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San Fermo Maggiore, verona

San Fermo Maggiore

Von der Piazza Erbe führt die Via Cappello hinunter zur Etsch und zur Kirche San Fermo Maggiore. Schon in Sichtweite des großen Kirchenbaus am Ende der Straße passiert man die Stelle, an der das römische Stadttor Porta dei Leoni (25) gestanden hat. Hier erreichte die antike Via Claudia Augusta (heute Via San Fermo) die römische Stadtmauer und wurde durch das >Löwentor< eingelassen. In der Seitenwand eines Hauses hat sich dort sichtbar ein Bogen dieses Tores in der klassischen Gliederung des 1. jh. mit rundbogigen Obergadenfenstern erhalten; das Fragment spricht für eine ehemals äußerst prunkvolle Toranlage, deren Grundmauern erst vor wenigen Jahren mitten auf der Straße ausgegraben und konserviert worden sind.
Bei der Choranlage von San Fermo führt der Ponte delle Navi hinüber an das andere Ufer der Etsch. Auf seinem mittelalterlichen Vorgängerbau fand im jahre 1354 die Revolte des Fregnano gegen Cangrande Il. ein blutiges Ende (s. S. 187). Der in Bozen weilende und von der Rebellion seines Verwandten unterrichtete Cangrande kehrte eilends mit einer kleinen Armee nach Verona zurück und trat dem bereits von einer getäuschten Volksversammlung (er sollte angeblich verstorben sein) zu seinem Nachfolger ernannten Fregnano gegenüber. Mit gezogenem Schwert trafen sich die beiden Parteien mitten auf der Brücke und in einem wütenden Gefecht unterlagen die Aufständischen, Der Kampf setzte sich schließlich auf den Booten fort, in denen Fregnano zu fliehen suchte, er wurde verwundet und stürzte in die Etsch, in deren Fluten er ertrank: Cangrandes siegreiche Truppen standen unter den Mauern der Kirche San Fermo Maggiore (26), die damals schon jenen seltsamen Anblick geboten hat, der noch heute jeden Stilkundigen an seinem Einschätzungsvermögen zweifeln lässt. San Fermo Maggiore ist wohl die ungewöhnlichste Kirche in der ganzen Stadt, in deren Äußerem strenge Bauformen der Romanik und Frühgotik, zweifarbige Gliederung und verspielte Schmuckelemente eine suggestive Verbindung eingehen. Schon im 6. Jh. Stand an dieser Stelle eine Kirche der hll. Firmus und Rustikus, die der Überlieferung nach hier ihren Märtyrertod erlitten hatten. Da sich der Boden um die Kirche durch die häufigen Überschwemmungen der Etsch im Laufe der jahrhunderte ständig erhöht hatte, sodass die heilige Stätte nun tief unter dem Straßenniveau lag, begannen die Benediktiner 1065 mit einem Neubau, für den sie eine nicht alltägliche Lösung wählten. Sie wollten nämlich den Altar mit den verehrten Reliquien der Märtyrer an seiner ursprünglichen Stelle belassen und bauten so zwei gleich große Kirchen übereinander, sie legten ihnen im Osten einen, in Italien seltenen, gestaffelten Chor vor. Als das Gotteshaus 1260 durch ein Dekret des Papstes an die Franziskaner überging, baute dieser Orden die Oberkirche radikal um. Er verwandelte die dreischiffige, im mystischen Dunkel auf den Altar ausgerichtete romanische Kirche in eine große einschiffige Predigerhalle, verlängerte sie nach Westen und vereinfachte im Osten die benediktinische Chorgruppe; die vom alten Ordensgeist geprägte Unterkirche ließ er unangetastet. Aus späteren ]ahrhunderten stammt der obere Teil des Campanile und einige Seitenkapellen.
Nähert man sich der Kirche von der Via Leoni, hat man in der vielgestaltigen Chorgruppe gleich den originellsten Bauteil vor sich. Er wird dominiert von dem aufragenden Hauptchor des franziskanischen Umbaus, in dem steile Lanzettfenster und kräftige Strebepfeiler die aufsteigende Linie betonen und der bekrönt wird von einem hellen Kreuzbogenfries und ebenfalls hell abgesetzten Dreiecksgiebeln, die zum strengen Unterbau einen verwirrend kontrastierenden Akzent setzen. Daneben in malerischem Kontrast die vier romanischen Apsiden des benediktinischen Baus; sie sind bestimmt von der kraftvollen Gestaltung durch vorgelegte Halbsäulen und doppelte Bögen. Die Westfassade am gegenüberliegenden Ende der Kirche wurde um 1350 vollendet. Sie ist geprägt von der reizvollen Spannung zwischen der zweifarbigen horizontalen Gliederung und den aufstrebenden Blendbögen und Lanzettfenstern. Links des tiefen Portalgewändes ist das Grabmal des Aventino Fracastoro (gest. 1385)
vorgebaut, des Leibarztes und Beraters der Scaligeri, die die Franziskaner wohlwollend forderten. Die Eingänge sowohl zur Ober- als auch zur Unterkirche befinden sich heute an der links anschließenden Nordwand.
Der große einschiffige Innenraum der Oberkirche trägt trotz späterer Zutaten noch ganz den Charakter des franziskanischen Umbaus. Er besitzt drei große Attraktionen: die eigenwillige Holzdecke, die Fresken, die die Entwicklung der gotischen Wandmalerei in Verona in einzigartiger Weise zusammenfassen, und   herausragende Werke der Bildhauerkunst. Die Holzdecke (um 1350) ist das früheste Beispiel jener Form eines umgedrehten Schiffskiels (ital. a carena di nave), die in der Folgezeit im venezianischen Raum eine große Verbreitung erfährt. Ihre abgestuften Tonnensegmente bestimmen den geschwungenen Abschluss der Triumphbogenwand wie die obere Zone der gegenüberliegenden Westwand und den Einfall des Lichts entlang der Strukturlinien der Deckenarchitektur. Über dem heutigen Eingang (dem früheren Seitenportal) befindet sich ein großes gotisches Kreuzigungsfresko, das einem Meister aus dem Umkreis Altichieros zugeschrieben wird. Wendet man sich nach links, steht man nach einem Altar des 16. ]h. vor dem größten Kunstwerk der Oberkirche, dem Grabmal für Nicolö Brenzoni, der 1422 starb. Der Sohn Francesco beauftragte zwei der besten Künstler mit der Ausführung des Grabmonuments für seinen Vater: den Florentiner Nanni di Bartolo und den Maler Antonio Pisano, genannt Pisanello. Sie schufen ein Werk von wunderbarer Geschlossenheit (1424-26). Im zentralen Bereich dominiert Bartolos Bildhauerkunst; um den Sarkophag gruppierte er eine Auferstehungsszene, in der die schlafenden Soldaten in klassischen antiken Posen die Könnerschaft des Meisters bezeugen. Pisanello umgab die Wand hinter dem skulptierten Grabmonument mit einem illusionistischen, in Rot- und Goldtönen prunkenden Wandteppich, über dem von Putti aufgehaltenen steinernen Vorhang malte er eine Verkündigungsszene, über dem plastisch vortretenden Rahmen die jugendlichen Gestalten zweier Erzengel. Pisanello, schuf hier ein Werk, das in den weichen Linien, der schönen Haltung, der raumgreifenden Hintergrundarchitektur und der dekorativ eingesetzten Farbgebung den Abschluss und Höhepunkt der Veroneser Gotik bildet.
Über dem Westportal befindet sich eine weitere >Kreuzigung< aus dem Kreis Altichieros und an der anschließenden rechten Langhauswand ein gotisches Fresko (vor 1350), das das Martyrium von sieben Franziskanerheiligen in Indien in verherrlichend grausigen Details schildert. Vor der Kanzel sind abgenommene und auf Leinwand aufgezogene Reste eines Freskenzyklus von Stefano da Zevio (auch Stefano da Verona genannt) aufgehängt.
Die Kanzel selbst, der Mittelpunkt der Franziskanerkirchen, wurde vom Bildhauer Antonio da Mestre gegen Ende des 14. Jh. erstellt (Fresken von Martino da Verona) und von Barnaba da Morano gestiftet, einem Rechtsgelehrten aus Modena, der am Hofe der Scaligeri sein Glück machte. Barnabas Sarkophag befindet sich in der Cappella Brenzoni, die sich neben der Kanzel öffnet. Dieses ebenfalls von Antonio da Mestre geschaffene Grabmonument (1411/12) befand sich wie die hier aufgehängten Fresken des jüngsten Gerichts (vielleicht von Martino da Verona) ursprünglich an der Westwand. Das Grabmonument an der rechten Kapellenwand mit der liegenden Figur des Toten auf dem Deckel und einer Maria mit Kind im Zentrum des Sarkophags wurde für Bernardo Brenzoni (gest. 1495) errichtet.
Die Fresken des Presbyteriums und der Triumphbogenwand markieren den Beginn des gotischen Malstils in Verona, dessen Entwicklung über den Kreis Altichieros, seine Nachfolger Stefano und Martino bis zum abschließenden Höhepunkt im eingangs beschriebenen Gemälde Pisanellos in dieser Kirche verfolgt werden kann. Außer dem >Gottvater< (16. ]h.) unter der Decke stammen alle Fresken aus der ersten Hälfte des 14. ]h. Sie haben die hieratische Strenge des romanischen Formenkanons hinter sich gelassen und orientieren sich in den individualisierten Personendarstellungen, den plastisch durchgeformten Figuren und dem perspektivischen Aufbau an den bahnbrechenden Neuerungen Giottos. In den Gewölben des Chores und der Apsis sind Evangelistensymbole sowie Christus zwischen Maria, Johannes dem Täufer und den hll. Firmus und Rustikus dargestellt. Besonders gelungen sind die beiden Bilder an der Triumphbogenwand: links eine >Marienkrönung<, rechts die >Anbetung der Könige<. Darüber befinden sich zwei Bilder, die zu den frühesten Porträts in der italienischen Kunst zählen: links kniet der Franziskanerprior Daniele Gusmerio, in dessen Amtszeit der Umbau erfolgte, und rechts der Graf Castelbarco, dessen großzügige Spenden den raschen Fortgang der Arbeiten ermöglichten; als Zeichen seiner Verdienste um das Gotteshaus trägt er ein Modell der Kirche. Die Maler aller dieser Bilder sind unbekannt. In der Kapelle links vom Presbyterium ist das Altarbild (hl. Antonius zwischen Nikolaus und Augustinus), ein Spätwerk des Liberale da Verona (1451-1536), bemerkenswert. Vom linken Arm des Querschiffes ist die Kapelle der Familie Della Torre zugänglich. Sie enthält mit dem Grabmal für den Naturwissenschaftler Gerolamo della Torre und seinen Sohn Marco Antonio ein weiteres Werk der Bildhauerkunst von hohem Rang. Um 1510 schuf der Paduaner Andrea Briosco, genannt Il Riccio, das prunkvolle Monument, in dem Kandelabersäulen und Bronzesphinxe den Sarkophag tragen; die kunstvollen Reliefs mit allegorischen Darstellungen sind allerdings Kopien der Originale, die sich im Louvre befinden.
Nach der lichtdurchfluteten Oberkirche steht man in der Unterkirche vor einer völlig anderen Szenerie: Ein Wald von Säulen schimmert aus der Dunkelheit des weiten Raumes, der Licht einzig aus den kargen Fensteröffnungen hinter dem Altar bezieht. Dies ist der noch ursprünglich erhaltene Bau der Benediktiner aus dem 11. Jh., einer Zeit, als das mönchische Leben von Weltabgewandtheit und mystischer Begegnung mit Gott bestimmt war, bevor durch den Machtanspruch des Papstes gegen den Kaiser sich ein radikaler Wandel im Geist der Orden vollzog, die nun auf Agitation ausgerichtet waren, wofür der Predigersaal der Oberkirche ein klassisches Beispiel darstellt.
Für die architektonische Gliederung des alten Raumes fanden die Benediktiner eine eindrucksvolle Lösung zwischen klassisch romanischer Architektur und praktischen Erfordernissen. Wie die ursprüngliche Oberkirche ist auch die Unterkirche durch massive kreuzförmige im Wechsel mit schlankeren quadratischen Pfeilern in ein breites Mittelschiff und zwei Seitenschiffe von halber Breite unterteilt. Da der gleichzeitige Bau der Oberkirche jedoch gleiche Höhe der Gewölbe und somit gleich große ]oche erforderte, wurde im Mittelschiff nochmals eine Reihe von schlanken Stützen eingezogen, sodass die Unterkirche nun vier Schiffe hat. Pfeiler und Kapitelle sind geprägt von schmuckloser Strenge, nur die Säulen des Triumphbogens heben sich in ihrer Zusammensetzung aus antiken Spolien davon ab. Die auffälligste Dekoration dieses Kirchenraumes stellen die Fresken an Pfeilern und Wänden dar. Bereits im 12. Jh. entstanden die romanischen Fresken der >Maria lactans< und der >Taufe Christi< an der linken Pfeilerreihe. Sehr eindrücklich in seiner Mischung aus romanischer Strenge und nordischer Expressivität ist das große Kruzifix über dem Hochaltar.
verlässt man die Kirche und überschreitet hinter ihrer Choranlage die Etschbrücke, so erreicht man am anderen Ufer nach wenigen Schritten den Palazzo Pompei (27; entworfen 1530) am Lungadige Ponte Vittoria 9. Es ist dies einer der bedeutendsten Palazzi des großen Veroneser Architekten Michele Sanmicheli, dem halb Oberitalien zahlreiche Prunkbauten und Bastionen zu verdanken hat. Der Bau mit dem streng rustizierten Erdgeschoss und den eleganten Fensterarkaden darüber ist einer der wenigen Palazzi dieser Zeit in Verona, die man betreten kann, denn er enthält in über 20 Sälen das interessante Museo Civico di Storia Naturale (Naturgeschichtliches Museum) mit bedeutenden Exponaten der Geologie, Botanik, Zoologie, Paläontologie und Vorgeschichte. Hervorzuheben sind die Fossiliensammlung und eine altsteinzeitliche Grabstätte.
Geht man von San Fermo die Via Filippini etschabwärts, dann an der nächsten Brücke, dem Ponte Aleardi, rechts und biegt dann in die Via del Pontiere ab, erreicht man das mit auffälligen Schildern als >Tomba di Giulietta< angekündigte ehemalige Kloster San Francesco al Corso (28). Ein romantischer Eingang, ein überwucherter Kreuzgang mit Trauerweide, alles lädt dazu ein daran zu glauben, dass es nur hier gewesen sein kann, wo Romeo und ]ulia heimlich getraut wurden, und der suggestive Eingang zur Krypta mit dem verwitterten offenen Steinsarg, in dem immer Blumen liegen, spricht unweigerlich dafür, dass es sich nur um ]ulias Grab handeln kann. Außerdem ist hier noch das kleine, aber sehenswerte Museo degli Affreschi untergebracht. Es enthält mit der obersten Freskenschicht aus dem frühchristlichen Märtyrerheiligtum von Santi Nazaro e Celso die ältesten (zugänglichen) Wandmalereien Veronas (12. Jh.) und neben einem von Paolo Farinati ausgemalten Raum (ca. 1560) Beispiele des in Verona früher sehr verbreiteten und hochgeschätzten Genres der Fassadenmalerei, das auch die berühmtesten Maler nicht als unter ihrer Würde betrachteten. Als 1882 nach einer der vielen Hochwasserkatastrophen die Häuser am Etschufer abgerissen wurden, rettete man einen Teil der Fresken, mit denen Bernardino India und Domenico Brusasorci 1550-60 alle vier Seiten des prächtigen Palazzo Da LiscaMurari bemalt hatten. Sie sind nun hier im Museum zu besichtigen, als einer der letzten Reste jener umfangreichen farbenprächtigen Dekoration der Häuserfassaden, welche die kunstinteressierten Besucher früherer Iahrhunderte zu der Bemerkung veranlasst hatte, das charakteristische Element der Veroneser Architektur sei die Farbe. In der Stadt sind sie noch hier und da verstreut zu erkennen, so an den Case dei Mazzanti (Piazza Erbe), dem Palazzo Miniscalchi (Via Garibaldi/Via S. Mammaso), dem Palazzo Bentegodi-Ongania (Via Leoncino 5), dem Palazzo Franchini (Via Emilei 20), an der Casa Trevisani-Lonardi (Vicolo S. Marco in Foro) und mehreren Gebäuden in der Via Pigna und der malerischen Via Ponte Pietra. Im Untergeschoss des Museums ist die komplette Ladung eines in der Etsch gesunkenen römischen Schiffes zu sehen, bestehend aus einer unübersehbaren Zahl von Amphoren.

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