Das bereits im 19. Jh. viel gerühmte und weitgehend erhaltene Stadtbild des alten Riva mit seinen historischen Plätzen und Straßen um den Hafen und die Seefestung ist Ausdruck einer wechselvollen Geschichte, die allein einem Umstand zu verdanken ist. Der Ort war über drei Wege erreichbar: Durch das Sarcatal von Tirol und Trient, über den See von Verona und Venedig, durch das Ledrotal aus dem Mailändischen — also von Mächten, die das ganze Mittelalter hindurch übel verfeindet waren. Nach einer belegten römischen N autikerschule, einem >collegium< für Segler, bei denen der Ort bereits >Ripa< hieß, und den Wirren der Völkerwanderung, in denen Heruler, Ostgoten, Byzantiner, Langobarden und Franken hier ihren Stützpunkt hatten, begann die greifbare Geschichte Rivas am 31. Mai 1027. Damals wurde vom deutschen Kaiser Konrad II., dem Salier, das Bistum Trient entscheidend erweitert, um den südlichen Teil der >Kaiserstraße< durch die Alpen nach Rom sicher in den Händen eines reichstreuen Bischofs zu wissen. Auch Riva und das obere Seegebiet gehörten zu dieser ursprünglich gefestigten Herrschaft, doch als die bischöfliche Macht im Laufe des Investiturstreits an Bedeutung verlor, entwickelte das Städtchen ein politisches Eigenleben, das der Selbständigkeit der oberitalienischen Stadtrepubliken nicht nachstand, Um eine solche dauerhaft zu werden, war es jedoch zu klein, und so richteten sich die begehrlichen Blicke der umliegenden Mächte auf den wichtigsten Hafen in der nördlichen Seehälfte. Im 13. und 14. Jh. sind zunächst Ezzelino da Romano, dann die Tiroler, vorübergehend wieder die Bischöfe von Trient und ab 1349 die Scaligeri Herren von Riva. Letztere bleiben bis zum Untergang ihres Hauses im Jahre 1387, und ihre damals errichteten Bauten prägen noch heute den ältesten Teil Rivas. Die Visconti, die die Scaligeri stürzen und Verona erobern, sind ab 1388 auch Herren von Riva; sie ziehen mit starken Truppen durch das Ledrotal, befestigen Riva erneut und bauen eine Kriegsflotte, die Venedig beinahe gehindert hätte, das belagerte Brescia zu retten, wenn die Serenissima sich nicht zu einem abenteuerlichen Flottentransport durch das Gebirge nach Torbole (s. S. 54) entschlossen hätte. In zwei Seeschlachten werden die Mailänder geschlagen und Riva 1440 von venezianischen Truppen gestürmt, für fast 70 Jahre gehört nun der ganze See zu Venedig. Nach dessen Niederlage im Krieg gegen die Liga von Cambrai erhält Trient das nördliche Seeufer zurück, gerade rechtzeitig, dass sich der Fürstbischof Bernardo Cles vor seinen aufständischen Bauern in der Wasserburg von Riva verstecken kann. Bis zum Iahre 1802 verbleibt die Hafenstadt bei Trient, dann fällt das ganze Bistum nach einem französischen Intermezzo an das österreichische Kaiserreich, wo es bis zum Ende des Ersten Weltkrieges 1918 bleibt, erst seitdem gehört Riva zum italienischen Staat. Ein italienisches Städtchen ist es freilich immer gewesen, doch unterscheidet es sich mit seinem österreichischen Überzug von allen anderen Orten am See. Der farbige Verputz zwischen den barock stuckierten Fensterrahmungen lässt manchmal eher an Linz als an Riva denken, wäre da nicht überall der Blick auf das leuchtende Wasser des südlichen Sees. Die Altstadt des Ortes kann nur zu Fuß betreten werden, wer seinen Wagen nördlich des ehemaligen Mauerrings parkt, sollte dort gleich mit der Besichtigung des größten Kunstwerkes beginnen, das Riva zu bieten hat: die Kirche dell’Inviolata, errichtet 1603 von einem portugiesischen Architekten, kenntlich an ihrem großen Oktogon neben dem schlanken Kirchturm; sie steht in der Gabelung der Straßen nach Arco und zum Westufer. Betritt man den außen fast schmucklosen Bau, so steht man in einem Innenraum von überwältigendem barockem Formenreichtum der feinsten Art; jeder Zentimeter der achtfach gebrochenen Wandflächen, der Kuppel, der Seitenkapellen ist auf das einfallsreichste stuckiert und bemalt, die gliedernden Pilaster mit korinthischen Kapitellen und die reich geschmückten umlaufenden Gesimse tragen große Skulpturen. Geht man von der Kirche der Inviolata die Via Roma in Richtung See, so betritt man durch die Porta San Michele, einem der drei erhaltenen Stadttore, die Altstadt von Riva. Sie zeigt mit ihren von zahlreichen Geschäften gesäumten Gassen und kleinen Plätzen, belebt durch Trattorien und Cafés, noch immer das Bild eines alten Handelsstädtchens. Nur wenig hinter dem Tor erhebt sich die Barock-Fassade der Pfarrkirche dell’Assunzione della B. V Maria. Sie erhielt ihr heutiges Aussehen im ]ahre 1728 und zeigt in ihrem düsteren, monumentalen Prunk die fortgeschrittene Entwicklung des italienischen Barock gegenüber der hundert ]ahre vorher erbauten Inviolata. Der kunstvollste Teil des Innenraums ist an der rechten Seite die Cappella del Suffragio mit achteckigem Grundriss, Empore und Kuppelgewölbe, bemalt mit einer Himmelfahrt Mariens (von Giuseppe Alberti) und verschwenderisch in lichten Farben und mit heiter deliziösen Motiven stuckiert. An der zum See gewandten Außenmauer der Kirche ist von einem Vorgängerbau noch ein schönes mittelalterliches Relief mit drei gotischen Skulpturen zwischen zwei Wappen vom Ende des 14. Jh.
eingemauert; daneben, auf der Piazzetta Craffonara, steht ein römisches Becken aus dem 1. oder 2.]]*1. n. Chr., ein elegantes Stück mit reliefiertem Rand mit Darstellungen von Tieren und Trauben (s. S. 17). Gegenüber dem Kirchenportal führen schmale Sträßchen in weitem Bogen durch die mittelalterliche Stadt hinunter zum See. Dabei gelangt man auf die belebte Piazza Erbe, den Marktplatz des Ortes, von einer Treppe in zwei Ebenen geteilt; die obere ziert ein Renaissance—Portikus, die untere ein Brunnen. In den Straßen, besonders in der Via Maffei, sind noch mehrere Palazzi mit reich ornamentierten Fassaden zu entdecken, ebenso die Reste der Kirche San Giuseppe von 1580, deren Kirchenportal heute als Fußgängerdurchgang dient.
Plötzlich öffnen sich alle dunklen Gassen auf die lichtüberflutete Piazza 3 Novembre, die den weiten Hafen mit dem Wahrzeichen der Stadt, dem Apponaleturm umschließt. In diesem Hafen landeten am 3. November 1918 italienische Truppen und beendeten die österreichische Herrschaft am Gardasee. Das westliche Ende des Platzes ist von einer Gebäudegruppe umrahmt, die das Herz des alten Riva darstellt: Über mächtigen Kolonnaden erheben sich hier der Palazzo Pretorio und im Eck anschließend der Palazzo del Provveditore, beide um 1370 erbaut, als Cansignorio della Scala der Herr der Stadt war; mit dem 1475-82 daneben errichteten Palast der venezianischen Gouverneure ein eindrucksvolles mittelalterliches Bauensemble. Durchschreitet man in der Verlängerung des Kolonnadengangs das gewölbte Erdgeschoss des Palazzo Pretorio, so steht man auf der anderen Seite zu Füßen eines schwerbefestigten Stadttores auf der Piazzetta San Rocco. Dies ist die Porta Bruciata, das verbrannte Tor, so benannt, weil es von den Soldaten der Visconti im Jahre 1406 in Brand geschossen wurde. Am anderen Ende des Platzes ragt die mit Buckelquadern verblendete Torre Apponale auf, Anfang des 13. Jh. zum Schutz des Hafens erbaut; der alte Eingang liegt 8 m über dem Boden. Zu diesem Platz mit seinem Turm hatten die früheren Reisenden aus dem Norden stets ein besonderes Verhältnis, denn hier am Ufer begegnete ihnen wie drüben in Torbole zum ersten Mal ihr verehrter Süden. Montaigne und Stendhal erwähnten ihren Aufenthalt, Thomas Mann schrieb hier am >Tonio Kröger<, Franz Kafka notierte: »In Riva war ich des Südens Gast, der mir nie wieder so liebenswürdig und großartig begegnete «, und Arthur Schopenhauer fühlte beim Anblick der Torre Apponale das Bedürfnis, sein Leben als Eremit oben auf dem Turm zu verbringen. Auf der stets belebten Uferpromande gelangt man zur Rocca, der Wasserburg von Riva. Deren Entstehung reicht ins 12. Jh. zurück, die Scaligeri errichteten hier gegen 1370 eine starke Befestigung, die mit ihrem rechteckigen Grundriss und ihrem System von Wassergräben dem Kastell in Sirmione glich.
Später wandelten die Bischöfe von Trient den Bau in eine mit Fresken, Gartenanlagen und Fischteichen verzierte Anlage um, doch im ]ahre 1852 verschandelten die Österreicher das malerische Wasserschloss, indem sie es zur Kaserne umbauten. Heute beinhalten die Räume ein sehenswertes Museum mit Funden aus der Pfahlbautensiedlung vom Ledrosee (ca. 1500 v. Chr.), römischen Exponaten, bemerkenswerten Reliefs und Mosaiken aus frühchristlicher Zeit und eine Gemäldesammlung. Hoch über der Stadt, am felsigen Hang des Monte Rocchetta, sieht man die Ruine eines mächtigen venezianischen Geschützturms, genannt >Bastione<. Wer den steilen Fußweg hinauf nicht scheut, wird mit einem hinreißenden Blick über Riva und den See belohnt. Auf keinen Fall versäumen darf man den Abstecher zum berühmten Varone-Wasserfall, nur wenige Autominuten von Riva an der Straße nach Tenno gelegen. Dieser Wasserfall ist mit keinem anderen Naturphänomen zu vergleichen, das sonst diesen Namen führt, denn hinter dem Kassenhäuschen betritt man auf einer künstlichen Brücke einen ungeheuren Schlund, einen dunklen Felsentrichter, in den die Wassermassen des Varone zerstäubend fast 100 m tief erabstürzen. Nach einem kurzen Weg bergauf erreicht man eine zweite Brücke, die etwa auf halber Höhe der tosenden Schlucht über den Abgrund führt und Schwindel erregende Blicke nach oben und unten gestattet. Die Anlagen zur Besichtigung des Wasserfalls wurden im Jahre 1876 von der Familie Bozzoni erbaut, die dort eine schlechtgehende Papiermühle besaß, um die Besucher aus Riva und Arco zu diesem schon damals als eines der schaurig-schönsten Spektakel der Alpen gerühmten Naturschauspiel zu locken.