Der Gardasee ist die geologisch jüngste Erscheinung der drei Landschaften. Die Alpen waren schon 60 Millionen Jahre vorher aufgefaltet worden, die Po-Ebene, einst ein riesiger Meeresarm zwischen Hochgebirge und Apennin, längst von angeschwemmtem Erosionsmaterial aufgefüllt worden, als die Eiszeiten kamen. Die letzte, die erst vor etwa 10 000 Iahren zu Ende ging, hinterließ auch die oberitalienischen Seen und damit den Gardasee.
Damals hatte sich zum dritten Mal das Klima in Europa extremverschlechtert, die urchschnittstemperaturen waren erheblich gesunken. Mitteleuropa zeigte ein Erscheinungsbild wie die nordrussische Tundra. Die skandinavischen Gletscher schoben sich bis nach Norddeutschland vor, von den Höhen der Alpen kamen die Eismassen und bedeckten ganz Süddeutschland. Die Alpen müssen damals einen unvorstellbaren Anblick geboten haben: Alle Täler waren mit Tausenden von Metern dickem Eis gefüllt, nur die höchsten Gipfel ragten wie Inseln aus einem gefrorenen Meer. Die Gletscher waren von den Bergen auch nach Süden geflossen und folgten dort (wieüberall) den von Flüssen schon eingetieften Tälern. Mit ungeheurer Kraft schoben sich Millionen Tonnen scharfkantigen Eises Tag für Tag an den Bergflanken entlang. Riesige Gesteinsmassen wurden von den Bergen abgehobelt und von den Gletschern als ganze Hügelketten vor sich hergeschoben. Diese von den Gletschern aufgetürmten Schottermengen nennt man Moränen.
Doch schon damals war es südlich der Alpen wärmer als im Norden. Während dort die Gletscher ihre Moränenfracht über halb Mitteleuropa verteilen konnten, wurde es ihnen in Oberitalien gleich am
Fuße der Alpen zu warm. Kaum traten sie aus den Gebirgstälern in die Po-Ebene, begannen sie zu schmelzen und ließen ihre Moränen direkt am Ausgang der alten Flusstäler liegen. Fast jedes Alpental
besitzt an seiner Mündung in die oberitalienische Ebene eine solche Moränenlandschaft, die sich durch ihre sanften, hügeligen Formen deutlich vom schroff dahinter aufsteigenden Gebirge unterscheidet.
Doch nur durch die großen Alpentäler hatten sich so gewaltige Gletscher geschoben, dass sie beim Abtauen kilometerbreite Moränenketten hinterlassen konnten. Nun kann man ahnen, was weiter geschah: Als die letzte Eiszeit sich ihrem Ende näherte, die Gletscher auch im Innern des Gebirges schmolzen, rauschten ihre Wassermassen durch die Täler in die Ebene. Doch gerade in den größten und wasserreichsten Tälern fanden sie den Ausgang versperrt: Hinter den geschlossenen Moränenwällen staute sich das Schmelzwasser der Gletscher tief ins Gebirge zurück zu riesigen Seen. Sie fanden erst einen Abfluss, wenn ihr Wasserspiegel so hoch gestiegen war, dass sie in einer Senke zwischen zwei Hügelkuppen ein Flussbett graben konnten.
Hat man durch diese Erkenntnisse den Blick geschärft, so kann man das erdgeschichtliche Geschehen am Ende der letzten Eiszeit an jedem der oberitalienischen Seen wiedererkennen. Der Lago Maggiore ist nichts anderes als das voll Wasser gelaufene Tal des Ticino, 65 km staut sich der See zurück in die Alpen. Zur Po-Ebene hin schließt ihn als natürliche Staumauer die Moränenlandschaft des Varesotto ab, die allein wieder den Ticino als Abfluss hinauslässt. Der ·Comer See gabelt sich nach Süden in zwei lange Arme, die von den Moränenhügeln der Brianza gestaut werden; hindurch bricht allein der Fluss Adda. Der Idrosee liegt am Ausgang der Val Camonica und staut sich hinter den Moränenketten der Franciacorta. Der größte
von allen, der Gardasee, füllt das Gebirgstal der Sarca. Hier hatte ein riesiger Gletscher sich weit in die Ebene vorgeschoben und wie in einem Halbrund die Moränenlandschaft der Lugana liegenlassen.
Daher buchtet der Gardasee, lang und schmal im Gebirge, beim Erreichen der Ebene in ein großes halbrundes Becken aus, aus dem der Mincio bei Peschiera den einzigen Abfluss durch die Gletscherablagerungen brach. Alle diese wasserreichen Moränenhügel waren äußerst fruchtbar und früh besiedelt. Besonders die Lugana und die Franciacorta bringen vorzügliche Weißweine hervor.
Doch das wichtigste landschaftspragende Element der oberitalienischen Seen ist ihr mediterranes Klima. Es herrscht jedoch nur entlang einer schmalen Uferzone, wenige hundert Meter höher beginnt bereits die für die Alpen typische Gebirgsflora. Unten an den Seen aber prunken das intensive Grün und die bunt blühende Pracht von Pflanzen, die eigentlich erst Hunderte von Kilometern weiter südlich zu Hause sind. Dass sie hier, mitten im kalten Hochgebirge, existieren können, liegt an einem thermischen Effekt, den die Wassermassen der Seen verursachen. Nach Norden vom Alpenhauptkamm vor kalten Wetterlagen geschützt, nach Süden zur Wärme der Po-Ebene geöffnet, heizen sich die Seen im Sommer stark auf. Und sie kühlen den ganzen Winter über nicht aus. Selbst wenn im januar eisige Winterstürme von den Gipfeln fegen, bleibt das Wasser der Seen mindestens um die zehn Grad warm. Diese Wärme gibt das Wasser den ganzen Winter über an seine unmittelbare Umgebung ab und schafft dadurch an seinen Ufern eine schmale Klimazone wie am südlichen Mittelmeer. Dabei gilt die Regel: je größer der See, desto größer seine wärmespeichernde Wassermasse, desto größer die Wärmeabgabe im Winter, desto subtropischer die Vegetation an seinen Ufern. Da der Gardasee der größte der oberitalienischen Seen ist, zeigt sein Erscheinungsbild auch das südländischste Gepräge von allen: Rund um seine Ufer gedeihen Hibiskus und Oleander, Kamelie und Eukalyptus und vor allem der silbrig scheinende Olbaum, der an den anderen Seen fast völlig fehlt und dem Gardasee den Ruf, eines der besten Olivenöle Italiens hervorzubringen, eingebracht hat.
Noch eine zweite Eigenart unterscheidet den Gardasee von allen anderen oberitalienischen Seen, Obwohl hier die klimatischen Bedingungen am günstigsten gewesen wären, findet sich am Gardasee fast nichts von der ausgeprägten Villen- und Gartenkultur, für die besonders der Lago Maggiore und der Comer See weltberühmt geworden sind. Das liegt daran, dass der Gardasee zwar jahrhundertelang erst zu Verona, dann zu Venedig gehörte, jedoch immer wie zweigeteilt blieb: Zwischen den südlichen Häfen und den Anlandungsstellen an der Nordspitze erstreckten sich auf beiden Uferseiten fast 20 km lange, von Gletschern blank geschliffene, senkrecht in den See stürzende Felswände, die völlig unpassierbar waren. Bis ins 20. ]h. war der See nur per Schiff zu bereisen, viele Uferdörfer nur vom Wasser her zugänglich. Als daher mit Renaissance und Barock die Zeit der großen Villen- und Gartenkunst kam, fand man am Gardasee zwar das beste Klima, aber nur die widrigsten Platz- und Verkehrsbedingungen vor. Hinzu kam, dass die Bauherren vieler Villen reiche Kardinäle aus Rom waren, die sich gern am Comer See und am Lago Maggiore niederließen, also im konservativen, von den spanischen Habsburgern beherrschten mailändischen Gebiet — im liberalen Venezianischen waren sie weniger gern gesehen. Nach dem Ende der italienischen Einigungskriege (1859) brach sogar der Schiffsverkehr auf dem Gardasee zusammen, denn seine Nordspitze mit Riva und Torbole blieb in der Hand der Österreicher, die über das Wasser italienische Infiltrationen des von ihnen bis 1918 nur mit Gewalt gehaltenen Trentino fürchteten. Als dann 1929 und 1931 die Uferstraßen in die Felsen gesprengt wurden, herrschte in Italien bereits der Faschismus. So sind die Ufer des Gardasees nie in großen adeligen Privatbesitz gelangt, fast nirgendwo verwehren Privatvillen und Parkanlagen den Zugang zum Wasser. Dieser historischen Besonderheit ist es zu verdanken, dass man heute mit diesem See so intim leben kann, dass seine Ufer überall einladen, dass man mit dem Boot fast
überall landen kann. Es ist dies wohl der wichtigste Grund, warum der Ruhm des ehemals weit bekannteren Lago Maggiore und des Comer Sees heute neben dem Gardasee so deutlich verblasst ist.
Viele Straßen, die vom Ufer des Gardasees in die Berge führen, bringen den Reisenden in die Gebirgstäler des Trentino und damit in eine andere Welt. Wie überall am südlichen Alpenrand präsentiert sich hier das Gebirge ganz anders als nördlich des Alpenhauptkamms oder in den Zentralalpen: Die Berge zeigen sich von einer fast Furcht erregenden Steilheit; tiefe, schmale Täler, von reißenden Wildwassern durchströmt, ziehen unter den zerfurchten Gipfeln entlang, die
Natur ist von eindrucksvoller, wilder Beschaffenheit, die Alpen wie vor dem Beginn des touristischen Zeitalters. Dieses Erscheinungsbild hängt mit der Entstehungsgeschichte der Alpen überhaupt zusammen. Als vor etwa 100 Mio, Jahren die auf dem glutflüssigen Erdinnern dahintreibenden Kontinentalplatten von Afrika und Europa aneinander gerieten, waren die Kräfteverhältnisse klar: Unter dem Druck des afrikanischen Riesenkontinents zerbrach die kleine europäische Platte an einer schwachen Stelle in Tausende Gesteinsschollen, die sich langsam über- und untereinander schoben, sich gegenseitig hochkippten und umstürzten. Dieses zyklopische Geschehen verbirgt sich hinter dem nüchternen Fachbegriff > Auffaltung der Alpen <. Da der Druck aus Süden kam, also die italienische Landmasse gegen Mitteleuropa drückte, schwenkte der Bogen der Alpen nach Norden aus. Den Gesetzen der Physik folgend, wurden die Gesteinsschollen des Alpensüdrandes, wo der Druck ansetzte, mit besonderer Gewalt hochgedrückt, während die Alpen auf ihrer nördlichen Rückseite in langgezogenen, langsam niedriger werdenden Bergket-
ten verebbten. Daher rührt das so grundverschiedene Landschaftserlebnis, je nachdem ob man sich den Alpen von Süden oder von Norden nähert. Kommt man von Süden, also aus der Po-Ebene, so scheint man vor einer unvermittelt aus der Ebene aufragenden Mauer aus Felsen und Gipfeln zu stehen, durchzogen von tiefen und schmalen Tälern - zwischen der Po - Ebene und dem Monte Baldo, dessen Felswände bereits über 2000 m aus dem Gardasee emporragen, liegt nur eine Viertelstunde Autofahrt.
Mitten im Zentrum des südlichen Alpenbogens liegt das Trentino, wild und zerklüftet, manchmal abweisend und verkarstet, selten lieblich, aber immer groß und eindrucksvoll. Doch gereicht auch hier den Tälern der nahe Süden zum Segen. Bis weit ins Hochgebirge hinein gedeihen hier Wein und Obst, das Blütenmeer im Frühling unter den schneebedeckten Bergen sucht seinesgleichen. Dem Tourismus fast völlig unbekannt, existiert in diesen Tälern eine noch weitgehend intakte Bauernkultur. Überall sorgfältig gepflegt und bebaut, stellen das Nonstal, das Cembra— und Fiemmetal, besonders die Iudikarischen Täler elancholisch-stille Inseln eines traditionsreichen Lebens einer südlichen Gebirgswelt dar.
Fährt man aus den Gebirgstälern des Trentino nach Süden heraus oder vom Südufer des Gardasees in wenigen Minuten durch die Moränenlandschaft der Lugana, so erreicht man die dritte Landschaft, die Anteil an diesem Buch hat und die sich vollkommen von den beiden anderen unterscheidet: die Po-Ebene. Sie ist die einzige Ebene Italiens und ihre Entstehung ist paradoxerweise auf denselben Prozess zurückzuführen, der direkt daneben die Alpen aufgetürmt hat. Die Po-Ebene erstreckt sich 500 km lang zwischen der Adria und den piemontesischen Westalpen; im Norden und Süden begrenzen sie die beiden Gebirgszüge der Alpen und des Apennin, der den Rest des italienischen Stiefels bildet. Doch zwischen den beiden Gebirgen geschah etwas Merkwürdiges: An ihren Rändern brach eine 500 km lange Spalte ein. Und je mehr sich die beiden Gebirge unter dem Druck des afrikanischen Kontinents heraushoben, um so weiter drückten sich ihre Ränder gegenseitig in die Tiefe. Dieser Prozess ist bis heute nicht zum Stillstand gekommen: Die Po-Ebene ist eine ständig in einem Senkungsvorgang begriffene Tiefe zwischen zwei Hebungsgebieten, denn Alpen und Apennin heben sich immer weiter empor.
Die Spalte zwischen den beiden Gebirgen senkte sich vor Millionen von Jahren unter den Meeresspiegel, und die Fluten des Mittelmeeres strömten hinein. Die heutige Po-Ebene bildete damals einen riesigen gekrümmten Meeresarm etwa zwischen Venedig und Turin. Doch sobald die beiden Gebirge aufgefaltet waren, begann auch schon ihre natürliche Abtragung: Zahllose Flüsse und Bäche trugen so viel Erosionsmaterial aus Apennin und Alpen heran, dass der gewaltige Meeresarm im Laufe von Millionen Jahren einfach zugeschüttet wurde. Als die Etrusker im 6. ]h. v. Chr. die Po-Ebene betraten, fanden sie ein riesiges Sumpfgebiet, das nur an seinen Rändern, wo der Erosionsschutt der Gebirge eine flache Geländestufe über den Sümpfen gebildet hatte, besiedelt werden konnte.
Diesem Siedlungsschema folgten auch die Sieger über die Etrusker, die Römer. Wie Perlen an einer Kette reihten sich ihre Stadtgründungen entlang der antiken Militärstraßen, die fast alle an den leicht erhöhten Rändern der Ebene direkt am Fuße der Alpen und des Apennin entlangliefen. Diese Städte wurden von der Antike an das kultivierende Element der Po-Ebene. Sie legten die Sümpfe trocken, bauten Handelsstraßen aus, und der ungeheure landwirtschaftliche Reichtum der wasserreichen und zugleich heißen Ebene bildete bis in die Neuzeit das Rückgrat ihres ökonomischen Erfolgs und ihrer Selbstständigkeit. Hier liegen auch die zwei einst großen und mächtigen Stadtrepubliken, die dieses Buch beschreibt: Verona und Brescia. Beide sind klassische römische Gründungen zu Füßen der letzten alpinen Ausläufer und inkorporierten keltische Vorgängersiedlungen auf strategisch wichtigen Hügeln über der Po-Ebene. Ihre Lage an zwei Alpentälern, die zu wichtigen Pässen führten, prädestinierten sie zu einer besonderen Rolle im kriegerischen Mittelalter Oberitaliens.
In die Po-Ebene fährt heute niemand mehr der Landschaft wegen. Obwohl sie noch vor wenigen ]ahrhunderten als > Galten Eden < galt, neben der als wüst und bedrohlich empfundenen unbeherrschten Natur des Gebirges, haftet der Po-Ebene heute der Ruf der Langeweile an, ein Standpunkt des Erlebnistourismus. Hierher fährt man nur noch wegen der Kunst der Städte, und die ist allerdings einzigartig. Da alle Stadtrepubliken Oberitaliens eigene Staaten waren, die ihre Steuern nicht in die Kasse irgendeines Feudalherrn abführen mussten, nutzten sie ihren immensen Reichtum zur künstlerischen Repräsentation ihrer Städte, was auch ein offensives Mittel der Konkurrenz zwischen ihnen darstellte. Da diese Städte nie zerstört wurden, stellen viele von ihnen mit ihrer unveränderten Stadtgeographie ein seltenes Zeugnis vergangenen urbanen Lebens dar. Balzac nannte die italienischen Stadtrepubliken »den Ruhm des mittelalterlichen Europa«, Besonders in Verona wird noch heute spürbar, was er gemeint hat.