Kunstreiseführer führen in vergangene Zeiten. Das macht ihren Charme aus, denn wer ist schon mit der Gegenwart zufrieden. In ein fremdes Land zu reisen, in dem man keine Arbeit und keine Wohnung suchen muss und sich frei von solchen Notwendigkeiten im Schatten von Tempeln und Pyramiden, Palasten und Ruinen dem Genius großer und vergangener Zeiten anheimzugeben, hat von jeher zu den besonderen Genüssen des bürgerlichen Geisteslebens gehört.
Das klassische Griechenland, welches auch immer, will mit der Seele gesucht sein. Kunstreisen sind Zeitreisen. Das liegt nicht nur daran, dass fast alles, was sich zu betrachten lohnt, nicht der Gegenwart ent-
stammt. Es liegt an jener besonderen Faszination, in der Kunst wie in einem vergilbten Spiegel den Geist vergangener Zeiten zu erblicken, aus den Kunstwerken einen Hauch vergangener Welten zu verspüren,
denn sie sind ja tatsächlich die Materialisation des Empfindens, des Denkens, des Ausdruckswillens einer Zeit, die nicht mehr die unsere ist. “Reisen„, schrieb Guy de Maupassant, „ist eine Tür, durch die man aus der Realität entweicht.“
Ein Kunstreiseführer über den Gardasee und Verona führt in vergangene Zeiten. Man begegnet ihnen in römischen Ruinen, langobardischen Ziborien, karolingischen Klöstern, byzantinisch - romanischen Freskenzyklen, lombardisch-romanischen Monumentalbauten, in der faszinierenden Bilderwelt der veronesischen Schule der > höfischen Gotik <, in den düsteren Kastellen der Scaligeri, in den von Sinnlichkeit überquellenden Kunstzeugnissen aus Renaissance und Barock. In ihnen allen ist der Nachhall der Tatsache zu spüren, dass das in diesem Buch beschriebene Gebiet neben Mailand und Vene-
dig einen ganz besonderen Knotenpunkt der oberitalienischen Geschichte bildet, fast möchte man sagen: der europäischen Geschichte.
Der Grund ist das Etschtal, das, parallel zum Gardasee verlaufend, hier aus dem Gebirge in die Po-Ebene mündet. Durch dieses Tal führte die Straße zum Brenner, dem wichtigsten Alpenübergang der Geschichte, der Weg der römischen Legionen nach Norden und das Einfallstor der Völkerwanderung nach Süden, für 2000 ]ahre der Ort der Begegnung und des Zusammenstoßes der germanischen und romanischen Welt.
Diesen Gegebenheiten, die erst den Römern, später den deutschen Kaisern den Alpenweg freihalten sollten, verdankt nicht nur die Stadt Trient ihre Lage mitten im Gebirge. Hier liegt nicht nur Verona am Ausgang des Etschtals, das durch diese Situation eine der mächtigsten und schönsten der oberitalienischen Stadtrepubliken wurde. In seinem Schatten wurde nicht nur das nahe gelegene Mantua als nächste Handelsstadt unermesslich reich. Bis in die kleinsten Uferorte des Gardasees finden sich überall, in erhaltenen Kunstwerken geborgen, die Spuren der dramatischen geschichtlichen Ereignisse um den Untergang des Römischen Reiches, die Vernichtung der Langobarden durch die papsthörigen Franken, die Zerschlagung des italienischen Nationalkönigtums durch die deutschen Kaiser und die dadurch bedingte Entstehung eines der folgenreichsten Phänomene der europäischen Geschichte: der Bildung der von Bürgern regierten oberitalienischen Stadtrepubliken inmitten der feudalistischen Staatenwelt des mittelalterlichen Europa. In ihren allein auf die Vermehrung von Handelskapital ausgerichteten Ökonomien bildeten sich die geistig und politisch fortschrittlichsten Gesellschaftsformen der damaligen Zeit, und ihrer Kunst ist bis heute ihre Dynamik, ihr von religiösen Standardisierungen befreiter Individualismus anzusehen.
In diesen italienischen Stadtrepubliken begann die Überwindung des Mittelalters und lange vor den Staaten nördlich der Alpen wurden hier die ökonomischen und geistigen Grundlagen der Neuzeit gelegt: hier entstand die Renaissance. Diese Betrachtung erzeugt ein historisches Gemälde von großer Komplexität und ungeheurem Ereignisreichtum, durch das die überkommenen Kunstwerke zum Betrachter zu sprechen beginnen, ihn ein wenig in die vergangenen Welten versetzen, in denen sie entstanden sind. Kunstreisen sind Zeitreisen.
Die Geschichte ist somit das verbindende Element zwischen den drei verschiedenen Naturräumen, die hier auf so engem Raum aneinandergrenzen: der schroffen südlichen Hochgebirgsregion des Trentino, der mediterranen Gefilde des Gardasees und der tellerflachen Po-Ebene, in der die großen Städte Verona und Brescia liegen.