Ebenso wie am Ostufer in Torbole, war früher am Westufer in Riva eine Gardasee-Reise auf dem Landwege gleich wieder zu Ende. Italien begann erst wieder 19 km weiter südlich, in Gargnano, dazwischen gab es nichts als senkrecht ins Wasser stürzende Felswände. Erst 1931 wurde die Gardesamz occideutale, die Westuferstraße, in das Gestein gesprengt und ist bis heute eine der spektakulärsten Straßen Italiens geblieben. Durch 74 Tunnels und über ein halbes Hundert Brücken muss man fahren, atemberaubende Ausblicke auf Felsen, See und Berge ergeben sich, doch das viel zitierte >unvergessliche Erlebnis< werden nur die Beifahrer haben. Denn die Helligkeitsunterschiede zwischen den oft pechschwarzen Tunnels und den im grellen Sonnenlicht liegenden Straßenstücken dazwischen erfordern höchste Konzentration, und nur wenn zwei unsichere Wohnwagenbesitzer im engen Tunnel nicht wissen, wie sie aneinander vorbeifahren sollen, kann man hier auch als Fahrer unvergessliche Eindrücke der anderen Art sammeln.
Nur wenigen Hotels und noch weniger Orten hat der schmale Uferstreifen zwischen Fels und See Raum gegeben. Der erste davon ist Limone, noch in den 1950er Jahren gerühmt als der rechte Fleck für Liebhaber malerischer Winkel und pittoresker Straßenszenen. Doch seitdem ist viel getan worden, und heute präsentiert sich der Ort als das abschreckendste Phänomen des Tourismus am See. Nähert man sich ihm vom Wasser mit dem Passagierschiff, so bietet der in engen Terrassen die steilen Felswände ansteigende Ort noch immer einen sehr reizvollen Anblick, doch im Innern ist trotz der alten Bausubstanz jeder Charakter dahin. Eine große Betonmole und ein Busparkplatz sorgen für unablässigen Nachschub erwartungsvollen Publikums, das sich dann durch die engen Gassen drängt. Das winzige Hafenbecken zwischen mittelalterlichen Gebäuden, überragt von hohen Felswänden, war einst einer der typischsten Plätze am ganzen See, doch heute ist alles versetzt mit Andenkenläden zweifelhaften Inhalts und Massenverköstigungsstätten. Selbst die in den Straßen feilgebotenen grünen Zweige mit frischen Zitrusfrüchten sind eingeflogen, denn auch von dem einstigen Wahrzeichen Limones stehen nur noch bleiche Ruinen. Das Ufer und die Hänge um den Ort sind übersät mit verlassenen Limonare, den großen Freiluftgewächshäusern für die fremdartigen hohen Bäume von Limonen, Zitronen und Orangen, die hier für die besondere Feinheit ihres Geschmacks berühmt waren. Doch dergleichen wächst hier nicht mehr, seit die Konkurrenz aus südlicheren Regionen wegen der schnelleren Transportmittel zum Zuge kam; heute zeugen nur noch die langen Galerien verputzter Viereckpfeiler, an denen im Winter Glasverkleidungen und Holzdächer zum Schutz vor der Kälte befestigt wurden, von der einstigen Pracht dieser südeuropäischen Vegetation. (Auf dem anderen Seeufer, im Kastell von Torri del Benaco und auf der Punta San Vigilio, kann man noch Limonare bewundern, die nach den alten Anbaumethoden bewirtschaftet werden.)
Wer in Limone nach Kunst sucht, gehe vom Hafen noch ein Stück am Ufer weiter, bis sich die kleine Kirche San Rocco hinter alten Treppen über dem Wasser erhebt. Sie stammt aus dem 14. Jh. Und erhielt später eine schöne Ausmalung im Stile der Renaissance: Das Kreuzgratgewölbe des Chores wurde mit Flechtbandbordüren verziert, hinter dem Hauptaltar ist ein illusionistischer Altaraufbau mit Scheinarchitekturen zu sehen, in die Szenen aus dem Leben des Kirchenpatrons einkomponiert sind. Der unbekannte Freskant war nicht schlecht. Sehenswert ist auch die barocke Pfarrkirche, 1685 anstelle eines romanischen Vorgängerbaus errichtet. Bis zum Jahre 1709 erhielt die Kirche fünf Altäre, vier davon aus Marmor, in denen mehrere ausgezeichnete Gemälde von Andrea Celesti aus dem 18. Jh. Zu sehen sind; man beachte die vollendete Beherrschung von Licht und Dunkelheit in der Komposition der Szenen. Wer noch ein kleines Stück des alten Limone erleben will, begebe sich weit über die Uferstraße den Berghang hinauf, wo einsam zwischen den Olivenbäumen die romanische Kapelle San Pietro in Oliveto unter den Felswänden liegt. Wer Zeit hat, sollte es nicht versäumen, der Straße, die hier vorbeiführt, weiter bergauf zu folgen, denn so erreicht man Tremosine, eine kleine Welt im Gebirge, getrennt durch mehrere hundert Meter senkrechten Fels vom südlichen Gestade des Sees.