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Geschichte

Geschichte

Mantua ist keine antike Gründung. Die Fläche der heutigen Piazza Sordello war zwar schon von Etruskern und Römern besiedelt, doch entstand die historisch bestimmende Insellage des Ortes erst zwischen dem 6. und dem 8, h. Damals verschüttete eine Flutkatastrophe der Etsch das alte Flussbett des Mincio (der bis dahin parallel zum Po floss) und drängte seinen Lauf in die Ebene ab. Dort versickerte er und bildete ein riesiges Sumpfgebiet, aus dem allein die flache Erhebung Mantuas herausragte — nun einer der wenigen festen Handelsplätze zwischen Mailand und Ravenna. Um die Jahrtausendwende fiel Mantua an das toskanische Haus Canossa, welches zeitweise ganz Mittelitalien beherrschte. Deren letzte Vertreterin, Markgräfin Mathilde (1046-1115), förderte besonders ihre Besitzungen in der Po-Ebene, um Anteil am Handel der landwirtschaftlich reichen Region zu erlangen. Sie stattete die Mantuaner Bürger mit umfangreichen Rechten und Privilegien aus und stiftete ihnen die zum Dom konkurrierende Pfarrkirche San Lorenzo auf dem Marktplatz. Die vor diesem Hintergrund rasch aufblühende Stadtrepublik war somit ein Neuling unter den großen Handelsstädten Oberitaliens, die fast alle auf antike Bedeutung zurückblicken konnten.
Gleichzeitig mit dem Aufstieg der Scaligeri in Verona konnte sich in Mantua 1272 die befreundete Familie der Bonacolsi die Stadt unterwerfen. In jenem seltsamen Verhältnis, in dem diese Signorien zu ihren Städten standen (als keineswegs zur Herrschaft legitimierte Nicht-Adelige beherrschten sie mit Gewalt und Diplomatie eine Handelsstadt), war ihre Existenz dennoch nur so lange gesichert, wie sie die ökonomischen Interessen ihrer Stadt wahrten. In diesem Sinne erwiesen sich die Bonacolsi als umsichtige Machthaber. In den 55 Iahren ihrer Herrschaft wurde Mantua so wohlhabend und das Haus der Bonacolsi so einflussreich, dass es nach dem 1311 verliehenen Titel >Kaiserlicher Landvogt< in der Lage gewesen wäre, den Scaligeri in Verona die Führung der oberitalienischen Ghibellinen-Partei streitig zu machen.
Angesichts dieser Entwicklung empfahl sich für das veronesische Großmachtstreben allein der Verrat: Die Scaligeri arrangierten sich mit der mantuanischen Familie der Gonzaga, und in einer Augustnacht des Iahres 1328 ereignete sich mit Hilfe veronesischer Truppen auf der Piazza Sordello ein furchtbares Massaker. Die Familie der Bonacolsi wurde ausgelöscht, ihre gotischen Paläste wurden von den Gonzaga in Besitz genommen, die nun die neue Signorie der Stadt bildeten, ohne irgendeine nach feudalen Rechten gültige Legitimation für ihre Herrschaft zu besitzen — ein für das restliche Europa, wo jeder Besitz als Lehensvergabe durch einen ranghöheren Adligen geregelt war, unvorstellbarer Aufstieg. Und die Gonzaga überlebten ihre Gönner: Als die Herrschaft der Scaligeri unter den Angriffen der Mailänder Visconti zusammenbrach und Verona erobert wurde, rettete der venezianische Gegenangriff auf Mailand Mantua, das von nun an als strategischer Pufferstaat dienen sollte. Im Rahmen dieser von beiden oberitalienischen Großmächten akzeptierten Sonderstellung des kleinen Stadtstaates blieb Mantua zwar machtlos, doch bot sich ihm so die unvergleichliche Gelegenheit, in 300-jähriger friedlicher Entwicklung Zu einem der europäischen Zentren höfischer Kultur aufzusteigen.
Bereits in der Regierungszeit des Guido Gonzaga (1360-69) weilte der Dichter Petrarca in Mantua, Francesco I. (1328—1407) brachte V0m französischen Königshof spätgotische Kunst des >höfischen Stils< mit. Sein Sohn Gianfrancesco (1407-44) wurde Oberbefehlshaber der venezianischen Armee im Krieg gegen Mailand, weshalb die Venezianer einen Aufenthalt des großen Malers Pisanello an seinem Hof erlaubten. 1433 kaufte er vom deutschen Kaiser Sigismund den Titel eines Markgrafen für seine Familie, 1437 wechselte er die Fronten und wurde Heerführer der Mailänder gegen Venedig. Die drohende Katastrophe konnte sein Sohn Ludovico II. (1444-78) abwenden, als er sich wieder mit Venedig Verbündete und sogar zum Feldherrn der vereinigten venezianisch-florentinischen Armeen gegen Mailand avancierte. Seine neuen Kontakte zu Florenz ließen keine Geringeren als Brunelleschi, Donatello und Fancelli in Mantua tätig werden. Der größte Gewinn war jedoch die 1460 gelungene Berufung des Andrea Mantegna, der vorher im Veneto tätig war – das bahnbrechende Genie dieses Schöpfers der illusionistischen Malerei machte Mantua schlagartig zu einem der führenden frühen Renaissancehöfe Italiens. Von Venedig nicht gern gesehen, trug Ludovico dem Papst die Stadt als Austragungsort des Konzils von 1459 an, wodurch der alle gotischen Traditionen brechende toskanische Architekt der Frührenaissance, Leon Battista Alberti, nach Mantua gelangte und dort die berühmte Kirche Sant’Andrea erbaute.
Mit Francesco II. (1484-1510) erreichte Mantua seinen Höhepunkt als Kunststadt, genauer gesagt unter seiner Frau Isabella d’Este. Sie pflegte Kontakt zu allen bedeutenden Künstlern und Gelehrten ihrer Zeit, sie legte viel gerühmte Kunstsammlungen an und steuerte als geschickte Politikerin ihren Mann mehr als einmal durch das verderbliche Gewirr der italienischen Bündnisdiplomatie. Ohne sie hätte auch ihr Sohn Federico II. (1519-40) die einzige erfolgreiche Chance verpasst, die Macht des Hauses Gonzaga auszudehnen, indem sie ihn drängte, trotz seiner lebenslangen Liebschaft mit der Frau eines Höflings die Erbtochter des piemontesischen Monferrato zu heiraten.
Als Oberbefehlshaber des päpstlichen Heeres lernte er die römische Kunst kennen, und es gelang ihm 1524, den Lieblingsschüler des großen Raffael, Giulio Romano, nach Mantua zu verpflichten. Danach gab es am Mantuaner Hof eine letzte Epoche märchenhaften Glanzes unter Vincenzo I., der 1587-1612 regierte. Antonio Maria Viani vollendete Giulio Romanos Planungen, der junge Rubens war acht Jahre  lang Hofmaler, und das Kammerorchester bekam einen neuen Kapellmeister: Claudio Monteverdi komponierte hier 1607 den >Orfeo< - die erste Oper der Musikgeschichte wurde in Mantua aufgeführt.
Mit dem Tode des Vincenzo legten sich die Schatten eines jähen Endes über den Glanz der Mantuaner Paläste. Sein erster Sohn Francesco IV starb nach nur sechsmonatiger Regierungszeit, seine beiden anderen Söhne waren Kardinäle geworden. Diesen erteilte der Papst zwar die Befreiung vom Keuschheitsgelübde, um die Dynastie der Gonzaga fortzupflanzen, doch nutzte auch diese kirchliche Sonderregelung nichts. 1627 erlosch unerwartet die direkte Linie der Gonzaga und nun brach das Unheil über die Stadt herein. Das Erbe beanspruchte eine nach Frankreich verheiratete Nebenlinie, die Herzöge von GonzagaNevers, die der deutsche Kaiser Ferdinand II. nicht anerkannte. Da das deutsche Kaiserhaus die Markgrafen- und Herzogswürde an die Gonzaga verliehen hatte, wollte Ferdinand Mantua als erledigtes Reichslehen einziehen, doch Carlo I. von Nevers bestand auf seinem Anspruch.
Als Antwort erschien 1629 eine kaiserliche Armee vor Mantua und begann mit der Belagerung. Gegen die inzwischen entwickelte weitreichende Artillerie waren auch die Seen um die Stadt kein Schutz mehr, und 1630 wurde Mantua zum ersten Mal erobert. Wie üblich nach dem Sieg eines Söldnerheers, folgte eine furchtbare Plünderung der Stadt, der berüchtigte >Sacco di Mantova<. Für die weggeschleppten Reichtümer hinterließen die Soldaten die Pest, die Stadt und Umland in kurzer Zeit entvölkerte. Den Rest besorgten die französischen Gonzaga-Nevers, die die noch verbliebenen Kunstsammlungen der Gonzaga verkauften; verschleudert und in alle Winde zerstreut wurde das legendäre >Studio< der Isabella d’Este, es leerten sich die Paläste und Kirchen. Als der letzte Herzog von Nevers 1707 wegen Unwürdigkeit seinen Titel verlor, nahm er die letzten Reste mit ins Exil — zurück blieben die Stadt und ihre Paläste wie leere Hüllen ihres verdunkelten Glanzes. Doch was sich an deren Wänden und Decken als Zeugen des verschwundenen Hofes der Gonzaga findet, macht Mantua noch immer zu einer der ersten Kunststätten Oberitaliens. Nach 1707 übernahmen die österreichischen Habsburger das kleine Herzogtum und bauten Mantua zur Südwestflanke jenes Festungsvierecks aus, mit dem sie ihre Macht in Italien lange Zeit behaupten konnten. Dass der südliche der vier Seen Anfang des 19. Jh. zugeschüttet wurde und die Inselstadt damit zum ersten Mal Gelegenheit zur Ausdehnung und zu industrieller Ansiedlung erhielt, mag man damals durchaus begrüßt haben. Nach der Vertreibung der Österreicher 1866 sank Mantua im vereinigten Italien zu einer unbedeutenden Agrarstadt herab, die riesigen Paläste wurden verschlossen und verfielen. Anfang der 50er Jahre des 20. Jh. glich der Palazzo Ducale einer Ruine. Zu dieser Zeit erkannte man langsam das ökonomische Potenzial des Tourismus, und es setzte eine über 50-jährige Restaurierungszeit der Paläste und des historischen Stadtbilds ein.
Erst nach 1980 gelang Mantua mit der glanzvollen Wiedereröffnung des Palazzo Te und Teilen des Palazzo Ducale seine Rückkehr unter die ersten Kunststädte Italiens — das Erbe der Gonzaga hat seinen gebührenden Platz in der Kunstgeschichte wieder eingenommen.

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