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Cisano und Lazise

Cisano und Lazise

Der benachbarte Ortsteil Cisano gehört nicht zu den einladendsten Plätzen am See, doch sollte man den Besuch der Pfarrkirche Santa Maria nicht auslassen, denn hier findet sich ein weiterer Mosaikstein in der Geschichte der alten Kirchen von Bardolino, Der Bau, der in der Fassade deutlich den Einfluss der Veroneser Romanik verrät, entstand gegen 1130, doch erlitt er ein unwürdiges Schicksal: Im 19. Jh. brach man die ganze Kirche zwischen Fassade und Apsis ab und errichtete dazwischen ein Werk des italienischen Neoklassizismus.
So ist nur das Außere der alten Kirche geblieben, doch das ist interessant genug. Die Fassade ist eine architektonisch kaum gegliederte Fläche, allein ein kleiner hängender Portalvorbau nach Veroneser Art springt hervor. Sein Rundbogen mit dem Fresko des 16. Jh. Darunter ruht auf zwei Säulen mit skulptierten Kapitellen (links eine menschliche Figur zwischen zwei Löwen); daneben rechts primitiv reliefierte Steine, die links einen Reiter mit Pferd, rechts Adler, Fisch und Pferd darstellen. Da man sich verschiedenfarbigen Marmor oder Sandstein nicht leisten konnte, wurde die Fassade durch einen Wechsel von Lagen schlichter runder Flusssteine und rötlicher Tonziegel chromatisch gegliedert. Billig, aber effektvoll — einzig ein schönes Biforien-fenster bricht die Fassade auf (die beiden kleinen Rundbogenfenster neben dem Portal sind spätere Zutaten). Bei Ausgrabungen entdeckte man auch hier eine verschüttete langobardische Krypta und eine uralte Inschrift eines Presbyters Teupo. Lange galt daher die Steinplatte, die neben der ebenfalls mit zweifarbigen Steinen gut gegliederten Apsis eingemauert ist, als langobardische Darstellung von Adam und Eva; doch dürfte das unbeholfene Relief erst später entstanden sein. Weitere Zeugnisse langobardischen Stils sieht man außen an der Kirche in Form mehrerer eingemauerter Schmuckplatten, und die geben allerdings ein Rätsel auf. Die Platten befinden sich hoch oben über dem Biforienfenster der Westfassade und sind ohne Zweifel Spolien eines älteren Vorgängerbaus. Sie zeigen zwischen langobardischer Flechtbandornamentik einen zusammengekrümmten Drachen, der sich die Tatze leckt (linke Platte), daneben eine Schale mit Trauben und andere frühchristliche Motive. Der Kunsthistoriker Arslan datiert die gut erhaltenen Stücke ins 9. oder 10. ]h. — also in karolingische Zeit. Die Vermutung ist trotz der offensichtlich früher zu datierenden Motive und Ornamente sowie der typisch langobardischen Flachrelieftechnik nicht von der Hand zu weisen: Wer schon mehrere langobardische Reliefplatten mit der charakteristischen Unregelmäßigkeit und Schwerfälligkeit ihrer verschlungenen Ornamentik gesehen hat, dem wird hier an den Platten in Cisano deren streng proportionierte Flächenaufteilung, ihre klassische Symmetrie auffallen. Ein karolingischer Langobardismus Sollte hier ein Künstler des 9. ]h. bei seinem Versuch, antiken Vorbildern nachzustreben, ausgerechnet eine langobardische Vorlage gewählt haben oder ein Zeichen, dass sich die karolingische Kunstdoktrin außerhalb ihrer Machtzentren nur Vemässen durchgesetzt hat. Man weiß es nicht, und vollends rätselhaft werden die Spolien in Cisano, wenn man links vom Portal den Torbogen durchschreitet und an die Kirchenwand neben dem Kapellenrund schaut. Dort sind große Bruchstücke einiger Schmuckplatten eingemauert, die in der Schwere der ausgeführten Flechtbandornamente einen deutlich anderen Charakter zeigen als die glatten Darstellungen auf den Platten der Fassade. Sie verweisen auf eine frühere Entstehung und scheinen tatsächlich langobardische Schöpfungen zu sein.
Nicht versäumen sollte man den Besuch des Ölmuseums am südlichen Ortsende von Cisano. Seine Exponate führen in die ökonomische Geschichte des Ostufers, die jahrhundertelang das Einkommen und die Lebensmöglichkeiten seiner Bevölkerung bestimmte. Den Anbau des Ölbaums führten hier schon die Bömer ein, Dokumente des 9. und 10. Jh. bezeugen, wie begehrt das Ol vom Gardasee schon damals war. Es war jedoch die Republik Venedig, die nach der Machtübernahme im frühen 15. Jh. die Gewinnung des Olivenöls entscheidend förderte und 1623 sogar die ausschließliche Bebauung aller geeigneten Flächen mit Ölbäumen befahl. Die Geschichte des Anbaus und der Olpressung ist im Museum vorbildlich dokumentiert. Nach langer Vernachlässigung gehört das hiesige Ol mit seinen harmonischen Aromen und seinem geringen Säuregehalt heute wieder zu den Spitzengewächsen seiner Art; Anregungen bietet der Laden im Museum.
Von Bardolino empfiehlt sich für Interessierte noch ein Ausflug in  das 5 km östlich gelegene Cavaion Veronese. Das archäologische Museum im Rathaus zeigt neben Funden aus der Bronzezeit die Grabbeigaben der ganz in der Nähe freigelegten römischen Nekropole von Bossema. Lazise Fährt man weiter nach Süden, entlang den immer flacher werdenden Hügeln, auf denen der glutrote, aber selbst kühl serviert leicht überschätzte Bardolino gedeiht, so bietet sich bald das noch ganz mittelalterlich anmutende Panorama von Lazise. Die Altstadt um das schmale, weit zwischen die Häuser hineingezogene Hafenbecken liegt umschlossen von der noch vollständig erhaltenen Stadtbefestigung aus der Zeit um 1370, daneben ein Kastell mit steilen Mauern und sechs Türmen, alles bekrönt von umlaufenden Wehrgängen hinter schwungvollen Schwalbenschwanzzinnen: Lazise zeigt eines der wenigen unversehrt gebliebenen Bilder der typischen Festungsstädtchen der Scaligeri, mit denen die Herren von Verona das ganze Seeufer von Riva bis Sirmione bestückt hatten. Hier in Lazise darf kein Auto die drei Tore des Mauerrings durchfahren, weshalb sich das von außen so eindrucksvolle Ensemble mittelalterlicher Wehrbauten auch im Inneren als sehr reizvolle winklige Stadtanlage präsentiert.
Das Kastell der Scaligeri darf man auch heute nicht betreten, denn es befindet sich in Privatbesitz ebenso wie die prunkvolle Villa Bernini am Seeufer; in ihren weitläufigen Park, der bis zur Stadtmauer reicht, ist die Burg wie ein monumentales Dekorationsstück einbezogen. Warum gerade hier Wert auf die Erhaltung der fortifikatorischen Effizienz der Befestigungen der Scaligeri gelegt wurde, wo sie doch in allen anderen Orten des Sees nur noch in Bruchstücken zu sehen sind, hat seinen eindeutigen Grund. Nach der Unterwerfung Veronas unter die venezianische Herrschaft verlief die umkämpfte Grenze zwischen den tödlich verfeindeten Stadtstaaten Venedig und Mailand quer durch den Gardasee; nach der Niederlage der in Riva stationieren mailändischen Kriegsflotte gegen die über das Gebirge transportierte und überraschend in Torbole ins Wasser gesetzte venezianische Flotte (s. S. 54) wurde Lazise zum Kriegshafen der Serenissima am Gardasee ausgebaut. Diese Funktion prägt noch heute den Grundriss der Stadt: Da der Platz um den Hafen vom Arsenal und der Soldatenkirche eingenommen wurde, öffnet sich die Umbauung des Hafens am oberen Ende zu einem zweiten Platz, auf dem der Markt abgehalten wurde. Diese beiden ineinander übergehenden, vollständig von alten Fassaden gesäumten Plätze gehören zu den charaktervollsten Stadtbildern, die sich am Gardasee erhalten haben. Im einzelnen ist die romanische Kirche San Nicolö neben dem Hafenbecken bemerkenswert. Ende des 12. Jh. erbaut und dem Patron der Schiffer geweiht, hat die Kirche eine seltsame Geschichte: Nach mehreren  baulichen Veränderungen und der Nutzung durch die im benachbarten Arsenal stationierten Soldaten kam sie so herunter, dass sie nach einer Visite des Veroneser Bischofs als für religiöse Handlungen unwürdig erachtet und geschlossen wurde. 1792 brach man den Portikus ab, um fahrende Händler und Landstreicher ihres trockenen Schlafplatzes zu berauben; schließlich wurde die Kirche Ende des 19. Jh. sogar zu einem Theater mit dem Namen >Gottardo Aldeghieri<, nach einem seinerzeit berühmten Tenor, der aus Lazise stammte. Erst 1953 wurde der Bau restauriert; dabei entdeckte man mehrere Fresken, die zwar bis auf eine Ausnahme in mäßigem Zustand sind, doch ein gewisses kunsthistorisches Interesse beanspruchen können, An der nördlichen Außenwand ist eine thronende Madonna zu sehen, die Anfang des 14. Jh.noch in byzantinisierenden Formen gemalt wurde. Diese Beibehaltung der romanischen Stilelemente, die man am Ostufer des Sees in verschiedenen Werken fast in jedem Ort finden kann, ist typisch für die provinzielle Veroneser Malerei des frühen 14. Jh. Zwischen Kirche und See steht das lang gestreckte Gebäude der Dogana, das ehemalige Arsenal der Venezianischen Flotte. Das Gebäude wurde seit dem 17. Jh. als Lager- und Zollhaus genutzt, woher sein heutiger Name rührt. Die Dogana ist innen ein einziger 900 mz großer und 10 m hoher Raum mit einer offen liegenden hölzernen Dachkonstruktion.
Die wehrhaften mittelalterlichen Bauten Lazises, die der Stadt heute ihr malerisches Ambiente verleihen, haben in früheren Zeiten allerdings für ein wenig gemütliches Dasein gesorgt, denn kriegswichtige Einrichtungen ziehen den Krieg an wie die Motten das Licht. In den letzten Tagen der Scaligeri zog 1387 eine mailandische Armee zur Eroberung Veronas am Ostufer des Gardasees entlang und nahm eine Hafenstadt nach der anderen; das schwerbefestigte Lazise konnte das Heer eine Woche aufhalten, dann wurden die Mauern gestürmt. Als Venedig fast den ganzen See beherrschte und mit Mailand aneinander geriet, bemächtigten sich 1428 die Visconti des Seestädtchens, das die venezianischen Truppen nur nach langer Belagerung zurückerobern konnten. Schließlich kam der Krieg der Lagunenstadt gegen die von Papst Julius II.
Zusammengebrachte Liga von Cambrai (Frankreich, Deutschland, Spanien und die Kurie), und da befand sich 1509 Venedig auf dem Höhepunkt der Kämpfe überall auf dem Rückzug. Am 14. Mai 1509 unterlagen die Venezianer in der Schlacht von Agnadello, die Truppen der Liga besetzten Brescia und Peschiera, wo sie die venezianische Garnison niedermetzelten, und marschierten auf Lazise. In dieser aussichtslosen Lage gab der venezianische Capitano in Lazise seiner Flotte den Befehl zum Auslaufen. Sie fuhr jedoch nur etwa 600 m weit hinaus, dann gingen die Mannschaften in die Boote, schleuderten Brandsätze auf die Decks und retteten sich nach Garda. Wenig später versank die venezianische Kriegsflotte vor den Türmen von Lazise brennend in den Fluten. Dort liegt sie noch heute; vor mehreren jahren entdeckte man die Wracks auf dem Grund. Die misslungenen Bergungsversuche der Jahre 1962-65 haben immerhin eine Menge Funde heraufgebracht, die zeigen, dass die Schiffe eine beträchtliche Größe besessen hatten, wenn sie auch nicht an die Ausmaße hochseetüchtiger Kriegsschiffe des 16. Jh. herankamen. Die Funde sind jetzt in einem Saal des Kastells in Malcesine ausgestellt.
Hinter Lazise wird die Gardesana gesichtslos. Sie führt weit ab vom Ufer durch eine eintönige und verbaute Gegend. Kurz vor Peschiera liegen mit >Gardaland< (einem norditalienischen Disneyland) und Canevaworld< (einem Wasserpark) zwei publikumswirksame Vergnügungsparks; das Verkehrsaufkommen ist besonders an Wochenenden entsprechend. Ein beschaulicheres Vergnügen bietet dagegen der Parco Natura Viva bei Bussolengo in der Nähe der Autobahn nach Verona. In einer teils sehr suggestiv gestalteten prähistorischen Landschaft sind hier in genauen Rekonstruktionen riesenhafte Nachbildungen der Saurier aus Trias, Jura, und Kreidezeit zu sehen. Daneben ein Autosafari-Park mit großen Freigehegen und ein faszinierendes tropisches Vogelhaus, 1000 mz groß und überdacht, mit den absonderlichsten Pflanzen aus allen Kontinenten.
Lazise ist ein guter Ausgangspunkt für einen Ausflug nach San Giorgio di Valpolicella mit seiner romanischen Kirche und seinem langobardischen Ziborium (Beschreibung s. S. 343).

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