»... als ich sah, dass er nicht mehr als zwölf oder fünfzehn Soldaten von ziemlich minderem Aussehen bei sich hatte, kam mich die Lust an, mit meinen Damen und Begleitern über den Kastellan und seine Soldaten herzufallen und mich zur Herrin des Platzes zu machen«, notierte die Marchesa Isabella d’Este Gonzaga im Jahre 1514 in Peschiera, als sie versuchte, mit all ihrem Charme und einem verlockend großzügigen Hofstaat in den ihrem Hause am Südufer nach der Niederlage Venedigs gegen die Liga von Cambrai auf dem Papier zugesprochenen Städten Stimmung für die Regierung in Mantua zu machen. Heute könnte die Lust der Gräfin höchstens noch die Garnison erfreuen, aber gewiss nicht mehr ihre Damen, denn die viel gerühmte Schönheit des mittelalterlichen Peschiera ist restlos dahin.
Von Beginn seiner Existenz war der Ort eine Festung, von den Römern Arilica genannt, von Berengar I. im 10. ]h. neu erbaut, müssen die Scaligeri hier eines der Prunkstücke ihrer Seeuferburgen besessen haben, denn der an ihrem Hof weilende Dante nennt sie einen >>bello e forte arnese«, einen herrlichen und starken Harnisch. Auch die für die Sicherheit ihres Geschmacks geschätzte Isabella d’Este schrieb noch bei ihrem Besuch: >>Die Lage von Lonato ist schön, Sirmione noch schöner, aber am schönsten ist Peschiera.« Doch die Goodwilltour der Gräfin erwies sich als erfolglos, die Venezianer nahmen das Städtchen wieder ein und umgaben es ab 1550 mit einem riesenhaften Bastionsgürtel, der im 19. ]h. von Napoleon und danach von den Österreichern verstärkt wurde. Das historische Peschiera liegt heute eingezwängt zwischen Kurtinen und Kasematten, Kasernen und Arsenalen, Wassergräben und Brücken. Wer sich näher umsehen möchte, wird die Hafenpartie zu schätzen wissen, auch der Blick über den Mincio, wie er durch fünf mächtige Bögen durch die gewaltigen Bastionen aus Ziegelmauerwerk fließt, ist recht eindrucksvoll. Im Ort besitzt die Pfarrkirche eine wohlgegliederte neoklassizistische Fassade, daneben die ausgegrabenen Fundamente einer römischen Villa.
Mehr Kunst ist in der außerhalb des Ortes gelegenen Wallfahrtskirche der Madonna del Frassino zu sehen, zu der zahlreiche Hinweisschilder den Weg anzeigen und die an ein denkwürdiges Wunder gemahnt, Am 11. Mai 1510 arbeitete Bartolomeo Broglia in seinem Weingarten, als er sich plötzlich einer großen Schlange mit der festen Absicht, ihn zu beißen, gegenübersah. Geistesgegenwärtig rief er die Heilige Iungfrau zu Hilfe, die tatsächlich in Form einer lichtumflossenen Statue im nächstgelegenen Eschenbaum erschien, woraufhin das Reptil sein Ansinnen änderte und den Bauernburschen zufriedenließ. Bereits 1514 stand an Stelle der Esche (ital.: frassino) eine große Wallfahrtskirche, zu deren wohlproportionierter, freskengeschmückter Vorhalle heute eine lange Zypressenallee führt. Im Inneren zeigt die Kirche an Gewölbe und Seitenwänden zwölf große Wandbilder des Bertanza aus Salo (18. ]h.). Bessere Werke sind mehrere Tafelbilder von Paolo Farinati (um 1560), einem Freund des großen Paolo Veronese und einem der besten veronesischen Maler seiner Zeit; man beachte besonders eine Geburt Christi und das Altarbild der Seitenkapelle, in der die wundertätige Statue aus dem Eschenbaum aufbewahrt wird. Daneben öffnet eine Tür den Weg zu zwei ineinander übergehenden Kreuzgängen, deren buntfarbiger Freskenschmuck aus jüngerer Zeit die Grenzen zum religiösen Kitsch nicht immer respektiert.
Woher der Ruf der schönen Lage Peschieras rührt, begreift man sofort, wenn man dem Mincio auf der Uferstraße ein Stück nach Süden folgt. Dort beginnt sie, die Landschaft der Moränenhügel, die den See aufstauen, mit ihrer südländischen Vegetation und ihrem toskanischen Charakter, durchströmt vom tiefblauen Mincio, der die Farbe des Gardasees bis in die Seen um Mantua mitnimmt. Zugleich erkennt man an diesem breiten, mit großen Wassermassen schnell strömenden Fluss, warum zu allen Zeiten gerade Peschiera bis an die Zähne bewaffnet worden war: Der Mincio ist der einzige Abfluss des von zahlreichen Gebirgsbächen gespeisten Gardasees, und er teilt auf seinem Weg nach Süden Oberitalien in eine venezianische und eine lombardische Hälfte. Diese natürliche Grenze war im Mittelalter schier unüberwindlich, da der Fluss, kaum dass er aus dem schmalen Moränengürtel des Sees heraustrat und die Po—Ebene erreichte, umfangreiche Sümpfe und Seen bildete, die kaum zu durchqueren waren. Hier in Peschiera, wo der Mincio breit und flach den See verlässt, war ein Brückenbau unproblematisch; wer diese Festung besaß, beherrschte nicht nur das Südufer, sondern besaß eines der wenigen möglichen Einfallstore in die Lombardei (oder nach Venetien); die nächste feste Brücke stand erst wieder in Mantua.
Geradezu zum >italienischen Schicksalsfluss< aber wurde der Mincio Mitte des 19, ]h., als an seinen Ufern die Kämpfe des Risorgimento tobten, der italienischen Einigungsbewegung gegen die Herrschaft Osterreichs. Nach der Niederlage Napoleons und dem Wiener Kongress, auf dem die reaktionären und anachronistischen Feudalstaaten noch einmal ihre Macht gegen die von der Französischen Revolution wachgerufenen Volksbewegungen restaurieren konnten, besaß Osterreich Venetien und die Lombardei, mithin fast ganz Oberitalien; mehrere kleinere Staaten, wie die Toskana und Parma, waren direkt von Osterreich abhängig. Die Habsburger sicherten ihre Herrschaft in Italien, indem sie am Ausgang ihres militärischen Einmarschweges durch das Etschtal eine gigantische Operationsbasis errichteten, die durch das berühmt-berüchtigte Festungsviereck nach allen Seiten gedeckt war: Verona und Legnago richteten sich gegen Venetien, Peschiera und Mantua, beide am Mincio, gegen die Lombardei. In diesen Riesenfestungen und dem von ihnen umschlossenen Geviert konnten ganze Armeen aufmarschieren oder sich zurückziehen, hier lagerten unerschöpfliche Vorräte an Kriegsmaterial und Verpflegung; kein Teil Oberitaliens war sicher vor den Truppen, die Osterreich hier zusammenziehen konnte.
Doch dann kam das ]ahr 1848, und eine neue Welle von Volkserhebungen gegen die Unterdrückung des Adels schlug durch Europa. In Süditalien wurde der blutsaugerische König von Neapel verjagt, die Toskana und Sardinien gaben sich Verfassungen, Venedig proklamierte die Republik, die habsburgischen Günstlinge auf den Thronen von Modena und Parma flohen Hals über Kopf. Das wichtigste Ereignis war jedoch der Aufstand in Mailand, das die Österreicher nach fünftägigen Straßenkämpfen räumen müssen, danach erhebt sich die ganze Lombardei; von überall bedrängt, muss sich die österreichische Armee in das unangreifbare Festungsviereck hinter dem Mincio zurückziehen. Doch auf diesem Höhepunkt des Erfolges setzte der Verfall der Bewegung ein, und das hat einen komplizierten Grund.
Besonders in Ungarn, Deutschland und Italien war das Streben der Aufständischen nach einer nationalen Einigung unübersehbar, es hatte zunächst seine Wurzel in dem Bestreben, sich von der Willkür der zahlreichen kleineren Adelsherrschaften zu befreien. Doch ließ der nationale Gedanke die Revolutionäre auf den Fehler verfallen, mit den alten Mächten ein Einvernehmen zu suchen: Ebenso wie die Frankfurter Nationalversammlung die Preußische Krone um die Repräsentation Gesamtdeutschlands ersuchte (und bald darauf vom preußischen Militär entmachtet wurde), gelang es in Italien einem König, also einem Vertreter der bekämpften Feudalherrschaft, sich mit dem Wink eines unter ihm zu einenden Italien an die Spitze der Bewegung zu setzen. Es handelt sich um König Karl Albert von Sardinien und Piemont, der Österreich den Krieg erklärt. Die Meinung der Historiker über König Karl Albert ist zutiefst geteilt, denn er führte die italienische Erhebung in eine Katastrophe — womöglich in eine, die ihm nicht ungelegen kam, denn der Herr auf dem Thron fürchtete die bürgerlichen Revolutionäre im eigenen Land mehr als die Österreicher, welche zwar Konkurrenten um die Macht, aber Brüder im feudalen Geiste waren. Entsprechend verliefen die Kämpfe, in denen die Piemonteser im April 1848 zunächst erfolgreich waren. Die Italiener umzingelten Peschiera und begannen mit der Belagerung Mantuas, während die österreichische Armee unter Radetzky, auf die Festungen vertrauend, sich überraschend nach Osten wandte und den Aufstand in Venetien niederschlug. Die Italiener hatten sich mit diesen Belagerungen mitten in das Festungsviereck, mithin in die Höhle des Löwen gewagt, und sie kamen darin um. Der zurückkehrende Radetzky schlug die Piemontesen vom 23. bis 27. juli in einer Reihe schwerer Gefechte bei Sona, Sommacampagna, Volta Mantovana und Custozza vernichtend. König Karl Albert zog seine Truppen zurück, schloss einen artigen Waffenstillstand und überließ die nun unverteidigte Lombardei den Österreichern, die sofort einrückten, am 6. August Mailand wieder besetzten und ein Blutbad unter der aufständischen Bevölkerung anrichteten. Der Kampf ging jedoch noch ein halbes jahr weiter, und die bürgerlichen Revolutionäre zwangen Karl Albert im März 1849, den Waffenstillstand aufzukündigen und sich in zunächst günstiger Position Radetzky abermals zur Schlacht bei Novara zu stellen. Durch den Verrat eines wohl gekauften Piemonteser Generals entstand jedoch eine Lücke in der Schlachtordnung der Italiener und am Abend des 23. März 1849 war der Traum eines von den Österreichern befreiten Italien in Blut und Tränen erstickt.
Es dauerte zehn jahre, bis wieder Bewegung in die nationale Frage Italiens kam. Die nun folgenden Einigungsbestrebungen hatten jedoch die bürgerlich-demokratischen Zielsetzungen weitgehend eingebüßt, es ging fortan um eine territoriale Einheit unter dem König von Piemont-Sardinien, der von vornherein an der Spitze der Bewegung stand und so König von ganz Italien zu werden hoffte. Die Seele des Unternehmens war jedoch sein Ministerpräsident Graf Camillo Benso di Cavour, der eine Zeitung mit dem Titel > Il Risorgimento < (> Die Wiedergeburt <) betrieb und die daher nicht zufällig der ganzen italienischen Einigung ihren Namen gab. Es gelang Cavour, sich mit Napoleon III. von Frankreich, dem Großmachtkonkurrenten gegen Habsburg, zu verständigen und einen gemeinsamen Angriffskrieg gegen Österreich zu beschließen, wofür sich der Franzosenkönig das damals noch piemontesische Nizza und ganz Savoyen abtreten ließ.
Im Frühling des jahres 1859 marschierte die vereinigte italienischfranzösische Armee durch die Moränenhügel südlich des Gardasees auf das Festungsviereck, die Österreicher überschritten den Mincio, um den Gegner im Vorfeld zu stellen. Am 24. juni griffen Franzosen und Italiener auf einer Front von zwölf Kilometern die Hügelkette zwischen Solferino und San Martino della Battaglia an; nach einer kurzen, aber heftigen Schlacht, die durch den Einsatz modernster Waffen alles bisherige Kriegsgrauen überstieg, nahmen die französischen Truppen Solferino, die italienischen San Martino ein, die Osterreicher zogen sich in ihr immer noch uneinnehmbares Festungsviereck zurück. Dieses anzugreifen scheute selbst Napoleon III., der außerdem nun ein erstarkendes Italien zu fürchten begann; so schloss er den — von den Italienern als Verrat betrachteten — Separatfrieden von Villafranca mit den Österreichern, in dem er die Lombardei erhielt, die er großzügig an Piemont abtrat. Venetien und das Trentino blieben jedoch zur tiefen Verbitterung der Italiener weiter in der Hand Habsburgs — und außerdem durfte Osterreich das Festungs-Viereck behalten. Immerhin gab dieser Sieg dem König von Piemont genügend Rückendeckung, sich das restliche Italien anzueignen: Durch Volksabstimmungen schlossen sich ihm die Toskana, Parma, Modena und die Romagna an, die Freischaren Garibaldis eroberten ihm Sizilien, er selbst schlug die Truppen des Kirchenstaats, entmachtete den Papst und wurde als Viktor Emanuel II. erster König von Italien, dem nur noch Venetien und das Trentino fehlten. Die Gelegenheit bot sich 1866, als Österreich im Krieg mit Preußen lag und Italien sich für letzteres erklärte. Napoleon III. trat als Vermittler bei den Friedensverhandlungen in Wien auf und erzwang den Verzicht Habsburgs auf Venetien, welches der italienische König überrascht und verstimmt aus der Hand eines französischen Beamten überreicht erhielt. Das Festungsviereck war bis zuletzt unüberwindlich geblieben, in einem geeinten italienischen Staat verlor es seine Bedeutung, da es nichts mehr zu bewachen hatte. Statt dessen entstanden an der neuen Grenze zu Österreich im Trentino auf beiden Seiten ganze Ketten von Bergfestungen, die sich auf Schussweite gegenüberlagen, da das Programm der italienischen >Irredenta< schon damals die Ausdehnung ihres Territoriums bis zum Brenner vorsah. Kaum ein ordentlicher Nationalstaat, begann auch Italien sich entsprechend aufzuführen und versuchte, seine Macht in Konkurrenz zu anderen Staaten zu erweitern. Während das erste Gras über die Massengräber der Schlachten des Risorgimento wuchs, überfielen italienische Truppen bereits Tunis, wenig später Abessinien, kurz danach das Somaliland Von Peschiera empfiehlt sich eine Fahrt durch dieses historische Hügelland, die Colli storici, nicht wegen der Kampfstätten (s. S. 99), sondern wegen der stillen, vergessenen Schönheit der Moränenlandschaft, von wo der Blick in den Dunst der Po-Ebene geht und aufderen Hügel alte Dörfer, große Burgen und weite Zypressenwälder thronen. Die Reihe der unbekannten Sehenswürdigkeiten, die es hier zu entdecken gibt, beginnt bei Valeggio