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Die Karolinger und das Chaos am Gardasee

Diese Kaiserkrone auf dem Haupt eines nördlich der Alpen residierenden Herrschers, die indes nur beim Papst in Rom zu holen war, sollte nicht nur das gesamte deutsche Königreich des Mittelalters für fast 300 jahre in seinen selbstzerstörerischen Kampf mit dem Papst treiben, in dem es schließlich unterlag. Die päpstliche Einflussnahme hatte bereits kurz nach der ersten Kaiserkrönung des Frankenkönigs Karl verheerende Folgen für Oberitalien. Denn im Gegensatz zu den Langobarden siedelten die Franken nicht in Italien. Sie setzten zwar in Verona einen karolingischen Vizekönig ein, der dort im alten Palast des Gotzenkönigs Theoderich des Großen residierte. Auch besetzten sie die alten langobardischen Herzogtümer mit fränkischen Adligen - doch dann zogen sie wieder ab. Diese neue fränkische Oberschicht konnte in der romanisch-langobardischen Bevölkerung keinen Rückhalt finden und verstrickte sich bald in zahllose Kleinkriege mit dem alten langobardischen Adel. Als im Iahre 887 der letzte Karolinger Karl III. (>der Dicke<) wegen Unfähigkeit auf dem Reichstag von Tribur abgesetzt wurde, brach in Oberitalien die Anarchie aus. In einem fast hundertjährigen Krieg aller gegen alle um die Vorherrschaft in der reichen Po-Ebene kämpften Städte gegen Adlige, Bischöfe gegen Bürger, langobardische Adlige gegen karolingische und die mit ihnen verwandten Könige von Burgund, alle zusammen gegen sarazenische Piraten, die jeden Küstenort ausraubten, und gegen ungarische Reiterheere, die jede Stadt im Landesinnern zerstörten und niederbrannten. ]etzt erst ging das antike Erbe Oberitaliens zugrunde, von den Marmorstädten der Römer blieben nur Trümmerhaufen. Die einzigen, die Italien in dieser Situation hätten retten können, das langobardische Königreich, war auf Betreiben des Papstes von den Franken vernichtet worden.
Diese päpstlich initiierte Zerschlagung des Langobardenreiches zeigt bereits die für Oberitalien folgenreiche Politik des Heiligen Stuhls für alle nachfolgenden Iahrhunderte: jede sich bildende staatliche Zentralgewalt in Italien, die mächtiger als die Päpste selbst hätte werden können, wurde von ihnen bekämpft. So wandten sie sich mit den Franken gegen die Langobarden, später mit den deutschen Königen gegen den oberitalienischen Adel, danach mit den oberitalienischen Städten gegen die deutschen Kaiser, mit Frankreich gegen die letzten Staufer, mit Mailand gegen Venedig usw. Als daher aus dem italienischen Chaos nach dem Ende der Karolinger für einen Augenblick eine Gestalt heraustrat, die vielleicht alles hätte ändern können, kam dieser Grundsatz päpstlicher Politik abermals zum Zuge. Als Berengar von Ivrea, Inhaber eines alten langobardischen Herzogtitels, zur Mitte des 10. Jh. Oberitalien so erfolgreich gegen Sarazenen und Ungarn verteidigte, dass seine Stellung sich festigte und er den Titel eines >Rex ltaliae< forderte, war er dem Papst bereits wieder zu mächtig geworden. 961 rief Papst Iohannes XII. nach deutscher Unterstützung gegen diese Bedrohung und wurde wie zu fränkischer Zeit erhört. 963 erschien der deutsche König Otto I. in Oberitalien, besiegte Berengar in einer Feldschlacht und ließ ihn im Kerker sterben.
Dies war ein Tiefpunkt der italienischen Geschichte. Die letzte Möglichkeit zur Schaffung eines nationalen italienischen Königtums war zerschlagen, die > Herrenlosigkeit < Italiens begann. Denn auch die deutschen Kaiser als die vermeintlich neuen Herren im Land südlich des Alpenbogens sahen sich bald einem mächtigen Gegner gegenüber, dem sie nur als Werkzeug gedient hatten: In Rom zum Kaiser gekrönt, begann Otto I. eine so erfolgreiche Italienpolitik, dass bereits nach kurzer Zeit der Gegensatz zum I-Ierrschaftsanspruch des Papsttums ausbrach. Die hasserfüllten Auseinandersetzungen zwischen Kaiser und Papst endeten 1250 mit der Vernichtung des deutschen Kaisertums des Mittelalters. Schauplatz der Geschichte war Oberitalien, die Verlierer Kaiser und Päpste, die Gewinner die italienischen Stadtrepubliken. Der erste große Zusammenstoß war der sog, Investiturstreit (1075-1122).

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