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Dom und Vescovado

Dom und Vescovado

Viele Besucher Veronas wähnen sich schon in der Kirche Sant’Anastasia aufgrund von Größe und Pracht des Bauwerks im Dom der Stadt. Dem ist nicht so, denn der Dom liegt einige Minuten entfernt, von der Piazzetta Sant’Anastasia die Via Duomo hinauf, am Rande der Altstadt in der Nähe des Etschufers. Hier war in den Ruinen römischer Villen mit ihren Thermen bereits in der zweiten Hälfte des 4. Ih. die wohl älteste frühchristliche Kirche Veronas entstanden; nur wenige Iahrzehnte später, Anfang des 5. Jh., wurde sie durch eine größere Basilika ersetzt. Der geweihte Ort und das reichlich vorhandene Steinmaterial waren vermutlich Anlass für die Errichtung einer Domkirche (9. Jh.) in so ungewöhnlicher Lage abseits des politischen Zentrums der Stadt. Diese periphere Stellung sollte der Dom im wörtlichen wie übertragenen Sinne behalten, denn nach dem schweren Erdbeben des Jahres 1117, dem fast alle frühen Dome Oberitaliens zum Opfer fielen, wurde der heutige Bau 1139-84 an derselben Stelle errichtet, zusammen mit einer Taufkirche, einem Kreuzgang, Bischofspalast (Vescovado), einer eigenen Kirche für das Domkapitel und der Kapitularbibliothek bildete er einen kleinen Kirchenstaat am Rande der Stadt. Die italienischen Bischöfe waren bis zum Investiturstreit von den ottonischen Kaisern als Garanten ihrer Macht in Italien eingesetzt und mit bedeutenden Rechten und Einkünften ausgestattet worden. Als die deutschen Kaiser den Investiturstreit verloren hatten, büßten auch die italienischen Bischöfe ihre Machtstellung ein. Nun durfte nur noch der Papst die Bischöfe einsetzen. Dieser war jedoch unfähig, den nicht mehr vorhandenen Schutz durch die Reichsgewalt zu ersetzen, und so verloren die Bischöfe Stück für Stück ihre Macht an die Institutionen der aufblühenden Stadtrepubliken. So gingen dem Veroneser Bischof mit der Zeit zahlreiche Steuer- und Stapelrechte, Wege- und Wasserzölle und vieles andere verloren, bis er politisch nur noch eine bessere städtische Repräsentationsfigur abgab, die die herrschenden Parteien nach Belieben aus ihren Reihen stellten. Als dann zur Zeit der Scaligeri die innen ungleich prächtigere Kirche Sant’Anastasia im Zentrum entstand, rückte der alte Dom endgültig an die zweite Stelle.
Der Dom Santa Maria Matricolare (11) präsentiert sich seit seinen letzten, 1444-1520 erfolgten Veränderungen als mächtiger romanischer Außenbau mit gotischem Innenleben. Fassade, Seitenportal und vor allem die riesige Apsis stellen klassische Beispiele oberitalienischlombardischer Romanik dar, bereichert um die veronesische Komponente der farbigen Wandgliederung durch horizontale Schichten von Tuff- und Backsteinen. Typisch lombardisch ist der baldachinartige Portalvorbau, der hier in monumentaler Steigerung gleich doppelgeschossig erscheint. Er ruht auf gedrehten Säulen, die von großen Fabeltieren getragen werden, die dahinter aufragende Westfassade folgt dem basilikalen Querschnitt der Kathedrale und ist von Lisenen, Rundbogenfriesen und Blendbogengalerien reich gegliedert. Das Portal ist das letzte Meisterwerk des berühmten Maestro Nicolo, der auch die Portale in San Zeno (s. S. 245ff.) und am Dom von Ferrara geschaffen hat, einer der wenigen Bildhauer des Hochmittelalters, der sich mit einer Inschrift namentlich selbst genannt hat. Die ganze Pracht romanischer Bauplastik entfaltet sich unter dem Baldachinvorbau im vielfach abgestuften Gewände des Portals. Zwischen verschieden geformten und ornamentierten eingestellten Säulchen erscheinen im Hochrelief gearbeitete Prophetenstatuen, die zu den frühesten mittelalterlichen Gewändeskulpturen gehören; an den beiden vordersten Pfeilern sind zwei größere gerüstete Kriegerfiguren angebracht, welche angeblich die Paladine Karls des Großen, Roland und Olivier, darstellen.
Geht man rechts um den Dom herum, erreicht man an der südlichen Außenmauer das kleinere, aber in gleicher Art ausgeführte romanische Seitenportal mit doppelstöckiger Säulenstellung und bemerkenswerter skulpturaler Ausstattung, die sich hier besonders an den Kapitellen zeigt. Berühmt ist die Ostseite des Doms mit der gewaltigen Hauptapsis; die äußerste Strenge ihrer monumentalen Gliederung durch steil aufsteigende flache Lisenen kontrastiert effektvoll mit den fonnenreichen Kapitellen und dem oben umlaufenden Ornamentfries.
Wenn man schon um den Dom herumgegangen ist, sollte man von der Apsis die wenigen Schritte zum Tor des Bischofspalastes (12), des Vescovado, nicht auslassen. Es öffnet sich in einer wehrhaften, zinnenbekrönten Mauer zum Hof mit einer weiträumigen spätgotischen Loggia, die auf romanischen Säulen steht, die während des Domumbaues 1475 aus dessen Inneren hierherversetzt wurden. Die gegenüberliegende Seite des Hofes nimmt die Fassade des im 15. Jh. neu errichteten Bischofspalastes ein, aus der noch ein breiter Turm des romanischen Vorgängerbaus (12. ]h.) herausragt. Geht man vom Vescovado wieder zurück zum Dom, sollte man bedenken, dass ungefähr hier das vermutlich unschuldige Blut des Bischofs Bartolomeo della Scala in den Staub floss. Sein Verwandter, der Stadtherrscher Mastino II., hatte einen Wink erhalten, dass während seines Konflikts mit Venedig neben zahlreichen anderen Verbündeten auch der Bischof von Verona zur Partei der Lagunenstadt überlaufen wollte. Dieser hatte wohl tatsächlich mit der Serenissima verhandelt, doch nicht in verräterischer Absicht, was ihm der krankhaft misstrauische Mastino nicht glaubte: Am 27. August 1338 begegnet er dem Bischof vor dem Vescovado und stellt ihn zur Rede. Im Laufe des folgenden Wortwechsels greift Mastino zum Schwert und meuchelt den Kirchenmann auf offener Piazza.
Den Dom betritt man durch das Seitenportal der Südseite (s. o.). Hinter dem romanischen Außenbau öffnet sich ein weiter, in gotischer Zeit umgestalteter Innenraum, für den alle einleitenden Bemerkungen zu Sant’Anastasia Gültigkeit haben (s. S. 210ff.). Hier allerdings öffnen die mächtigen Bündelpfeiler der Arkaden das Mittelschiff zu zwei fast gleich hohen Seitenschiffen, wodurch beinahe der Eindruck einer Hallenkirche entsteht. Um wie viel näher Sant’Anastasia dem öffentlichen Leben der Stadt stand, lässt sich auch daran ermessen, dass dort die Kapellen Grabmonumente bedeutender Persönlichkeiten oder Familien Veronas enthalten; hier im Dom wurden sie fast alle von Domkanonikern gestiftet und sind daher — mit einer Ausnahme — entsprechend weniger repräsentativ ausgestattet. Diese Ausnahme befindet sich am Altar in der ersten Kapelle des linken Seitenschiffs. Dort ist in großartig vereinfachter Komposition eine >Himmelfahrt Mariens< zu sehen, 1540 vom großen Venezianer Tizian gemalt. Die Seitenschiffe zeichnen sich durch eine Kuriosität aus: Im frühen 16. ]h. hat Giovanmaria Falconetto, der ein guter Architekt, aber mäßiger Maler war, ihre hohen Wände mit ungeheuren, von allerlei Heiligen bevölkerten Scheinarchitekturen der Antike und der Renaissance bemalt, die die Pilaster Ordnungen um die Kapellennischen in eigentümlichster Weise monumentalisieren. In den Kapellen der Seitenschiffe beachte man zwei gute Altartafeln der Veroneser Schule des 16. Jh.: Neben dem Seitenportal das Altarpolyptichon mit einer vorzüglichen Mitteltafel von Liberale da Verona (>Anbetung der Könige<) und Seitenteilen von Nicolo Giolfino sowie das Altarpolyptichon (u. a. >I—Il. Familie<) in der dritten Kapelle des linken Seitenschiffs. Die beiden größeren Kapellen der jeweils vierten Seitenjoche wurden gegen 1760 barockisiert; um 1600 entstanden die mächtigen Orgelemporen im rechten und linken fünften doch. Das Ende des rechten Seitenschiffes nimmt das große gotische Grabmonument der hl. Agatha ein. Das kunstvolle Werk von 1353 zeigt das von vier Engeln bewachte Totenbett der Heiligen, überwölbt von einem Baldachin mit der grausigen Darstellung ihres Martyriums.
Die Ostpartie des Domes wird geprägt von den halbrund in den Raum vorstoßenden Chorschranken (1534) des Veroneser Festungsbaumeisters Michele Sanmicheli, dem so genannten tormzcoro. Der viel gerühmte, klassizierende Aufbau beschränkt sich auf schlichteste architektonische Elemente — Säulen, Brüstung, Gebälk und Rundbogen — und besticht durch die edlen Farben seines polychromen Marmors. In der Apsis Renaissance-Fresken des ]ahres 1534 von Francesco Torbido nach Vorlagen von Giulio Romano. Wer dessen Fresken im Palazzo Te in Mantua gesehen hat, wird sein souveränes Talent für die illusionistische Täuschung und seinen Hang zum Grotesken sofort wieder erkennen.
Unter der Orgel des linken Seitenschiffs (Flügelgemälde von Felice Brusasorci) führt eine Tür in den alten Kathedralbezirk. Vorbei an einem im 12. Jh. an den Dom angebauten Portikus mit antikisierenden Kapitellen (darunter Reste der frühchristlichen Kirche des 5. Jh.) gelangt man zur Taufkirche San Giovanni in Ponte (13). Diese stellt nicht, wie sonst häufig in Italien zu finden, einen polygonalen Zentralraum dar, sondern eine klar gegliederte dreischiffige Basilika, errichtet 1122-35. Neben dem klassischen Raumeindruck und den romanischen und gotischen Freskenfragmenten gilt die Aufmerksamkeit vor allem dem berühmten Taufbecken.
Es ist aus einem einzigen rosafarbenen Marmormonolith gehauen und zu einem großen Oktogon mit acht Reliefszenen an den Außenseiten gestaltet. Diese Reliefs gehören zu den bedeutendsten Zeugnissen romanischer Skulptur in Oberitalien, sie bilden eine einzigartige Synthese zwischen der ins Monumentale übersetzten Formensprache byzantinischer Elfenbeinplastik und der aus dem Norden kommenden, individuell-expressiven Personenauffassung. Das um 1200 geschaffene Werk zeigt in acht Szenen die Heilsgeschichte von der Verkündigung bis zur Taufe Christi.
Nebenan steht Sant’EIena (14), die ehemalige Kirche des Domkapitels (12. Jh.). Im Inneren sind Mauerreste und Mosaiken der ersten Vorgängerkirche des Doms aus dem 4. Jh, (vor dem Presbyterium) und Reste der Apsis aus dem Erweiterungsbau des 5. Jh. ausgegraben worden.
Wieder zurück auf dem Domplatz, führt links neben dem Dom ein Durchgang in den weiten Kreuzgang der Kanoniker. Er stammt aus dem 12. Jh.; seine von Doppelsäulen getragenen Arkaden sind an der Ostseite noch in ihrer doppelgeschossigen Anordnung zu sehen. In einem Flügel sind Fußbodenmosaiken und eine Säule der Basilika aus dem 5. Jh. erhalten. Auf dem Domplatz erblickt man links neben der Kirchenfassade die Gebäude der Kapitularbibliothek (15), die aus dem im frühen 5. Jh. gegründeten Scriptorium Sacerdotum hervorging; entsprechend besitzt diese Bibliothek unschätzbare Stücke aus allen Bereichen des früh- und hochmittelalterlichen Geisteslebens, die bei gelegentlichen Ausstellungen gezeigt werden.
Von der Apsis des Domes sind es nur wenige Schritte zum alten Wachturm des Ponte Pietra, der von den Römern erbauten Brücke, die auf der >Icon0grafia Rateriana<, der ältesten Darstellung Veronas aus dem 10. ]h., Pons Marmoreus genannt wird. Alberto della Scala hatte sie 1298 instand setzen lassen, nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde sie unter Verwendung der Originalteile wieder aufgebaut. Hier ist auch der beste Ausgangspunkt für die Besichtigung der vielen Sehenswürdigkeiten am gegenüberliegenden Ufer der Etsch.

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