An der Ostseite der Piazza Sordello erhebt sich, die monumentale Wirkung des Platzes bestimmend, die majestätische Fassade des zinnenbekrönten Palazzo del Capitano und daran anschließend die niedrigere Domus Magna. An der Wende des 13. zum 14. Jh. als Residenz der noch stadtbeherrschenden Bonacolsi errichtet, wurden die beiden Bauten nach der Machtergreifung der Gonzaga zu Außenfronten des dahinter entstehenden Palazzo Ducale (4), ihrer neuen Residenz, die hier von der Piazza Sordello aus zu betreten ist.
Der Palazzo Ducale ist eine der faszinierendsten Kunststätten Oberitaliens, doch sollte man vor seiner Besichtigung folgende Erwägung beachten. Er besteht nicht aus einem, sondern aus einer ganzen Reihe von Palästen, die die verschiedenen Gonzaga aneinander bauten, um sich gegenseitig mit neuen Schöpfungen, neuen Architekturstilen und neuen künstlerischen Raffinessen der Ausstattung zu übertreffen. Der Palazzo Ducale geriet dadurch vom 13. bis zum 17. Jh. zu einem riesigen Konglomerat von Palästen, die schließlich ein ganzes Stadtviertel einnahmen.
Mehr als 500 Räume, Säle, Galerien, Gänge und Treppenhäuser umschließen 15 Innenhöfe, Plätze, Gärten und kleine Parkanlagen. Die endlosen Fluchten von Sälen, Appartements und Verbindungsgalerien erschienen jedem Besucher nach kurzer Zeit wie ein unentwirrbares Labyrinth. Mit den Nöten eines jahrzehntelang herumirrenden Publikums hat das Denkmalamt Anfang des 21. Jh. endlich ein Einsehen gehabt: die Sammlungen wurden neu geordnet und ein (halbwegs) verbindlicher Rundgang geschaffen, der alles (bis jetzt entdeckte) Sehenswerte zeigt. Man sollte bei einem Besuch des Palazzo Ducale diesem percorso und seiner fortlaufenden Nummerierung unbedingt Folge leisten, andernfalls ist man verloren oder läuft Gefahr, Wesentliches nicht zu finden. Denn dieser Rundgang folgt nicht einer räumlichen, sondern einer kunsthistorischen Logik, die ]eden Versuch einer eigenen Orientierung unmöglich macht: Man besichtigt nicht einen der Gebäudekomplexe und wird dann zum nächsten geführt. Die Besichtigungsroute ist chronologisch geordnet, sie beginnt beim Spätmittelalter Pisanellos, führt durch die verschiedenen Stufen der Renaissanceausstattungen und endet bei den von den Österreichern eingerichteten Barocksälen des 18. jh. Doch ist gerade das Labyrinthische, das Undurchschaubare, das Verwirrende, die verschwenderische Überfülle sinnlicher Eindrücke, eines der konstituierenden Elemente der Faszination dieses einzigartigen Palastes.
Die folgende Beschreibung folgt dem festgelegten Rundgang und hebt die künstlerischen Höhepunkte des Palastes hervor. Dieser besteht aus mehreren Gebäudekomplexen. Den ältesten Teil bilden die Paläste der Bonacolsi (Domus Magna, A, und Palazzo del Capitano, B), die von den Gonzaga zur Corte Vecchia zusammengefasst wurden. Hinter dem Ehrenhof folgt die von Luca Fancelli geplante Dreiflügelanlage der Domus Nova (C; 1480-84) und davor die Schlosskirche Santa Barbara (D; 1562-65). Die Bauten zur Seeseite hin beginnen mit Giulio Romanos Rustica (E; 1538-39), nach dem von Galerien umschlossenen Hof der Cavallerizza (F; 1565) schließt die Corte Nuova (G; 1536-39 von Giulio Romano) an; den monumentalen Abschluss bildet die mittelalterliche Festung des Castello di San Giorgio (H; ab 1395) von Bartolino da Novara.
Man betritt den Palazzo Ducale in seinem ältesten Teil, der Corte Vecchia, deren Fassade die Piazza Sordello dominiert. Über die >Treppe der Herzoginnen< erreicht man als Erstes den heute Sala di Morone genannten Raum. Hier ist das große Tafelbild ausgestellt, auf dem der Veroneser Maler Domenico Morone die Schlacht auf der Piazza Sordello dargestellt hat, in deren Verlauf die Gonzaga die bis dahin herrschende Familie Bonacolsi vollständig auslöschte und selbst die Macht über Mantua an sich riss. Bemerkenswert ist außer der Verherrlichung dieser einzigen Greueltat der Gonzaga die damals noch sichtbare schöne gotische Fassade des Doms, die unter österreichischer Herrschaft einem pompösen Barock weichen musste.
Im nächsten Saal hängen Portraits der Gonzaga, die bis zum Jahr 1969 die heute so berühmten Fresken des Pisanello im dritten Saal verdeckten — den ersten kunsthistorischen Höhepunkt des Rundgangs. Zugleich auch sein befremdlichster, und der Betrachter wird lange hinschauen müssen, bis sich der ungewöhnliche Reiz dieses Werks enthüllt; ein Fernglas ist dabei sehr hilfreich. Aus alten Dokumenten wusste man von einer Sala di Pisanello (a) im Palast, die man erst 1969 wieder entdeckte. Dort hatte — vermutlich um 1444 der große Antonio Pisano, genannt Pisanello, für Markgraf Gianfrancesco einen umfangreichen Freskenzyklus zu den Rittersagen der Tafelrunde gemalt. Pisanello war der beste italienische Vertreter der >höfischen Gotik<, jener Kunst, die das Leben und die Ideale des untergehenden Rittertums in unübertrefflicher, elegischer Schönheit darzustellen vermochte. Sein berühmtestes Werk ist das legendäre Bild >Aufbruch des hl. Georg zum Kampf mit dem Drachen< in der Kirche St. Anastasia in Verona, mit der gotischen Prunkstadt im Hintergrund (s. S. 214).
Hier in Mantua erhielt er den Auftrag, den beliebten Roman >Lancelot< zu illustrieren, also die Aventüren der Ritter der Tafelrunde. Da aber bald die Renaissance den Geschmack der Gonzaga dominierte, wurde dieser spätgotische Freskenzyklus übermalt und blieb jahrhundertelang verschwunden. Bei seiner Wiederentdeckung kam ein arg verblasstes Meisterwerk zum Vorschein und — eine Sensation — an vielen Stellen die Rötelvorzeichnungen auf dem Verputz (Sinopia genannt), mit denen der Künstler genial in enigen Strichen Personen und Szenen an die Wand bannte, um sie später mit Farbe als vollendete Fresken auszuführen. So sind in der Sala di Pisanello die Fresken zu sehen, die abgenommenen Sinopien sind im Nachbarsaal (Sala dei Papi) aufgehängt. Die Fresken sind an drei Seiten des Saales erhalten und zeigen an der kurzen Ostwand das Turnier am Hof des Königs Brangoire mit unzähligen Rittern in einst bunten Prunkrüstungen. Auf den beiden anderen Wände ist in betont erzählerischer Manier der Zug der Ritter in einer Phantasielandschaft dargestellt, vermutlich auf der obligaten Suche nach dem heiligen Gral. Es bedarf heute einiger Mühen, um den Szenen ihren vollendeten gotisch-höfischen Stil anzusehen, die Pracht von Waffen, Helmen und Rüstungen, die Eleganz von Haltung und Gewändern der Personen, die Schönheit der Gesichter von Damen und Höflingen.
Der nächste große Saal, der Galleria Nuova (b) genannt wird, bewahrt die 22 wichtigsten und größten Altartafeln aus jenen Klöstern der Stadt, die unter Maria Theresias Kirchenreform und später unter Napoleon geschlossen wurden. Ihre kostbaren Altargemälde wurden in den damals leeren Palazzo Ducale gebracht und nun in der Neuen Galerie ausgestellt. Sie stammen also nicht — wie auch alle anderen beweglichen Bilder des heutigen Palastes — aus dessen alten Sammlungen, die vollständig verschleudert wurden, sondern sind erst durch Maßnahmen des 19. und 20. Jh. dorthin gelangt. Herausragende Werke sind die schöne >Madonna mit Kind und vier Heiligen<, ein Renaissance—Gemälde von Ippolito Costa (1525), und das Bild >Der Heilige Franz erbringt der Madonna eine Fürbitte< von Francesco Borgani (1605) mit der berühmten Ansicht der Stadt Mantua und dem Herzogspalast.
lm Anschluss folgt die Sala degli Arcieri, der Saal der Bogenschützen. Auch hier hängen riesige Gemälde an den Wänden, die aus aufgehobenen Mantuaner Kirchen stammen. Das bedeutendste ist zweifellos das ]ugendwerk von Peter Paul Rubens >Die Familie Gonzaga in Anbetung der Hl. Dreifaltigkeite Unter dem Einfluss dieses Bildes ist wenige jahre später Domenico Fettis Gemälde >Wunderbare Vermehrung von Brot und Fisch< entstanden, ein Werk von überwältigendem Formen- und Farbenreichtum. Dass das barocke Pathos dem Wesen dieses von der Renaissance geprägten Palastes eigentlich fremd ist, zeigt sich beim Blick in die obere Wandgestaltung des Saales, wo seine eigentliche Attraktion zu sehen ist.
Zwischen den streng geordneten, fein bearbeiteten Deckenkonsolen sind die Wandflächen mit illusionistischen, wie vom Wind bewegten Vorhängen bemalt, die sparsame Blicke auf Vorder- und Hinterläufe, Hälse, Schweife und Hinterteile von Pferden erlauben. Was hat diese merkwürdige Dekoration in einem fürstlichen Saal zu bedeuten. Hier im Saal der Bogenschützen residierten die Soldaten der Leibwache — und sie hatten ein beliebtes Spiel: Auf dem Hof wurden, hinter großen Vorhängen verborgen, die Lieblingspferde des Herzogs vorbeigeführt. Durch zufällige Bewegungen des Tuchs wurden nur Details der Pferde sichtbar, an denen die Soldaten erraten mussten, um welches Pferd es sich handelte. ]ener Zeitvertreib der Leibwache erregte bei Hofe soviel Amüsement, dass er mit dieser ungewöhnlichen Freskierung in die Kunstgeschichte eingegangen ist.
Nun gelangt man mit der Galleria degli Specchi (c), dem Spiegelsaal, zum nächsten Höhepunkt der Palastausstattung. Der Saal war einst eine große offene Loggia zum benachbarten >Garten der vier Platanen< und ist heute sichtbar von zwei verschiedenen Kunststilen geprägt: Die Wände, in die die Spiegel eingelassen sind, lassen österreichischen Klassizismus um 1773 erkennen, das riesige Deckengewölbe mit dem größten zusammenhängenden Freskenzyklus des Palastes stammt aus der Zeit der Gonzaga, 1618 unter Aufsicht des Architekten Viani von verschiedenen emilianischen und römischen Meistern (und von ihm selbst) geschaffen. Die Bilder dienen der Verherrlichung des Auftraggebers Ferdinando Gonzaga und zeigen in den Stichkappen des Gewölbes allegorische Darstellungen der Tugenden des Fürsten: Eintracht, Freigebigkeit, Demut, Beredsamkeit, Güte, Großzügigkeit, Unsterblichkeit, Verstand, Unschuld, Philosophie und Ewige Glückseligkeit. Der eindrucksvollste Teil des Zyklus sind die Bilder im Gewölbe selbst: Zwischen dem in gewagtem Illusionismus gemalten Wagen des Tages und dem Wagen der Nacht erstrahlt ein figurenreiches >Konzil der Götter<, mit dem der Fürst und seine Tugenden in natürlichem Einklang stehen.
Nicht immer, aber wenn möglich, erwarten den Besucher nun die Appartamento Ducale, die Herzoglichen Gemächer des Vincenzo I. mit der >Sala del Labirinto< (Saal des Labyrinths), deren berühmte geschnitzte Decke ein vergoldetes Labyrinth darstellt. Der Corridoio di Santa Barbara (d), ein langer, verwinkelter Gang zwischen Corte Vecchia und Corte Nuova, führt mit der >Scalone di Enea< (Treppe des Äneas) hinüber in das Castello di San Giorgio (H), jene äußerlich so martialische Festung, die den Palast zur Seeseite deckte. Erbaut wurde es unter dem Eindruck der Mailänder Eroberungsversuche Oberitaliens auf Befehl von Francesco I. Gonzaga. Architekt war der berühmte Festungsbaumeister Bartolino da Novara, der bereits das ähnlich gestaltete Stadtkastell der mit den Gonzaga verwandten Este in Ferrara errichtet hatte. 1395-1408 entstand das Mantuaner Kastell mit allen Finessen der damaligen Fortifikationskunst und bildete eine vor der Erfindung effektiver Pulvergeschütze uneinnehmbare Festung. Der finstere Militärbau war bis 1459 unbewohnt, als sich ausgerechnet der erste echte Renaissancefürst Mantuas, Ludovico II. entschloss, hierher zu ziehen und die kahlen Räumlichkeiten zu seiner Privatresidenz auszubauen. Der Grund für diesen seltsamen Umzug in ein schmuckloses mittelalterliches Kastell lag darin, dass Ludovico seine bisherige Repräsentationsräume in der Corte Vecchia Papst Pius II. Piccolomini und seinen Geistlichen überlassen musste. Diese wollten hier seit 1459 in einer Art Konzil einen neuen Kreuzzug ins Heilige Land beschließen lassen — ein angesichts der damaligen militärischen Überlegenheit der Türken, die gerade erst (1453) Konstantinopel erobert hatten, völlig weltfremdes Unternehmen. Wenn auch aus dem Kreuzzug nichts wurde, bescherte doch der unfreiwillige Umzug des Markgrafen in das Kastell seinem neuen Hofmaler Andrea Mantegna den ersten Auftrag in Mantua und der Kunstgeschichte ein bahnbrechendes Werk: Die legendäre Ausmalung der Camera degli Sposi im Nordostturm geriet zu einem der bedeutendsten Werke der italienischen Renaissance.
Die Camera degli Sposi (e) ist für drei Dinge berühmt: Zum ersten Mal in der Kunstgeschichte wurde der Raum durch ein geschlossenes Dekorationssystem in etwas gänzlich anderes verwandelt, als er ist nämlich in eine scheinbar offene Laube, zweitens vermittelt der erstmals ungeheuer plastisch und realistisch gemalte Hofstaat der Gonzaga eine durch die Kunst geschaffene nahezu persönliche Begegnung mit jenen Personen und drittens öffnen sich die Wände des kleinen (nur 8 m im Quadrat messenden) Raumes durch die Anwendung fundamental neuer illusionistischer Techniken in unendliche Weiten einer künstlerischen Scheinwelt.
Das Dekorationssystem der Camera degli Sposi nimmt seinen Ausgangspunkt an dem berühmten oculo in der Decke des Raumes (s. S. 271), dem kreisrunden, scheinbaren Blick in den Himmel. Diese Öffnung ist in ein Viereck eingelassen, von dem acht rautenförmige Gewölbefelder ausgehen, getrennt durch prächtig ornamentierte breite Zierbänder. Diese münden auf den (realen) Kragsteinen der Gewölbe und setzen sich als Scheinpfeiler fort, die hinunter bis auf die ebenfalls nur gemalte Sockelbrüstung reichen. Zwischen den imaginären Wandpfeilem sind gemalte Stangen eingespannt, von denen goldbedruckte vorgetäuschte Vorhänge herabfallen. Während diese Vorhänge an zwei Wänden zugezogen sind, erscheinen sie an den anderen zwei Wänden zurückgeschlagen und geben hier zwei monumental empfundene Szenen aus dem Leben der Auftraggeber frei: Der Hofstaat der Gonzaga unter Herzog Ludovico II. hat seinen großen Auftritt.
Das Fresko an der N ordwand (über dem Kamin; s. Abb. S. 258) zeigt Herzog Ludovico mit seiner Gemahlin Barbara von Brandenburg (von dem Ehepaar rührt der Name der Camera) mit ihren Kindern und höfischen Beamten. Von der linken Seite tritt ein Mann, vermutlich Ludovicos Sekretär Marsilio Andreasi, an den Herzog heran und überreicht ihm einen Brief. In ihm unterrichtet ihn Bianca Maria Sforza aus Mailand, dass ihr Gemahl, der Herzog Francesco Sforza im Sterben liege und er, de r Herzog von Mantua, sofort nach Mailand eilen müsse, da er damals der Befehlshaber der Mailänder Truppen war, Die zweite Sz ene, an der Westwand (rechts und links der Türe), zeigt den Zug Ludovicos nach Mailand. Dabei trifft er in Bozzolo seinen heimkehrenden Sohn Francesco, der 1461 in Rom zum Kardinal ernannt worden war, und berichtete ihm, womöglich denselben Brief überreichend, von dem Ereignis. Alle Personen dieser Bilder zeigen scharfe, markante, nicht beschönigende Gesichtszüge, mit größter Wahrscheinlichkeit Portraits nach der Realität, sodass sich die Mitglieder des Hofstaats und der Familie des Herzogs wiedererkannt haben dürften — eine bis dahin nicht dagewesene künstlerische Intention, den Hof des Fürsten nicht nur mit Kunst auszustatten, sondern ihn selbst zur Kunst zu machen. Besonders die zweite Szene, die >Begegnung< überrascht den Betrachter bis heute mit seinem großartigen illusionistischen Landschafts- und Architekturhintergrund. In noch nie gesehenen Tiefen der Landschaft hat Mantegna über den Kardinal (rechts neben der Türe) eine idealisierte Vedute der Stadt Rom auf einem Hügel gemalt, hinter einer gewaltigen Stadtmauer erkennt man das Kolosseum, davor das Marcellus—Theater und die Pyramide des Caius Cestius. Den Gipfel der optischen Täuschung erreicht Mantegna mit dem berühmten oculo in der Decke des Raumes. Der Charakter eines zur Natur offenen Pavillons, den er dem gesamten meterdicken Mauerwerk des Festungsturms verleiht, wird hier vollendet durch die gemalte Öffnung, durch die man über einer illusionistischen Brüstungsarchitektur den blauen Himmel zu erblicken glaubt. Unter erstmaliger Verwendung des sotto in su, in der extrem perspektivischen Verkürzung ihrer Körperproportionen verleihen dort Putten, Vögel und Personen der flachen Decke die scheinbare Tiefe einer offenen Gewölbekuppel.
Zurück im Hof des Kastells, gelangt man wieder über die Treppe des Aneas in die Säle der Corte Nuova. Zunächst betritt man die düster-prunkvolle Sala di Manto (f). Dieser Saal der Manto wurde Von dem mantuanischen Maler Lorenzo Costa d. J. mit acht monumentalen Wandgemälden ausgestattet: Sie thematisieren die legendenhafte Gründung Mantuas durch die Seherin Manto, Tochter des Teiresias. (Der Saal besitzt, wie alle folgenden in der Corte Nuova, eine ungemein prachtvolle vergoldete, geschnitzte Kassettendecke.) Die anschließende Sala dei Cavalli (Saal der Pferde) birgt im Zentrum der Decke den eindrucksvollen >Sturz des Ikarus<. Ein merkwürdiges Fresko in einer Ecke der Sala, das stilistisch eindeutig nicht italienischer Herkunft ist, wurde als Werk des deutschen Malers Bartholomäus Tilmann Riemenschneider identifiziert. Das Bild zeigt den Berg Olymp, der sich aus einem Wasserlabyrinth erhebt, das vermutlich die Wasserlandschaft um Mantua symbolisieren soll, die Stadt damit in den Rang des antiken Göttersitzes erhebend.
In der folgenden Sala delle Teste (Saal der Köpfe) ist die Decke mit einem majestätischer Gott ]upiter im Wolkenkranz geschmückt (Anspielung auf Kaiser Karl V, der den Gonzaga die Herzogswürde verlieh). Darunter sind im Kamin zwei Kleinode der Kunst zu bewundern: Giulio Romano persönlich malte hier zwei geflügelte Siegesgöttinnen, die Heldentaten auf ihren Schilden verzeichnen.
Durch die Camerino dei Cesari (Kabinett der Cäsaren), in der einst die berühmten Gemälde Tizians mit Bildern der Cäsaren hingen (heute durch Kopien ersetzt), wird man zu einem weiteren Höhepunkt der Ausstattung des Palazzo Ducale geführt: in die Sala di Troia (g), den Troja-Saal, den Giulio Romano und seine Schüler ausgemalt haben. In grandiosen illusionistischen Bildkompositionen ziehen hier die Taten und Untaten der berühmtesten Helden der Antike am Betrachter vorbei. Besonders eindrucksvoll sind die Szenen der Amazonenschlacht, die Legende der Medea und die Auffindung des Trojanischen Pferdes. An den Wänden betonen reich skulptierte römische Sarkophage den ganz der Antike zugewandten Charakter der Corte Nuova.
Anschließend präsentiert die Galleria dei Mesi (Galerie der Monate), von Giulio Romano begonnen und von Viani vergrößert, stuckumrahmte Freskenzyklen. Vor allem aber kann man hier durch die Fenster in den Hof der berühmten Cavallerizza (F) schauen, der Reitbahn für die Lieblingspferde des Gonzaga-Gestüts. Von niemand anderem als von Giulio Romano selbst kann die Wandgestaltung der Cavallerizza stammen (1538-39): Der Portikus aus massiven, verschiedenfarbigen Bossenquadern, das Obergeschoss gegliedert durch wie in dynamischer Drehbewegung befindliche mächtige Säulen, die indes nichts tragen, weil sie nur als riesige Stuckelemente aus einer ohnehin massiv erscheinenden Mauer hervortreten. Gekrönt wird alles durch einen antikisierenden umlaufenden Architram der ebenfalls nicht getragen wird, weil auch er nur stuckisiert ist- auch eine Mauer durfte für den Manieristen Romano nicht einfach eine Mauer sein, sie musste in Bewegung gebracht, verfremdet und mit gegensatzlichen Formelementen in Spannung versetzt werden. Man kann hier besonders gut das Charakteristische der Architektur Giulio Romanos erkennen: Seine manieristisch, antiklassische — also die klassische, statisch funktionale Mauerstruktur autlösende — überraschende Kombination verschiedener Architekturelemente, die in dieser Divergenz zum Bekannten keinen strukturellen Sinn mehr ergeben.
Danach betritt man die eindrucksvolle Galleria della Mostra (h)mit ihrer großartigen Kassettendecke. Diese weitläufige Ausstellungsgalerie war einst der bedeutendste Platz der Kunstsammlungen der Gonzaga, die leeren Flächen der Umrahmungen waren bedeckt mit den geraubten und verschleuderten Gemälden von Brueghel bis Tizian, die nun Zierde aller großen Museen der Welt sind. Heute befinden sich hier noch 64 Marmorbüsten, zum größten Teil aus dem 1.-3. Jh,, zum kleineren Teil Kopien des 16. Jh. Nach einem Blick in den großen Zier- und Gewürzgarten Giardino dei Semplici mit der mächtigen Fassade der Domus Nova von Luca Fancelli, 1480-84) gelangt man in die vier Räume, die Appartamento delle Metamorfosi genannt werden. Jeder Raum wurde thematisch noch einem der vier Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer ausgemalt; sie enthielten zu Zeiten der Gonzaga ein naturwissenschaftliches Raritätenkabinett, In einer folgenden Durchgangspassage gewähren kleine Fenster Sicht in die ehemals Appartamento dei Nani (Wohnung der Zwerge) genannten seltsamen Räumlichkeiten, die man erst in jüngerer Zeit als Imitation der >Scala Santa<, der Heiligen Treppe des Lateranpalastes in Rom erkannte. Der ehemalige Kardinal und letzte Herzog der Gonzaga, Ferdinando, hat sie 1615 so erbauen lassen, dass man ihre drei Rampen nur auf Knien ersteigen konnte, Entsprechend niedrig sind die Gewölbe, was früher zu dem Irrtum verleitete, hier hätten die Hofzwerge der Gonzaga gewohnt.
Nach Durchqueren des >Gabinetto dei Mori< und der >Camera die Falconi< (Saal der Falken) erwartet den Besucher mit der Camera dello Zodiaco (Saal der Tierkreiszeichen) erneut ein Höhepunkt: Lorenzo Costa d. J. offenbart monumental in einer grandiosen manieristischen Malerei den Nachthimmel der nördlichen Hemisphäre, belebt mit den Figuren der Tierkreise und allegorischen Darstellungen, die sich in antikisierendem Stil auf die Fortdauer des Geschlechts der Gonzaga beziehen.
Die weitläufige Sala dei Fiumi (i), der Saal der Flüsse, ist nicht mehr eine Schöpfung der Gonzaga. Während der österreichischen Besatzung wurde 1775 das ehemals offene Refektorium in einen Saal mit der einzigen geschlossenen Rokokodekoration des Palastes umgebaut. Sie stellt in reichen Stuckrahmungen die Allegorien der sechs Flüsse des Herzogtums Mantua dar, das mittlere Deckenmedaillon zeigt den Sonnenwagen.
Den letzter Höhepunkt bildet nun die Raumflucht der vier Stanze degli Arazzi (j), Zimmer der Wandteppiche. Man kann hier neun riesige, ungemein kostbare Exemplare bewundern, die Kardinal Ercole Gonzaga 1559 für die Kathedrale gekauft hatte. Sie stellen Szenen aus den Leben der Apostel Peter und Paul dar und wurden in Brüssel nach Zeichnungen geknüpft, die 1519 von Raffael als Entwürfe für die Ausstattung der Sixtinischen Kapelle in Rom angefertigt worden waren. Die >mantuanischen Serie< ist die erste und älteste Kopie dieses berühmten Werks von Raffael und wurde von den damals besten flämischen Teppichknüpfern ]ohann van Tiegen und Nikolaus Leyniers geschaffen.
Hier endet der allgemeine Rundgang durch den Palazzo Ducale, doch sind seine Besichtigungsmöglichkeiten damit noch nicht erschöpft. Während sechs zusätzlicher kurzer Rundgänge — nur in Sonderführungen — sind weitere Räumen des Palastes mit reicher Ausstattung zu sehen. Es handelt sich meist um Privaträume der Gonzaga, die weniger einen Einblick in ihr Repräsentationsbedürf nis, sondern mehr in ihren persönlichen Geschmack und Lebensstil geben. Unbedingt empfehlenswert ist der Rundgang in die Witwenwohnung der Isabella d’Este mit ihrem legendären >Studiolo< und ihrem geheimen Garten (Appartamento vedovile d’Isabella d’Este), die Belle Etage des Kastells und den Bau der Paleologa (Piano Nobile del Castello e Palazzina della Paleologa), einst bewohnt von Isabella d’Este und ihrem Mann Francesco II. Sehr sehenswert auch die Große Burgwohnung (Appartamento Grande di Castello), das Sommerappartement (Rustica) und das Appartement des Guglielmo in der Corte Vecchia mit dem Dachgarten und dem Kaffeehaus. Diese Führungen finden jedoch nur an Wochenenden statt und das nicht zu jeder jahreszeit, selbst die Palastverwaltung empfiehlt, sich vorher unbedingt an der biglietteria zu erkundigen.