Obwohl seine Villa und der dazugehörige Park mit seinen zahlreichen Privatmonumenten einer der Publikumsmagneten in Gardone am Gardasee ist, müssen alle Autoren, die sich näher mit d’Annunzio beschäftigen, zum Schluss zugeben: Er ist ein Phänomen, das aus heutiger Sicht niemand mehr verstehen kann. Gabriele d’Annunzio, Sohn reicher Eltern, war Dichter und Literat, Kriegsverherrlicher und Salonlöwe, Nationalist und rastloser Frauenjäger — in dieser Mischung wurde er als größter italienischer Geistesheroe von den Faschisten Mussolinis glühend verehrt. Sein literarisches Schaffen ist geprägt von heute schwer erträglichem Pathos, lasziv—exzessivem Inzest, schwülstig—amourösen Beziehungen und der Propagierung des Übermenschen, der jenseits jeder Moral steht. Daneben gibt es sensibelste Lyrik von betörendem sprachklang. Ebenso bizarr war seine parallel zur literarischen verlaufende militärische Karriere. 1918 steuert er selbst ein Flugzeug über die Alpen nach Wien, nur um dort Flugblätter abzuwerfen, auf denen er die Wiener beschimpft, durch ihr Bündnis mit Preußen seien sie auf das Niveau Berliner Grobiane herabgesunken. Danach besetzt er 15 Monate mit einer Privatarmee die jugoslawische Hafenstadt Rijeka, bis sie zu Italien kommt. Sein Kriegsschiff ist im Park seiner Villa eingemauert, sein pompöses Mausoleum ein Privattheater für seine Schauspiele, die Ausstattung seiner Villa zeigt den einzigen noch unmittelbar nachvollziehbaren Zug seiner Persönlichkeit: sein unfehlbares Talent zur Selbstinszenierung. Bescheiden hat er über den Eingang zu seinem Schlafzimmer die Inschrift anbringen lassen: Genie und Wollust.