Mantua bietet dem Reisenden eines der besterhaltenen historischen Zentren Oberitaliens, seine Stadtgeografie veranschaulicht in besonderer Weise die Entwicklung der oberitalienischen Stadtrepubliken in ihren drei bestimmenden Epochen: die frühmittelalterliche Zeit der bischöflichen Macht, die hochmittelalterliche Stadtrepublik und die Zeit der aus ihr entwachsenen Signorie, der Herrschaft einer Familie über die Stadt. Die Signorie Mantuas war das Haus der Gonzaga, welches die Stadt vom Spätmittelalter bis zum Barock von ihren Hofar— chitekten mit Bauten ausstatten ließ, die schon bei ihren Zeitgenossen sprachlose Bewunderung auslösten — der elegante und bisweilen frivole Fürstenhof war zwar politisch machtlos, aber gerade deshalb auf höchste kompensatorische Kunstentfaltung bedacht. Besonders das Schaffen der bahnbrechenden Künstler Andrea Mantegna und Giulio Romano machen Mantua heute — nach endlosen Restaurierungsarbeiten — zu einem Zentrum der Renaissance—Malerei und zur heimlichen Hauptstadt des Manierismus in Oberitalien. Da Mantua nach der militärischen Katastrophe des Jahres 1630 völlig verannte, gab es keine weitere historische Stadtentwicklung, und so präsentiert sich das alte Zentrum wie ein sprechendes Beispiel italienischer Stadtgeschichte.
Der älteste Siedlungskern Mantuas ist die heutige Piazza Sordello, einst eine flache Sanddüne, die sich mit einer Höhe von nur 20 m über dem Meeresspiegel aus der tellerflachen Landschaft erhob. Hier errichteten die Bischöfe bereits im 10. Jh. als Zeichen ihrer ersten Stadtherrschaft den Dom. Als sich im 11. und 12. Jh. die Bürger zur stadtrepublikanischen Regierung zu organisieren begannen, fanden sie daher für ihr politisches Zentrum den >ersten< Platz der Stadt bereits besetzt. S0 errichteten sie südlich angrenzend ihre Piazza mit dem Regierungspalast der Stadtrepublik, dem Broletto (Piazza Broletto) und, abermals angrenzend, den großen Marktplatz (Piazza delle Erbe), das Handelszentrum der Stadt mit der Pfarrkirche (Rotunde San Lorenzo). Diese drei mit Arkadengängen und Torbögen verbundenen Plätze, gesäumt von monumentalen und reich gegliederten Fassaden des Mittelalters, gehören zu den eindrucksvollsten städtebaulichen Ensembles Oberitaliens, auch wenn einer dieser Plätze seine Funktion grundlegend wandelte. Denn als aus den innerstädtischen Parteienkämpfen der stadtrepublikanischen Zeit 1273 die Familie der Bonacolsi als Sieger hervorging und ihre Signorie über Mantua errichten konnte, kaufte sie dem verarmten und entmachteten Bischof sein Domareal ab: Die weite Piazza Sordello, die Keimzelle der Stadt, wurde so zum privaten Residenzviertel der herrschenden Familie. Diese umgab den Platz mit zinnenbekrönten Monumentalbauten, die den vorher optisch bestimmenden Dom nur noch als Staffage der neuen Machthaber zur Geltung kommen ließen.
Einen Teil dieser gotischen Prunkfassaden nutzten die späteren Herren Mantuas, die Gonzaga, als Außenbau ihres riesenhaften Palazzo Ducale, der sich als ein eigenes Stadtviertel zwischen dem Seeufer und der Piazza Sordello erstreckt. Die Gonzaga setzten auch den letzten städtebaulichen Akzent Mantuas: den in Sichtweite, doch außerhalb der Altstadt gelegenen Palazzo Te, das Lust- und Sommerschloss mit seiner legendären Ausmalung, einem absoluten Höhepunkt der manieristischen Kunst Italiens.