt (Verkündigung, thronende Madonna, Kreuzigung, Grablegung, Marter des Apollinare und Heilige). Die Bilder gehören zu den qualitätvolleren Beispielen der ländlichen Malerei der Zeit. Die Übernahme der Veroneser Gotik, in der sich die würdevolle Haltung der Personen der Giotto—Schule mit dem Prunk des höfischen Stils zu mischen begann, ist trotz beschränkter malerischer Mittel durchaus gelungen. Die Südwand des Außenbaus nimmt unter einem weit vorgezogenen Dach ein großes Fresko des Abendmahls ein. Es handelt sich um ein Werk lombardischer Wandermaler um etwa 1500, die ohne große Anteilnahme an der zur Renaissance gewandelten Kunst noch lange mit gotischen Formen weiterarbeiteten und die nebenan, in judikarien, die Kunst ganzer Talschaften geprägt haben. Sie zeichnen sich durch eine besonders lebendige und detailfreudige Malweise aus, wie hier in der Abendmahldarstellung, die die ganze obere Kirchenwand einnimmt, deutlich zu sehen ist. In höchst origineller Weise ist die Tafel überreich gedeckt; Flußkrebse warten auf ihren Verzehr, während jeder jünger noch ein schuppiges Stück Fisch vor sich liegen hat. Wie üblich liegt der johannes schlafend zwischen den Tellern, ein anderer Iünger schaut zweifelnd sein Messer an, als wolle er damit dem Fisch nicht nähertreten. Rechts ist noch das Fragment einer barocken Kreuzigungsszene zu sehen, sehr dramatisch komponiert mit Engeln, Wolken und Ruinen. Fährt man über die Sarcabrücke, so befindet man sich am anderen Ufer im Ortsteil Caneve. Im alten Ortszentrum steht die kleine Kirche San Rocco, die im ausgehenden 15. Jh. wahrscheinlich von Odorico d’Arc0 anlässlich seiner Heirat mit der Gräfin Susanna Collalto gestiftet worden war. Im suggestiven Inneren erwartet den Besucher eine kleine Sensation, denn jeder Quadratzentimeter des Raumes ist bemalt. Die Fresken des Chores stammen aus der Erbauungszeit und sind neben der Darstellung von Heiligen dem gräflichen Hochzeitspaar gewidmet. An der rechten Wand sieht man den kranken Titelheiligen St. Rochus mit Pilgermantel und -stab, dem ein weißer Hund Labsal in Gestalt eines Brotes bringt. In der rechten Bildhälfte steht prächtig gerüstet Graf Odorico (an der beim Ausbruch eines Fensters zerstörten gegenüberliegenden Wand war sicherlich seine Gemahlin Susanna abgebildet). Die tief heruntergezogenen Gewölbefelder zeigen zwischen breiten Schmuckbordüren und einer lebhaften Schar von Putten die Symbole der vier Evangelisten. Die Wappen der Familien Arco und Collalto zieren die untere Wandzone.
Die Mischung aus sakralem Programm und adeliger Selbstdarstellung macht den Reiz dieser Bilder aus; sie sprechen den Betrachter durch ihren liebenswert-naiven Realismus an und zeigen, dass die sicher lokalen Maler die Errungenschaften der Frührenaissance kannten.
Das Kirchenschiff wurde einige jahrzehnte später, in der ersten Hälfte des 16. jh. höchstwahrscheinlich von Dionisio Bonmartini ausgemalt, der Odoricos Palast in Arco mit dem Fries zur Historie Roms schmückte. In 14 Bildern überzieht die Geschichte der Passion Christi Bögen und Wände; die dichtbevölkerten, wildbewegten Szenen spielen vor phantasievollen illusionistischen Landschaften und Architekturen. Trotz mancher Unzulänglichkeiten in der Beherrschung der Perspektive zeigt sich hier die voll entwickelte Kunst der Hochrenaissance — vor diesen Bildern wird dem Betrachter der Anachronismus des gleichzeitig entstandenen Abendmahls an der Außenwand von Sant’Apollinare in aller Deutlichkeit bewusst. Bei aller Dramatik der Freskierung übersehe man nicht die beiden Seitenaltäre, denn deren Gemälde — vor allem jene in der Predella — sind die besten Werke in San Rocco. Sie stammen von Marcello Fogolino und seinem Umkreis, einem aus dem Veneto stammenden Renaissance Maler und bevorzugten Künstler am fürstbischöflichen Hof des Bernardo Cles in Trient.
Fährt man von Caneve nach Norden, liegt über der Sarcatal-Straße San Martino. Der Ort ist alt und pittoresk. Lässt man seinen Wagen stehen und geht durch schmalste Gässchen ganz hindurch, liegt am anderen Ende die gleichnamige Kirche auf einer kleinen Anhöhe mit einem umfangreichen Freskenzyklus des späten 14. Jh. Die Figuren des Abendmahls an reich gedeckter Tafel sind sehr gotisch und sehr veronesisch — schmale, edle Gestalten mit fein modellierten Gesichtern in prunkvoll fallenden Gewändern.