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Gardone Riviera

Gardone Riviera

Wer vor wenig mehr als hundert ]ahren die Küste zwischen Maderno und Salo entlanggefahren wäre, hätte ungefähr auf halber Strecke zwischen beiden ein in subtropischer Vegetation versinkendes Fischerdorf mit einer Pfarrkirche am Hang entdeckt, weiter nichts  vom heutigen mondänen Gardone keine Spur. Doch dann erschien gegen 1880 der Deutsche Louis Wimmer, und der erkannte die so genannten Zeichen der Zeit in den durch Industrialisierung und Bodenspekulation verwüsteten oberitalienischen Städten richtig: Wer dabei reich gewor. den war, konnte sich einen Hang zur beschaulichen Erholsamkeit in schöner Natur leisten, und den zog es aus Mailand und Brescia an die Südwestecke des Gardasees. Hier fand er noch die klare Luft des Gebirges und am Ufer das wärmste Klima Italiens nördlich des Apennins, Und das vornehme Publikum kam zahlreich an seinen neu kreierten Treffpunkt: Rasch begann Wimmer mit dem palastartigen Ausbau des >Grand Hotel Gardone Riviera<, und bald zog sich eine lange Kette von Villen im kurios pompösen Stil der Gründerjahre inmitten luxuriöser Gärten Ufer und Hang entlang. Als auch noch der italienische Geistesheroe Gabriele d’Annunzio hier seine Residenz nahm, war der Ruf der >Brescianer Riviera< perfekt: Ein exklusiver Platz, an dem Geld, Intellekt und Politik unter sich waren, und es ist kein Zufall, dass Mussolini nach seiner Entmachtung und gewaltsamen Wiedereinsetzung durch die deutschen Faschisten in Salo sein neues Hauptquartier aufschlug; sein Hofstaat samt Mätresse wurde in den schönsten Villen des Seeufers einquartiert.
Seitdem hat sich einiges geändert, und der Massentourismus flutet durch die beiden Zentren des Ortes: Gardone di sotto am Ufer, eine reine Hotel- und Eisdielengründung aus der Wende zum 20. jh., und das historische Gardone di sopra, oben bei der Kirche, heute eine Art Vorort des einen ganzen Berghang einnehmenden >Vittoriale degli Italiani<, der egokultischen Wohnstätte des d’Annunzio. Das Gardone am Seeufer besitzt eine kurze, aber berühmte Seepromenade, auf der es keinen Autoverkehr gibt und die von der Gardesaua aus i nicht sichtbar ist. Dort, wo der hohe Turm des Grand Hotel des Louis i Wimmer die Dächer überragt, führt eine Treppe hinunter auf die tatsächlich sehr hübsche Promenade, zu Saisonzeiten meist hoffnungslos übervölkert, sonst aber ein angenehmer Ort mit viel Atmosphäre und einem eindrucksvollen Blick entlang der nostalgischen Ufervillen und durch Palmenalleen auf den gegenüberliegenden, bis in den Frühsommer schneebedeckten Monte Baldo.
Gardone di sopra ist trotz des Vittoriale-Rummels ein hübscher alter Ort geblieben, überragt von der schlichten, wohlproportionierten Barockfassade der Pfarrkirche San Nicola. Auf einem schmalen Balkon kann man ganz um den Bau herumgehen, von seiner Rückseite genießt man einen Blick über den See, der dem aus d’Annunzios Villa nicht nachsteht. Das Innere der Kirche ist ein bisschen üppig stuckiert und die großflächigen Gewölbefresken mittelmäßig, zumindest im ersten ]och aber nicht ohne Witz: In schimmernder Rüstung fährt der Erzengel aus den Wolken und stürzt mit gezogenem Schwert den Teufel in die Tiefe. Dieser ist ein faltiger, verschlagener alter Kerl mit obligaten Hörnern, der nicht faul gewesen zu sein scheint, denn mit ihm wird eine zahlreiche teuflische Nachkommenschaft aller Größen vertrieben, darunter mehrere Kinderteufel mit entsprechend kleineren I-Iörnchen, die sich am illusionistisch gemalten Bildrahmen über dem Abgrund des Kirchenschiffes festzuhalten scheinen. In Gardone di sopra haben sich in zwei berühmten Parkanlagen die Spleens zweier älterer Herren gewissermaßen materialisiert, Zwei sehr unterschiedliche Ideen allerdings, denn nicht weit vom botanischen Raritätenkabinett des Dr. Hruska (s. u.) liegt Il Vittoriale degli Italiani, zu übersetzen mit >Siegesdenkmal der Italienerr, und die Frage, was denn das eigentlich sei, ist nicht leicht zu beantworten. Die Italiener sind an diesem Opus relativ unschuldig, denn es handelt sich um Park und Villa des Dichters Gabriele d’Annunzio (1863-1938), der sich als Inkarnation des italienischen Geistes verstand, was immer das sein mochte. Das allein hätte freilich nicht gereicht, einen ganzen Berghang umzugestalten, doch war d’Annunzio außerdem ein glühender Verehrer von Krieg, Gewalt und Vaterland, und die intellektuelle Weihe, die er dieser Kombination verlieh, machte ihn zum gefragtesten Denker des faschistischen Italien. Vom Duce hochverehrt, vom italienischen Staat mit Geld und Geschenken überhäuft, baute er dieses megalomanische Denkmal seiner Person  und seiner militärischen Laufbahn. So entstanden hier mit seiner Villa, einem Theater und seinem riesigen Mausoleum (wo er, überhöht natürlich, mit einigen Mitkämpfern beigesetzt ist), mehreren loggienumgebenen Höfen, einem Museum der eigenen Schriften und Uniformen Bauwerke in einem Stil, der Anklänge an die römische Antike signalisieren soll, doch eher der monströsen Bauweise der faschistischen Ara ähnelt. Außerdem ist der Park mit militärischen Andenken durchsetzt: das komplette Vorschiff des Kriegsbootes, mit dem er an den Kämpfen um Dalmatien teilgenommen hatte, wurde unter großen Mühen herbeigeschafft und in den Berghang eingebaut; wenig später steht man in einer riesigen Halle, an deren Decke ein Doppeldecker hängt, mit dem d'Annunzio 1918 über Wien ein paar Runden drehte und antiösterreichische Flugblätter abwarf; daneben noch ein Saal mit einem originalen Schnellboot; Gegenstand großer Verehrung war stets der uralte Fiat, mit dem er und eine Handvoll esinnungsfreunde 1919 ins jugoslawisch besetzte Fiume (heute Rijeka) fuhren und es eroberten.
»Ohne das Kriegsfieber ist das Leben sehr langweilig«, hatte d’Annunzio geschrieben, und folgerichtig galten ihm Krieg und Totschlag nur als ideale Gelegenheiten zur Entfaltung seiner Individualität. Also jede Lira Eintrittsgeld eine Verschwendung Nicht ganz. Denn in seinem Bestreben, den Genius alles Italienischen einzufangen, haben Park und Gärten einige Landschaftspassagen erhalten, die mit künstlichen kleinen Seen, Wasserspielen, Brunnen, einem Wasserfall, umgeben von in üppiger Vegetation versinkenden antikisierenden Architekturen und prächtigen Zypressenhainen dem romantischen Ideal einer italienischen Landschaft sehr nahekommen. Dann sind da noch die Innenräume seiner Villa, seit seinem Tode nahezu unverändert, und wer etwas sehen will, was er noch nie gesehen hat, lasse sich die Besichtigung nicht entgehen. Im Gegensatz zum pompösen Auläeren des Baus bildet das Innere Fluchten kleiner Räume und Flure, auf das geschmackvollste und kostbarste mit seltenen Hölzern und Draperien ausgestattet und vollgestopft mit unübersehbaren Sammlungen unschätzbarer Kunstgegenstände und Bibliotheken. >>Man hat das Gefühl, im Traum in einen labyrinthischen Antiquitätenladen geraten zu sein«, bemerkte Rino Sanders. Um diesen Innenräumen nicht verständnislos gegenüberzustehen, darf man nicht vergessen, dass hier der gleiche Geist der Verherrlichung der eigenen Existenz regiert wie draußen bei den Waffen. Denn spätestens, wenn man zum >Saal des Aussätzigen< kommt, einer Art Totenzimmer in düsterer Pracht, und der Führer mit unbewegter Miene erklärt: >>Im Mittelalter galten die Aussätzigen als heilig. In diesem Sinne betrachtete sich d’Annunzio als aussätzig und richtete sich diesen Raum ein«, mag man sich fragen, ob der Führer oder der d’Annunzio noch bei Trost sind. Die Antwort bekommt man nebenan, im >Raum der Reliquien<, wo zwischen unzähligen kostbaren Figuren ein verbogenes Lenkrad auf dem Tisch liegt: Auch dies ein Heiligtum, stammt es doch aus den totenstarren Händen eines Freundes des Dichters, der bei einem von ihm initiierten Hochgeschwindigkeitsversuch ums Leben kam. Eine konsequente Geschmacklosigkeit: Der Versuch ist zwar gescheitert, der Freund tot, das Lenkrad verbeult — aber die Idee dazu, die stammte von ihm, von Gabriele d’Annunzio.
Um wieviel sympathischer war dagegen das Anliegen des anderen alten Herrn in Gardone di sopra, denn der hatte nicht Krieg und Nation vor Augen, sondern nur seine Pflanzen. Der Arzt Dr. Artur Hruska verfolgte im Garten seiner schlichten Villa, die nicht weit vom Vittoriale entfernt am anderen Ende des Ortes liegt, ein ehrgeiziges Projekt, wie es sich nur unter den klimatischen Bedingungen des Gardasees verwirklichen ließ: Er wollte Alpen- und Tropenilora in einer Anlage vereinigen. So studierte er jahrelang die Lebens bedingungen der von ihm ausgesuchten Pflanzen und schritt im Jahre 1910 zur Tat. Bäche wurden herbeigeleitet, die um kleine Teiche Feuchtgebiete entstehen ließen, künstliche Felsgebirge en miniature entstanden aus Tuffstein, der über einer Humusschicht mit Dolomitgestein verkleidet wurde, schließlich erhielt die ganze Kunstlandschaft ein Gewand aus über 2000 verschiedenen Pflanzenarten, die heute in verschwenderischer Farben- und Formenvielfalt die Besucher entzücken. Und der alte Blumennarr hat es tatsächlich geschafft; Nach einer Tour durch die etwa 15—20 m hohen Dolomitenimitationen, auf denen sich die ganze Pracht der alpinen Flora ausbreitet, steht man im Dämmerlicht eines schattigen Bambuswaldes, dem nur noch das lauernde Krokodil im glucksenden Bache fehlt. Der ganze Park ist nicht groß, er ist ja eigentlich nur der Garten der Villa, den man in einer Viertelstunde durchquert hat.

Boutique Hotel am Gardasee Villa Sostaga
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