Tritt man von der Piazza delle Erbe aus unter den Arco della Costa, dem großen Bogen unterhalb des Lamberti-Turmes, hindurch, so steht man auf der rechteckigen, von monumentalen historischen Baukomplexen umgebenen Piazza dei Signori. Fünf solcher Straßendurchgänge münden auf den Platz, die alle von gemauerten und reich verzierten Bögen überspannt werden, wodurch alle Gebäude miteinander verbunden sind und der Piazza eine einzigartige Geschlossenheit verleihen — der schönste Saalplatz Italiens, lautet das einhellige Urteil. Gleich beim ökonomischen Zentrum der Stadt lag hier das politische, seit der Iahrtausendwende war die Piazza die Signori das Regierungsviertel Veronas.
Rechts neben dem Bogen von der Piazza delle Erbe erstreckt sich die Fassade des romanischen Palazzo del Comune, den Platz schließen nach unten zwei mächtige, gotische Paläste der Scaligeri (dahinter ihre Kirche und ihre berühmten Grabmäler); die linke Seite wird geprägt von der Loggia del Consiglio in erlesener venezianischer Frührenaissance, die westliche Schmalseite des Platzes begrenzt ein barockes Gebäude. Von der Piazza delle Erbe betritt man die Piazza dei Signori unter den monumentalen Mauern des Palazzo del Comune, deren streng romanische Struktur eine venezianische Einlage enthält: 1524 wurde der untere Teil der Fassade mit heute verwitterten venezianischen Renaissance-Reliefs verkleidet (der Palazzo ist zzt. nicht zugänglich; 2007 soll er als Sitz für Wechselausstellungen wieder eröffnet werden). Die danach sich öffnende schmale Via Dante wurde 1575 mit einem Bogen überspannt, der eine optische Verbindung zum finsteren Palazzo dei Tribunali (i) herstellt. Diese einst mächtige Vierflügelanlage mit einem Wehrturm war der festungsartige Palazzo Grande des Cansignorio della Scala (s. S. 187), errichtet 1365. Selbst seine Reste scheinen noch die düstere Gewalttätigkeit seines Erbauers widerzuspiegeln, woran auch das 1530 ausgeführte Säulenportal von Sanmicheli wenig ändert. Passend wurde hier von den Venezianern eine Artillerieschule eingerichtet, für die 1687 im Innenhof die pompöse Porta dei Bombardieri, eine aus steinernen Trophäen gebildete Portalanlage, errichtet wurde. Die rechte Seite des Hofes wird geprägt von einer dreigeschossigen Loggia in Übergangsformen der Spätgotik zur Renaissance, um 1476 hinzugefügt, als der Palast als Sitz des venezianischen Statthalters diente. Unter dem Palast sind die Scavi Scaligeri zu besichtigen, ein Ausgrabungsareal, das bis unter den Palazzo del Comune reicht. Zu sehen sind neben einer Römer- straße Reste von römischen und frühmittelalterlichen Gebäuden.
Die östliche Schmalseite des Platzes wird geschlossen von der gewaltigen Fassade des Palazzo del Governo (j) mit seinem umlaufenden ghibellinischen Zinnenkranz, der ehemaligen Reggia degli Scaligeri, Dies ist der legendäre Palast des Cangrande I. della Scala (s. S. 185f.), zeitweise einer der kulturellen Mittelpunkte Italiens; Giotto und Altichiero hatten ihn ausgestattet, Dante war sein berühmtester und langjähriger Gast. Tritt man die wenigen Schritte unter dem Bogen mit der spätgotischen Balustrade in die Via Santa Maria Antica, so steht man zwischen dem Palast, der Kirche und dem kleinen Friedhof mit den Gräbern der Scaligeri — ein einzigartiges Ensemble von Bauten, die von einer Familie geprägt wurden. Der Zugang zum Palast ist nicht gestattet, doch kann man vom offenen Tor aus das eindrucksvollste Überbleibsel des alten Baus bewundern: Die Eingangshalle trägt eine Balkendecke, unter deren farbiger Fassung aus dem 16. Jh. häufig die Originalbemalung aus der Zeit der Scaligeri sichtbar ist. Der Innenhof um das schöne Brunnenbecken aus rotem Veroneser Marmor weitet sich entlang einer zweigeschossigen Loggienfassade, die Prunk und architektonische Finesse des nach außen so abweisenden Palastes kundtun.
Gegenüber dem Eingang des Palastes steht die kleine romanische Kirche Santa Maria Antica (k) mit dem Friedhof der Scaligeri. Hier stand bereits eine Kirche aus dem 9. ]h., der heutige Bau wurde 1185 geweiht. Mit dem Beginn der Herrschaft der della Scala wurde Santa Maria Antica eine Art Hauskirche der Scaligeri mit dazugehörigem Familienfriedhof mitten in der Stadt. Der dreischiffige, dreiapsidial geschlossene Innenraum, dunkel und schmal, hat nach mehreren Restaurierungen seine suggestive Atmosphäre zurückgewonnen. Der kleine Platz zwischen Kirche und Palast wird geprägt von den in der italienischen Architektur einmaligen Grabmonumenten der della Scala. Der Friedhof wird rundum begrenzt von einem kunstvollen schmiedeeisernen Gitter aus dem 14. ]h., das in reicher Ornamentik veiwoben immer wiederkehrend eine aufsteigende Leiter zeigt, eine >scala<, das Wappenzeichen der Scaligeri. Das erste dieser Grabmäler ist noch in die Fassade über dem Portal von Santa Maria Antica eingebaut. Es handelt sich um das Grab des 1329 gestorbenen Cangrande I., der den Palast gegenüber erbaut und die Scaligeri in die Reihen der Mächtigsten Italiens geführt hatte. Entstanden gegen 1330, zeigt sein ufbau die früheste Form des Typs der Gräber der della Scala: Der Tote liegt unter einem Baldachin auf prächtig reliefiertem Sarkophag, auf der pyramidenförmigen Spitze des Baldachins erscheint er jedoch ein zweites Mal als lebendige, monumentale Reiterfigur. Diese lebensgroße Statue mit dem lachenden Cangrande ist eine der seltsamsten Bildhauerarbeiten ihrer Zeit, im Castelvecchio (s. S. 243if.) kann man das Original Aug’ in Aug’ studieren, während hier im Jahre 1907 eine täuschend echte Kopie aufgesetzt wurde. Den Sarkophag tragen übrigens zwei liegende Hunde, Anspielung auf den Namen des Verstorbenen (Cangrande = der große Hund); mehrere Namen dieser Familie enthalten Anspielungen auf Hunde, so auch Mastino, der >Hetzhund<.
Zur stilistischen Entwicklung des Typus der Arche Scaligere muss man bereits bei diesem Grabmonument des Cangrande beachten, dass es nicht in die Kirchenfassade eingemauert, sondern ihr quasi vorgesetzt war: Die Kirchenmauer hinter dem Sarkophag war geöffnet, sodass dieser von allen Seiten sichtbar war; die aufgesetzte Pyramide überhöhte allein den Grabbaldachin. Die beiden Prunkgräber gleich daneben auf dem Friedhof haben dann den Schritt zu völlig frei stehenden Monumenten vollzogen, die trotz der künstlerischen Verfeinerung ihrer einzelnen Architekturelemente den Typus beibehalten: Ein Baldachingehäuse über dem Sarg mit der Liegefigur des Toten wird überbaut von einer Pyramide, die von einem Reiterstandbild des Verstorbenen bekrönt wird.
Dieser kleine Friedhof der Scaligeri, fast erdrückt von den aufragenden Mauern der Paläste darum herum, ist ein eigentümliches Erlebnis, denn hier liegen sie fast alle, die die Geschichte ihrer Signoria bestimmt haben. Tyrannen und Mäzene, Politiker und Heerführer, Mörder und Gemordete ihre schweren Sarkophage stehen eng beisammen. Erblickt man rechts das Wandgrab von Giovanni della Scala (bis 1359 Statthalter in Vicenza) und von Mastino I., des wenige Schritte entfernt auf der Piazza dei Signori ermordeten Begründers der Scaligeri-Herrschaft, so steht links als Erstes das 1350 vollendete Grabmal des Mastino II. Vier Säulen tragen einen schweren Baldachin mit hohem Pyramidendach mit Wimpergen und zierlichen Statuettengehäusen an den Ecken, bekrönt von der Reiterfigur in voller Rüstung mit geschlossenem Visier. Daneben liegen drei Sarkophage mit den sterblichen Überresten von Bartolomeo l., Cangrande II. und Bartolomeo II. della Scala, dahinter hat sich Cansignorio, der Mörder des vorletzt genannten, mit dem aufwändigsten der Familiengräber verewigt. Sechs Rundstützen tragen das Podest, auf dem der Prunksarg mit Liegefigur steht, umbaut von sechs gedrehten Säulen, auf denen ein gewaltiger Baldachin ruht, verziert mit allen Finessen spätgotischer Bildhauerkunst: Tabernakeln, Wimperggiebeln, Fialenbaldachinen und reichem Skulpturenschmuck. Rechts daneben erblickt man noch den Sarg des 1301 verstorbenen Alberto I., zwischen dessen noch spätromanisch geprägten Reliefs zum ersten Mal eine Reiterdarstellung in der Grabkunst der Scaligeri erscheint. Kehrt man nun die wenigen Schritte zur Piazza dei Signori zurück, so geht man dabei unter dem Arco della Tortura her. An ihm hingen während der venezianischen Herrschaft unmissverständlich die Folterwerkzeuge und warteten auf Anwendung bei jenen, die diese öffentliche Demonstration der Staatsgewalt nicht zu würdigen wussten. Schräg daneben, an den Palast des Cangrande im rechten Winkel anschließend, hat Venedig mit seinem Ratsgebäude in Verona ein erbaulicheres Zeugnis hinterlassen: die viel gerühmte Loggia del Consiglio (I), eines der besten Werke der venezianischen Frührenaissance, vermutlich von Fra Giovanni Giocondo (1476-93) errichtet. Von bestechender Eleganz ist die das ganze Untergeschoss öffnende Arkadenreihe mit Rundbögen auf stilisierten korinthischen Kapitellen über schlanken Säulen; das Obergeschoss erscheint wie eine zart ornamentierte Fläche, in die vier zierliche Biforien mit reliefgeschmückten Rundgiebel—Ädikulae einkomponiert sind. Gekrönt wird der Bau von fünf Statuen, die Persönlichkeiten der Antike darstellen, welche angeblich Veroneser waren: der Dichter Catull, Plinius d. A., Aemilius Macer, Vitruv und Cornelius Nepos.
Wie zwischen allen Gebäuden der Piazza dei Signori führt auch von der Loggia del Consiglio ein verzierter Bogen hinüber zu einem in den letzten Jahren modern veränderten Renaissance-Bau des 16. Jh. Der wahrhaft gebildete Verona—Reisende weiß, dass er hier die eigentliche Attraktion des Platzes zu suchen hat: das Caffe Dante, ältestes Kaffeehaus der Stadt, das ursprünglich Squarzoni hieß und jüngst renoviert worden ist. Das lärmende Verona hinter sich lassend, versinkt man hier im Plüsch bequemer Polsterbänke, im gedämpften Licht der üppigen Glaslüster lächeln von Deckengemälden zweifelhafte Vertreter des piemontesischen Königshauses leutselig auf die Gäste herab.
Man kann sich im Caffe Dante natürlich auch der Kopf zerbrechen, warum nur wenige Schritte weiter der erste Herrscher über Verona aus dem Hause della Scala ermordet wurde. Denn unter dem Bogen, der zum nächsten Gebäude hinüberführt, ist eine Tafel angebracht, die den Ort markiert, wo Mastino I. am 17. Oktober 1277 zusammen mit seinem Begleiter den Tod fand. Über diesen Mord ist viel gerätselt worden, und bis heute herrscht keine endgültige Klarheit über Täter und Motiv. Zur Nacht soll er erstochen worden sein, man munkelt, auf dem Weg zu seiner Geliebten. Erheblich populärer ist die Version, sein Bruder Alberto, der einen Tag nach Mastinos Tod zum neuen Herrscher der Stadt wurde (s. S. 184), habe ihn meucheln lassen. Doch dürfte das unerwartete Ableben des Dynastiebegründers ausnahmsweise kein Brudermord gewesen sein, solche Allüren erlaubten sich die Signorien nicht, solange sie nicht fest im Sattel saßen und die herrschende Familie ihre Mitglieder brauchte. Wie die Veroneser Geschichtsschreibung berichtet, fand nach dem Mord eine Hinrichtungswelle auch in Mantua statt, und das beleuchtet den Hintergrund: Mastino I. war ein eilig vom Volk gewählter Machthaber, der verhindern sollte, dass Verona an seine alten Besitzer, die Grafen Sambonifacio zurückfallen sollte. Diese Conti besaßen in Mantua eine starke Anhängerschaft, doch nachdem sich Mastino mit der dort herrschenden Familie der Bonacolsi geeinigt hatte und dabei die Zusage erhielt, dass dort alle, die die Grafen noch unterstützten, ihren Besitz verlieren sollten, war er auch in Mantua ein gefürchteter Mann. Wahrscheinlich ist er deshalb ein Opfer der Partei der entmachteten Grafen in beiden Städten geworden; ihr letzter Versuch, den Aufstieg der della Scala zu stoppen.