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Die Pinacoteca Tosio-Martinengo

Die Pinacoteca Tosio-Martinengo


Südöstlich der Via Musei liegt die weite, baumbestandene Piazza Tebaldo Brusato, im Mittelalter Markt- und Turnierplatz; aus der schönen Randbebauung sticht an der Westseite (Nr. 35) der Palazzo Cigola (11) hervor, der bedeutendste der Brescianer RenaissancePaläste.
Ein Spaziergang durch Straßen mit zahlreichen prächtigen Palazzi des 16.-18. Jh. (vor allem Via Tosio und Corso Magenta) führt zur Piazza Moretto. Am Ende des Platzes befindet sich der Eingang zur Pinacoteca Tosio-Martinengo (12), stilvoll untergebracht im Palazzo Martinengo da Barco aus dem 16.-18. Jh. Hervorgegangen aus den der Stadt vermachten Gemäldesammlungen der Grafen Leopardo Martinengo da Barco und Paolo Tosio, ist dies die bedeutendste Gemäldegalerie der ganzen Gegend, deren Attraktivität vor allem in ihrer qualitätvollen Zusammenschau der Brescianer Renaissance-Malerei besteht. Ein pompös freskierter Treppenaufgang mit den Porträts der beiden generösen Stifter führt in das erste Obergeschoss mit den über 20 Sälen der Pinakothek. Die Säle I und II zeigen die Präferenzen des Sammlers Paolo Tosio, u. a. zwei Bilder von Raffael (>Engel< - ein Werk des erst 17-jährigen Meisters - und >Segnender Christus<) und Francois Clouets Porträt Heinrichs III, von Frankreich. Im Saal III beginnt die chronologische Dokumentation der Maltradition in Brescia mit abgenommenen gotischen Fresken des 13. Jh. Ihr Kernstück sind die Säle V-XII, die die Kunst der berühmten Brescianer Renaissance-Malerei in vielen ihrer Meisterwerke vor Augen führen. Gleich im Saal V begegnet man mit der >Pala della Mercanzia< (1490) und dem >Stendardo di Orzinovi< (1514) zwei großen Werken des Brescianers Vincenzo Foppa (ca. 1470-1515), der als Begründer der lombardischen Renaissance gilt.
Seine streng anmutenden Bilder zeigen den klaren perspektivischen Aufbau mantegnesker Tradition, gleichzeitig setzen sie der statuarisch-würdevollen Idealität der klassischen Renaissance eine intimere, persönlichere Sicht der handelnden Personen entgegen, die zusammen mit der Vorliebe für die Details des täglichen Lebens den spezifischen Charakter der lombardischen Malerei ausmachen. Saal IX zeigt dann die Interpretation desselben Themas (Geburt Christi) durch verschiedene Maler. Hier beachte man die von lyrischer Stimmung gekennzeichnete Version des Venezianers Lorenzo Lotto und vor allem Gerolamo Savoldos (vor 1480—nach 1548) >Anbetung der Hirten<, die ihre raffinierte Lichtführung und die geheimnisvollromantische Nachtatmosphäre auszeichnet. Savoldo gehört mit den ebenfalls in diesem Saal vertretenen Moretto und Romanino zu den Hauptvertretern der Brescianer Renaissance-Malerei. Dass alle drei auch hervorragende Porträtisten waren, zeigen die Bilder in Saal X; man beachte hier besonders Romaninos >Bildnis eines Edelmanns< und Savoldos >Flötenspieler<. Dem Vergleich zwischen Moretto und Romanino ist der einstige Festsaal des Palastes (Saal XI) gewidmet. Gerolamo da Romano, genannt Romanino, wurde 1486 in Brescia geboren und starb dort um das Jahr 1562. In seinen Bildern spielen die Personen die Hauptrolle, die mit ihrer plastischen Ausdruckskraft und den porträthaften Gesichtern die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Die idealisierende Harmonie der Renaissance häufig verletzend, beweisen seine kraftvollen Kompositionen Scharfblick und eine ungeschönt-realistische Sicht, die sich in originellen Einfällen und oft gewagter perspektivischer Verkürzung ausdrückt.
Alessandro Bonvicino, gen. Moretto (ca. 1498-1554), hingegen liebte die harmonische Bildkomposition, der sich seine Figuren ganz unterordnen. In seinem Streben nach Ebenmaß repräsentiert er die vornehme Idealität der Hochrenaissance, perfekt umgesetzt durch seine souveräne Beherrschung aller malerischen Mittel. Unter den ausgestellten Werken beachte man insbesondere Romaninos >Christus in Emaus< und >Gastmahl im Hause des Pharisäersg zwei abgenommene Fresken aus der Abtei von Rodengo sowie von Moretto >Die Madonna mit dem hl. Nikolaus von Bari< und >Emausgastmahl<. Weitere Räume zeigen die Entwicklung der Malerei in Brescia bis zum 19. Jh. An der rechten Seite der Piazza Moretto steht die Kirche Sant’Angela Merici (13) mit mehreren qualitätvollen Ausstattungsstücken, aus denen Tintorettos dramatische >Verklärung auf Tabor< auf dem Hochaltar herausragt; die erste Arkade des rechten Seitenschiffs birgt einen Altaraufsatz (Kreuzabnahme und Passionsszenen) von Paolo da Caylina, daneben die >Taufe der hl. Afra und Austeilung der Eucharistie durch die hll. Faustinus und ]ovita< von Francesco Bassano. Folgt man nun der Via Moretto weiter nach Westen, erreicht man den barocken Palazzo Martinengo-Colleoni (14) aus dem beginnenden 18. Jh., dessen imposante Fassade zum Corso Cavour zeigt. Gegenüber steht die klassizistische Kirche Sant’Alessandr0 (15), die mit löcopo Bellinis >Verkündigung< (um 1440) am ersten rechten Seitenaltar ein Meisterwerk der venezianischen Frührenaissance und im folgenden Altar das ausdrucksstarke Passionsretabel (1504) von Vincenzo Civerchio besitzt.

 

Die westliche Altstadt


Die Straßen westlich der Piazza della Loggia führen in die Viertel der Handwerker und Handler des Mittelalters, wobei der nördlichere Teil volkstümlicheren Charakter trägt als das noble Geschäftszentrum südlich des Corso Mameli (Fußgängerzone). Die Sehenswürdigkeiten dieses Stadtteils sind fast ausschließlich Kirchen und Klöster, von denen einige so außergewöhnliche künstlerische Ausstattungen besitzen, dass man sie bei einem Besuch der Stadt keinesfalls auslassen darf.
Von der Piazza della Loggia wende man sich zuerst nach Norden über die Piazza Rovetta in die breite, gebogene Via S. Faustino. Fast am Ende der Straße steht die Kirche Santi Faustino e Giovita (16). 1622-98 in bewegten barocken Formen errichtet, ist sie den Stadtpatronen Faustinus und lovita geweiht, die angeblich als größtes ihrer Wunder die Stadt vor den Mailändern erretteten. Ihre große Sehenswürdigkeit ist die phantastische Gewölbeausmalung, die den Höhepunkt der berühmten Brescianer Quadraturmalerei des Barock darstellt. In perfekter Architekturillusion zieht sich am Gewölbeanfang eine Balustrade um den ganzen Raum, führt über gemalte Treppenaufgänge um die Fensterlünetten herum, während gedrehte Säulen eine simulierte Flachdecke tragen, in deren Mitte, in einer vorgetäuschten Öffnung zum Himmel, sich die Verklärung der hll. Faustinus und ]ovita abspielt (um 1625). Es gab eigene Meister dieser Kunst, sodass häufig die Architekturillusion von einem quadraturista, das Fresko von einem anderen Maler ausgeführt wurde. Das Deckenfresko hier in San Faustino malten Antonio und Bernardino Gandino, die Architekturillusionen sind ein Meisterwerk Tommaso Sandrinis. Den Auftrag für die Ausmalung des Chores erhielt 1754 Giandomenico Tiepolo, der Sohn des berühmtesten Freskanten seiner Zeit, Giambattista. In großflächigen, bewegten Kompositionen malte er in der Kuppel erneut eine Verklärung der beiden Kirchenpatrone, an der rechten Wand ihr Martyrium unter dem römischen Kaiser Hadrian und links, vor einer zeitgenössischen Ansicht Brescias, die Errettung der Stadt während ihrer Belagerung durch den Mailänder Condottiere Piccinino (1438/39), die sich so zugetragen haben soll, dass die hll. Faustinus und ]ovita im letzten Moment auf den Mauern erschienen und mit bloßen Händen die Kanonenkugeln der Feinde auf ebendiese zurücklenkten. Die großartige Scheinarchitektur einer säulengetragenen Kuppel in der Apsis malte Girolamo Mengozzi—Colonna. Bei aller einnehmenden Theatralik der Ausmalung sind auch einige Ausstattungsstücke beachtenswert. Im Chor steht der schwungvolle barocke Schrein mit den Reliquien der Kirchenpatrone aus schwarzem und weißem Marmor (1618-23, von Antonio und Giovanni Carra). Im linken Seitenschiff, gegenüber dem Beichtstuhl, hängt die schöne Prozessionsstandarte, die Gerolamo Romanino um 1540 auf der Vorderseite mit einer Darstellung der Auferstehung und auf der Rückseite mit den hll. Apollonius, Faustinus und Jovita bemalte.
Wenige Schritte südlich führt die Straße Contrada del Carmine zur großen Backsteinkirche Santa Maria del Carmine (17). Der 1429 in Formen der Spätgotik begonnene Bau besitzt ein eigenwilliges Äußeres, denn die monumentale Fassade ist gegliedert von reichstem Terrakottaschmuck: die Fenster sind eingerahmt von glasierten Ziegeln, unter den Dächern zieht sich ein mehrbändriger Terrakottafries von dekorativ gekreuzten Bögen entlang. Fast exotisch wirkt die rechte Seite: Uber den Giebeldächern der vielen Seitenkapellen erhebt sich ein Wald von hohen Fialentürmchen mit vielgestaltigen TerrakottaVerzierungen, balkonartigen Friesen und in Ton gemauerten Helmen.
Ungewöhnlich ist auch das Portal (um 1500): Auf den ersten Blick ein romanisches Rundbogenportal, zeigen erst die Renaissance-Grotesken die spielerische Verwendung dieser mittelalterlichen Form. Die warme Tonalität des gotischen Außenbaus noch vor Augen, steht man im riesigen, kurz nach 1600 erneuerten Innenraum überwältigt vor der Farbenpracht seiner frühbarocken Ausmalung. Jeder Quadratzentimeter in den Gewölben aller drei Schiffe wurde um 1620 von denselben Meistern wie in San Faustino freskiert; die illusionistischen Architekturen stammen von Tommaso Sandrini (1575-1630), die szenischen Darstellungen vorwiegend von Bernardino Gandino (1567-1651), beteiligt waren mit Camillo Rama (1580-1651) und Giacomo Barucco (1582—nach 1630) zwei weitere hervorragende Brescianer Maler des Frühbarock. Große polychrome Marmoraltäre mit dramatischen Barock—Gemälden ergänzen die prunkvolle Ausstattung.
Besondere Beachtung verdient der tiefe Chor mit seinen gemalten Architekturperspektiven, in denen effektvoll komponierte Szenen aus dem Leben des Karmeliterheiligen Albertus (von Ottavio Amigoni, 17. Jh.) spielen. Hier befindet sich auch das beste Tafelgemälde der Kirche: Die >Verkündigung< im Altar an der Rückwand des Chores stammt vom hervorragenden niederländischen Manieristen Petrus Candid (frühes 16. Jh.). Nur wenige Werke sind im Innenraum von der ursprünglichen Ausstattung erhalten geblieben. Dazu zählt vor allem die Cappella Averoldi (3, Seitenkapelle rechts); die Gewölbefresken (Evangelisten und Kirchenväter) sind in Brescia das einzige, außerhalb von Museen erhaltene Werk Vincenzo Foppas, des in Brescia geborenen Begründers der lombardischen Renaissance-Malerei. Fresken des 15. Jh. sind ebenfalls in der Kapelle links des Chores erhalten, in der auch die ungemein dramatische Skulpturengruppe der >Beweinung Christi< (15. Jh.) aufgestellt ist. An der Rückseite des Chores (man wende sich an die Kustoden) kann man noch eine kleine, suggestive Kapelle besichtigen, die im frühen 16. Jh. von Floriano Ferramola (Thronende Madonna mit Heiligen) und Vincenzo Civerchio (Magdalena vor Christus und Auferstehung) mit erzählfreudigen Fresken der Frührenaissance ausgemalt wurde.
Zwei Querstraßen weiter südlich erreicht man die außen unscheinbare Kirche San Giovanni Evangelista (18), im 5. Jh. gegründet, unzählige Male umgebaut und zuletzt im 17. Jh. barockisiert. Sie besitzt viele qualitätvolle Kunstwerke, einzigartig ist jedoch die Ausmalung der Cappella del Santissimo Sacramento im linken Seitenschiff. Alle Fresken der rechten Wand stammen von Moretto (Mannalese, Elias wird vom Engel geweckt, Lukas und Markus, darüber Abendmahl und Propheten), jene der linken Wand von Romanino (Gastmahl mit Fußwaschung Christi, Auferweckung des Lazarus, Matthäus und johannes, Hostienwunder und Propheten). Die unterschiedlichen Bildauffassungen beider Maler zeigen sich auf einen Blick: Man vergleiche die entrückte Harmonie von Morettos >Elias wird vom Engel geweckt<, die in einer Landschaft von schier irrealer Schönheit spielt, mit Romaninos >Gastmahl im Hause des Pharisäers<, das von den scharf gezeichneten, wie von flackerndem Licht beleuchteten Porträts in einem realen Raum mit Gegenständen des alltäglichen Lebens bestimmt ist. Der Vergleich zwischen den beiden großen Konkurrenten erweist, dass Moretto eindeutig der perfektere Maler war, für Romanino spricht die Suche nach Wahrhaftigkeit, die eine Vielfalt von originellen Lösungen und Details gebar.
Die Beliebtheit Morettos bei kirchlichen Auftraggebern bezeugt eine Fülle weiterer Gemälde: hinter dem Hochaltar Maria mit Heiligen, an den Seiten Predigt und Abschied johannes des Täufers sowie johannes der Täufer und Evangelist ]ohannes und im dritten Seitenaltar der Bethlehemitische Kindermord, bei dem er selbst dieses grausige Thema in Bilder von elegischer Schönheit umsetzte. Romanino ist immerhin noch mit zwei Gemälden vertreten: im linken Seitenschiff in der ersten Kapelle (Vermählung der jungfrau) und am vierten Altar (Maria mit Kind und Heiligen). Auch die übrige Ausstattung der im 17. Jh. barockisierten Kirche (nur die polygonale Apsis, die Kapellen Santissimo Sacramento und Santa Maria blieben vom Bau des 15. Jh. erhalten) ist bemerkenswert. Neben den prunkvollen Barock-Altären besticht Sante Calegaris Dekoration in der Cappella della Madonna del Tabarrino; das Marienbild wird eingerahmt von einem fließenden gelben Marmortuch, das zwei kniende Engel halten (spätes 17. Jh.). Am Ende des linken Seitenschiffs verbirgt sich hinter einem roten Vorhang die Tür zur Kapelle der hl. Maria, die Paolo da Caylina il Giovane im beginnenden 16. Jh. in verhaltenen Farben und anmutigen Formen mit Szenen aus dem Leben Mariens schmückte. Der Sehenswürdigkeiten noch nicht genug, hat San Giovanni auch noch einen der schönsten Kreuzgänge der Stadt zu bieten; die doppelgeschossige Renaissance-Anlage (um 1500) ist von außen durch die Tür rechts neben dem Portal zugänglich.
Die Straßen südlich der den Fußgängern vorbehaltenen Geschäftsstraße Corso Mameli mit dem mittelalterlichen Befestigungsturm Torre della Pallata mit seinem zur Barockzeit vorgesetzten Brunnen flankieren von außen meist unscheinbare Patrizierhäuser (vor allem an der Via della Pace); sie sind allesamt nicht zu besichtigen, jedoch öffnen sich häufig Blicke in charmante Innenhöfe mit Brunnen, Loggien und Treppenaufgängen. Die Via della Pace endet in einem malerischen Platz, den die schönste gotische Kirche Brescias begrenzt. San Francesco (19) wurde 1254-65 unmittelbar außerhalb der Stadtmauern auf Kosten der Stadt und der Bürgerschaft für den Bettelorden der Franziskaner Minoriten gebaut. Die ursprünglich schmucklose Kirche wurde im Ubergangsstil von der Romanik zur Gotik errichtet, der heute noch erhalten ist. In der streng gegliederten Fassade verbinden sich das romanische Rundbogenportal und das romanische Element des Bogenfrieses mit dem schon gotischen Radfenster. Hinter dem Portal eröffnet sich ein so eindrucksvoller Innenraum, dass auch der profan gesinnte Betrachter ihn als würdevoll empfinden mag. Die Wirkung wird auch hier erreicht durch die Verbindung romanischen und gotischen Stilempfindens: trotz basilikal abgestufter Schiffe vermitteln die hohen, weit gespannten Arkaden den Eindruck einer Hallenkirche, der von der Gotik geprägten Raumlösung.
Die vielen späteren Zutaten haben der Kirche nicht geschadet — im 14. und 15. Jh. Chor mit seitlichen Kapellen, im späten 15. Jh. Anbau von Grabkapellen im linken Seitenschiff, Renaissance-Altäre im rechten Schiff-, denn eine Fülle von qualitätvollen Kunstwerken ist hinzugekommen. Selbstverständlich ist auch hier ein Werk Morettos dabei; er malte das Bild im ersten Altar des rechten Seitenschiffs, das die hl. Margarethe zwischen den hll. Hieronymus und Franz von Assisi zeigt (1530). Auch wenn ihm die Gesichter etwas zu frömmelnd gerieten, sind die vollendet schöne Haltung der Margarethe und die symmetrische Hintergrundarchitektur ein überzeugender Beweis seines Könnens. Man beachte auch den rahmenden Renaissance-Altar mit seinen vielen dekorativen Details, insbesondere den Kampf zwischen Kentauren und Meeresgöttern am Säulenfuß. An der gesamten rechten Langhauswand haben sich Fresken des 14. Und 15. Jh. erhalten. Das schönste, eine Grablegung eines herausragenden Meisters der Giotto-Schule aus dem frühen 14. ]h., befindet sich links vom zweiten Altar, darüber Mönche und eine Gruppe von Klerikerschülern (Ende 14. Jh,). Ein frühes Werk Romaninos (um 1510) bildet das Blatt des Hochaltars: Der Bogen des vergoldeten Holzrahmens (von Stefano Lamberti) setzt sich fort in einem gemalten Tonnengewölbe, unter dem Maria mit dem Kind thront, umgeben von Franziskanerheiligen.
Die Kapellen des linken Seitenschiffs wurden im 15. Jh. Angebaut und später barockisiert. Neben den illusionistisch ausgemalten Kuppeln der zweiten und sechsten Kapelle (vom Chor aus gesehen) ist die Verschwenderisch ausgestattete Cappella dell’Immacolata (4. Kapelle) hervorzuheben. Hinter der graziösen Mannorbalustrade mit skulptierten Ranken, Putti und an beiden Seiten jeweils einem Baum der Erkenntnis, um den sich die Schlange windet und gerade in den verbotenen Apfel beißt, prunkt eine überwältigende Rokoko-Dekoration (Um 1750). Der ganze Raum ist ausgemalt mit Szenen aus dem Alten Testament von G. B. Sassi und Antonio Cucchi (Scheinarchitekturen von Giacomo Lechi und Eugenio Ricci). In der letzten Kapelle vor dem Portal hängt das hübsche Tafelbild >Vermählung Mariä< (1547) des Romanino-Schülers Francesco Prato da Caravaggio.
Durch die Tür rechts der Fassade (eigene Öffnungszeiten!) gelangt man in den eleganten gotischen Kreuzgang des lombardischen Baumeisters Guglielmo da Frisone (14. Jh.). Ganz in der Nähe sind noch zwei weitere Kirchen einen kurzen Besuch wert: Santa Maria dei Miracoli und Santi Nazaro e Celso. Santa Maria dei Miracoli (20) wurde um die Wende zum 16. Jh. für die Verehrung eines für wundertätig gehaltenen Marienbildnisses errichtet. Der eigenwillige Renaissance-Bau zieht mit seinem überaus reichen bildhauerischen Schmuck den Blick auf sich. Der Mittelteil der Fassade mit dem säulengetragenen Portalvorbau ist über und über bedeckt mit kunstvollen Reliefdekorationen, die erst bei genauerer Betrachtung ihre volle Schönheit offenbaren. Lombardische Steinmetzen — wahrscheinlich dieselben, die auch an der Loggia arbeiteten — schufen hier in verschwenderischer Fülle ineinander verwobene Ranken, Früchte und Blumen, zwischen denen Putti hervorschauen, Vögel sitzen, sich Schlangen winden und Fabelwesen tummeln, zusammen mit einer Vielzahl von heidnischen und christlichen Allegorien. Auch im hellen Innenraum dominiert der Reliefschmuck, der einen Großteil der Architektur überzieht. Mittelmäßig sind die Tafelbilder, das erste Bild an der rechten Wand, Morettos >Madonna mit dem hl. Nicola di Bari< ist nur eine Kopie des Originals in der Pinacoteca Tosio-Martinengo.
Der klassizistische Baukörper von Santi Nazaro e Celso (21) (1752-80) verdient kaum Interesse, dafür um so mehr einige Ausstattungsstücke, die aus der Vorgängerkirche übernommen wurden. Das berühmteste und schönste Bild ist der meisterhaft gemalte >Polittico Averoldi< (1522), ein Werk Tizians mit der von gespenstisch-überirdischem Licht umgebenen Figur des auferstandenen Christus in der Mitteltafel. Moretto ist hier mit mehreren Werken vertreten: In der zweiten Kapelle des linken Seitenschiffs hängt seine >Marienkrönung< (1538), die wegen ihrer souveränen Ausführung zu seinen Meisterwerken gezählt werden kann, jedoch trotz der schönen Farben und der Perfektion der Figuren an übermäßiger Idealisierung krankt und leicht zum Süßlichen neigt. Von ihm sind auch die beiden ehemaligen Orgelflügel mit einer Verkündigung in der folgenden Kapelle und die Anbetung des Kindes in der vierten Kapelle links.
Man beachte außerdem die Reste des Grabmonuments für Altobello Averoldi (1522) in der Vorhalle. (Gegenüber der Kirche die reich gegliederte Fassade des Palazzo Fe d’Ostiani (22) aus dem 18. Jh.) Wer sich an Kirchen und sakraler Kunst sattgesehen hat, sollte für den Weg zum belebten Geschäftszentrum am alten Marktplatz den Corso Martiri della Liberta nehmen und in die Contrada Soncin Rotto einbiegen, denn dort kommt man an einigen Beispielen der über 60 Palazzi des Brescianer Patriziats vorbei. Gleich an der Einmündung liegt rechts der majestätische Palazzo Martinengo-Villagana (23) in venezianischem Barock (jetzt Sitz der Banca S. Paolo) und schräg gegenüber der Palazzo Ferraroli (24) aus dem 18. Jh. Gegenüber dem Palazzo Soncino (25; 18. Jh.), führt ein Sträßchen hinauf zur Piazza del Mercato, die zur Westseite hin effektvoll mit dem Palazzo Martinengo-Palatini (26; um 1760) abschließt, der mit seiner streng symmetrischen, doch ungemein wirkungsvollen Fassadengliederung und den Statuen von Antonio Calegari als elegantester Barock-Palast der ganzen Stadt anerkannt ist.
Nördlich folgt die von faschistischen Monumentalbauten gesäumte Piazza della Vittoria. An der Ecke zum Corsetto Sant’Agata (27) steht die gleichnamige Kirche mit zahlreichen guten Gemälden der Brescianer Schule um 1600. Glanzstück der Ausstattung ist jedoch auch hier die grandiose Gewölbefreskierung: Den ganzen Raum umziehen himmelwärtsstrebende Scheinarchitekturen des Quadraturisten Pierantonio Sorisene (1683), der die originelle Idee aus Santi Faustino e Giovita aufnimmt, Höhenunterschiede zwischen den Bauteilen durch fingierte Treppen und Balustraden zu überwinden. Die gleichzeitigen Deckengemälde (Himmelfahrt Mariä, Christi und Verklärung der hl. Agnes) schuf Pompeo Ghitti. Unbekannt ist der Autor der im Chor abgenommenen und dort aufgehängten Fresken (um 1475). Neben einer Kreuzigung und den hll. jakobus und Antonius zeigen sie eine unfreiwillig komische Anbetung, in der Maria ein wenig ungläubig und äußerst bekümmert auf das Christuskind zu ihren Füßen herabblickt.
Als letzte Sehenswürdigkeit Brescias bleibt noch die Burg (28) auf dem Cidneohügel. Von den Bauten der Kelten und Römer ist nichts mehr übrig, und weder die vernachlässigten Reste der venezianischen Bastionen noch der von den Visconti erbauten Kernburg lohnen den Weg hinauf. Doch ist die Via Piamarta, die von San Salvatore bergauf führt, vorbei an den romanischen Apsiden von San Pietro in Oliveto (29), recht reizvoll und auch die Aussicht, die sich von oben bietet, empfehlenswert — außer an Sonn- und Feiertagen, an denen hier ein unbeschreiblicher Rummel herrscht, denn der öffentliche Park mit einem kleinen Zoo im Burgbereich ist ein beliebtes Ausflugsziel der Brescianer. Interessierte finden oben auch ein Museo del Risorgimento mit Zeugnissen der italienischen Einigungskriege und ein gut bestücktes Waffenmuseum.
Außerhalb der Altstadt im östlichen Vorort S. Eufemia kann man im ehemaligen Kloster Sant’Eufemia alla Fonte das Museo della Mille Miglia (30) besuchen. Fans des Automobilsports finden dort eine Dokumentation zur Geschichte des legendären Straßenrennens, das ab den 1920er-Iahren über 1000 Meilen (mille miglia) von Brescia nach Rom und wieder zurück führte (historische Rennwagen, Plakate, Filme, Rennbekleidung und Erinnerungsstücke von berühmten Fahrern). In den letzten Jahren ist die Mille Miglia als Oldtimer Rennen wieder belebt worden.

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