Wer eine ruhigere Örtlichkeit als Malcesine sucht, der halte in Cassone, dem nächsten Dorf in Richtung Süden. Es besteht nur aus einem hübschen alten Hafen und einer verwinkelten Häusergruppe, die den Berghang zur Kirche hinauf gebaut ist. Direkt neben der Straße bricht in einem großen ummauerten Becken der tiefgrüne Ré hervor, eine starke Quelle, die breit wie ein Fluss nur hundert Meter weit fließt und dann in den Gardasee stürzt. Ein kurzes Stück hinter Cassone liegt nicht weit vom Ufer die Insel Trimelone. Einst trug sie eine in den Kriegen Barbarossas gegen die oberitalienischen Städtebünde umkämpfte Burg, heute ist sie durch Reste einer Festung des 19. Jh. verunziert. Ebenfalls ein stiller Flecken ist das nun folgende Assenza, gebaut um einen großen Dorfplatz, an dessen oberem Ende das gedrungene Gemäuer der Kirche San Nicola di Bari vor der gewaltigen Kulisse des Monte Baldo steht. Der unscheinbare Bau ist Anfang des 14. Jh. entstanden und zeigt innen wie außen das typische Aussehen einer der bescheidenen Dorfkirchen der kleinen Weiler am Gardasee. Im Schiff von einer einfachen Holzdecke, im Chor von schweren Kreuzgewölben überdeckt, erhält der Bau seine besondere Note durch seinen Freskenschmuck.
An der rechten Wand erkennt man eine Madonna zwischen zwei Heiligen; sehr originell ist die fast lebensgroße Galerie von Heiligenfiguren in faltenreichen, teils prunkvollen Gewändern mit einer zwischen die Gestalten einkomponierten Kreuzigung im Chor. Diese Wandgemälde stehen stilistisch im Einklang mit der Erbauungszeit der Kirche, doch der große Bildstreifen, der die ganze obere Hälfte der Nordwand einnimmt, lässt den erfahrenen Kunstfreund stutzen: Dort ist, leider durch ein später eingebautes Fenster in der Mitte zerstört, in eindeutig byzantinisierender Manier ein Abendmahl dargestellt. Ein romanisches Fresko an einer Mauer des 14. Jh.? Schaut man sich die Einzelheiten an, wird man eine köstliche Wiedergabe des frommen Themas erkennen: Auf dem Abendmahlstisch steht eine große Schüssel mit Broten, jeder jünger hat bereits kleine Brote vor sich. In einer Schmuckbordüre ist über jedem jünger sein Name geschrieben, doch die ganze Gesellschaft nimmt sich aus, als habe der Freskant eine schwatzhafte junge Klerikerschule vor Augen gehabt. Die Details und die Lebendigkeit der Gesichter verweisen deutlich auf eine frühgotische Auffassung im Gegensatz zum byzantinisch—abstrakten Symbolismus der romanischen Malerei, jedoch ist das Bild mit den zeichnerischen, unplastischen Gesichtern und den schablonenhaften Gewandfalten und Körperhaltungen unverkennbar der stilistischen Grundhaltung der Spätromanik verpflichtet. Ein konservatives Abendmahl — denn als die Kirche erbaut wurde, hatte die giottoeske Revolution der Malerei bereits stattgefunden.
Giotto (1266-1336), bereits zu Lebzeiten gefeiert als Befreier der italienischen Malerei von der starren Bilderwelt des östlichen Byzanz, hatte schon 1305/06 in der Arena—Kapelle im nahen Padua seinen epochemachenden Freskenzyklus an die Wand gebannt, in dem zum ersten Mal in ausgereifter Farbtechnik vermenschlichte, nicht symbolische Figuren die Bildfläche bevölkerten, umgeben von realistisch gestalteten Architekturen und Landschaften. Dort, im Gebiet des Padua benachbarten Verona, wurde jedoch weitergemalt, als gäbe es Giotto nicht. Der Stil des Abendmahls verweist eher nach Norden. Hier wurde das von der deutschen Frühgotik hervorgebrachte erzählerische Moment in die byzantinisch geprägte Kunst übernommen. Diese Malweise hielt sich — der überall aufblühenden Giotto-Schule des (verfeindeten) Padua zum Trotz — im Veronesischen noch eine ganze Weile. Weitere Zeugnisse finden sich am See Ufer im benachbarten Castelletto di Brenzone, in Torri del Benaco, in Bardolino und Lazise.