Fast jeder Reisende, der nach Verona kommt, landet als Erstes auf der Piazza Bra und wähnt sich aufgrund des Betriebes um die Arena und auf dem Liston im vornehmen Zentrum der Stadt. Da irrt er sich freilich, denn hier war die längste Zeit der Geschichte ihre Peripherie, umstanden von der Stadtmauer und dem übel beleumundeten Viertel Sant’Agnese; die Arena diente als Hinrichtungsstätte, und auf dem eigentlichen Platze fand der im Unterschied zum Gewürzmarkt auf der Piazza delle Erbe erheblich weniger feine Holz- und Getreidemarkt statt. Derweil bestritten junge Damen mit dem ältesten Gewerbe der Menschheit ihren Lebensunterhalt, indem sie sich reihum in den unteren Arkaden der Arena einmieteten.
Erst 1770, mit der Errichtung des gepflasterten Liston vor den Arkaden der Palazzi an der Westseite des Platzes, begannen auch die besseren Veroneser, ihren öffentlichen Abendspaziergang aus dem mittelalterlichen Zentrum hierher zu verlegen. lässt man heute den Blick in die Runde schweifen, so sieht man sich von edlen Fassaden umgeben, die auf ihre Weise Veroneser Geschichte verkörpern: Geprägt vom Mauerkoloss der römischen Arena, flankiert von Häusern und Palazzi des 16.-18. ]h., umrahmt von Stadtmauer mit Tor und Turm der Visconti von 1400 und der venezianischen Gran Guardia, geschlossen von der Gran Guardia Nuova der österreichischen Besatzer im monumentalen Wiener Klassizismus. Nur die Scaligeri fehlen im historischen Reigen der Piazza Bra, doch die haben dafür ihren eigenen Platz im alten Stadtkern, die Piazza dei Signori.
]eder sommerliche Verona-Besucher kennt die gespannte frühabendliche Atmosphäre auf der Piazza Bra vor einer Opernaufführung in der Arena: die hastigen letzten Espressi, den nervösen Eilschritt der gerade noch Angekommenen, die auffällig-unauffälligen Schwarzmarktverkäufer, die vorbeigeschleppten Verpflegungskörbe für die Opernpausen und rundum erwartungsvolle Gesichter.
>>Unsere Musik, die unsere sage ich, hat ihren Sitz im Theater«, formulierte Giuseppe Verdi, und wenn er je seine Aida in der Arena von Verona gesehen hätte, er wäre zufrieden gewesen. Denn das berühmteste Freiluft-Opernhaus der Welt zu sein, ist die vorläufig letzte Funktion des römischen Monumentalbaus, der in allen Stationen der Veroneser Geschichte eine Rolle spielte.
Die Arena (1) entstand Anfang des ersten nachchristlichen Jahrhunderts, ungefähr zur gleichen Zeit wie das Kolosseum in Rom. Sie verkörpert damit eines der frühesten Beispiele des aus der römischen Architektur hervorgegangenen Bautyps des Amphitheaters. Im Unterschied zu den aus der hellenischen Kultur herrührenden Theatern, die als Halbrund aufsteigender Sitzreihen in einen Berghang eingelassen waren, wurde hier ein oval geschlossener Zuschauerraum geschaffen, der auf den Berg verzichten konnte, da er durch gewaltige, nach außen sich erhöhende Substruktionsarchitekturen gewissermaßen das abfallende Gelände für die im vollständigen Rund umlaufenden Sitzreihen selbst schuf. Die heutige Arena ist 138 m lang und 109 m breit- nach dem Kolosseum in Rom (188 m >< 156 m) und der Arena in Capua das größte aller erhaltenen antiken Amphitheater. Etwa 22 000 Zuschauer finden in Verona Platz, im Kolosseum 50 000. Der große Unterschied erklärt sich daraus, dass die Arena in Verona eigentlich eine Ruine ist, denn ihre klassisch gegliederte Fassade auf monumentalen zweigeschossigen Arkadenbögen war einst der unsichtbare Kern des Bauwerks, das von einer 30 m hohen, dreigeschossigen Außenmauer aus sorgfältig bearbeiteten riesigen Blöcken aus rosafarbenem Marmor umgeben war. Von dieser umlaufenden Prunkfassade, die innen über Stützkonstruktionen weitere Sitzreihen trug, stehen noch vier Achsen am nördlichen Rand der Arena — die so genannte >Ala< (der Flügel); wäre sie erhalten, betrügen die Ausmaße 152 m >< 123 m, was beinahe die Größe des Colosseums erreichte, sicherer Beweis für Pracht und Bedeutung des römischen Verona.
Tief beeindruckt hat seit jeher der gebildete Reisende aus dem Norden vor diesem ersten Monument der Antike gestanden, doch das literarische Echo dieser Begegnung ist eher unbefriedigend. >>Über das Amphitheater von Verona haben viele gesprochen; man hat dort Platz genug zu Betrachtungen, und es gibt keine Betrachtungen, die sich nicht im Kreis dieses berühmten Bauwerks einfangen ließen«, ahnte schon Heinrich Heine und er hatte recht. Denn wie immer, wenn sich intellektueller Schöngeist betätigt, existiert der Gegenstand seiner Betrachtung doppelt: als das, was er ist und als das, wofür er gleichnishaft herhalten soll. So notierte Goethe bei der Vorstellung einer voll besetzten Arena: >>Denn eigentlich ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren, das Volk mit sich selbst zum Besten zu haben« und irrte sich gewaltig, denn das Volk strömte hierher, um sich von totgestochenen Gladiatoren und sich zerfleischenden Raubtieren Kurzweil bieten zu lassen.
Als ältestes Zeugnis ist ein Gedenkstein für den Gladiator Generosus bekannt, der mit seinem Kampfnetz 27 Gegner einfing und sie mit dem Dreizack erstach. Plinius d.J. beglückwünschte in einem Brief seinen Freund Maximus für seine aus Afrika importierten Raubtiere für die Arena; dass Christen in ihr hingerichtet wurden, ist nicht belegt. Im Jahre 265 wird die Arena als gewaltiger Festungsturm in die neue Stadtmauer des Kaisers Gallienus eingebaut, Theoderich der Große lässt sie restaurieren. Im frühen Mittelalter wird sie zur Festung der Bischöfe von Verona umgebaut, die Scaligeri benutzen sie als Hinrichtungsstätte, in der ihre zahlreichen Konkurrenten um die Macht in der Stadt sterben, 1278 werden hier als grausiger Höhepunkt 177 Bürger von Sirmione (s. S. 102) auf Anordnung von Alberto della Scala dem Papst zuliebe als Ketzer verbrannt. Wahrscheinlich bei den Erdbeben von 1183 und 1221 stürzte die 30 m hohe äußere Umfassungsmauer bis auf den Rest der >Ala< ein, der Innenraum wurde weiter für prunkvolle Anlässe wie der Hochzeit des letzten della Scala mit der verhassten Samaritana da Polenta benutzt, ebenso fanden hier Gottesurteile mittels Zweikämpfen statt- doch konnten sich die Beschuldigten durch bezahlte Fechter vertreten lassen. Bis ins späte Mittelalter wurden in der Arena Ritterturniere ausgetragen, bis in die Neuzeit gab es Stierkämpfe mit abgerichteten Hunden anstelle des Matadors. Venedig restaurierte den Bau abermals und vermietete die unteren Gewölbe an Kurtisanen, womit es endlich friedlicher zuging in der Arena. Allmählich machte sich dort ein beliebtes Komödientheater breit, und im Juni des Jahres 1913 fand ein entscheidendes Ereignis statt: Um eine würdige Aufführungsstätte der >Aida< von Verdi zu finden, womit der 100. Geburtstag des Komponisten entsprechend gefeiert werden sollte, wurde auch die Arena in Verona inspiziert. Die Kommission — darunter der Dirigent Tullio Serafin, unter dessen Leitung später Maria Callas ihre größten Triumphe feiern sollte — befand die Arena für tauglich, und am 10. August 1913 wurde mit einer überwältigenden Aufführung der > Aida < die Arena von Verona zum berühmtesten Freiluft-Opernhaus der Welt.
Denn zu Verdis Musik gesellte sich eine unerwartete zweite Attraktion: >>Doch das Außerordentliche war die Begegnung zwischen der Arena und ihrem Publikum. Ein Schauspiel boten die Zuschauer, die vom frühen Nachmittag an aus nah und fern auf der Piazza Bra eintrafen und sich vor den Zugängen zu den Ringstufenplätzen drängten (Eintritt eine Lira). Ein Schauspiel bot das weite ansteigende Rund der fünfundzwanzig Gmdimzte, auf denen an die zwanzigtau send Zuschauer eine wimmelnde Fläche bildeten. Ein Schauspiel das Aufflammen der Lichter, als der Himmel sich verdunkelte Ein Schauspiel die applaudierenden Hände, die Ovati0nen«, schreibt Filippo Sacchi, Bis heute ist dieses >Schauspiel um das Schauspiel< fester Bestandteil der Arena—Atmosphäre, denn die Opernaufführun gen im römischen Amphitheater gehören seitdem zu den berühmtesten Sommerspektakeln in ganz Europa. Und das trotz der Schwierigkeiten einer Oper auf einer so gewaltigen Bühne. Wie Sacchi ausführt, wirft allein die enorme Längsachse des Ovals (138 m) besondere Probleme auf, da so zwischen den Sängern auf der Bühne und dem Dirigentenpult ein Abstand von 30 bis 40 m entsteht (die ganze Scala in Mailand hat insgesamt einen Durchmesser von nur 21 m). Uber 30 m hinweg besteht jedoch keine absolute Konkordanz von Tönen mehr, weshalb die Stimmen mit einer hörbaren Abweichung von den Tempi des Orchesters die Zuhörer erreichen können.
Daher stellt die Arena (nicht immer erreichte) höchste Anforderungen an Sänger und Dirigent. >>Alle, die in der Arena gesungen haben, bestätigen die Panik und zugleich Exaltation beim Betreten der Bühne«, berichtet Sacchi vom psychologischen Augenblick der Begegnung mit dem riesigen Zuschauerraum, doch trotz der zeitweise heftig diskutierten Problematik der Arena-Aufführungen ist deren Einzigartigkeit ungebrochen, Gegenüber der Arena erstreckt sich der Liston (= der breite Streifen), die berühmte Veroneser Promenade vor dem Arkadengang der historischen Häuserfront, darunter der Palazzo Guastaverza - Malfatti (Haus Nr. 16) im 16. Jh. nach Entwürfen Sanmichelis erbaut.
Auch wenn der Espresso hier dreimal soviel kostet wie anderswo in der Stadt, sollte man einmal eine Weile in einem der zahlreichen Cafés des Liston gesessen und die Atmosphäre der Piazza Bra aufgenommen haben — empfehlenswert ist die Zeit kurz vor Beginn einer Opernaufführung in der Arena, oder, noch besser, ein sonniger Sonntagvormittag, wenn ganz Verona schwatzend und gestikulierend den Liston hinauf- und hinunterschlendert. Am oberen Ende des breiten Gehsteiges steht man vor dem großen doppelbogigen Stadttor, den Portoni della Bra (2), daneben ein polygonaler Stadtturm, den die Visconti gegen 1400 einbauen ließen, dann setzt sich die Befestigung als große, zinnenbekrönte Mauer fort. Gleich rechts neben den Portoni befindet sich der Eingang in das Museo Lapidario (3), nach seinem Gründer auch Museum Maffeianum genannt. Dieser Scipione Maffei lebte von 1675-1755 und nahm die zeitgenössische Verehrung der Antike so ernst, dass er eigens diesen Bau mit Säulenumgang im Hof errichten ließ, um darin Monumente der klassischen Zeit Roms und Griechenlands zu sammeln. Das Museum war das Erste seiner Art in Europa und zog die gebildeten Zeitgenossen wie ein Magnet an, denn griechische Originalwerke, diese Ideale der Kunst, waren durch die türkische Besetzung Osteuropas jedermann verschlossen. Im Innenhof sind große Architekturdenkmäler ausgestellt, kleine Stücke befinden sich im Inneren des Gebäudes. Am anderen Ende dieses Hofes liegt der Zugang zum Teatro Filarmonico, dem historischen Konzertsaal der Stadt, ein Blick in das prunkvolle Foyer mit pompösen barocken Deckenfresken ist zu empfehlen.
Auf der linken Seite der Portoni erstreckt sich der gewaltige Bau der Gran Guardia (4), 1610-14 begonnen und mit Teilen des Obergeschosses und dem prächtigen Treppenhaus 1853 fertiggestellt. Die merkwürdige Anlage des Gebäudes ist einem seltsamen Zweck geschuldet, denn das gesamte Erdgeschoss bildet eine einzige riesige Loggia. Diese entstand auf Wunsch des damaligen venezianischen Statthalters und sollte allein seiner Absicht dienen, seine Truppen auch bei Regenwetter im Trockenen paradieren zu lassen. Als letztes großes Bauwerk auf der Piazza Bra ist die Gran Guardia Nuova (5; 1835-43) an deren Ostseite erbaut worden. An dieser Stelle stand bis dahin das Zentrum des verrufenen Stadtrandviertels Sant’Agnese, welches die österreichischen Besatzer abreißen ließen, um Platz für ihren klassizistischen Bau mit einem von Kolossalsäulen getragenen Giebelportikus zu schaffen, in welchem ein Teil der habsburgischen Truppen stationiert war. Seit 1869 dient das Gebäude als Rathaus Veronas.
Von der Piazza Bra führt am unteren Ende des Liston, neben der Arena, die Via Mazzini hinein in die mittelalterliche Stadt. Dies ist die belebteste Straße Veronas, schmal und nur für Fußgänger, gesäumt von Geschäften in historischen Gebäuden, darunter der Palazzo Da Lisca-Confalonieri, ein Prunkstück der Veroneser Frührenaissance des späten 15. Jh. (Ecke Via Mazzini/Via Quattro Spade). Die alte Straße führt zur Piazza delle Erbe, dem historischen Zentrum der Stadt.