inter Salo verläuft die Gardesana occidentale nicht mehr am Seeufer. In weitem Bogen führt sie durchs Landesinnere, den See erst kurz vor Desenzano wieder erreichend, und schneidet dabei einen langen, hügeligen Küstenstreifen ab, an dem sich einige der schönsten Uferpartien des Sees befinden, Hier haben die eiszeitlichen Gletscher gleich hinter den von ihnen glattgeschliffenen Uferfelsen ihre Endmoränen zu der heute sehr reizvollen Hügellandschaft der Valtenesi abgeladen, die ein fast toskanisches Bild zeigen: Zwischen Weinhängen, Ölbaum- und Zypressenhainen liegen kleine Dörfer auf den Hügelkuppen, doch ragen aus der Moränenlandschaft noch einige der alten Felsen empor, wie die steil zum See abbrechende Rocca di Manerba, die sich knapp unter der Wasseroberfläche als versunkenes Gebirge fortsetzt und dabei einige kleine Inseln bildet. Sie treffen sich mit einem zweiten Felsriegel, der von San Felice in den See führt,und sich noch ein letztes Mal in Form der größeren Isola di Garda über den Wasserspiegel erhebt. Diese hat eine reiche Geschichte, doch befindet sie sich in Privatbesitz und darf nicht betreten werden.
Eine Bootsfahrt um die Insel herum darf man sich jedoch nicht entgehen lassen, denn auf ihr erhebt sich heute das im historisierenden Stil der venezianischen N eogotik errichtete Schloss der Familie Scipione-Borghese, das in der überwältigenden Pracht seiner südländischen Gärten einen nahezu unwirklichen Eindruck hinterlässt. »Jene Insel, der schönste Garten des Gardasees, erscheint demjenigen, der im Süden zwischen ihr und dem Sasso di Manerba durchfährt, als die Blüte von dem, was sich nordische Einbildungskraft von einem italienischen See erwartet ...«, schreibt Heinrich Noe. Den oberen Teil dieser Küsten-Valtenesi nimmt die verzweigte Gemeinde San Felice del Benaco ein, in deren Namen noch immer die antike Bezeichnung des Sees, lacus Bemzcus, weiterlebt. Unterwegs gelangt man nach Portese mit kleinem Hafen, von wo man einen schönen Küstenspaziergang zur über dem See gelegenen Chiesetta di San Fermo nicht auslassen sollte. Es handelte sich ursprünglich um die Burgkapelle des 1279 von den Brescianern zerstörten Castello di Scovolo, stammt in ihrer heutigen Form aus dem 15. Jh. und enthält wenige Reste von hübschen Fresken.
San Felice del Benaco, ein altertümlicher Ort mit engen Gassen, wird überragt vom mächtigen Bau seiner weithin sichtbaren Pfarrkirche Santi Felice, Adauto e Flavia aus der Mitte des 18. jh. Zum schlichten Äußeren kontrastiert der um eine weite, querovale Kuppel zentrierte Innenraum, der von düster-dramatischen barocken Tafelbildern und wildbewegten Deckenfresken in den Flachkuppeln geprägt wird.
Die eigentliche Sehenswürdigkeit des Ortes ist die ein wenig außerhalb gelegene Wallfahrtskirche Madonna del Carmine, die man nur findet, wenn man den Hinweisschildern mit der Aufschrift >Santuario del Carmine< nachfährt. Die außen schmucklose Kirche mit dem kleinen, säulengetragenen Portalvorbau entstand in den jahren 1452-82 und zeigt den in der Gegend häufiger anzutreffenden Typ einer einschiffigen Saalkirche mit offenem Dachstuhl, nur das Chorquadrat besitzt ein Rippengewölbe. Die Kirche birgt einen bedeutenden Freskenschmuck der Wende vom 15. zum 16. Jh., an dem der Übergang von der spätgotischen zur Renaissance-Malerei deutlich zu erkennen ist. Der Raum, in den die Figuren der Bilder gestellt sind, weitet sich, die gotischen Figurengruppen lösen sich auf, und jede einzelne Person bekommt ein beinahe statuarisches, individuelles Eigenleben, wenn auch die Bildkomposition noch bei weitem nicht die harmonische Eleganz des neuen Stils erreicht hat. Besonders augenfällig wird die beginnende Renaissance in den fast alle Bilder rahmenden gemalten Scheinarchitekturen. Hier ist kein gotischer Spitzbogen mehr zu sehen, überall herrschen streng symmetrische Säulenaufbauten vor, die über antikisierenden Kapitellen typisches Renaissance-Gebälk mit reicher Verzierung tragen. Die Bilder besitzen durchweg eine gute Qualität, das beste ist das zweizonige Chorfresko, welches um die Mauernische mit der verehrten Holzskulptur, der Madonna del Carmine, herumgemalt ist. Zwischen prunkvollen Scheinaufbauten ist in der oberen Hälfte eine gelungene Verkündigungsszene erkennbar, deren Figuren in reizvollen Architekturgehäusen dargestellt sind. Links neben dem Chor ist an der Wand ein großes Fresko des Karmeliterheiligen Albert zu sehen, der auf dem besiegten Teufel steht, umgeben von zahlreichenMedaillons anderer Heiliger des Ordens. Dieser heilige Albert, in der Kirche noch mehrmals abgebildet, ist offiziell der >mirabile intercessore contro le febbri<, was die örtliche Kirchenbeschreibung mit >wunderlicher Fürsprecher gegen das Fieber< wiedergibt. Dagegen also kann man ihn anrufen, doch wenn man sich umschaut, eröffnen sich noch zahlreiche andere Möglichkeiten der Bittstellung, denn von allen Wänden blicken den Besucher Heilige an, Heilige über Heilige, und jeder gilt als Fürsprecher für bestimmte Anliegen. Da ist ein hl. Angelo, ein hl. Andreas, die hll. Franziskus, Dominikus, Gotthard und Antonius, Bernhardinus, Rochus und Sebastian, die hll. Apollonia, Lucia, Katharina und viele, viele mehr. Was hat diese Versammlung in einer einzigen Kirche zu bedeuten? Ziehen wir zur Frage des Verhältnisses von Gläubigen und Heiligen Professor W Deecke zu Rate: >>Jeder Heilige hat seine besonderen Funktionen, sodass es in allen Lebenslagen einen Schutz im Himmel gibt Hört der eine nicht, wendet man sich an einen anderen, häufig nicht ohne den bisherigen Patron vorher ordentlich ausgescholten und sein Bild von der Mauer entfernt zu haben Selbst die Madonna, welche mit vielen Beinamen als Annunziata, del Rosario usw. verehrt wird, zerlegt sich das Volk in mehrere Personen und schreibt ihr dann verschiedene hilfreiche Wirkungen zu. So flehen junge Frauen zur Annunziata, und verlas sene oder von dem Manne betrogene Gattinnen pilgern zur Madonna del Rosario, welche den Sinn des ungetreuen Ehemanns oft wunderbar zu bekehren weiß.« Der gebildete Bittsteller weiß dabei den richtigen Heiligen an bestimmten Attributen zu erkennen, meist an verschiedenen Marterwerkzeugen, aber auch an den Farben der Gewänder auf den Fresken. Die vielen Heiligen hier in Madonna del Carmine sind also nicht einer Laune des Freskanten zu verdanken, sondern der Logik einer Wallfahrtsstätte: Hatte man für ein bestimmtes Anliegen die Mühe einer Wallfahrt schon auf sich genommen, so war es nur konomisch, am Ziele gleich mehrere Heilige vorzufinden, die man je nach ihrer Funktion gegen noch andere Unbill anrufen konnte.