Die kahlen Backsteinmauern des Castelvecchio (36) wirken noch heute so wenig einladend, wie sie von den Scaligeri auch gedacht waren. Im Jahre 1354 schlug Cangrande II. die Revolte seines Verwandten Fregnano nieder (s. S. 187) und machte dabei die unangenehme Entdeckung, dass dieser von Teilen der Veroneser Bevölkerung unterstützt worden war. Die Paläste seiner Familie um die Piazza dei Signori waren ihm fortan nicht mehr sicher genug, so ließ er in nur zwei ]ahren den gewaltigen Festungsbau am Etschufer errichten mehr gegen Verona als gegen äußere Feinde geplant. 1359 wurde er von seinem Bruder Cansignorio ermordet, der sich danach ebenfalls in die neue Festung zurückzog und sie von den besten Künstlern seiner Zeit, darunter Altichiero, ausstatten ließ. Woher er das Geld dafür nahm, lässt sich denken, und der Hass der Veroneser auf die blutsaugerischen Steuerlasten der Scaligeri wuchs von Tag zu Tag. Nichts war mehr vom ehemaligen Glanz des Hauses della Scala geblieben, als die Söhne Cansignorios, Antonio und Bartolomeo, dessen Nachfolge antraten, Fast tatenlos sahen sie zu, wie die Mailänder Visconti ein Stück ihres Einflussgebietes nach dem anderen an sich brachten, die mailändischen Heere marschierten bereits auf Verona, als Antonio nichts Dringenderes zu tun hatte, als seinen Bruder Bartolomeo zu ermorden. Danach schlug die Stimmung in der Stadt endgültig gegen die Scaligeri um, und zahlreiche angesehene Familien liefen zu den Visconti über. Antonio wagte sich kaum noch aus dem Castelvecchio, wo er mit seinem verschwendungssüchtigen Weib die riesigen Steuereinnahmen verprasste von hier verließ er, der letzte Vertreter der einst mächtigen della Scala, in der Nacht vom 18. Oktober 1387 in einem kleinen Boot Verona, während die ersten mailändischen Soldaten plündernd in die Prunksäle der unverteidigten Festung eindrangen. Am nächsten Tag wurde Antonio vom Rat der Stadt auch formal aller Ämter enthoben: Die Herrschaft der Scaligeri über Verona war zu Ende.
Deren letztes Zeugnis, das Castelvecchio, ist eine ausgedehnte Anlage, die zweigeteilt zu beiden Seiten der hier auf die Etsch treffenden Stadtmauer entstand: Zum Stadtinneren hin wurde die eigentliche Festung mit einer großen Kaserne für die Garnison errichtet, außerhalb der Mauer, hinter doppelten Befestigungsringen mit Türmen und Toren, wurde die Residenz der Scaligeri gebaut. Dazwischen führt eine Zufahrt durch einen gewaltigen Torturm zu einem der schönsten Bauwerke Veronas, dem 120 m langen Ponte Scaligero über die Etsch. Vermutlich erst 1375 fertiggestellt, mit zwei kleinen Bastionen auf den Pfeilern, Wehrgängen und Schwalbenschwanzzinnen, ist dieser Bau ebenso wehrhaft gestaltet wie seine drei verschieden weit gespannten Bögen mit kühner Eleganz konstruiert sind. Nichts verdeutlicht Macht und Reichtum der Scaligeri auf der einen und den Hass auf ihre untergehende Tyrannei auf der anderen Seite mehr wie diese kunstvolle Brücke: Niemand durfte sie betreten; einer der größten Brückenbauten, die im Mittelalter über die Etsch errichtetet wurden, diente allein als allzeit freizuhaltender Fluchtweg für die Herren des Castelvecchio aufs damals unbebaute andere Ufer, falls die Stadt sich erheben sollte.
Nach dem Ende der Scaligeri kam die Festung arg herunter: Visconti, Venezianer, schließlich Franzosen und Österreicher benutzten sie als Kaserne, Arsenal und Pulvermagazin; erst 1923 begann eine umfassende Restaurierung, bei der dem ehemaligen Garnisonsbau eine (von anderen Stadtgebäuden stammende) Fassade in venezianischer Spätgotik vorgesetzt wurde. Festung und Residenz wurden seitdem zum großen Kunstmuseum Veronas ausgebaut, dem Civico Museo d’Arte. In den beiden Gebäudekomplexen, die mit zwei Brücken verbunden wurden, sind Werke der frühen Veroneser Bildhauerei bis zur Malerei des Barock zu sehen, eine anschauliche Kunstgeschichte der Stadt. Das Museum ist berühmt für seine Konzeption, denn die Restaurierung des Kastells wurde direkt im Hinblick auf die Einrichtung der Sammlungen vollzogen. So sind nicht nur die Kunstwerke, sondern gewissermaßen auch die Restaurierungsarbeiten >ausgestellt<, was an den Resten der aufgedeckten Dekorationsmalereien aus der Zeit der Scaligeri (mit dem immer wiederkehrenden Motiv der aufsteigenden Leiter, der >scala<) besonders deutlich wird. Nach der vorzüglichen Skulpturenabteilung im Erdgeschoss zeigen die Räume der oberen Geschosse Stücke der höchsten Kunstblüte Veronas zur Zeit der Scaligeri sowie Entwicklung und Höhepunkte der gotischen Malerei der Stadt. In mittelmäßigen Werken dokumentiert das Museum auch den Niedergang der Veroneser Kunst nach dem Ende der Scaligeri und ihren langsamen Wiederaufstieg in enger Anlehnung an die venezianische Renaissance. Im 16. Ih. entwickelte sich in der Stadt eine blühende Malerschule von nicht geringem Niveau, für die Morone, Liberale, Bonsignori, Giolfino, Falconetto, Dai Libri und andere stehen. Daneben enthält das Museum Meisterwerke des Paolo Veronese, des Tintoretto und des Tiepolo; beim Gang durch die Ausstellungsräume kann man in einzigartiger Weise die Geschichte der Malerei verfolgen: das Bemühen um die Beherrschung von Farbe und Perspektive in der Gotik, des Raumes in der Renaissance und des Lichts und der Illusion im Barock. Ein besonderes Erlebnis ist die >Begegnung< mit der berühmten Reiterstatue Cangrandes I. della Scala, deren Original von der Pyramidenspitze des Grabmals von Santa Maria Antica hierhergebracht und so aufgestellt wurde, dass man sie eingehend in allen Perspektiven betrachten kann.