Maria Callas (1923-7 7)
Keine Künstlerin hat die Menschen des 20. Jh. so tief beeindruckt wie die Sängerin Maria Callas. Ihre Auftritte in der Arena von Verona in den Jahren 1947-49 und noch einmal 1952-54 haben den Ruhm der Veroneser Opernfestspiele nach dem Zweiten Weltkrieg mitbegründet. Die einzigartige Faszination ihrer Auftritte lag nicht nur in der Unbedingtheit und Intensitität, mit der sie sich in ihre Rollen hineinversetzte und deren Gefühle musikalisch auszudrücken verstand. Ihrem Können gelang es, ein ganzes damals beinahe verspottetes Kapitel der Operngeschichte in revolutionärer Weise wieder zu beleben: die Epoche des Belcanto. Was sie in die Lage versetzte, dem gesamten kompositorischen Schaffen von Donizetti und Bellini (und des frühen Verdi) wieder dramatisches Leben einzuhauchen, war die Wiedereinführung einer ergessenen Gesangstechnik: >>Callas restituierte die Kunst des Singens >in der Maske< mit der Nutzung der Resonanzen in den vorderen Schädelräumen, die allein die leichte, rasche Ausführung verzierter Partien, insbesondere von chromatischen Passagen, Arpeggien und schwebenden Tönen der Mezzavoce, gestattete« (]. Kesting, 1986). Diese Technik, verbunden mit der überwältigenden Leidenschaft ihrer nterpretation, befähigte Maria Callas zu nie mehr wiederholbaren Auftritten: Wenn sie zum C"’ oder zum Es"’ ansetzte, durchdrang ihre Stimme »glühend und leuchtend wie eine weiße Flamme« selbst riesige Chöre und tosende Orchester.Doch, wie auch]. Kesting feststellt, »gehört die emotionale Identifizierung mit einer Rolle und ihren Affekten zu den größten Gefahren einer Stimme,« Gerade dadurch, dass Maria Callas dieser Gefahr erliegen wollte, hat sie unsterbliche Meisterwerke musikalisch-dramatischer Interpretation hinterlassen. In den jahren 1947-65 stand sie nur knapp fünfhundertmal auf der Opernbühne. Durch diese vergleichsweise wenigen - doch stets mit äußerster Intensität ausgeführten Auftritte verbrannte ihre Stimme bis zur Unkenntlichkeit. Warum sie, entgegen allen Warnungen, ihre Stimme stets über alle zerstörerischen Grenzen hinweg beanspruchte, ist nur mit der kompromisslosen Hingabe an ihre Rollen zu erklären. Auch ihr Biograph ohn Ardoin weiß angesichts dieser bewusst in Kauf genommenen Selbstzerstörung einer unwiederbringlichen Stimme nur die Metapher von der Kerze zu zitieren:
"Meine Kerze brennt an beiden Enden
und überdauert nicht die Nacht;
doch sag’ ich meinen Freunden, meinen Feinden,
sie hat das schönste Licht gebracht."