>>... eine Reise ohne lächerliche Zwischenfälle ist aber auch nicht schön«, schrieb Isabella d’Este Gonzaga aus Mantua an ihren Gemahl, der sich gerade wieder weiß Gott wo mit den Truppen irgendeiner anderen oberitalienischen Stadt schlug. Mit diesem Satz hatte Isabella selbst das Stichwort für ihre eigentümliche Reise gegeben, die sie im ]ahre 1514 an das Südufer des Gardasees führte.
Wenige ]ahre vorher war der Krieg der Liga von Cambrai (s. S. 90), der auch Mantua angehörte, mit einer Niederlage Venedigs zu Ende gegangen; aus dem Besitz der Lagunenstadt wurde den Gonzaga Asola, Peschiera, Sirmione und Lonato zugesprochen. Doch kaum hatten sich die Truppen der Liga zurückgezogen, stand das winzige Mantua allein neben der mächtigen Serenissima, die es nicht einmal nötig hatte, sich an diesem machtpolitischen Zwerg zu rächen, Ungerührt betrieb Venedig seine Geschäfte am See weiter, und deren Vorteilen hatten die Gonzaga wenig entgegenzusetzen. Da traf es sich günstig, dass der regierende Francesco Gonzaga mit der Gräfin Isabella d’Este verheiratet war, der » prima donna del mondo<<, deren Hof einer der gesellschaftlichen Mittelpunkte Oberitaliens war. Für die Politik des Stadtstaates Mantua war sie die inkarnierte Propaganda in eigener Sache, und im Frühjahr 1514 machte sich die Gräfin mit einem prunkvoll ausgestatteten Gefolge von 93 Höflingen und I—Iofda-men und 80 Pferden auf den Weg, um das umstrittene Südufer des Gardasees in der Konkurrenz zwischen ökonomischem Vorteil gegen faszinierendes Herrscherhaus für die Gonzaga zu gewinnen. Da also der Erfolg der Reise nur von der Repräsentation ihres Gefolges und der Art und Weise abhing, wie sie ihren Charme zur Geltung bringen konnte, rückte natürlich jeder Fauxpas erst recht ins Licht. Isabella nahm jedoch alles souverän und berichtete ihrem Gemahl darüber mit spitzer Feder. In Peschiera ärgerte sie sich so über die klapprige Garnison (s. S, 91), dass sie mit ihren Hofdamen die Festung überfallen wollte, aus Sirmione gestand sie: »Ich will Euch nicht verschweigen, dass ich mit dem ganzen Körper Land in Besitz genommen habe ...«, denn sie war vor Lachen über den schwatzhaften Vikar von der Treppe des Kastells gefallen. In Lonato selbst wurde die Gräfin enthusiastisch empfangen, denn nach den Drangsalierungen durch die Truppen der Liga von Cambrai versprach man sich von der für ihre humanistische Gesinnung bekannten Mantuanerin bessere Zustände.
Isabella wiederum hatte ein besonderes Auge auf dieses Städtchen, weil hier eine riesige Burg stand, deren Besitz für die Gonzaga nicht uninteressant sein konnte. Doch auch hier siegte Isabellas Sinn für die angenehmen Seiten des Lebens, denn statt der Festung beschrieb sie ihrem Mann den Blick von dort oben über die Moränenhügellandschaft auf den Gardasee: >>... niemals sah ich eine schönere Gegend Von der Rocca aus ging ich durch die Porta Cittadella in Richtung auf San Zeno, dann wandte ich mich gegen Molini, sah den schönen See, die herrlichen Weinberge und Ländereien, die alle wie Gärten aussehen ...<<. Auch heute wird man einen Besuch Lonatos nicht bereuen. Da ist zunächst der höchst eindrucksvolle, von gewaltigen Zinnenmauern und zahlreichen Stadt- und Kirchtürmen geprägte Stadtprospekt, der sich dem Reisenden von Desenzano oder noch besser von der Straße von Padenghe aus bietet. Als nächstes Empfängt den Besucher die Atmosphäre eines typischen lombardischen Landstädtchens inmitten eines charaktervollen historischen Stadtbildes, das, obwohl nur wenige Kilometer entfernt, keinerlei Ähnlichkeit mit den venezianisch geprägten Seeorten mehr erkennen lässt.
Wer Lonato vom See aus erreicht, nehme im Ort die erste Gelegenheit, von der stark befahrenen Durchgangsstraße nach rechts zum Duomo hinauf abzubiegen. Dort findet man zwei durch einen Straßendurchgang verbundene Marktplätze; auf dem oberen, der Piazza Matteotti, überragt die Torre Maestra (erbaut 1555) mit 55 m Höhe die ganze Stadt. Der zweite, größere Platz, die Piazza Centrale, wird an seiner westlichen Seite begrenzt von der Fassade des Palazzo Municipale mit seiner offenen Säulenhalle. Vor dem Palast sieht man den Beweis, dass Gräfin Isabellas Mission letztlich erfolglos war, denn dort blickt von einer hohen Säule ein überdimensionaler Markuslöwe auf den Platz; Lonato fiel bereits 1516 wieder an Venedig und verblieb dort bis 1798. Diese colormcz verzeta wird überragt von der mächtigen Kuppel des Doms, dessen überhöhte Fassade sich aus dem engen Häusergewirr der Altstadt erhebt. Die Kirche entstand in den Jahren 1738-80 in formal enger Anlehnung an den riesigen Barock—Dom des ebenfalls venezianischen Brescia, und sie steht diesem auch in den Ausmaßen wenig nach. Denn welch weitläufigen Innenraum die zwischen den Häusern eingezwängten Kirchenmauern umschließen, bemerkt man erst, wenn man eintritt. Dieser weite Raum, so groß, dass man seinen kreuzförmigen Grundriss und die Verzweigung in zahlreiche Seitenkapellen mit einem Blick nicht erfassen kann, ist auch das Eindrucksvollste an dieser Kirche, denn die Einzelkunstwerke der Ausstattung sind fast durchweg mittelmäßig.
Man beachte unter den vielen großen Olgemälden die beiden um 1500 entstandenen des Paolo Farinati (vom Hochaltar gesehen im dritten Seitenaltar links bzw. im fünften rechts) sowie die gelungenen, vielfarbigen Marmorintarsien an den Antependien sämtlicher Altäre. Bevor man die am Ortsrand liegenden anderen Kirchen aufsucht, Empfiehlt sich ein Gang hinauf zu den Ruinen der Rocca. Der kurze Aufstieg beginnt gleich hinter dem Stadtturm und erreicht zuerst die auffällige, reich gegliederte Casa del Podestä, den mittelalterlichen Sitz der venezianischen Statthalter in Lonato. Berühmt ist das Gebäude jedoch aus einem anderen Grund: Hier steht man vor einem außergewöhnlichen Zeugnis der Lebensauffassung eines jener typischen Vertreter des oberitalienischen Adels, die nach der Schaffung des Nationalstaats Italien Mitte des 19. Jh. neben ihrem politischen Engagement — in ebenso aufgeklärtem wie elitärem Gestus — den Stolz auf ihr Land mit der Dokumentation seiner künstlerischen und geistesgeschichtlichen Tradition darstellen und damit bei anderen wachrufen wollten. Denn Casa und Burg sind im Besitz der >Stiftung Ugo da Como<. Dieser 1869 als Sohn einer adeligen Familie in Brescia geborene Rechtsanwalt wurde 1904 Abgeordneter der national gesinnten Liberalen im römischen Parlament, bekleidete einige Ministerposten und zog sich 1921, im aufkommenden Faschismus, von der Politik zurück. Bereits 1906 hatte Ugo da Como bei einer öffentlichen Versteigerung die völlig heruntergekommene Casa del Podesta erworben. Hier richtete er sich sein Wohn- und Studierhaus ein, in dem er sich an historischer Stätte mit den von ihm geschätzten Zeugnissen oberitalienischer Geschichte und Kunst umgab. Das Resultat war ein vom namhaften Brescianer Architekten Antonio Tagliaferri mit historischen Architekturzitaten gespickter Bau, die Einrichtung wurde bei Antiquitätenhändlern in Brescia, Venedig und Rom gekauft.
Das eigenwillige Haus des Ugo da Como ist in allen Details unverändert erhalten. Beginnend mit der Küche, wandert man durch Esszimmer, Arbeitszimmer und Aufenthaltsräume und fühlt sich inmitten hierhertransportierter Kamine, auffällig präsentierter Kupfergegenstände verschiedener Epochen, Sammlungen von Apothekergefäßen, Statuen und meist mittelmäßiger Gemälde doch wie im Museum und in dieser Zwiespältigkeit in der Gedankenwelt Ugo da Comos. Der größte und eindrucksvollste Raum des Hauses ist die >Galerie<, die man nach der Küche über den Flur betritt. An der linken Wand des überwölbten Saales sind die freskierten Wappen der venezianischen Statthalter zu sehen, die hier residierten, darunter eine historisch passende Zutat von Ugo da Como: aus dem Palazzo Calini in Brescia kaufte er die drei von Floriano Ferramola gemalten Porträts venezianischer Heerführer der Renaissance (der Raum dient heute als stimmungsvolles Ambiente für Konzerte). Vom Wohnhaus tritt man hinaus in den idyllischen Garten mit herrlicher Aussicht über die Stadt, Gegenüber ließ der Hausherr 1920 ein ganzes Gebäude als Bibliothek in einem historistischen Stilgemisch erbauen. Hierhin brachte er seine kostbare Sammlung von über 50 000 historischen Büchern, Inkunabeln und Handschriften, darunter illustrierte Bibeln, seltene Ausgaben juristischer Codices, handschriftliche venezianische Rechtserlasse seit dem 13. jh. bis hin zu den Liebesbriefen des Dichters Ugo Foscolo.
Von der Casa del Podesta gelangt man in wenigen Minuten hinauf auf den Festungshügel, der von einem weit verzweigten Ring monströsen, geborstenen Mauerwerks umzogen wird. Hier steht die Ruine einer der meistumkämpften Burgen Oberitaliens, denn sie lag im Grenzgebiet zwischen Verona und Brescia, danach der Scaligeri und der Visconti, schließlich zwischen Venedig und Mailand. Die Söldner der Scaligeri zerstören 1339 Lonato, 1354 erobert Bernabo Visconti die Burg, 1362 belagert sie Cansignorio della Scala erfolgreich, 1364 nehmen sie wieder die Truppen der Visconti im Stunn. Zu einer immer größeren Anlage ausgebaut, wird die inzwischen an Venedig gefallene Festung vom Mailänder Giacomo Piccinino samt der Stadt erobert und niedergebrannt; im Krieg der Liga von Cambrai (s. S, 90) räumte Venedig ohne Kampf die Rocca, und die vom Papst gerufenen Franzosen hinterlassen auf ihrem Zug gegen die Lagunenstadt eine Garnison. Die Verbündeten des Heiligen Stuhls drangsalieren die Bevölkerung derart, dass in Lonato ebenso wie in Brescia ein Aufstand gegen die Franzosen ausbricht, der 1510 blutig erstickt wird. Nochmals heftig im Spanischen Erbfolgekrieg umkämpft, verliert die Festung erst im 19. jh. ihre Bedeutung und wird an einen Herrn Angelo Raffa verkauft, der seinem Namen alle Ehre macht und sie zur Hälfte abbrechen lässt, um das Material zu verkaufen.
Die restlichen Sehenswürdigkeiten Lonatos beginnen am nördlichen Stadtrand und sind etwas schwerer zu finden. Man nehme von der Ortsmitte aus die Straße in Richtung Bedizzole und Calvagese. Bald erreicht man die an einer Piazza gelegene Kirche Santa Maria del Corlo oder dei Disciplini, die um 1500 von der Bruderschaft der Disciplini wieder aufgebaut wurde und noch Reste des Vorgängerbaus enthält. So finden sich auf beiden Seiten des Eingangsportals gotische Fresken der Zeit um 1300; eine lange Treppe führt hinauf in den ganz von der Brescianer Renaissance des 16. jh. geprägten Kirchenraum. Die Seitenwände und vor allem die Gewölbe sind bedeckt mit großartigen Fresken, die biblische Szenen in phantasievollen Scheinarchitekturen darstellen; auf dem Altar Statuen des Corbarelli um 1700 und ein Gemälde von Moretto (um 1500). In einer Nebenkapelle ist ein hl. Grab mit großen bemalten Holzstatuen des 16. jh. zu sehen.
Weiter der Straße nach Calvagese folgend, erreicht man nach wenigen hundert Metern die barocke Wallfahrtskirche Madonna di San Martino, ein Stück links der Straße gelegen. Hinter der imponierenden Marmorfassade des jahres 1675 liegt ein prunkvoller Kirchenraum auf kreuzförmigem Grundriss, bekrönt von einer innen runden, außen achteckigen Kuppel. Man beachte besonders die polychromen Marmorintarsien des Hauptaltars und das prächtige geschnitzte Orgelgehäuse aus vergoldetem Holz. Gegenüber steht eine kleine romanische Kirche, jetzt in ein Bauernhaus einbezogen.Die suggestivste Ortlichkeit Lonatos ist die an derselben Straße ein Stück weiter ebenfalls links gelegene romanische Kirche San Zeno, die einsam auf einem grasbewachsenen Hügel über der Landschaft thront. Dieser Hügel trug die erste, im jahre 909 in einer Urkunde König Berengars erwähnte Burg des Ortes, der erste Stadtkern Lonatos lag hier zu seinen Füßen, doch wurde er nach Zerstörungen um 1200 verlassen. Übrig blieb die ehemalige Pfarrkirche, die um 1150 errichtet wurde. Ihre Apsis aus markanten grauen Sandsteinquadern ist noch wesentlich älter. Weit ausschwingend, in kompromissloser Strenge von Lisenen und einem umlaufenden Bogenfries gegliedert, ist diese Apsis eines der eindrucksvollsten romanischen Bauwerke der ganzen Gegend.
Von Lonato führt eine Straße zurück nach Padenghe oberhalb von Desenzano. Dabei passiert man die alte Abtei von Maguzzano, deren Besuch man nicht auslassen sollte. Die Kirche überrascht innen durch eine etwas verblichene, aber vollständige Ausmalung im Stil der Renaissance. Das weit gespannte Sonnengewölbe des einschiffigen Raumes wurde als illusionistische Kassettendecke bemalt, ebenso die Innenseiten der Bögen über den zahlreichen Seitenkapellen. In diesen sind eine Reihe guter Tafelbilder zu sehen, besonders die beiden in den jeweils zweiten Seitenkapellen rechts und links vom Maler Andrea Bertanza aus Salo (Ende 16. ]h.) mit biblischen Szenen vor phantasiereichen Hintergrundarchitekturen, Ein mächtiger Triumphbogen trennt den in gleicher Breite und Höhe weitergeführten Chor mit der vielfarbigen Gewölbeausmalung. Man beachte überall die reizvollen und originellen Renaissance-Ornamente und den umlaufenden Grisaillefries. Die Tür gleich rechts neben dem Kirchenportal führt in den eleganten Kreuzgang, der so weitläufig ist, dass er einen parkähnlichen Garten umschließt. In diesem Kloster lebte von 1521 bis 1524 der Girolamo Folengo, einer der bis heute in der italienischen Literatur nicht recht gewürdigten großen Satiriker seiner Zeit. Unter dem Pseudonym Merlino Coccaia schrieb er hier sein Hauptwerk mit dem Titel >Maccaronea<, eine unübertroffene Parodie auf die lateinische und die italienische Sprache, in der scharfzüngige Attacken gegen Adel und Klerus verborgen waren; mit seiner vertrottelten Ritterfigur Baldo persiflierte er alle höfischen Ideale seiner Zeit.