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Das Sarcatal - Castel Toblino - Tenno

Das Sarcatal

Nördlich von Arco führt eine Straße nach Trient durch das Tal am Unterlauf des Flusses Sarca. Die Strecke hat mit der Landschaft der Marocche und dem Schloss Toblino zwei besondere Sehenswürdigkeiten zu bieten. Drei parallele Straßen führen nach Toblino, von denen die direkteste auf der Hauptstraße nicht die schönste ist. Besser man biegt beim Orte Drö (dort: ein hübsches Bauensemble aus alter und neuer Pfarrkirche nebeneinander; im alten Bau ein romanisches Portal mit eleganten Kapitellen und Reliefs) nach rechts ab zum Lago di Cavedine (der nicht im Cavedinetal liegt). Bereits kurz hinter dieser Abzweigung beginnt eine ungeheure Trümmerlandschaft, die Straße windet sich um kahle, häusergroße Gesteinsbrocken, soweit der Blick reicht eine Wüste zerschmetterten Felses. Dies ist die berühmt-berüchtigte Landschaft der Marocche, die das Tal bis ins 19. jh. nahezu unpassierbar machte. Entstanden ist sie als Folge des gewaltigsten Bergrutsches, der je in den Alpen stattgefunden hat: Nach dem Rückzug der Gletscher der letzten Eiszeit kam die Stabilität der Wände des wie ein U-förmiger Trog ausgeschliffenen Sarcatales so durcheinander, dass ganze Bergflanken zu Tal stürzten; die Abbruchstellen der Lawinen sind Hunderte von Metern über dem Talgrund noch deutlich am Dain Grande, am Monte Granzoline und vor allem am Monte Brento zu sehen. Die Steinmassen bedecken eine Fläche von 14,5 km2, damals kamen 187 Mio. ms Gestein herunter. Mitten in dieser Steinwüste liegen mehrere kleine Seen, der Lago Solo, der Lago Nero und in wilder Einsamkeit der Lago die Bagatoi. Während diese drei nur mit guter Karte zu Fuß zu erreichen sind, führt die Straße (falls man nicht hinauf nach Drena fährt) direkt am Ufer des größeren Lago di Cavedine vorbei, dessen wunderbares Blau hell aus dem kahlen Gestein leuchtet; bis heute flutet der Tourismus auf der entfernteren Hauptstraße völlig an diesem See vorbei und hat ihn still und einsam belassen. Kurz vor Toblino führt diese Nebenroute beim Ort Sarche wieder auf die Hauptstraße zurück; dort versäume man nicht einen kurzen Blick in die Pfarrkirche des Jahres 1889. Darinnen befindet sich nämlich ein ausladender Marmorepitaph mit Inschrift zum Gedenken an die Grafen Nicolo und Gerardo d’Arco, den unteren Teil bildet ein großes Basrelief, eine hervorragende Renaissance—Arbeit mit figurenreichen Schlachtszenen gegen die Mauren, In Sarche verlässt die Straße nach Trient und zum Castel Toblino den Flusslauf und biegt nach Osten ab. Der Oberlauf der Sarca kommt aus den westlichen Höhen der judikarischen Täler und stürzt durch die spektakuläre Limaro—Schlucht hinunter in das breite Tal zwischen Sarche und dem Gardasee.
Im unteren Sarcatal zweigt noch vor dem Lago di Cavedine mitten in den Marocche eine Straße in steilen Windungen hinauf in das Tal von Cavedine ab. Dort überragt die wildromantische Ruine der Burg Drena die Landschaft, die von ihrer exponierten Stellung eindrucksvollste Blicke auf die Steinwüste mit ihren Seen erlaubt. Wie so vieles in dieser Gegend wurde sie im 11. ]h. von den Herren von Seiano erbaut, die sich in ihr aber auch nicht gegen die erfolgreicheren Herren von Arco schützen konnten; die Burg, die ihre wehrhafte mittelalterliche Anlage über jahrhunderte bewahrt hatte, wurde ebenso wie Arco 1703 von den Franzosen zerstört. Nicht weit hinter der Burg öffnet sich nun das überraschend grüne und freundliche Tal von Cavedine, ein uraltes Siedlungsgebiet. Die Dörfer hier sind alle sehr alt und unberührt, pittoresk Verschachtelt ziehen sie sich die Hänge hinauf. Die Römer hatten hier oben mit einer Straße das durch die Marocche unpassierbare Sarcatal umgangen; der ausgeschilderte >Itinerario archeol0gico< führt ab Cavedine von einer Brunnenstube noch zu weiteren Fundstätten (Inschriften, Grotten etc.), Dieser landschaftlich reizvolle Weg berührt auch die am Hang über dem Dorf Lasino gelegene alte Kirche San Siro mit romanischer Apsis und einem verblichenen Freskenzyklus des 14. Jh. Nicht weit von Lasino gerät das Castel Madruzzo in spektakulä rer Lage auf steilem Fels über dem Tal ins Blickfeld. Der ältere Teil der umfangreichen Anlage wird bereits 1161 erwähnt; zur Blütezeit der Herren von Madruzzo, die von 1539-1658 beinahe erblich auf dem Thron des Fürstbischofs von Trient saßen, wurde die Festung zu einer prächtigen Residenz umgebaut. Von den Franzosen 1703 verwüstet, sind die erhaltenen Teile noch heute bewohnt und dem Publikum nicht zugänglich. Die Madruzzo ließen auch die 1236 erwähnte Pfarrkirche Maria Assunta des benachbarten Dorfes Calavino um 1537 mit neun Seitenkapellen als gefällige Baugruppe der Renaissance umgestalten. Über Padergnone, wo sich ein grämlicher Renaissance-Christophorus (1520) an der Außenwand der Kirche Santi Filippo e Giacomo (16, Ih.) befindet, gelangt man knapp oberhalb des Sees von Toblino wieder auf die Hauptstraße nach Trient; zum Schloss muss man ein kurzes Stück zurück in Richtung Arco fahren.

Castel Toblino

So kommt der Lago di Toblino ins Blickfeld, und er wird auf keinen Reisenden seine Wirkung verfehlen. Von wundervoll intensiver Farbe, gerahmt von Schilf und rauschenden Steineichen, überragt von gewaltigen Felswänden, liegen mitten darin auf einer Halbinsel Zinnen, Türme und Mauern des Castel Toblino. In früheren Zeiten stand hier eine prähistorische Festung, später ein Römerkastell, beides noch auf einer Insel, denn damals war der Wasserstand des Sees erheblich höher. Die heutige Anlage stammt in ihren Grundzügen von einer um 1124 erwähnten Burg, die im 16. Jh. nach einer sehr ereignisreichen Geschichte an die Madruzzo fiel und von ihnen zu einer stilvollen Sommerresidenz umgebaut wurde. >>Es ist arg heiß heute, die Mücken summen unverschämt und setzen sich mit lästiger Vertraulichkeit auf fremder, gerechter Männer Nasen «, schrieb Viktor von Scheffel in seinem >Gedenkbuch über stattgehabte Einlagerung auf Castel Toblino im Tridentinischen Juli und August 1855<, als er mit seinem Freund Anselm Feuerbach einen Sommer lang hier weilte. Wer dieses heute noch tun könnte, würde dafür sicher ein paar Insekten in Kauf nehmen, denn die Burg auf der felsigen Halbinsel ist noch immer ein einzigartiger Ort. Sie liegt in einem von einer Zinnenmauer umschlossenen Park mit riesigen alten Bäumen, vorbei am runden Bergfried tritt man durch einen dunklen Torgang in einen äußerst suggestiven Innenhof, dessen vier Flügel von einem Laubengang, einer umlaufenden anmutigen Loggia und darüber von Holzbalustraden gegliedert wird. Alte Laternen hängen herab, geschwärzte Türen führen ins Innere, prächtige Renaissance-Malereien bröckeln mit dem Verputz ab: Kein Wunder dass in dieser Atmosphäre verblichenen Prunkes die tragische Liebesgeschichte um den Madruzzer Fürstbischof Carlo Emanuele und seine Favoritin Claudia Porticella nicht nur dem Vinosanto zu danken ist. Dieser Bischof von Trient war der letzte männliche Nachkomme seines Geschlechts und hätte zu gerne mit der schönen Trientinerin Claudia eine Familie gegründet, um dasselbe fortzupflanzen, indes verweigerte ihm der Papst mehrmals die von ihm erbetene Befreiung von seinem geistlichen Amt. So blieb Claudia Porticella die verbotene Geliebte des Bischofs; die Sage berichtet, dass sie von ihrem Bruder, welcher, um den Ruf der Familie zu retten, das Treiben leid war, nach einem Frühlingsfest auf ein Boot gezwungen wurde. Am nächsten Tag sei der umgestürzte Kahn mit zwei Leichen angetrieben worden — zahlreiche literarische Versionen haben sich des Stoffes bemächtigt. Dabei ist Claudia Porticella nachweislich erst neun Jahre nach dem letzten Madruzzo in Trient gestorben, ihr Bruder allerdings soll tatsächlich an einem Maientag des Jahres 1653 auf mysteriöse Weise im See ertrunken sein. Wie dem auch sei — fest steht jedenfalls, dass man in hellen Mondnächten zwei weißgekleidete Gestalten über das Wasser zum Schloss wandelnd beobachten kann.
Heute beherbergt der Bau in seinem Untergeschoss in zwei alten Prunksälen ein Restaurant mit viel romantischem Ambiente. Hinter dem See von Toblino steigt die Straße hinauf zum Pass von Vezzano, von dem es hinuntergeht nach Trient. Blickt man hier zurück über den See und das Schloss in Richtung Arco, so wird man bemerken, wie das Licht am Ende des Sarcatales immer heller wird.
Die Felswände nehmen zarte Nuancen von Grau- und Blautönen an, selbst der den Horizont begrenzende Burgberg von Arco erscheint in sanften Pastelltönen, dazwischen das Grün des Tales und die schimmernde Fläche des Sees: Dies ist einer der viel gerühmten Blicke in den Süden, der die Reisenden des 19. Jh., nach den dunklen Alpentälern verharren ließ. Fährt man weiter in Richtung Trient, zweigt kurz hinter dem ver schachtelten Dorf Vigolo Baselga eine Straße nach Terlago ab. Dies ist ein heute vereinsamt am Berghang liegendes Dorf, das zur Zeit des Trienter Konzils Hochbetrieb hatte, denn hier war die bevorzugte Sommerfrische der Konzilsteilnehmer. Der Ort besteht noch immer aus einer Ansammlung stattlicheg leicht heruntergekommener Ansitze und einem Schloss, doch eine wirkliche Entdeckung kann man machen, wenn man der Straße noch ein paar Minuten weiter hinauf zu den Seen Lago Santo und Lago di Lamar folgt. Aus dichtem Wald leuchten hier zwei hellgrüne Seen zwischen schönen Stränden hervor, ein stilles Berg paradies außer sonntags, wenn sich hier ganz Trient umtreibt.
Die Straße nach Trient führt weiter steil bergab durch die wilde Felslandschaft der Buca di Vela. Unterwegs zweigt eine Straße auf den Monte Bondone ab, ein von weiten Almen bedeckter Berg mit großartiger Aussicht und zahlreichen Wandermöglichkeiten; sehr sehenswert ist das Naturschutzgebiet Tre Cime und der Giardino Botanico Alpino.

Tenno

Von Riva führt eine Straße nach Nordwesten zu dem an steilem Berghang über dem See gelegenen Ort Tenno. Unterwegs kommt man durch das kleine Dorf Cologna, in dessen an der Straße gelegenen Pfarrkirche San Zeno zwei Freskenzyklen des 15. Jh. erhalten sind: An der linken Seite des Schiffes ist das Leben der hl. Brigida und eine Kreuzigung zu sehen, neben der kleinen Orgel ist unter der gotischen eine ältere Freskenschicht erkennbar. An der rechten Wand sind eine Geißelung, mehrere Stifter und eine Darstellung von Adam und Eva mit Anklängen an den höfischen Stil Veronas bemerkenswert. Die Maler der Fresken waren keine überragenden Künstler, dochhsrnd ihnen einige fein und chararaktervoll gezeichnete Figuren und Gesichter gelungen. Wenige Straßenwindungen weiter erreicht man bei einer Trattoria direkt unter dem Mauerkoloss des Castello den Ort Tenno. Hier sollte man seinen Wagen abstellen, denn der interessanteste Teil Tennos ist der Ortsteil Frapporta, der als befestigtes Dorf um den Fuß der Burgfelsens herumgebaut ist. Die Burg ist trotz ihrer imposanten Erscheinung nur noch ein Schatten ihrer Selbst, als einst gewaltige Festung diente sie den tirolischen Herren von Eppan, den Bischöfen von Trient und den Mailändern als Stützpunkt. Selbst für die Venezianer im 15. Jh. uneinnehmbar, wurde sie von der Soldateska des französischen Generals Vendome 1703 in die Luft gesprengt. Die Halbruine ist heute bewohnt und kann nicht betreten werden. Das ist auch nicht nötig, denn der Liebhaber historischer Architektur kommt im darunter gelegenen Dorf voll auf seine Kosten. Man betritt es durch das gotische Spitzbogentor der alten Ringmauer und befindet sich sofort in einem engen Gewirr von Häusern, Ställen, Felsenkellern, Gewölben und Terrassen: ein jahrhundertelang gewachsener Organismus, wie unter einem einzigen, unendlich verschachtelten Dach. Nur wenige Meter daneben besitzt Tenno noch eine bedeutende Kunststätte. Wenn man den mit Wein bestandenen Hang unterhalb des Burgdorfes ein Stück hinuntergeht, gelangt man zur Kirche San Lorenzo in eindrucksvoller Lage: Hinter einem Portikus öffnet sich ein weiter romanischer Innenraum mit großer Apsis aus dem 13. Jh. Damals entstand aber kein Neubau, sondern eine noch ältere Kirche wurde wieder hergerichtet, denn in der Apsis und am Triumphbogen entdeckte man die laut Rasmo ältesten hochmittelalterlichen Malereien des Trentino. Diese stellen eine Enthauptung des hl. Laurentius, noch eine Enthauptung des hl. Rochus, einen Mäanderfries und einen Fries mit flüchtenden Tieren sowie arg beschädigte Reste von Bildern aus dem Leben des hl. Rochus dar und stammen aus dem 11. Jh. Der große Christus in der Mandorla und das lüngste Gericht in der Koncha sind dagegen spätere Malereien des ]ahres 1384 eines veronesischen Künstlers. Einer ebenso großen Attraktion wie diesen Fresken wird man ansichtig, wenn man um die Kirche herumgeht. Dort haben die Baumeister zahlreiche große Reliefsteine eines vorromanischen Baus in der Außenwand des Chores wiederverwendet: Die breiten Lisenen und die tiefen Gewände der Fenster sind über und über bedeckt mit Flechtbandreliefs, Zopf- und Knotenmustern sowie geometrischen Ornamenten.
Die seltenen Stücke sind zeitlich nicht genau einzuordnen, hielte man sie für langobardische Schöpfungen, so müsste man ihnen eine geradezu barocke Formenvielfalt bestätigen, was eine Entstehung im 8. Jh. trotz der typischen Motive unwahrscheinlich macht. Eher handelt es sich (wie in Cisano, s. S. 86f.) um eine lokale Weiterentwicklung dieses Stils im 9. Jh., die von der > karolingischen Renaissance < dieser Zeit unberührt geblieben war. Rechts oberhalb von Tenno sieht man einige mittelalterliche Dörfer, die sich an steil abfallende Felsen klammern; am bekanntesten ist das restaurierte Künstlerdorf Canale. Die Straße windet sich weiter hinauf zum idyllischen See von Tenno und senkt sich bald darauf hinunter zu den hügeligen grünen Matten des Lomaso (s. S. 348f.).

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