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Königsstadt der Völkerwanderung

Königsstadt der Völkerwanderung

So beginnt die legendäre Ära Theoderichs des Großen, die vielzitierte >>letzte Atempause der antiken Kultur« (Ploetz). Denn der Gotenkönig war für die Zeit der Völkerwanderung eine einmalige Erscheinung: Zwar Herr eines nur Krieg und Plünderung gewohnten Germanenvolkes, hatte er seine Jugend als Geisel am byzantinischen Hof der oströmischen Kaiser verlebt und war wie ein Prinz erzogen worden. Er war Heerführer und Diplomat, Barbar und gebildeter Römer in einem — und außerdem eine Karte im Spiel Ostroms um den Einfluss auf das zerfallende Westreich. Von Byzanz geduldet und gefördert, vernichtete er Odwakar und seine Anhänger und errichtete in ganz Italien bis zur Provence ein gotisches Königreich, in dem in den Jahren 493-526 noch einmal Friede und Wohlstand, Bildung und Pflege der antiken Kultur einkehrten. Verona, Pavia und Ravenna wurden die Hauptstädte des Theoderich, und alle ließ er mit Palästen und Kirchenbauten schmücken. In Verona errichtete er einen bis ins Mittelalter sagenumwobenen Palast an der Stelle der römischen Zitadelle auf dem Hügel San Pietro über dem Theater, außerdem die Kirche Santo Stefano, die in ihren Grundzügen noch heute steht. Vor allem aber restaurierte Theoderich gründlich die römische Arena und hat sie dadurch wohl der Nachwelt gerettet. Bis ins Spätmittelalter glaubte man daher, sie sei sogar von ihm erbaut — ein sicheres Zeichen für die Mythenbildung um diesen König. Als Theoderich 526 über siebzigjährig starb, war er nicht nur durch sein für damalige Zeiten biblisches Alter bereits eine Legende, sein Reich erschien in der Tat wie eine Realisierung aller Hoffnungen der von Mord, Brand, Barbarei und Schisma gebeutelten Zeitgenossen. Durch seine Residenz in Verona, dieser dem deutschen Sprachraum so nahe gelegenen Stadt, ging der legendäre König bald in die rennanischen Heldenepen ein. Er trat dort unter dem Namen Dietrich von Bern auf, was kein geographischer Irrtum der Sagenerzähler war: Durch die Lautverschiebung von v zu b war Verona zum germanischen Bearn geworden — so hieß die Stadt bis ins Mittelalter.
So war Verona zur Königsstadt der Völkerwanderung geworden und sollte es bleiben, auch wenn schon bald ein anderes Volk durch seine Straßen marschierte. Denn die Goten blieben in Italien eine letztlich von Byzanz geduldete Macht, welche abzuschaffen sich Gelegenheit bot, als Amalaswintha, die Tochter und Nachfolgerin Theoderichs, mit Mord und Inzest das gotische Königshaus in selbstmörderische Parteienkämpfe stürzte. Im Iahr 535 begann der oströmische Kaiser Justinian einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg gegen das Ostgotenreich, deren letzte Könige Totila und Teja in Verzweiflungskämpfen gegen die oströmischen Feldherren Belisar und Narses unterlagen; 553 waren die Goten aufgerieben, und ganz Italien wurde byzantinische Provinz. Dieser fast zwanzigjährige Gotenkrieg hatte das Land verödet und entvölkert; wer noch am Leben war, floh vor den blutsaugerischen Steuereintreibern aus Byzanz.
In diesem Zustand befand sich das ehemalige Römische Reich, als nur wenig später, im Jahre 568, die Langobarden mit großen Völkerschaften über die Alpen kamen und in Norditalien einfielen. Sie errichteten für über 200 ]ahre ein Königreich mit den Zentren Pavia, Verona und Cividale, ihre Macht reichte bis nach Süditalien. Ihr Konflikt mit dem Papst, dem sie nicht die Stellung zubilligten, die er beanspruchte, endete mit dessen Ruf nach dem Frankenkönig Karl (s. S. 20). Im Jahre 774 hatte er das langobardische Reich zerschlagen, und der Palast Theoderichs, der noch immer über Verona thronte, sah seinen dritten germanischen König aus einem anderen Volk: Karl ernannte seinen Sohn Pippin zum König von Italien und ließ ihn in Verona residieren, mit ihm kamen die papsttreuen Mönchsorden und gründeten zahlreiche Klöster und Kirchen in der Stadt. Mit dieser Unterordnung Italiens unter eine nur in Rom zu vergebende Kaiserkrone für ein deutsches Haupt waren die Weichen für die ganze mittelalterliche Geschichte Mitteleuropas gestellt und der Konflikt zwischen Kaiser und Papst programmiert.
Ein neues italienisches Königreich zu errichten, wagten nach dem Untergang der Karolinger im 9. und IO. Jh. ein letztes Mal die italienischen Nationalkönige Berengar I. und Berengar II., Inhaber alter langobardischer Herzogstitel. Obwohl sich beide im Kampf mit den von den Franken eingesetzten Adeligen fast aufrieben, waren sie gestützt auf die Stadt Verona und ihre Gardasee—Festungen Torri del Benaco (s. S. 66 ff.) und die Rocca di Garda (s. S. 76)- so erfolgreich, dass der Papst abermals einen deutschen König rief. So zerschlug Otto I. den letzten Versuch eines italienischen Königreichs, im Jahre 962 wurde er in Rom zum Kaiser gekrönt.
Die nun beginnende ottonische Italienpolitik sollte weitreichende Folgen haben. Ebenso wie in Deutschland war den Kaisern die Macht des erblichen Adels zu groß geworden, die Reaktion war eine entschiedene Stärkung der Bischöfe, die nichts zu vererben hatten, sondern jeweils neu eingesetzt wurden. Dies trug den Keim zum bald ausbrechenden Investiturstreit in sich, also der Frage, ob Kaiser oder Papst zu dieser Einsetzung (Investitur) berechtigt seien. Dieser Streit wird häufig als ideologischer Konflikt um die kaiserliche oder päpstliche Idee behandelt; er war in Wirklichkeit die Machtfrage in Italien: Da dort fast jede Stadt einen Bischof besaß, war das Recht, diese einzusetzen, gleichbedeutend mit der Herrschaft im ganzen Land; entsprechend unversöhnlich standen sich Kaiser und Papst gegenüber.
Dieser bis zum Wormser Konkordat von 1122 schwelende Konflikt schwächte alle beteiligten Parteien, sodass keine eine entscheidende Vorherrschaft in Italien erwirken konnte, Gewinner waren die Adeligen in den Städten Italiens, die den anderweitig beschäftigten Bischöfen immer mehr Macht entwanden und die Kommunen zu einer von beiden streitenden Parteien wachsenden Autonomie führten Verlierer waren die deutschen Kaiser, die in ihre selbstgegrabene Grube fielen; sie wurden zuletzt Opfer eben jener Macht, die sie den Päpsten durch ihre wiederholte Vernichtung eines italienischen Königtums verschafft hatten. So begann die große Zeit der Stadtrepubliken Oberitaliens und der Toskana.

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