uf die Piazza Mantegna münden mit der Via Verdi, der Via Roma und dem Corso Umberto I. die drei historischen Verkehrsachsen der Stadt, weshalb nahezu alle weiteren Sehenswürdigkeiten Mantuas von hier aus in wenigen Minuten zu erreichen sind. Sogar der am südlichen Ende der Altstadt gelegene Palazzo Te ist von hier aus wenig mehr als eine Viertelstunde zu Fuß entfernt — auf dem Weg dorthin finden sich auch mehrere interessante Kunststätten. Noch ganz in der Nähe von Sant’Andrea zweigt von der Piazza Broletto nach rechts die Via Accademia ab, die in wenigen Minuten zum Teatro Scientifico Bibiena (12) führt. Das kleine Schauspielhaus befindet sich im Palast der 1767 von der österreichischen Kaiserin Maria Theresia gegründeten Akademie für Dichtung und Kunst, mit der das kulturelle Leben des verarmten Mantua wiederbelebt werden sollte. Es geriet zu einem Kleinod barocker Theaterbaukunst. In bewegtem Schwung hat Antonio Bibiena das kelchförmige Parkett mit vier Stockwerken rundbogig sich öffnender Logen umgeben. Wie das fest eingebauten Bühnenbild ist alles reich mit Balustraden, Halbsäulen und Vertäfelungen verziert, doch entsteht nirgendwo der Eindruck des Pompösen. Das Theater atmet eine Atmosphäre von Intimität und Wärme, wozu wesentlich sein Baumaterial beiträgt: Der gesamte Innenraum besteht aus kunstvoll geschnitztem und bemalten Holz. — Um die Ecke steht in der Via Pomponazzo die 1680 erbaute Anlage des barocken Palazzo Sordi (13) mit seinem als mythologische Statutenszenerie gestalteten Hof.
In entgegengesetzter Richtung erreicht man von Sant’Andrea über die Via Verdi die Piazza Canossa mit ihrem ausladenden gleichnamigen Palast (um 1621) und in der Via Fernelli den Palazzo d’Arco (14). 1780 hatten die trentinischen Grafen von Arco einen älteren Palast in klassizistischem Stil umbauen lassen und nutzten ihn fortan als Mantuaner Stadtresidenz. Seine Räume sind noch vollständig so eingerichtet, wie die adlige Familie sie bewohnt hat und zeigen den leicht verstaubten Channe einstiger Größe und eines durch zahlreiche Kunstgegenstände dokumentierten Repräsentationsbedürfnisses mit Möbeln, Gemälden, Gobelins und Musikinstrumenten des 15.-18. Jh. In einem Flügel des schönen Gartens inkorporiert der Palast die ältere Casa della Valle, wo sich die Sala dello Zodiaco, ein überaus kunstvoll dekorierter Festsaal der Renaissance erhalten hat. Alle Wände bedeckt ein reich mit antiken Ruinen versehener Freskenzyklus zu den Tierkreiszeichen mit ihrer Beziehung zu mythologischen Ereignissen und den wechselnden jahreszeiten. Diese sehenswerte Ausmalung schuf 1520 der Veroneser Architekt und Maler Giovanmaria Falconetto. Geht man von hier aus wenige Schritte die Via Scarsellini entlang, so steht man vor der breit gelagerten Fassade der gotischen Bettelordenskirche San Francesco (15). Das gewändete Portal und die schöne Fensterrose verweisen auf eine Bauzeit um 1300, Innen zeigt sich der typisch weite, auf die Predigt vor großen Volksmengen ausgerichtete Raum einer dreischiffigen Basilika unter offenem Dachstuhl, doch hat die Rekonstruktion nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wenig mittelalterliche Atmosphäre übriggelassen.
Hat man sich entschlossen, von der Piazza Mantegna auf geradem Weg zu Fuß direkt zum Palazzo Te zu gehen, so folge man der Via Roma und stößt nach wenigen Minuten auf die verkehrsreiche Piazza Martiri di Belfiore; sie stellt eine der typisch radikalen Eingriffe ins alte Stadtgefüge dar, die von den Faschisten in fast jeder Stadt Italiens durchgeführt wurden, um allen Innenstädten den Stempel auch ihrer Architektur aufzuprägen, Interessanter wird es, wenn man sich auf dem Platz nach Süden wendet, in Richtung des großen, isoliert stehenden Backsteinturms der verschwundenen Kirche San Domenico (13. Jh.). Auf diesem Spaziergang begegnet man dem Rio (16), einem im 12. Jh. angelegten innerstädtischen Versorgungsund Handelsweg in Form einer künstlichen Wasserstraße. Der Rio verband Lago Superiore und Inferiore und hatte daher genug Gefälle, um Mantua ständig mit Frischwasser zu durchfließen. Diesen zweckmäßigen und hygienischen Vorteil nutzte 1536 Giulio Romano, um über dem Rio die Fischhalle (Pescheria) und an ihm entlang die Fleischhalle der Stadt zu erbauen. Die Fischhalle stellt eine offene Halle aus mächtigen Rustikaquadern da, die heute als öffentliche Brücke über den Rio führt. Von ihr aus blickt man hinunter und kann direkt am Wasser einen langen Laubengang sehen: das erhaltene Untergeschoss der Fleischhalle. Will man von hier aus dem Rio noch Weiter folgen, findet man zahlreiche malerische Winkel, die die historische Wasserstraße zwischen den alten Häusern bildet. Der Rio mündet schließlich in einen einst befestigten kleinen Handelshafen. Nach diesem Abstecher gehen wir wieder ab Piazza Martiri di Belfiore in Richtung Palazzo Te und folgen der Via Principe Amedeo bis zur Kreuzung mit der Via Poma. Dort steht als Eckbau der Palazzo di Giustizia (17) von 1620 mit seiner markanten Fassade, an der zwölf riesige Figuren den gliedernden Lisenen entwachsen und die Kapitelle des Gebälks tragen.
Ein Stück weiter die Via Poma hinunter erblickt man auf der rechten Seite eine weitere bemerkenswerte Fassade: das Haus des Giulio Romano (18), 1540 als eigenes Stadthaus mit bewegter Mauergestaltung entworfen. Das heutige Erscheinungsbild geht auf eine Veränderung des Hauses um 1800 zurück: Damals wurde es um zwei weitere Achsen verlängert. Um das Typische an der Architektur Romanos zu erkennen, muss man sich die beiden letzten Achsen wegdenken.
Dann ergibt sich eine nur scheinbar symmetrische sechsaxiale Fassade, die mit einem dichten Fugennetz stuckierter Steinquadern überzogen ist. Über einem rustizierten Untergeschoss öffnen sich die Arkadenbögen mit den sechs Fenstern des Piano nobile unter einer durchlaufenden Giebelverdachung, darüber ein schweres, verziertes Gebälk. Die dritte Achse enthält das Portal, darüber einen Dreiecksgiebel mit einer schönen Merkurstatue. Doch die sechste Achse ist wie unfertig belassen, da hier dem Fenster der Bogen und das Giebeldach fehlen, als ob sie nicht zur Fassade gehören würden. Das zeigt die manieristische Baugesinnung Romanos, seine Vorliebe für den gebrochenen Rhythmus, seine gezielte Verletzung klassischer Symmetrie, seinen Überraschungseffekt: einem edlen Bau unvermutet Elemente des Unvollendeten oder gar des Ruinösen einzufügen, wie es im Palazzo Te geschah. Die noblen Auftraggeber Mantuas waren fasziniert von dieser Baumanier — so etwas hatte vorher noch keiner gemacht.
Zurück auf der Via Principe Amadeo, die nun als Via Giovanni Acerbi direkt auf den Palazzo Te zuführt, findet man das Haus des zweiten großen Meisters, der die Kunst Mantuas entscheidend prägte: die Casa del Mantegna (19). Außen ein schlichter quadratischer Mauerkubus, der sich innen zu einem kreisrunden Hof öffnet — es scheint, als habe Mantegna selbst sein Wohnhaus als perspektivische Uberraschung geplant. Die klar proportionierten Räumlichkeiten werden von der Stadt Mantua als Ausstellungsort für moderne Kunst genutzt.
Schräg gegenüber trifft man in der (äußerlich stark veränderten) Kirche San Sebastiano (20) noch einmal auf ein bahnbrechendes Werk der Architekturgeschichte: die erste Renaissance-Kirche auf dem Grundriss eines lateinischen Kreuzes, bereits 1460 von Leon Battista Alberti entworfen. Der Grundriss wie auch zahlreiche antikisierende dekorative Elemente waren Grabkapellen an der Via Appia entliehen. Ähnlich wie in Sant’Andrea (s. S. 278f.) wird die Absicht des Architekten sofort spürbar, nach den basilikalen Raumlösungen des >finsteren< gotischen Mittelalters eine neuzeitliche, an der klassischen Antike orientierte Raumform zu finden, deren klare Monumentalität trotz aller Kargheit bis heute beeindruckend ist.
Kurz bevor man nun den Park mit dem Palazzo Te erreicht, sollte man auf der rechten Straßenseite den Palazzo San Sebastiano (21) mit dem Stadtmuseum besuchen. Ehemals außerhalb der Altstadt gelegen, war dieser um 1506 von Francesco II. in Auftrag gegebene Bau die erste Sommerresidenz der fürstlichen Familie, bevor der nahe Palazzo Te entstand. Äußerst prachtvoll ausgestattet, wurde er jedoch schon 1536 zugunsten des neuen Lustschlosses auf der >Isola del Te< aufgegeben und aller seiner Kunstschätze beraubt, die in den Palazzo Ducale kamen. Unzählige Male umgebaut und neu genutzt, wurde der verwahrloste Bau vorbildlich restauriert und als Stadtmuseum eingerichtet. Neben Statuen, Büsten, Gemälden, antiken Reliefs, Wappen und Freskenresten ist hier eine lange verschollene Sensation zu sehen. 1486-92 malte Andrea Mantegna einen berühmten Gemäldezyklus, die >Triumphe Cäsars<, die zu den wertvollsten Werken der Gonzaga—Sammlungen gehörten. Verschleudert wie alles, landete der Zyklus in England und ist heute in Hampton Court zusehen. Um 1610, kurz vor ihrem Verkauf, sind die Bilder jedoch als Wandgemälde in einem Mantuaner Palast kopiert worden. Bald darauf wurden sie übertüncht und gerieten in Vergessenheit. Erst 1926 hat man sie wieder entdeckt, später abgenommen und nach langwierigen Restaurierungen hier im Palazzo San Sebastiano aufgehängt.