Eintausendeinhundert Meter dick war das Eis, das zur Zeit der letzten, der Wümi—EiSZeit über Riva und Torbole lag. Im Laufe von jahrtausehden hatten sich riesige Gletscher aus den Zentralalpeh auch durch das Etsch- und Sarcatal nach Süden geschoben, sie hobelten die Talflanken ab und hinterließen kilometerlange glattgeschliffene Felsen, die noch heute von den Hängen des Monte Baldo Hunderte von Metern tief in die Fluten des Gardasees stürzen. Das abgehobelte Gestein schoben die Eismassen vor sich her; auf diese Weise schliffen sie nicht nur das Gardaseebecken aus, das vorher nur ein schluchtartiges Tal war, sondern schufen überhaupt die Voraussetzung für den See in seiner heutigen Form. Bis Sirmione reichten die Gletscher und waren dort noch immer 200 m dick, doch weiter kamen sie nicht, in der Po-Ebene wurde es ihnen zu warm. So ließen sie in einem weiten Rund die vor sich hergeschobenen Geröllmassen am Alpenrand liegen, mehrere Kilometer breit und über 40 m hoch zog sich nun ein Moränenwall von den Ausläufern des Monte Baldo zu den Brescianer Bergen; hinter diesem natürlichen Staudamm sammelte sich erst das Wasser des Sees. Die Endmoränen des Gardasee-Gletschers bilden heute eine reizvolle, weinbestandene Hügellandschaft, durch die sich nur der Mincio als einziger Abfluss des Sees ein Bett gegraben hat.
Diese Ereignisse hinterließen auch am Monte Baldo ihre Spuren, nicht nur an den glattgeschliffenen Hängen, sondern auch oben drauf. Denn das lang gestreckte Bergmassiv, das mit Höhen knapp über 2000 m die Ostseite des Gardasees auf 35 km Länge bildet, war zwar von den Gletschern umschlossen, aber nicht bedeckt. Aus dem Eis ragten nicht nur unfruchtbare Felsengipfel, sondern wegen der südlichen Lage auch Hochflächen, auf denen etwas wachsen konnte. So trägt der Monte Baldo eine fast einzigartige voreiszeitliche Flora, zusammen mit zahllosen anderen seltenen Alpengewächsen. Neben seltenen Orchideenarten, Edelweiß und Feuerlilie, Almenrausch und Enzian bedecken feingliedrige Nadelgewächse Felsen und Almen, besondere botanische Raritäten sind die tiefrote, wildwachsende Pfingstrose, die Segge vom Monte Baldo (Carex baldensis) und die ebenfalls nach diesem Berg benannte Baldo—Anemone (Arzemorte baldensis) mit ihren sternförmigen Blüten. lm Frühsommer bildet diese Flora ein im ganzen Alpenraum schwer zu übertreffendes Erlebnis von Farbe, Duft und Formenvielfalt. Das lang gestreckte Bergmassiv ist heute auf einer durchgehenden Straße befahrbar, die aber in einigen Abschnitten nur eine Schotterdecke aufweist. Sie führt im Norden bei Mori über Brentonico hinauf und im Süden bei Caprino Veronese wieder hinunter; auch vom Etschtal gibt es bei Avio eine allerdings sehr steile Auffahrt. Der bequemste Weg hinauf ist freilich die Seilbahn in Malcesine; zu Fuß besteigt den Berg so gut wie niemand mehr vom See aus, auch die Autofahrt ist nicht unbeschwerlich, doch hat sie den Vorteil, dass man sich aussuchen kann, wo man seinen Fuß in die Landschaft setzen möchte. Denn wenn man oben ist, wird man feststellen, dass dieser Berg, der mit seiner so geschlossen wirkenden Gipfellinie den See begrenzt, im Innern eine Landschaft für sich ist. Der Monte Baldo besteht eigentlich aus zwei Bergketten: einer westlichen, die sich mit den höchsten Gipfeln vom Monte Altissimo bis zum Coal Santo hinzieht und in geschwungener Linie zum Gardasee abfällt, und einer östlichen, deren Spitzen etwa 500 m niedriger sind, dafür aber oft senkrecht und zerklüftet zum Etschtal abbrechen. Dazwischen erstreckt sich eine lang gezogene Furche, in der einsame Dörfer und Gehöfte zwischen sanft gewellten Almwiesen und murmelnden Bächen liegen. Die zahlreichen Wandermöglichkeiten hier oben sind von unvergesslichem Reiz, eindrucksvoll sind die Wege zwischen den Gipfeln des westlichen Kamms (Monte Altissimo di Nago, Cime di Ventran Cima Valdritta und Monte Maggiore mit der Punta Telegrafo), die viel gerühmte Ausblicke über den Gardasee und die Alpen erlauben. Die Punta Telegrafo wird übrigens so genannt, weil Napoleon I seinen in der P0—Ebene operierenden Armeen von hier aus optische Signale geben ließ. Auch die Wanderungen zum östlichen Kamm mit Blicken ins Etschtal und in die Lessinischen Berge sind zu empfehlen, besonders von Spiazzi am Steilhang entlang zur Wallfahrtskirche Madonna della Corona über den Felswänden des Monte Cimo. Wer von Norden hinaufkommt, sollte hinter Brentonico im winzigen Ort Valentino zum Orto Botanico fahren, einem botanischen Garten mit der Flora des Monte Baldo; noch ein Stück weiter eröffnet sich bei der bewirtschafteten Hütte Rifugio Graziani eine Möglichkeit zum Aufstieg zum Rifugio Altissimo unter dem gleichnamigen, nördlichsten Wer hier oben nach Kunst sucht, wird bei der Auffahrt von Mori aus mehrere typische alte Gebirgsdörfer mit viel Atmosphäre finden.
Ein solcher Ort ist Castione, dessen Zentrum aus großen, unverputzten Steinhäusern um den Kirchplatz besteht. An der Pfarrkirche San Clemente ist über dem Ostportal der romanische Fries eines Vorgängerbaus zu sehen, im Inneren ein barocker Altar aus der Werkstatt der Bildhauerfamilie Benedetti, die aus dem Ort stammt. Ein Stück weiter liegt das größere Dorf Brentonico mit der 1584-93 erbauten Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo im verwinkelten Ortskern. Sie besitzt mehrere sehenswerte Ausstattungsstücke der Renaissance (Altäre) und des Barock (Orgel), vor allem aber steht sie auf dem Platz eines frühromanischen Vorgängerbaus. Von diesem hat sich eine dreischiffige Krypta mit Apsis erhalten, deren Kreuzgratgewölbe auf 10 Stützen ruhen. Sie bestehen zum Teil aus Säulen mit korinthisierenden Kapitellen und stammen wie die ganze Krypta wahrscheinlich aus dem 10. Jh. In Gewölbe und Apsis sind wenige Reste einer Ausmalung von einem veronesischen Meister des 14. Jh. erkennbar. In der Nähe von Brentonico liegen in aussichtsreicher Lage die Burgruine Dossomaggiore und das Dorf Crosano mit der Pfarrkirche San Zeno, in der ein freskiertes Gewölbe im Presbyterium zu sehen ist.