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Santa Giulia Museum

Santa Giulia/Museo della Citta


Folgt man der Via Musei ein kleines Stück weiter, so erreicht man das ehemalige Kloster Santa Giulia (9), in dem das hochinteressante Museo della Citta untergebracht ist. Der einzigartige Gebäudekomplex vereinigt römische, langobardische, romanische und Renaissance-Bauten und zählt zu den eindrucksvollsten archäologischen und kunsthistorischen Stätten Oberitaliens. Das architektonische Gefüge der Gebäudegruppe aus drei Kirchen, drei Kreuzgängen und Klosteranlagen ist ebenso kompliziert wie seine Baugeschichte. Ursprünglich stand hier, neben dem Forum, das Palastviertel des römischen Stadtpatriziats. Im Jahre 753 gründeten der Langobardenkönig Desiderius und seine Gemahlin Ansa über den zerstörten antiken Palästen ein Benediktinerinnenkloster, das dem hl. Salvator geweiht war. Ausgestattet mit reichsten Stiftungen aus dem gesamten langobardischen Reich wurde San Salvatore eine der mächtigsten Abteien Norditaliens.
Nach der Zerschlagung des Langobardenreiches tasteten die siegreichen Franken das Kloster nicht an, im Gegenteil, weitere Schenkungen und politische Privilegien kamen hinzu. Allerdings verschwand der langobardische Name des Klosters; schon im 10. Jh. wurde es der hl, Julia geweiht. Eine weitere Bauphase im romanischen Stil setzte um die Mitte des 12. Jh. ein, von der vor allem die Doppelkirche Santa Maria in Solario erhalten ist. 1466 entschloss man sich zu groß angelegten Um- und Erweiterungsbauten des Komplexes. An die Westfassade der Salvator-Basilika wurde ein hohes Gebäude mit einem weiträumigen Nonnenchor im Obergeschoss angefügt, das Erdgeschoss diente als neuer öffentlicher Zugang zur alten Klosterkirche. Dieser Nonnenchor ist eines der frühesten Beispiele der Renaissance-Architektur in Brescia; aus den folgenden ]ahrzehnten stammt der große Nordost-Kreuzgang. Die Umbauten der Renaissance wurden mit der ab 1593 an den Nonnenchor angefügten Kirche Santa Giulia abgeschlossen. Vor allem aber sah die Neugestaltung vor, alle Sakralräume mit großflächigen Freskenzyklen auszustatten, weshalb sich in den Kirchen des Klosterkomplexes auch bedeutende Zeugnisse der Brescianer Renaissance-Malerei finden. Nach der Auflösung des Klosters im Jahre 1798 diente es über hundert Jahre lang als Kaserne und kam völlig herunter.
Nach jahrzehntelangen Ausgrabungen und Restaurierungen hat das Kloster nun ein einzigartiges Kunsterlebnis zu bieten. Selbst ein steingewordenes Monument der Stadtgeschichte, beherbergt es das Museo della Citta, das in fesselndem Bezug der Exponate zur historischen Architektur die künstlerische Entwicklung Brescias bis zur Renaissance dokumentiert. Die Sammlungen des Museums sind vorwiegend chronologisch geordnet. Die vor- und frühgeschichtliche Abteilung besitzt ihre bedeutendsten Stücke in den Funden aus der Keltenzeit (ab 400 V. Chr.; u. a. Metallhelm von Gottolengo und die >falere di Manerbio<, kleine Silberscheiben mit kreisförmig angeordneten Köpfen, die besiegte Feinde symbolisieren). Breiter Raum ist der ersten bedeutenden Epoche in der Geschichte Brescias, der Römerzeit (1. Jh. V. Chr.—5. Jh. n. Chr.), gewidmet. Inschriftensteine, Grabstelen, Glas, Keramik, Schmuck und große Mosaiken zeugen vom Leben in der reichen römischen Provinzstadt Brixia. Die Attraktion dieser Abteilung sind sechs ausdrucksstarke Bronzeköpfe des 3. Jh. (auf rekonstruierten Statuen), Porträts angesehener Römer, die sicherlich in den öffentlichen Gebäuden des Forums aufgestellt waren. Aus Bronze ist auch das berühmteste Stück der Sammlung: die überlebensgroße Statue der geflügelten Vittoria (1. Jh.), die zu den bedeutendsten erhaltenen Bronzeskulpturen der Antike zählt. Die idealisierte Frauengestalt in faltenreichem Gewand stellt die Siegesgöttin dar, die den Namen des Siegers auf den (nicht mehr erhaltenen) Schild des Kriegsgottes Mars schreibt; wahrscheinlich war sie ein Weihegeschenk der Brescianer für Kaiser Vespasian nach dessen Triumph über Judäa (71 n. Chr.). An mehreren Stellen der Klosteranlage sind wieder die in späteren lahrhunderten überbauten Fundamente von Palästen ergraben, die das römische Stadtpatriziat hier in privilegierter Lage am Abhang des Cidneo-Hügels errichtet hatte (Vor allem die ausgedehnte Domus dell’Ortaglia im Nordosten des großen Renaissance—Kreuzgangs mit ihren antiken Mosaikfußböden und Resten von Wandmalereien).
Der Gang durch die Geschichte führt nun ins frühe Mittelalter, die Zeit der Langobardenherrschaft (568-774) und ihrer Zerschlagung durch den Pakt des Frankenkönigs Karl mit dem Papst (s. S, 19f.), einer Epoche, die das Schicksal Italiens und ganz Mitteleuropas für ]ahrhunderte entschied. Kunst und Kultur der Langobarden dokumentieren Grabfunde (Goldkreuze, Tongefäße, Schmuck, farbig eingelegte Fibeln, Gürtelschließen und Waffen) und vor allem die einzigartige Königskirche San Salvatore. Gegründet 753 vom langobardischen Herzog von Brescia, dem späteren König Desiderius, gehört sie zu den eindrucksvollsten Beispielen vorromanischer Sakralarchitektur. Ihre Faszination für den Betrachter ebenso wie ihr Rang in der Kunstgeschichte resultiert aus der Verbindung einer klassischen Basilika byzantinisch-ravennatischen Stils mit der ornamentalen Reliefkunst eines nordischen Volkes. Das Mittelschiff wird begrenzt von Marmorsäulen mit schön skulptierten oder stuckierten Kapitellen, die teils aus antiken Bauten stammen, teils aus Ravenna importiert wurden. Die Bogenlaibungen waren einst dicht mit filigranen Stuckreliefs geschmückt; einige sind an den Arkaden der rechten Seite noch erhalten. Weitere Reliefarbeiten mit Flechtbandornamenten, Blumenranken und symbolischen Motiven, die zur Bauzier der Kirche gehörten, aber auch einem Lesepult und einem Ziborium zugeordnet werden, sind im Kirchenraum ausgestellt (im Vorraum gleich nach dem Eingang — Werke aus anderen Brescianer Bauten langobardischer und karolingischer Zeit). Für eine langobardische Kirche ganz außergewöhnlich sind die nur noch fragmentarisch erhaltenen Fresken der Hochschiffwände, die in drei übereinander angeordneten Bildstreifen das Leben Christi und Märtyrerlegenden erzählen. Denn das Charakteristikum der langobardischen Kunst ist die ornamentale Gestaltung der Fläche mit geometrischen, vegetabilen oder zoomorphen Reliefs; gemalte Bilderzyklen wie hier in San Salvatore hat man einzig noch in Castelseprio südlich von Varese (West-Lombardei) gefunden. Durch Gitter im Kirchenboden kann man hinabblicken auf die Fundamente eines kleineren Vorgängerbaus des 7. Jh. sowie auf ein Grab, das als Bestattung Ansas, der Gemahlin des Desiderius, gilt (neben der rechten Arkadenreihe).
Eine Zutat der Renaissance ist die Ausmalung der Turmkapelle und der anschließenden Wand durch Romanino (Legende des Brescianer Lokalheiligen Obizzo). Nach mehreren Sälen mit Skulpturen und Fresken aus der Ära der Stadtrepublik sowie der veronesischen und mailändischen Herrschaft in Brescia (12.-15. Jh.) führt der Rundgang in die – zeitlich gesehen - zweite Kirche des Klosterkomplexes: Santa Maria in Solario ist ein zweigeschossiger romanischer Kuppelbau der Zeit um 1150 mit einem niedrigen achteckigen Tambour mit umlaufender Zwerggalerie. Über dem schmucklosen Unterbau, dessen Kreuzgewölbe ein wieder verwendeter römischer Weihealtar trägt, erhebt sich das überkuppelte Oratorium, das ausschließlich den Nonnen vorbehalten war, 1513 wurde es von Floriano Ferramola vollständig ausgemalt.
Die Fresken erzählen das Leben der hl. Julia (rechte Wand) und zeigen Heilige, die von den Benediktinerinnen besonders verehrt wurden. Die farbenfrohen Bilder sind ein ]ugendwerk Ferramolas. In ihrer gefälligen erzählerischen Manier und den schematischen, blockhaften Personendarstellungen zeichnen sie sich durch ihren noch gotisch-mittelalterlichen Charakter aus, der sich dem alten Raum gut anpasst, jedoch in der Hochrenaissance bereits ein Anachronismus war. Hier werden einige kostbare Stücke des Klosterschatzes gezeigt. Hervorzuheben sind die Lipsanothek, ein um 370 angefertigtes Reliquienkästchen aus Elfenbein, dessen Außenseiten aufs Feinste reliefierte Szenen aus dem Alten und Neuen Testament schmücken, sowie das berühmte Desideriuskreuz. Das große Goldkreuz mit über 200 eingelassenen Edelsteinen, Kameen und farbigen Glasmedaillons (1.-8. Jh.) wurde im späten 8. Jh. unter Verwendung vieler Stücke der römischen Antike angefertigt (einige Kameen des 13. Jh. wurden anlässlich einer Restaurierung angebracht). Das unbestrittene Meisterwerk darunter ist ein spätantikes Glasmedaillon am unteren Teil der Vorderseite, das der Künstler BOYNNEPI KEPAMI (Bunneri Kerami) in großen griechischen Lettern signierte. Darauf sind in äußerstem Realismus und großer Eindrücklichkeit eine Frau und zwei jugendliche dargestellt. Einst vermutete man darin das Porträt der ravennatischen Kaiserin Galla Placidia (425-50) und ihrer Kinder, es ist jedoch eine hellenistische Arbeit des 4. Jh. Im Obergeschoss des Museums betritt man den im späten 15. Jh. errichteten Nonnenchor der Renaissance (Coro delle Monache). Der Bau war notwendig geworden, als die alte Klosterkirche auch für die Brescianer Kirchengemeinde geöffnet wurde. So konnten die Nonnen durch die Fenster im Chor in die Basilika San Salvatore blicken und von hier aus ungesehen am Gottesdienst teilnehmen. Fast
vollständig erhalten ist die Renaissance-Freskierung des Chores (ca. 1530-50). Die Ausmalung des Raumes olgt in den die Bilder rahmenden Scheinarchitekturen den Linien des Renaissance—Baus als Imitation antiker Architektur. So spielt die alles beherrschende Kreuzigungsszene unter einem gemalten Triumphbogen, dessen Scheingebälk sich in den reich ornamentierten Trennungsfriesen der Freskenzyklen an den Wänden fortsetzt. Die weiteren Bilder zeigen Szenen der Kindheit ]esu, der Passion und der Auferstehung sowie damit verbundene Themen. Größtenteils wurden die Arbeiten vom Brescianer Floriano Ferramola und seiner Werkstatt ausgeführt; die linken Kapellen bemalte Paolo da Caylina der jüngere. Obwohl sie teils noch gotischen Bildauffassungen verhaftet sind, zeigen sie in den fein modellierten Personendarstellungen und den phantasievollen, tiefen Landschaften alle Charakteristika der lombardischen Renaissance-Malerei. (Hinter dem Nonnenchor befindet sich die ab 1593 erbaute und damit jüngste Klosterkirche: Santa Giulia; sie dient als Konferenzraum und ist nicht zu besichtigen.) Eine weitere Sektion zeigt die Wohnkultur des Stadtadels von der Gotik bis zur Renaissance: neben den kunstvollen Einrichtungsgegenständen achte man die aus Privatpalästen hierher übertragenen Fresken der Brescianer Renaissancemaler Floriano Ferramola, Moretto und Lattanzio Gambara. Den Rundgang durch das Museum beschließt eine umfangreiche Abteilung, in der Kollektionen namhafter Brescianer Sammler des 18. und 19. Jh. ausgestellt sind. Neben einigen hochrangigen Stücken der Antike sieht man erlesene Fayencen, Gläser, Elfenbeinschnitzereien und Bronzen.
Geht man die Via Musei wieder zurück, führt die Via Piamarta ein kurzes Stück bergauf zum originell reliefierten Portal der ab 1470 erbauten Kirche Santissimo Corpo di Cristo (10). Der Innenraum wurde um 1640 künstlerisch nicht immer überzeugend, doch in überquellendem Farben- und Formenreichtum vom Mönch Benedetto Marone ausgemalt, Qualitätvoller sind die noch spätgotisch anmuenden Bilder des Gerolamo da Brescia (um 1490) am Triumphbogen; sie blieben von der ursprünglichen Ausmalung der Erbauungszeit erhalten.

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