Noch ein zweites historisch—architektonisches Merkmal prägt die Altstadtzentren der oberitalienischen Städte: die ganz oder in Stümpfen erhaltenen so genannten Geschlechtertürme, die einst jede Familie im Laufe des 13. ]h. neben ihrer Stadtresidenz errichtete. Zu Hunderten überragten sie viele Städte, >igelgleich< müssen sich ihre Silhouetten ausgenommen haben. Diese Türme dienten der Beobachtung der anderen Familien und auch des Geschehens außerhalb der Stadtmauern, schließlich wurden sie Instrumente innerstädtischer Kriegsführung. Dieses Phänomen verweist darauf, dass es mit der auf
Gemeinsamkeit und innerem Ausgleich beruhenden stadtrepublikanischen Verfassung zu Ende ging und im 13. Jh. eine neue Entwick lung einsetzte. Sie war dem abermals ausbrechenden und nun auf ein vernichtendes Finale zusteuernden Kampf zwischen deutschen Kaisern und römischen Päpsten geschuldet und zog alle oberitalienischen Städte in Mitleidenschaft.
Das deutsche Königtum hatte nach seiner völligen Niederlage im Investiturstreit, die eine schwere innenpolitische Krise des Reiches nach sich zog, fast fünfzig ]ahre gebraucht, um sich zu erholen. Erst dem Stauferkönig Friedrich I. Barbarossa gelang eine so weitgehende Konsolidierung des Konigtums, dass wieder an eine Italienpolitik gedacht werden konnte. Diese Absicht ist keineswegs unkritisch zu sehen; es hätte dem Deutschen Reich nach Ansicht vieler Historiker zweifellos besser getan, seine Kräfte zur inneren Festigung zu nutzen, als sie in einen aussichtslosen Kampf um Italien zu vergeuden. Doch das ist ein heutiger Gesichtspunkt, der für einen mittelalterlichen Feudalfürsten, der den legitimen Anspruch auf eine römische Kaiserkrone und ein zweites Reich (Italien) in den Händen hielt, nicht denkbar war.
Barbarossas Unternehmen ließ sich zunächst gut an. Da weder Papst noch Kaiser in der Lage waren, Oberitalien wirklich zu beherrschen, suchten sie Anhängerschaft in allen wichtigen Städten zugewinnen. Langsam entstanden in allen Stadtrepubliken eine kaiserliche und eine päpstliche Partei, d. h. Familien, die mit kaiserlichen oder päpstlichen Privilegien ausgestattet waren. Deren Konkurrenz verschärfte sich zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen.
Unter den Bezeichnungen Ghibellinen (kaiserlich) und Guelfen (päpstlich) sind sie in die Geschichte eingegangen. Je nachdem, welche Partei in einer Stadt obsiegte, nannte sie sich ghibellinisch oder guelfisch. Bald schlugen sich in Oberitalien ganze Städtekoalitionen unter diesen Parteibezeichnungen, was sich Kaiser Friedrich I.
zunutze machen konnte: Unterstützt von einem deutschen Heer gelang es 1162 einer ghibellinischen Koalition, den mächtigsten Verbündeten des Papstes in Oberitalien, das guelfische Mailand, zu erobern und vollständig zu zerstören.
Nach dieser militärischen Niederlage, die den Beginn einer effektiven Oberhoheit des deutschen Kaisertums über ganz Italien — und damit über den Papst- hätte bedeuten können, kam die vatikanische
Diplomatie mit dem üblichen Ziel in Gang. Im jahr 1167 eilten päpstliche Legaten in das Kloster Pontida bei Bergamo und empfingen Gesandte aller oberitalienischen Städte. In zähen Verhandlungen gelang es ihnen, alle Interessenkonflikte vorübergehend auszuräumen und eine erste >Lombardische Liga< gegen Kaiser Friedrich I. zu schmieden. Die Städte stellten eine gemeinsame Armee auf, die dem deutschen Ritterheer 1176 in der Schlacht von Legnano eine vernichtende Niederlage beibrachte. Friedrich Barbarossa konnte sich mit einer Handvoll Getreuer über die Alpen retten, wo er 1183 zum ersten Mal die rechtliche Unabhängigkeit der oberitalienischen Stadtrepubliken anerkennen musste.
Sechzig Jahre später wiederholte sich das Spiel ein letztes Mal. Die von Papst Gregor IX. mit dem Kirchenbann und der von allen Kanzeln gepredigten Verfluchung des > Schlangengezüchts < der Hohenstaufen geführten Kampagne gegen Kaiser Friedrich II. (1212-50) blieb lange unentschieden. Friedrich II., dem als Erbe seiner Mutter Sizilien und Süditalien sogar als Familienbesitz gehörte und der gleichzeitig deutscher Kaiser war, hatte das verbliebene Oberund Mittelitalien militärisch derart in die Zange genommen, dass das Papsttum das Ende seiner Selbständigkeit befürchten musste. Wieder fiel die Entscheidung in Oberitalien. Päpstliche Gesandte brachten eine zweite Lombardische Liga zusammen, die 1248 dem Kaiser auf seinem entscheidenden Romzug den Rückweg vom Apennin in die Po-Ebene abschnitt. Während einer missglückten Winterbelagerung der Stadt Parma verlor der Kaiser fast sein gesamtes Heer, 1250 starb er in einem abgelegenen Turm in Süditalien. Damit war das deutsche Königtum des Mittelalters vernichtet, der allerletzte Staufer Konradin wurde vom französischen Verbündeten des Papstes gefangengenommen und geköpft, der Traum eines deutsch-italienischen Gemeinschaftsreiches von Sizilien bis zur Nordsee war endgültig ausgeträumt. Doch zahlte sich der Sieg für das Papsttum nicht aus: So paradox es klingt, hatten sich die Päpste mit dem deutschen Kaisertum zugleich ihrer eigenen Schutzmacht entledigt, denn mit der Kaiserkrone war die Verpflichtung zum Schutz des Heiligen Stuhls verbunden gewesen. Wenig später geriet das Papsttum unter französischen Einfluss und verschwand während seiner >Babylonischen Gefangenschafu in Avignon (1309-77) von der politischen Bühne Italiens.
Nun ereilte die oberitalienischen Stadtrepubliken selbst das Schicksal jener beiden Parteien, zwischen denen sie hundert Jahre lang das entscheidende Gewicht gebildet hatten. Nach dem Ende ihrer beiden mächtigen Protegés arteten die Auseinandersetzungen zwischen Guelfen und Ghibellinen in immer zügellosere Stadtkriege aus. Die in Verona spielende Geschichte von Romeo und Julia und, ihrer beiden verfeindeten Familien ist ein unsterbliches literarisches Zeugnis dieser Zeit. Die immer moderischer ausgetragenen Geschlechterkämpfe zerstörten die politische Ordnung der Stadtrepubliken und deren ökonomische Grundlage des freien Handels. In den bald ausschließlich von Gewalt geprägten Verhältnissen der oberitalienischen Städte entstanden daraus zum Ende des 13. Jh. Die berühmt-berüchtigten Signorien. Eine Signorie bezeichnet die gewalttätig errungene Herrschaft einer Familie über eine Stadt. Da diese gewonnene Position nach allen Rechtsprinzipien des Mittelalters illegitim war, musste sie mit allen Mitteln des Schreckens, der Diplomatie und der beeindruckenden Prachtentfaltung des Hofes gehalten werden. So wurde zu dieser Zeit unter der Herrschaft der Scaligeri Verona zu einem Zentrum der Malerei der internationalen Gotik, die Werke von betörender Schönheit hervorbringen sollte, darunter Pisanellos >Abschied des hl. Georg< in Sant’Anastasia. So entstanden hier jene illustren, illegitimen Herrscherfiguren von höchster Bildung, größter Grausamkeit, geschicktester Kriegsführung, verschlagenstem Intrigantentum und großzügigstem Mäzenatentum, die Machiavelli in seinem Werk >>Il Principe« (»Der Fürst«) verewigt hat. Die Zeit der Signorien und ihrer selbstherrlichen Machtausübung nach innen und außen wurde so zur kriegerischsten und chaotischsten, zugleich kulturell fruchtbarsten in Italien. Die Namen der Signorien sind bis heute mit zwiespältigen Assoziationen behaftet. Die Scaligeri in Verona, die Bonacolsi und Gonzaga in Mantua, die Visconti in Mailand, die Bentivoglio in Bologna, die Este in Ferrara, die Rusca in Como, die Malatesta in Rimini- sie alle sind mit Strömen von Blut an die Macht gekommen und haben in ihrer Repräsentationssucht den Anstoß zu unsterblichen Meisterwerken der Kunstgeschichte gegeben.