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Piazza delle Erbe, Verona

Piazza delle Erbe, das Zentrum der Handelsstadt

Von der Via Mazzini tritt man auf die langgestreckte, sonnenbeschienene Piazza delle Erbe. Das Zentrum der Stadtrepublik Verona im 12. und 13. Jh., steht auf historischem Boden, denn 4 m unter der Erde liegen die Pflastersteine des römischen Forums. Die Architektur des Platzes ist in klassischer Weise bestimmt von seiner Funktion im politischen Leben jener Zeit: rechts steht der mächtige Vierflügelbau des Palazzo del Comune, überragt vom Wehrturm Torre dei Lamberti, gegenüber die zinnenbekrönte Casa dei Mercanti, das Versammlungsgebäude für die Organisation der Kaufleute, auf dem Platz selbst versammelte sich das Volk zur Abstimmung in politischen Angelegenheiten, wenn es gefragt war, und in der Mitte steht der baldachinartige Bau des Capitello, eine bedeutsame Stätte für das politische Zeremoniell in der Stadtrepublik.
Direkt gegenüber der Einmündung der Via Mazzini erhebt sich der massige Bau des romanischen Palazzo del Comune (a), dessen vier mächtige Flügel einen weiten Innenhof umschließen. Das vermutlich 1194 fertiggestellte Gebäude ist einer der frühesten Stadtpalazzi Italiens, es war der Versammlungs- und Repräsentationsbau der Regierungsinstitutionen der Stadtrepublik Verona (s. S. 180ff.). Hier konzentrierte sich die allem übergeordnete Staatsgewalt der republikanischen Zeit, und entsprechend einer festen Bauvorschrift durfte ein solches Gebäude mit keinem anderen Berührung haben, frei stehend ist es noch heute. Wie eine Festung muss das >Palatium Comuni Veronae« aus den Dächern der Stadt geragt haben, denn die Ecken des Vierflügelbaus bildeten vier große Wehrtürme, von denen sich noch ein Stumpf zur Piazza Erbe hin erhalten hat, Überragt wird der Bau und mit ihm die ganze mittelalterliche Stadt vom 83 m hohen Torre dei Lamberti, dessen etwas unpassendes Obergeschoss erst 1463 fertig wurde. Die Größe der Anlage erklärt sich aus ihrer Funktion, denn die Institutionen einer Stadtrepublik waren mitgliederträchtige Gremien: Jeder Palazzo del Comune musste einen riesigen Ratssaal enthalten, der dem Rat der Ältesten oder dem Rat der Achtzig genügend Platz bot, besonders aber das höchste Gremium der Stadt, den Rat der 500, beherbergen konnte. Da dieser zwischen 400 und 1200 Repräsentanten umfasste, musste auch ein großer abgeschlossener Hof vorhanden sein, um die vom Rest der Stadt unabhängigen Versammlungen zu garantieren.
Stilistisch ist der gewaltige Bau ein typischer Vertreter der Veroneser Romanik: schwer lastende, architektonisch wenig gegliederte Mauern, nur sparsam durch einfache Rundbogen- oder Triforienfenster aufgebrochen — und dennoch so lebendig und urban durch die warme Farbigkeit der polychromen Steinlagen aus roten Backsteinund gelblichen Tuffsteinschichten. Am ursprünglichsten präsentiert sich der Palazzo in seinem Innenhof, umzogen von hohen Rundbogenarkaden auf mächtigen Pfeilern und geprägt von der eleganten Freitreppe, der >Scala della Ragione<. Ganz aus rosafarbenem Marmor erbaut, führt diese Treppe über auffallend verschiedenartig ansteigende Arkaden hinauf zum reich profilierten Spitzbogenportal, hinter dem sich der ehemalige Ratssaal der Stadtrepublik erstreckte.
Die viel gerühmte Treppe wurde 1447 vom venezianischen Statthalter in Auftrag gegeben und war einst überdacht (Zugang von der Piazza dei Signori; s. o. Plan und Abb. S. 205). Nach dem Durchgang zur Piazza dei Signori wird der alte Marktplatz an dieser Seite begrenzt von dem malerischen Komplex der Case dei Mazzanti (b) mit ihren Fassadenfresken. Die Familie der Mazzanti kaufte 1517 die Häuser, die im 14. Jh. den Scaligeri gehört hatten, ließ sie ausbauen und von Alberto Cavalli mit mythologischen Darstellungen freskieren; in dieser Zeit entstanden auch die auffällige einarmige Treppe und der lange Balkon auf der Rückseite desGebäudes.
Mitten auf dem Platz ragt aus dem dichten Gewirr von Sonnenschirmen und Marktständen der so genannte Capitello (c). Das von einem säulengetragenen Baldachin überdachte Podest besaß eine wichtige Funktion im kommunalen Leben der Stadt. Hier standen die Vertreter des Großen Rates, wenn sie dem versammelten Volk wichtige Entscheidungen zu verkünden hatten, ebenso alle Podesta der Stadt, die ihr Amt erst antreten konnten, nachdem die zusammengerufenen Bürger sie per Akklamation akzeptiert hatten; daraufhin wurden ihnen feierlich die Schlüssel der Stadt übergeben. Zwischen diesen zeremoniellen Prozeduren diente der Capitello als Aussichtsplattform zur Überwachung der Marktgeschäfte; auf dem Boden waren die Veroneser Maße eingeritzt, damit jedermann überprüfen konnte, ob er bei einem Handel nicht betrogen werden sollte. Der gegenwärtige Capitello stammt allerdings erst aus der zweiten Hälfte des 15. Jh., er ersetzte den alten Bau des frühen 13. Jh. Drei bis vier Sonnenschinne weiter oben plätschert kühl ein Brunnen (d). Die Dame, die ihn krönt, wurde schon bald nach seiner Errichtung im 14. ]h. zum Symbol der Stadt gekürt, weshalb man sie nur noch >Madonna Verona< nannte. Es handelt sich um eine römische Statue, wahrscheinlich aus dem antiken Kapitol (Kopf und Anne ergänzt), auch die riesige Brunnenschale ist ein römisches Stück.
Vor der prächtigen Kulisse des barocken Palazzo Maffei (1668) und der Torre del Gardello (e) (1363-70), in den schon die Scaligeri ein Uhrwerk mit Glocke einbauen ließen, ragt am Ende des Platzes die Marmorsäule mit dem geflügelten Markuslöwen (f) auf, dem Herrschaftszeichen Venedigs, das auf diesen Platz mehr Einfluss hatte, als heute noch sichtbar ist. Schon das erste schriftliche Zeugnis, in dem die Bürger Veronas — nicht mehr die Feudalherren — als unterzeichnende Partei in Erscheinung treten, ist ein Handelsvertrag mit Venedig von 1107, in dem sich beide Städte auf gleiche Rechte in ihrem wechselseitigen Verhältnis verpflichten. Und die Bedeutung Veronas für den venezianischen Handel ließ eine reiche Schicht von Kaufleuten entstehen, die bald politischen Einfluss gewann. 1210 errichteten sie ein Verwaltungs- und Versammlungshaus, die Casa dei Mercanti (g), deren zinnenbekrönter Neubau von 1301 mit den schönen Arkadenbögen im Erdgeschoss gegenüber dem Palazzo del Comune auf der anderen Seite der Piazza steht. Am unteren Ende dieses pittoresken Platzes steht die schlanke Colonna del Mercato (h), ein zierlicher gotischer Pfeiler, den die Visconti hatten aufstellen und ehemals mit ihrem Wappen schmücken lassen, um ihre kurze Herrschaft auch auf dem wichtigsten Platz der Stadt zu dokumentieren. Kurz dahinter verengt sich die Piazza zur Via Cappello, und nun sind es nur noch wenige Schritte zum berühmtesten Balkon (6) der Literaturgeschichte. Via Cappello Nr. 21: Eine große Tordurchfahrt führt auf einen Innenhof, dessen eine Seite von der gediegenen Fassade eines Palazzo aus dem 13. Jh. Eingenommen wird, in seiner Mitte ein tatsächlich sehr schöner Balkon, geradezu ein Meisterwerk spätromanischer dekorativer Bauplastik. Das interessiert jedoch kaum einen der zahlreichen Besucher, denn hier soll es passiert sein: Dunkelheit, gegen Morgen, Romeo auf einer Leiter, Julia auf dem Balkon, er erklärt sich ihr — Beginn einer unsterblichen Liebesgeschichte im Dickicht von Mord, Provokation und Intrige der Familienfehden einer oberitalienischen Stadt — Romeo und Julia liebten, litten und starben in Verona.
Historisch verbürgt ist davon nichts, außer dem historischen Rahmen der Begebenheit und den Namen der beiden rivalisierenden Familien. Um diese muss es in der Tat eine besondere Geschichte gegeben haben, denn bereits der nach Verona geflüchtete Dante schrieb während seines Aufenthalts dort (1316-19):
(Ich sah sie gerade, Montecchi und Cappelletti,
Monaldi und Filippeschi, Menschen ohne jede Rücksicht;
boshaft ihr Anblick und gequält von Argwohn.)
Die beiden erstgenannten sollen es gewesen sein, die Montagues und Capulets des Shakespeareschen Dramas. Gespielt haben soll die Geschichte zur Zeit Bartolomeos della Scala, der 1303 starb, doch passt sie besser in die Epoche der Stadtrepublik, als sich tatsächlich die von Ezzelino da Romano unterstützte Familie Montecchi einen regelrechten Stadtkrieg mit den herrschenden Grafen Sambonifacio lieferte — 1218 wurde dabei sogar der Palazzo del Comune niedergebrannt. Die bewegende Geschichte der beiden Kinder aus tödlich verfeindeten Häusern, die sich ihre Liebe nicht verbieten lassen wollten und an der List, mit der sie an der Machtgier ihrer Familien vorbeizukommen glaubten, zugrunde gehen, verbreitete sich nach ihrer ersten schriftlichen Niederlegung wie ein Sturm in der europäischen Literatur der Renaissance. 1524 wurde sie zuerst von Luigi da Porto niedergeschrieben, der berichtet, er habe sie von einem alten veronesischen Soldaten gehört. 1594 taucht sie als wahre Begebenheit in einer Veroneser Stadtchronik auf. Bis 1570 erschien der Stoff in Frankreich in nicht weniger als sechs verschiedenen Bearbeitungen, 1602 nahm ihn Lope de Vega in Spanien als Vorlage.
1561 erschien in England >The tragicall Historye of Romeus and Juliet< von Brooke und 1567 die >Goodly history of the true and constant love between Rhomeo and ]ulietta< von Paynter — diese beiden Werke waren William Shakespeare bekannt, als er 1593 sein Drama >Romeo and Juliet< veröffentlichte. Und hier, unter dem Balkon der Via Cappello Nr. 21, soll alles angefangen haben, denn das Haus gilt als Palazzo der Capuleti, Julias Familie. Einen Steinwurf entfernt, in der Via Arche Scaligere 2-4, sollen die verbauten Reste des Palastes der Montecchi stehen. Das Haus der Julia stammt tatsächlich aus der passenden Zeit, sahen es Heine und Dickens noch als heruntergekommene Kneipe, so sind die frühgotischen Innenräume heute soweit wie möglich restauriert. Sie bieten die seltene Gelegenheit, sich eine Vorstellung von der Stadtresidenz einer der reichen und kämpferischen Familien des italienischen Mittelalters zu machen.

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