Für österreichische wie italienische Militarstrategen war der Gardasee nie etwas anderes als der sechste Weg zur Umgehung der Etschtalfestungen. Da es jedoch keine Uferstraße gab und nur der Wasserweg offen stand, galt er als ungeeignet für größere Unternehmungen. So bauten die beiden feindlichen Mächte bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges zwar die wildesten Gebirgsstraßen bis auf schneebedeckte Gipfel, um sich belauern und beschießen zu können, an eine Seeuferstraße, die ihre Territorien verbunden hätte, dachten sie beide nicht das hätte auf jeder Seite nur neue Festungen erfordert, um sie zu bewachen. Solange die Nordspitze des Sees mit Riva und Torbole zu Habsburg gehörte, war dort eine normale Gardasee-Reise auch schon zu Ende, denn nun erstreckten sich auf beiden Seeseiten fast 10 km lang steil in die Fluten abstürzende Felswände. Von den Gletschern glatt geschliffen, waren sie so schwer zu bewältigende Hindernisse, dass sie selbst für Saumtiere als kaum gangbar galten. Erst als die Österreicher 1918 aus dem Trentino vertrieben waren, also keine Staatsgrenze mehr über den See führte, wurden die Straßen gebaut: 1929 wurde die Gardesana orientale, von Torbole nach Süden führend, dem Verkehr übergeben, auf der Westseite dauerte es noch zwei Jahre länger. Bis vor wenigen Jahrzehnten war also jeder Reisende des Gardaees auf ein Boot angewiesen, das ihn ins nächste Dorf brachte, und es gibt zahlreiche Berichte über die Gefahren einer solchen Überfahrt bei den häufig urplötzlich heranziehenden Gewittern. Prominentestes Opfer der fehlenden Straßen wurde aber zweifellos Johann Wolfgang von Goethe, als er am 13. September 1786, die > Iphigenie < im Gepäck, auf einem kleinen Boot mit zwei Ruderern nach Süden fuhr.
Er hatte Malcesine bereits passiert, als der tägliche Windumschlag über dem See stattfand und ihm plötzlich von Süden die Ora so heftig entgegenblies, dass er umkehren und in den Hafen von Malcesine, »der erste venezianische Ort an der Morgenseite des Sees«, einlaufen musste. Er mag wohl nicht realisiert haben, dass er damit auch eine politische Grenze zwischen zwei verfeindeten Staaten überschritten hatte, denn nun erwartete ihn ein Abenteuer, dem er ganze sechs Seiten in der Beschreibung seiner >Italienischen Reise< widmete — und das Malcesine zu unfreiwilligem literarischem Weltruhm verhalf.
Schon vom See her war Goethe die auf vorspringendem Fels über dem Wasser aufragende Burg der Scaligeri aufgefallen, und nun an Land sollte eine Skizze seinen Reiseeindruck festhalten. So begab er sich in den Hof des damals verfallenen Kastells und begann, den großen Turm, der es ihm besonders angetan hatte, abzuzeichnen. »Ich saß nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein, betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich, blieb endlich stehen, sodass sie mich zuletzt umgab«,bemerkte Goethe noch ganz ruhig, bis ihm plötzlich ein Finsterling das Zeichenblatt zerreißt. Diese Tat findet jedoch bei den Umstehen den keinen ungeteilten Beifall, und man beschließt, den Podesta zu rufen, »welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse«. So hatte man sich hier offenbar einen österreichischen Spion vorgestellt: kommt als auffälliger Fremder ins Dorf, packt vor dem halb verfallenen militärischen Objekt einen großen Zeichenblock aus und beginnt ganz konspirativ, eine stimmungsvolle Bleistiftzeichnung anzufertigen. Da erscheint der Podesta mit seinem Aktuarius und stellt Goethe die Frage, warum er ihre Festung abzeichne, worauf dieser erwidert, dass er dieses ruinöse Gemäuer nicht als eine Festung anerkenne. Damit hat er das Stichwort gegeben für einen köstlichen Disput zwischen bildungsbürgerlicher Gesinnung und praktischem Dorfverstand, denn nun wird ihm misstrauisch entgegengehalten: Wenn dies nur eine Ruine sei, was er gerade daran so besonders fände? »Ich erwiderte darauf, weil ich Zeit und Gunst zu gewinnen suchte, sehr umständlich, dass sie wüssten, wie viele Reisende nur um der Ruinen willen nach Italien zögen, dass Rom, die Hauptstadt der Welt, von den Barbaren verwüstet, voller Ruinen stehe, welche hundert- und aber hundertmal gezeichnet worden, dass nicht alles aus dem Altertum so erhalten sei, wie das Amphitheater in Verona ...<<, doch schlägt gerade diese Beweisführung gegen ihn aus, denn in bezug auf das Amphitheater entgegnet ihm der Aktuarius » das möge wohl gelten, denn jenes sei ein weltberühmtes römisches Gebäude, an diesen Türmen aber sei nichts Merkwürdiges, als dass es die Grenze zwischen dem Gebiete Venedigs und dem österreichischen Kaiserstaate bezeichne und deshalb nicht ausspioniert werden solle«. Als Antwort bekommen die Malcesiner eine weitläufige Predigt von Goethe über die Schönheit dieser Burgruine und ihres Efeubehanges zu hören, während derer sie mit verdrehten Hälsen abwechselnd ungläubig den Goethe vor sich und das Gemäuer hinter sich betrachten. Doch nutzten dem Dichter alle Bekenntnisse zur Schönheit nichts, denn trocken wird ihm entgegengehalten: » das lasse sich alles hören, aber Kaiser Joseph sei ein unruhiger Herr, der gewiss gegen die Republik Venedig noch manches Böse im Schilde führe, und ich möchte wohl sein Untertan, ein Abgeordneter sein, um die Grenzen auszuspähen«. Die Lage war fatal, und Goethe warf als letztes Argument seine Heimatstadt Frankfurt in die Waagschale.
Damit endlich konnten die Leute aus Malcesine etwas anfangen, denn von dieser Stadt hatten sie schon gehört. So wurde eilig ein Herr namens Gregorio gerufen, >>der lange daselbst konditioniert hat«, um den Fremden zu examinieren. Nachdem sich dieser abseits, aller antiken Größe eine Weile mit Goethe über verschiedene ihn bekannte Frankfurter Familien, Affären, Kinder und Enkel unterhalten hatte, fand beim aufmerksam lauschenden Publikum ein völliger, Stimmungsumschwung statt: Wer so viel Familiensinn besaß, konnte kein schlechter Mensch sein. >>Herr Podesta, ich bin überzeugt, dass dieses ein braver, kunstreicher Mann ist, wohl erzogen, welcher herumreist, sich zu unterrichten «, lautete das abschließende Urteil über den Dichter, und Goethe fand nun herzliche Aufnahme: >>Der Wirt, bei dem ich eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute sich schon auf die Fremden, welche auch ihm zuströmen würden, wenn die Vorzüge Malcesines erst recht ans Licht kämen.« So erwies sich Goethe zwar nicht als Spion, wohl aber als Prophet des touristischen Erfolges von Malcesine. Denn wenn sein erwartungsvoller Wirt von damals sehen könnte, was sich heute an Fremden durch den Ort schiebt, er würde dem Herrn aus Frankfurt gleich ein Dutzend Kerzen in der nächsten Kirche anzünden. Malcesine ist zu einem Markenzeichen des Gardasees geworden, und sein ungemein malerisches Ortsbild ist von etlichen Folgeerscheinungen dieser Tatsache gekennzeichnet, Sehr reizvoll ist noch immer der Hafen mit seinen alten Häuserfronten, auch wenn die schönen Barken mit den großen Lateinsegeln inzwischen durch Motorboote ersetzt worden sind. Ein Gewirr von schmalen Gassen durchzieht den Ort mit seinem mittelalterlichen Baubestand, der sich in weitem Rund um den steil in den See vorspringenden Burgfelsen legt. Auf diesen Felsen konzentriert sich auch die Geschichte Malcesines seit prähistorischer Zeit, denn in den Mauerringen der Burg liegt eine Wiese mit dem merkwürdigen Namen Lacaor mit vermuteten etruskischen Grabhöhlen. Anfang des 20. Jh. grub man drei römische Sarkophage aus, doch relativ sichere Kenntnis hat man erst von einem Burgenbau der Langobarden um 568. Der Geschichte dieses Volkes und seines Untergangs durch die Franken wird man an den Ufern des Sees noch häufiger begegnen; bereits im Jahre 590 zerstörte der fränkische Heerführer Childerich auf seinem Zug gegen den mit der bayerischen Prinzessin Theodolinde verheirateten Langobardenkönig Authari die Burg. Nach dem endgültigen Sieg der Franken im Jahre 774 installiert Karl der Große seinen Sohn Pippin als italienischen König in Verona, der um 806 nach Malcesine kommt, um zwei auf dem Monte Baldo hausende Heilige zu besuchen. Nach dem Ende des Frankenreiches gehören Ort und Burg dem Bischof von Verona und kommen mit der Machtübernahme der Scaligeri zu deren Territorium, nachdem das Kastell im Kampf Friedrich Barbarossas gegen den Veroneser Städtebund erneut seine militärische Wichtigkeit unter Beweis gestellt hatte. Die Scaligeri befestigen Malcesine und bauen die Burg zu jener weitläufigen Anlage aus, als die sie sich noch heute präsentiert; die jahrhundertelange venezianische Herrschaft ist mehr im Ortsbild als am Kastell zu bemerken.
Wendet man sich vom Hafen nach links zur Burg, so passiert man Palazzo dei Capitani del Lago, zu erkennen an den großen offenen Gewölben des Untergeschosses, die den Blick freigeben auf Häfen hinter dem Palast liegenden kleineren Ziergarten mit der alten Anlegestelle der Barken des Capitano. Dieser war der abwechselnd in Malcesine, Torri oder Garda residierende venezianische Gouverneur des Ostufers während der Herrschaft Venedigs über den See von 1405-1797. Erbaut hatten den Palast aber schon die Scalrgeri Ende d 13.Jh. für ihren Statthalter,.1n der zwe1ten.Hälfte des 15. Jh. würde er im Stile der venezianischen Gotik wieder hergerichtet.
Wenn man die Gewölbe durchschreitet, erblickt man an der Decke ein riesiges Fresko: die Burg von Malcesine, gekrönt vom Markuslöwen, augenfälliges Zeichen der Herrschaft der Lagunenstadt. Tritt man auf der anderen Seite wieder heraus, befindet man sich in einem reizenden kleinen Palmengarten, der mit einer zinnenbekrönten Mauer zum See abschließt; von hier erweist sich die seeseitige Front des Palastes als ungemein edles Stück venezianischer Architektur mit reich verzierten Fenstergalerien und Balkonen. Im Obergeschoss befinden sich die Repräsentationsräume des Palastes. Den großen Ratssaal schmücken prunkvolle Portalumrahmungen und ein großer, über alle Wände laufender gemalter Renaissancefries mit Rankenwerk und Fabelwesen. Daneben liegt der kleinere Audienzsaal des Capitano, mit alter Balkendecke, Fresken und schönem Blick über Garten und See ein beneidenswerter Arbeitsplatz. Schmale Gassen führen, vorbei am kleineren alten Hafen, hinauf zum Felsen mit der einstigen Burg der Scaligeri, die mit ihren Mauern unvermittelt aus den enggedrängten Häusern aufragt. Die ganze Anlage besteht aus drei ummauerten Höfen, einer jeweils höher gelegen als der andere, verbunden durch kompliziert gewundene Rampen und Treppen, die immer im Schusswinkel des nächsthöheren Wehrgangs liegen. Im untersten Hof steht der Palazzo Inferiore, 1620 von den Venezianern zur Aufnahme der Garnison errichtet; er beinhaltet heute ein kleines Museum, in dem besonders die Darstellungen zur Vergletscherung des Gardaseebeckens sowie der Fauna des Sees und des Monte Baldo beachtenswert sind. Im zweiten Hof führt der Aufgang durch ein kleines Gebäude mit einer Goethe-Ausstelung, die ehemalige Pulverkammer, in der auch seine in Malcesine angefertigten Skizzen zu sehen sind. An der östlichen Mauer der Terrasse, die mit ihrer südländischen Bepflanzung an den >Garten der Mignon< gemahnen soll, sind noch Reste von Fresken sichtbar, die vermutlich von einer Burgkapelle des 14. Jh. stammen. Der dritte Hof, die alte Kernburg, ist geprägt von Palas und Bergfried der Scaligeri; der eindrucksvolle Turm, der sic 70 m über den See erhebt, hat einen fünfeckigen Grundriss und ist mit seiner Spitze gegen die turmseite gerichtet, da ein Angriff nur vom Land her möglich war.
Ursprünglich konnte man den Turm nur über eine Zugbrücke im Weiten Geschoss betreten, bis zu dieser Höhe reicht auch ein andersartiges Mauerwerk, welches höchstwahrscheinlich noch vom langobardischen Festungsbau herrührt; vom obersten Stockwerk des Turms hat man einen viel gerühmten Blick über Burg, Ort und See.
Der daneben gelegene Palas mit pfeilergestützten Bögen im großen Saal besitzt ebenfalls ein kleines useum mit Darstellungen zu jener Aktion der Venezianer, mit der sie eine ganze Kriegsflotte über das Gebirge nach Torbole transportierten (s. S. 54) und eine Dokumentation zum vergeblichen Versuch, eine vor Lazise versenkte Galeere zu heben (s. S. 90). Man beachte im Hof die Zisterne und an der Nordostwand ein gut erhaltenes Fresko einer thronenden Madonna mit Kind, gemalt in jenem verspäteten byzantinischen Stil, von dem in Assenza (s. S. 63) noch die Rede sein wird. Wer die alten Gassen Malcesines bergauf geht, gelangt an den großen Platz, über dem sich die Pfarrkirche Santo Stefano erhebt. Die 1729 erbaute Bar0ck—Kirche ist kein Meisterwerk der Baukunst, besitzt aber schöne Altarblätter in den schweren, pathetischen Farben des italienischen Barock. Sehenswert ist besonders das Bild des ersten Seitenaltars rechts neben dem Eingang: eine qualitätvolle Grablegung des Gerolamo dai Libri (1475—1555) mit einem für die Renaissance typischen effektvollen Landschaftshintergrund.
Vom Hafen nach Süden führt eine lange Strandpromenade mit vielen Badegelegenheiten vorbei an der kleinen Isola dell’Olivo bis zur Landzunge, wo die Val di Sogno, das >Tal des Traumes mündet. Dieser verbreiterte Uferstreifen ist berühmt für seine südliche Vegetation: Oliven, Oleander, Palmen, Zedern— und Zypressengruppen stehen zwischen dem See und den Steilhängen des Monte Baldo.
Wer sich länger in Malcesine oder der Umgebung aufhält, sollte auf keinen Fall eine Fahrt mit der Kabinenbahn in die Gipfelregion des Monte Baldo auslassen, Das lang gestreckte Bergmassiv ist in vielerlei Hinsicht ein einzigartiges Erlebnis (s. S. 151 ff.), und nirgendwo kommt man so leicht hinauf wie hier. Die Seilbahn überwindet in wenig mehr als zehn Minuten Fahrt einen Höhenunterschied von 1680 m, der Blick über den See und die südlichen Alpengipfel ist superb. Wer nicht so hoch hinauf will, kann auch in 556 m Höhe an der Mittelstation aussteigen und in anderthalb Stunden nach Malcesine zurückgehen. Für einen Ausflug auf den Berg sollte man sich einen klaren Tag aussuchen.