Für eine Fahrt durch die Moränenhügel des Südufers ist eine Spezialkarte kein Fehler, denn die Straßen sind schmal und die Dörfer klein. Man fahre von Peschiera auf dem linken Mincioufer in Richtung Valeggio, doch um den verkehrsreichen Ort zu umgehen, nehme man vorher die Straße hinunter zum Fluss. Man kann auch gleich über Monzambano mit seiner Burgruine fahren und sich Borghetto di Valeggio von der anderen Seite nähern. In beiden Fällen wird man von weitem verwundert einen das ganze Minciotal querenden riesigen Dammbau wahrnehmen, der auf seiner vollen Länge von bizarren Ruinen einer mittelalterlichen Befestigung gekrönt wird. Dies ist der berühmte Ponte Visconteo, die befestigte Brücke über den Mincio, 1393 von Giangaleazzo Visconti, dem Herren von Mailand errichtet, um seine Expansionspläne gegen Venedig zu realisieren.
Dieser Mann war — wie fast alle Visconti — selbst unter den Gewaltherrschern der oberitalienischen Städte eine herausragende Figur, und dieser Damm ein Symptom seiner monströsen Selbstherrlichkeit. >> Bei Giangaleazzo tritt der echte Tyrannensinn für das Colossale gewaltig hervor. Er hat mit Aufwand von 300 000 Goldgulden riesige Dammbauten unternommen, um den Mincio von Mantua, die Brenta von Padua nach Belieben ableiten und diese Städte wehrlos machen zu können, ja es wäre nicht undenkbar, dass er auf eine Trockenlegung der Lagunen von Venedig gesonnen hätte «, schreibt jacob Burckhardt. Venedig behielt sein Wasser, weil der Visconti noch lange mit Verona und dem in seiner Flanke gelegenen Mantua beschäftigt war, dessen schützende, vom Mincio gespeiste Seen er mit diesem Damm auszutrocknen gedachte. Entsprechend fielen die Dimensionen des Bauwerks aus: Die Aufschüttung quer durch das Flusstal ist 600 m lang, 26 m breit und 10 m hoch, darüber erheben sich die Mauern der Befestigungen, die mit mächtigen Torbauten die Brücke in beide Richtungen sperren konnten. Langgezogene Kurtinen mit vorspringenden Halbrundtürmen konnten_auch jeden Angriff von Süden oder Norden auf diesen künstlichen Ubergang abweisen. Kein Wunder, dass die Venezianer noch 1438, als die Visconti Brescia belagerten, lieber eine Entsatzflotte durch das Gebirge zum Gardasee transportierten (s. S. 54), als diese Festung anzugreifen. Natürlich war schon zu deren Bauzeit den Mantuanern nicht verborgen geblieben, dass mit solch gewaltigen Erdbewegungen hier wohl etwas anderes entstand als eine normale Brücke — auch Planung und Durchführung seitens des Mailänder Belagerungsspezialisten Domenico da Firenze mag sie misstrauisch gemacht haben. Giangaleazzo erwiderte auf ihren scharfen Protest, nie und nimmer etwas Unrechtes im Sinne zu haben und ließ mit Hochdruck weiterarbeiten. Das Bauwerk war in der Tat bald vollendet, doch warum es nie gegen Mantua zum Einsatz kam, ist bis heute ein Rätsel. Bisher herrschte die Meinung vor, der Mincio sollte mit dem Damm nicht gestaut, sondern zum Tartaro abgeleitet werden, wozu freilich noch ein 6 km langer Stichgraben vonnöten gewesen wäre, der aber nie in Angriff genommen wurde.
Kürzlich hat jedoch der Historiker Giorgio Vandelli eine neue Hypothese aufgestellt, die auf interessanten Berechnungen beruht: Eine Ableitung zum Tartaro sei nie geplant, weil nicht nötig gewesen, da die Dammkrone einige Meter über dem Niveau des Gardasees liege.
Im Sommer, wenn der Fluss wenig Wasser führe, könnte man den Mincio mit diesem Bau sechs Monate lang stauen, wodurch sich das Niveau des Sees um nur einen halben Meter gehoben hätte - vorausgesetzt, der Damm hätte dem Wasserdruck standgehalten, was bei einer Breite von 26 m durchaus möglich gewesen wäre. Diese Zeit hätte gereicht, um den Boden der dann abgeflossenen Seen, in denen Mantua wie auf einer Insel lag, in einem glühendheißen Sommer der Po-Ebene austrocknen zu lassen; die dann von allen Seiten angreifbare Stadt wäre verloren gewesen. Der Entschluss der Serenissima, von einer Seemacht auch zu einer Landmacht zu werden und sich die Terra ferma zu erobern (s. S. 29), mag den Visconti zuvorgekommen sein; der 100-jährige Kampf Venedigs gegen Mailand um die Vorherrschaft in Oberitalien machte deren Eroberungspläne zunichte. Doch noch steht der gewaltige Damm und nimmt sich im Morgennebel des Flusstales recht unwirklich aus, wozu die steil aufragenden Ruinen der 1702 von den Franzosen gesprengten Befestigungen ihr übriges tun. Gleich dahinter ist ein kleiner See aufgestaut, in dem geschützt das Festungsdorf Borghetto di Valeggio liegt, durchzogen von zahlreichen Wasserdurchlässen, welche mehrere Mühlen betrieben. Das altertümliche Dorf zwischen See und Mincio, überragt von den geborstenen Torbauruinen der befestigten Brücke, zeigt mit den Resten seiner ehemaligen Befestigungen, seinen eng gedrängten Gassen, seinem Café über dem tosenden Wehr und einem alten Gasthaus am Flussufer das seltene Bild eines unverbauten historischen Ortes.
Schaut man über die Brücke nach Osten, so erblickt man genau in der Achse des Dammes auf der Erhebung über dem Tal des Mincio die schlanken Türme der Ruine eines großen Kastells der Scaligeri (13-14. ]h.). Wenige Minuten vom Kastell entfernt liegt der Parco Giardino Sigurtà, eine Art Englischer Garten auf Italienisch mit einer über 100—jährigen Mittelmeerflora: Eingebettet in die südländische Vegetation der meisterhaft gestalteten Parklandschaft finden sich zahlreiche kleine Seen, Aussichtsterrassen über das Tal des Mincio, eine Eremitenkirche und vieles mehr. Entstanden ist die einmalige Anlage als Park und Garten der prächtigen Villa Maffei aus dem 17. ]h,, bei der sich auch der Eingang befindet (Parkplatz nahebei). Der ca. 50 ha große Garten kann zu Fuß, mit dem Fahrrad, Golfcar (Verleih) oder in einem kleinen Zug erkundet werden.
Von Borghetto empfiehlt sich eine Rückfahrt in Richtung Sirmione, die durch die Lugana führt, jenes große Weinbaugebiet in den fruchtbaren Moränenhügeln, das zu römischen Zeiten wegen seines undurchdringlichen Waldes gefürchtet war. Heute ist die Gegend intensiv kultiviert, doch kaum belebter; in der einsamen Landschaft tauchen immer wieder überraschend weitläufige mittelalterliche Burgen auf, denn das ganze Gebiet war zwischen Verona, Mantua, Mailand und Venedig lange heftig umkämpft. Dementsprechend haben die Festungen hier keine Ähnlichkeit mit deutschen Ritterburgen, hier stehen Wehrbauten von solchen Ausmaßen, dass sich längst ganze Dörfer hineingebaut haben. Eine solche Anlage ist der Mauerkoloss von Pozzolengo, nicht weit entfernt die heute mit Bauernhöfen gefüllte Festung von Castellaro Lagusello, deren Ruinen sich sehr reizvoll in einem stillen kleinen See spiegeln.