Der Gardasee
Von Norden kommend, erreicht man den See am besten auf zwei Wegen: Von Trient durch das Sarcatal nach Riva oder von Rovereto über Mori nach Torbole. Zeichnet sich der erstere dadurch aus, dass er durch die eindrückliche Felsenwildnis der Marocche führt, so hat jener den Vorzug, von der Höhe des flachen Passes San Giovanni einen plötzlichen und bewegenden Ausblick über den See zu gewähren. Denn hier standen sie alle, die berühmten Reisenden der Vergangenheit auf dem Weg in ihr gelobtes Land, nach Italien. Und sie waren überwältigt: >>Heute abend hätte ich können in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche Naturwirkung an der Seite, ein köstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte ich nicht versäumen, und ich bin herrlich für meinen Umweg belohnt«, notierte Goethe stellvertretend für alle anderen Literaten und Romantiker, die nach beschwerlicher Reise durch das Gebirge diesen ersten Blick in den Süden warfen. Denn damals wie heute deutet das berühmte leuchtende Blau des Sees zunächst zwischen steilen Felswänden, dann sich bis zum Horizont weitend, die Einzigartigkeit des Gardasees an: »das Bild eines Alpensees und des Südmeeres« zugleich zu zeigen, wie Riedl meint. Der Blick ist zu jeder Iahreszeit grandios, sei es im Frühjahr oder Herbst, wenn bei Sturm der See wie ein gewaltiger Strom zwischen den Felsen nach Süden zu jagen scheint — >>... fluetibus et fremitu adsurgens Benace marino«: Gardasee, der wie das Meer aufbraust mit tosenden Fluten, nannte ihn schon Vergil —, im Sommer, wenn sich auf der endlosen blau glitzernden Fläche das Licht der Sonne in Goldtönen bricht, oder an einem kalten Wintertag, wenn der riesige See glatt und unbewegt daliegt, »wie ein auf die Erde gestürztes Stück Himmel« (Riedl). Die landschaftlichen und klimatischen Vorzüge des Sees ziehen heute die Reisenden in unübersehbarer Zahl an, doch was sie dort auf dem Wasser treiben, darauf wäre in den 4000 Jahren vor ihnen keiner gekommen. Im See baden oder aus Vergnügen Boot fahren, daran dachten weder die bronzezeitlichen Bewohner der Pfahldörfer noch die ersten Touristen der Antike, denn die Römer ließen sich nur eine heiße Quelle bei Sirmione ins Caldarium pumpen. Für die oberitalienischen Stadtstaaten des Mittelalters war der See einer der Wege in den handelsträchtigen Norden, für die Herren im Gebirge ein Fuß in der Türe zu den Reichtümern des Südens. Verona, Trient, Brescia, Mantua und zuletzt Venedig und Mailand schlugen sich jahrhundertelang um seinen Besitz. Derweil war er für die Anwohner der Ufer ein idealer Fischgrund oder ein etwas gefährlicher Transportweg, um ihre Olivenernte auf den Markt zu bringen. Für die großen Armeen der Neuzeit war der See eher hinderlich, immerhin sein hügeliges Südufer neben der versumpften Po-Ebene ein geeignetes Schlachtfeld, die Sache des italienischen Risorgimento zu entscheiden. Ans Baden und Bootfahren dachte immer noch niemand. Selbst der begeisterte Goethe wäre nie auf die Idee gekommen, seine >> Iphigenie « am Ufer liegenzulassen und ins Wasser zu springen, das Baden in offenen Gewässern war, wenn überhaupt, etwas für arme Leute; wer es sich leisten konnte, ging selbstverständlich ins Badehaus. Auch die Offiziere der k. u. k. Armee Österreichs, dem die Nordspitze des Sees bis 1918 gehörte, wandelten lieber im glutheißen Arco unter Palmen als in Riva einen Zeh ins Wasser zu stecken. Bis in die 30er-Jahre des 20. jh. bot der Gardasee - abgesehen von Sirmione und der > Brescianer Riviera < zwischen Salö und Gargnano - ein Bild rückständiger Abgeschiedenheit, denn erst dann wurden die Uferstraßen errichtet; bis dahin waren die meisten Küstendörfer der Nordhälfte nur mit dem Schiff zu erreichen. Die Tradition des Tourismus, der heute das Gesicht des Sees prägt, ist nicht älter als vier Jahrzehnte, und was er in der kurzen Zeit zustandegebracht hat, das kann sich - weiß Gott - sehen lassen.
Doch hat man den See nördlich der Alpen auch in Zeiten zu schätzen gewusst, als Baden und Boot fahren noch keine Werte darstellten. Außer Wein und Fische vom Gardasee, die schon an der Tafel der römischen Imperatoren nicht fehlen durften, waren Öl und Zitrusfrüchte in Deutschland hochbegehrte Waren. Bis ins 13, Jh. Lassen sich diese Lieferungen an die Hochstifte Augsburg, Brixen und Freising zurückverfolgen. Großabnehmer waren auch die fürstlichen Höfe in Salzburg, Innsbruck und Trient und die Märkte in Bozen und Meran, von wo die Wege nach Süddeutschland gingen. Das war der Gardasee durch das ganze Mittelalter hindurch für den deutschsprachigen Raum: eine Art Speisekammer für ausgefallene Köstlichkeiten. Besonders begehrt waren Zitronen und Orangen, denn von keinem anderen Anbaugebiet waren sie so frisch zu erhalten, und gar den Rang eines furstlichen Luxus nahm die Gardaseeforelle ein; doch galt aller > Gartseevisch < als Delikatesse. 1560 lobt der Tiroler Landreim: >> Reyffer Pomerantzen, Limoni, Gartsee guet Visch und Citroni «, und beim Gedanken an den Fisch ging es mit dem Chronisten durch: >>... vom Gartsee die kostlichen Karplein, in Oel gebacken und die geselchten Ferchen und die Aal lebendig und frisch mit der ordinari Post ...«