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Palazzo Te

Palazzo Te

Der Palast (22) wurde inmitten einer Parkanlage erbaut, die seinerzeit eine von Kanälen umgebenen Insel darstellte und außerhalb der Stadtmauern lag. Hier befand sich das berühmte Gestüt des Pferdeliebhabers Federico II., doch waren die rassigen Berber nicht die einzige Zerstreuung, die der Fürst auf dieser Isola del Te suchte: Nur hier konnte er seine Geliebte, die schöne Isabella Boschetto, treffen, ohne die Spione seiner eifersüchtigen Mutter Isabella d’Este fürchten zu müssen. Für dieses fürstliche Vergnügen wünschte Federico den entsprechenden Rahmen: ein Lustschloss, das sowohl seinem Anlass als auch höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen sollte. Denn er war der Sohn der Isabella d’Este, der berühmtesten Kunstsammlerin ihrer Zeit - und was er bauen und ausstatten ließ, musste sie übertreffen, dem Hof der Gonzaga neue und bisher unbekannte künstlerische Raffinements bescheren. Federico entschied die Konkurrenz mit seiner Mutter zu seinen Gunsten, als er einen Künstler fand, der versprach, ihm beides zu liefern: Giulio Romano, der führende Maler der damaligen Hauptstadt der Unmoral, des verruchten Rom der bigotten Päpste und der lasterhaften Kardinäle des 16. Jh. So wurde Giulio Pippi de’]anuzzi, der Lieblingsschüler des früh verstorbenen Raffael, 1524 nach Mantua berufen, wo man ihn nach seiner Herkunftsstadt >den Römer< nannte — als Giulio Romano ist dieses ungewöhnliche Genie in die Kunstgeschichte eingegangen.
Er blieb bis zu seinem Tode 22 Jahre lang als Alleinverantwortlicher für alle bildenden Kunstgattungen in Mantua und erfüllte alle in ihn gesetzten Erwartungen. In dieser Zeit gab er zahlreichen Gebäuden der Stadt, dem Palazzo Ducale und vielen Besitzungen der Gonzaga außerhalb Mantuas entscheidende Akzente; sein Hauptwerk wurde jedoch die Anlage des Palazzo Te, eine der bedeutendsten Kunststätten des italienischen Manierismus.
In diesem Sinne findet sich im Palazzo Te die höchste Kunst ihrer Zeit im Dienste eines Lustschlosses: höchste Kunst der Illusionsmalerei in der Sala dei Cavalli, wo die Lieblingspferde des Auftraggebers wie leibhaftig vor den überraschten Gästen im Raum stehen, höchste Kunst der in der Renaissance wiedererreichten präzisen Darstellung des menschlichen Körpers, um in der Sala di Psiche die Lustbarkeiten des freizügigen Göttermahles in allen Details schildern zu können, höchste Kunst der verkürzten Perspektive der Architektur- und Körperdarstellung in der Sala dei Giganti, wo eine zusammenstürzende Säulenhalle das Geschlecht der sich verzweifelt windenden Riesen unter sich zu begraben vermag. Für die Zeitgenossen, die dergleichen noch nie erblickt hatten, müssen die riesigen Wandgemälde, in denen eine unerschöpfliche Vielfalt mythologischer Themen angedeutet wird, wie eine unfassbare Mischung aus genialer Kunst, höchster humanistischer Bildung und unerhörter Pornographie erschienen sein. Der Erfolg blieb nicht aus, und der Wunsch des Federico Gonzaga, an seinem Hofe eines der fortschrittlichsten und ungewöhnlichsten Kunstwerke seiner Zeit zu besitzen, das garantiert in aller Munde war, hatte sich dank Giulio Romano aufs vollenkommenste realisiert.
Der Palazzo Te wurde 1525-35 erbaut. Nach dem Ende der Gonzaga jahrhundertelang verwaist und beinahe verfallen, konnte eine vorzügliche Restaurierung den größten Teil seines alten Glanzes wieder zurückholen. Die eingeschossige Vierflügelanlage umschließt einen Ehrenhof, der sich mit einer monumentalisierten Loggia zu einem weiten Garten öffnet. Der gesamte Palast ist aus Backsteinen errichtet, doch der kunstvolle Verputz verwandelt das Baumaterial in schweren Haustein.
Doch ist dies nur das Vorspiel zu der großen Betörung und Verwirrung der Sinne, auf die es die Freskenprogramme der vollständig ausgemalten Prunkräume im Inneren abgesehen haben. Als erstes Meisterwerk präsentiert im ehemaligen Schlafzimmer Federicos II. die in eine Laube verwandelte Decke im Zentrum das großartige Fresko vom Sturz des Sonnenwagens. Danach, in der berühmten Sala dei Cavalli (Saal der Pferde), öffnen sich unter einer prachtvollen Kassettendecke und zwischen Darstellungen von Göttern und den Taten des Herakles die Wände zu Ausblicken in weite Landschaften. Davor erblickt man sechs große Pferde, die illusionistisch so gekonnt in die gemalte Wandgliederung platziert sind, als stünden sie im Inneren des Raumes.
Die anschließende Sala di Psiche (Saal der Psyche) ist der legendäre und gefeierte Gipfel manieristischer Dekorationskunst des 16. jh. In raffiniertem Zusammenspiel von Ma lerei, Stukkatur und Architektur erscheint hier in überquellendem Formen- und Farbenreichtum die Allegorie auf Federicos eigene (verbotene) Liebe zu Isabella Boschetto - in grandiosen Kompositionen ziehen die mythologischen Ereignisse um die Liebe zwischen Amor und Psyche am Betrachter vorbei: Mit äußerster erotischer Direktheit, die sich nicht um den Hauch eines Anscheins der Verklärung des göttlichen Liebeslebens bemüht, zeigen sich Mars und Venus im Bade, verführt Zeus Olympia, wird Venus mit Adonis von Mars ertappt, sind alle Episoden der anspielungsreichen Liebesgeschichte zwischen Amor und Psyche dargestellt, die in dem eine ganze Wand einnehmenden Fresko vom Hochzeitsmahl gipfelt.
In der folgenden Sala dello Zodiaco (Saal der Tierkreiszeichen) figurieren zahlreiche Deckenfresken die Sinnbilder der Monate, der Winde und der Tierkreiszeichen, darunter Darstellungen historischer Ereignisse, die unter dem Einfluss der Sternenkonstellation des jeweiligen Tierkreiszeichens standen. Letzter Höhepunkt ist die superbe Sala dei Giganti (Saal der Giganten), wo die gesamte Räumlichkeit der wirklichen Architektur unkenntlich verschwindet im kolossalen Strafgericht, das der Blitze schleudernde Zeus aus seinem reich bevölkerten Götterhimmel unter den unbotmäßigen Riesen anrichtet (s. Abb. S. 263). Seine Blitze zerschmettern eine ungeheure Säulenhalle, unter deren einstürzendem Gestein der Betrachter zwischen sterbenden Titanen, sich neigenden Mauern und einbrechenden Gewölben steht, inmitten jener viel vitierten gleichzeitig tragischen und grotesken Atmosphäre, eine >>großartige Caprice «, die das klassische Ebenmaß der Kunst Raffaels, Romanos Lehrer, gewollt aus dem Gleichgewicht bringt — höchste Kunst allein als Mittel des Erschreckens und des Amüsements.
Den Palastgarten begrenzt eine halbrunde Exedra, bei der sich links der Eingang zum Appartamento della Grotta befindet. In dem halb unterirdisch angelegten Bau hat Giulio Romano mit Stuckimitationen Von Natursteinen an den Decken Felsenhöhlen-Atmosphäre erzeugt, die jedoch durch eine reiche Freskierung der Wände konterkariert wird. Dies waren die liebsten Privaträume Federicos II.

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