Drei Dinge sind in Desenzano bemerkenswert: das alte Ortsbild, Tiepolos Abendmahl in der Pfarrkirche und die Mosaiken der römischen Ü Villa. Bevor man dorthin gelangt, muss man vor dem Zentrum des Ortes den obligaten Stau auf der Uferstraße hinter sich bringen, denn entlang der berühmten Seepromenade von Desenzano fährt jeder langsam. Dabei kann man erkennen, dass dem Städtchen ausgedehnte Yachthafen vorgelagert sind, die bestausgerüsteten am ganzen See. Der Hafen ist seit tausend Iahren die Grundlage der Existenz Desenzanos, denn hier war einer der größten Warenumschlagplätze N orditaliens: Auf dem großen Marktplatz trafen sich die Händler Venedigs und der Lombardei, in dem bis in die Ortsmitte reichenden alten Hafen verschifften sie ihre Waren nach Riva, von wo sie über die Alpen nach Deutschland gingen. Nachdem der ganze See der Serenissima gehörte, avancierte Desenzano zum Verladeplatz der in Venedig angelandeten riesigen Getreidefrachten, jener Ware, mit deren Preis die Lagunenstadt weit über ihren engen Machtbereich hinaus entfernte Königreiche in entscheidenden Fragen im Griff hatte. Noch heute wirkt der Kern des alten Desenzano wie eine Handelsstadt en miniature: Den weiten Marktplatz begrenzt auf seiner ganzen Längsseite eine Gebäudereihe mit vorgelagertem Laubengang, unter dem die allfälligen Geschäfte bei schlechtem Wetter abgewickelt wurden; durch Rustikaquader monumentalisierte Kolonnaden umziehen gegenüber das Stadthaus, neben dem sich die Durchfahrt zum Hafen öffnet, welcher an drei Seiten von alten Fassaden, darunter einigen Palazzi begrenzt wird. Einen Hauch lebendiger Vergangenheit bekommt man hier jeden Dienstag zu spüren, wenn der große Wochenmarkt den Platz, den Hafen und die Seitenstraßen mit einer Unzahl von Verkaufsständen aller möglichen Waren füllt.
Durch verwinkelte Gassen führt der Weg hinauf zum ausgedehnten Kastell. Schon im 10. jh. als Fluchtburg gegen die Ungarneinfälle errichtet, wurde es im 12. und 13, ]h. neu befestigt und geriet in die Kämpfe zwischen Verona und Brescia, zwischen Ghibellinen und Guelfen. 1485, 1493 und 1512 wurde das Kastell von mailändischen und französischen Truppen belagert. In diesen unsicheren Zeiten wohnte man besser in der Befestigung als im ungeschützten Ort, denn aus dem Jahre 1567 ist bezeugt, dass 124 Familien innerhalb des Mauerrings ein Haus besaßen; damals stand sogar eine Kirche in der Burg, Mit alledem räumten die Österreicher auf, als sie die Anlage als Kaserne benutzten, weshalb sich heute die weitläufige, die ganze Bergkuppe umschließende Festung als leere Hülse mit einem verwahrlosten Innenhof präsentiert.
Mehr vom vergangenen Reichtum des Ortes bekommt man in der den Marktplatz westlich begrenzenden Pfarrkirche Santa Maria Maddalena zu sehen. Sie ist in ihrer heutigen Form ein Werk des Architekten Giulio Todeschini (1524-1603) mit einer Fassade im dorischen Stil und zeigt innen die charakteristischen antikisierenden Formen der Brescianer Spätrenaissance. Die durch Handel reich gewordenen Bewohner von Desenzano konnten sich nicht nur diesen begehrten Baumeister leisten, sie kauften für ihre Kirche eine ganze Menge Ölgemälde der namhaften Künstler ihrer Zeit zusammen: So befindet sich im Presbyterium ein monumentales Triptychon der Geschichte der hl. Maria Magdalena von Andrea Celesti (rechts Bekehrung, links Auferstehung ihres Bruders Lazarus, in der Mitte Verklärung); Auferstehung und Martyrium Christi sowie Bilder von Aposteln, Heiligen und Propheten von Zenon Veronese, von Giorgio Anselmi stammen die Tempera-Arbeiten in der Sakramentskapelle. In eben dieser Kapelle befindet sich auch das Meisterwerk der Kirche: das >Letzte Abendmahl< des Giambattista Tiepolo (1696-1770). Das Gemälde ist keines seiner Hauptwerke, doch lassen sich an ihm alle Merkmale der Kunst dieses letzten großen Vertreters der venezianischen Malerei erkennen. Das Abendmahl ist nicht in der üblichen Frontalität des breiten Tisches mit den aufgereihten jüngern zu sehen, den Vordergrund des Bildes nimmt die Schmalseite des Tisches mit einem jugendlichen Christus ein. Die Tafel erstreckt sich, von einem dunklen Tonnengewölbe überdeckt, in die Tiefe des Bildes, in der eine mächtige, abgebrochene Säule die Hauptfigur betont. So entsteht eine Bildbühne, auf der sich die wie von flackerndem Licht angeleuchteten ]ünger in kompositionell einheitlicher, leidenschaftlicher Bewegung Christus zuwenden. Dies ist kein frommes Bild, eher eine geniale Theaterkulisse, vor der das Abendmahl aufgeführt wird. Nur ein kleines Stück hinter der Kirche, in der Via Scavi Romani, muss im jahre 1921 der Schreiner Emanuele Zamboni ein langes Gesicht gemacht haben. Eben hatte er das Grundstück gekauft und wollte darauf sein neues Haus bauen lassen, als er beim Ausheben für die Fundamente auf ein gut erhaltenes Mosaik stieß. Bürgermeister, Archäologen, Restaurateure und schließlich interessiertes Publikum tummelten sich fortan auf seinem Grund und Boden, und an ein Eigenheim in Kirchennähe war nicht mehr zu denken. Der Schreiner hatte ahnungslos seinen Spaten an die Mauern des bis dahin unentdeckten römischen Desenzano gelegt, von dem man bisher glaubte, es sei im 1. Jh. v. Chr. nur ein kleines Dorf gewesen. Nun deckte man in dem Ausgrabungsareal die Reste gleich dreier bedeutender Gebäude des ersten vorchristlichen bis vierten nachchristlichen Jahrhunderts auf- vorerst jedenfalls, denn es ist erst ein Teil der archäologischen Zone ausgegraben. Die Fundstelle — als Villa Romana bezeichnet — besteht zum größten Teil aus den Ruinen der Prunkvilla des 3. Jh., westlich davon einem Gebäude mit Apsis des späten 4. Jh., in dem eine frühchristliche Basilika gesehen wird, und im Norden der Villa aus Grundmauern mit Mosaikfußböden in Schwarzweiß, vermutlich eine Thermenanlage aus der Zeit um Christi Geburt. Das größte Interesse gebührt jedoch der Prunkvilla, in die man aus dem kleinen Museum gelangt, in welchem Statuetten, Gefäße aus Ton und Glas, zierlichste antike Fresken und wohlgeformte Fragmente römischer Monumentalskulpturen zu sehen sind. Das Beste aber sind die noch an Ort und Stelle befindlichen Fußbodenmosaiken, die einige köstliche Darstellungen zu bieten haben. Der Rundgang führt vom Museum nach links zunächst in zwei kleinere Wohnräume, deren Böden nur teilweise erhalten sind, sie zeigen weitgehend geometrische Muster, der Kopf eines wilden Tieres ist zu erkennen. Von dort gelangt man in einen ehemaligen Garten mit einem Nymphäum, er ist westlich begrenzt von einer Mauer mit sieben Nischen, in der großen mittleren stand ein Brunnen. Vom Garten betritt man nun die Reste des großen Saales mit seinen drei weiten halbrunden Apsiden, der sich in voller Breite zu einem zweiapsidialen Vorraum öffnet. In diesen beiden Räumen befinden sich die prächtigsten Mosaiken der Villa. Die figurativen Darstellungen sind, abgesehen von einigen Fehlern in der Perspektive, vorzüglich ausgeführt und von exzellenter Farbabstimmung; auf den kleinen Steinchen wurden über dreißig verschiedene Farbtöne gezählt. Die einzelnen Darstellungen befinden sich auf achteckigen, quadratischen und kreuzförmigen Flächen. Die achteckigen zeigen ]agdszenen, die quadratischen Weinlese und Obsternte, auf den kreuzflächigen entquellen hübsche Zweige einer Vase, auf den Mosaiken des Vorraums ist der Fischfang im Gange.
Beim Anblick der Wesen, die alle diese Tätigkeiten ausführen, muss man jedoch stutzen: Es handelt sich um nackte kleine Männchen mit Flügeln — Engel auf einem heidnischen Mosaik Beinahe, denn diese geflügelten Wesen galten in der Mythologie als Gehilfen des Liebesgottes Amor, weshalb sie als Amorini bezeichnet werden. In der Kunst der Frührenaissance wurden sie wieder entdeckt und bevölkern seitdem als Putti fast alle sakralen Gemälde der Folgezeit. Da die römischen Künstler dazu neigten, in den Ausstattungen der Villen spielerisch Elemente der jeweiligen ländlichen Umgebung zu übernehmen, ergeben sich mit den kleinen Göttergehilfen amüsante Konstellationen, denn was tun Amorini am Gardasee Anstatt dem Liebesgott seine fehlgeschossenen Pfeile nachzutragen, sind sie hier mit profaneren Aufgaben befasst: Entweder sie ernten Wein in den Hügeln der Valtenesi oder sie sitzen zwischen Vögeln und Früchten in den Zweigen der Obstbäume am Ufer, gefüllte Körbe daneben, oder sie fahren Boot und angeln auf dem Wasser. Bei dieser für sie ungewohnten Tätigkeit sieht man sie ein wenig verdrossen im Vorraum: Da sitzen sie in eleganten römischen Booten oder stehen mit einem Eimer in der Hand auf einem Stein, säuberlich hat der eine seine geraffte Angelschnur um die mosaizierte Rute gewickelt, dazwischen deuten gezackte Steinlagen stilisierte Wellen an, in denen sich Mengen von bunten Fischen tummeln. Von diesem Raum gelangt man in das große Peristyl, eine einst von Säulen getragene Wandel halle, an deren Seiten ein breites Mosaikband mit geometrischen Mustern entlangläuft, gegenüber ein achteckiger Saal, ebenfalls mit ornamentalen Bodenverzierungen. In der südwestlichen Ecke des Peristyls kann man noch einen kleinen viereckigen Raum betreten, dessen schlecht erhaltene Mosaiken zwei Psychai (geflügelte Mädchen) zeigen, welche blühende Zweige flechten, daneben abermals Amorini mit Früchten. Vom oberen, dem nördlichen Flügel des Peristyls, gelangt man in die vermutete Thermenanlage des ersten voroder ersten nachchristlichen Iahrhunderts mit markanten Mosaikornamenten in Schwarzweiß.
Man darf Desenzano nicht verlassen, ohne seiner Strandpromenade, dem Lungolago Cesare Battisti seine Reverenz zu erweisen. Von hier verfolgten in den l930er—]ahren gebannt die Zuschauer die seinerzeit weltberühmten Hochgeschwindigkeitsversuche über dem Wasser, ausgeführt mit seltsam anmutenden Konstruktionen, halb Boot, halb Flugzeug. Am 23. Oktober 1934 gelang Francesco Agello der Rekord von 709,209 km/h. Heute ist hier der große römische Sarkophag der Atilia Urbica mit Inschriften und Reliefs zu sehen, sein Fundort ist unbekannt