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San Giorgio Maggiore

San Giorgio Maggiore

Weiter etschaufwärts steht fast am Ufer die große Kirche San Giorgio Maggiore (19) vor dem gleichnamigen Stadttor des 16. Jh. Schon im 8. Jh. soll an dieser Stelle das Kloster gegründet worden sein, das unter dem Namen San Giorgio in Braida im hohen Mittelalter durch Schenkungen und wirtschaftliche Maßnahmen reich wurde; denn wie das nahe gelegene Kloster Santa Maria in Organo siedelte es gegen Zehnt und Pacht auf dem klostereigenen Boden Bauern an, die der feudalen Abhängigkeit von ihren Herren entflohen waren, aber aufgrund entsprechender Gesetze nicht in der Stadt wohnen durften. Auch vom regen II andelsverkehr auf dem Fluss profitierten beide Klöster, denn sie besaßen Zoll- und Hafenrechte. Aus dieser eit ist jedoch nichts mehr erhalten, der heutige Bau von San Giorgio wurde 1477 begonnen und war um 1530 fertig; die dominierende Kuppel geht auf einen Plan Sanmichelis zurück, der aber erst 1604 in die Tat umgesetzt wurde, Die strenge Fassade mit ihrer kühlen Marmorverkleidung korrespondiert auf indrucksvolle Weise mit dem gegenüberliegenden Stadttor Porta San Giorgio. Das einschiffige Innere mit dem großen Kuppelraum enthält in seinen qualitätvollen Gemälden eine viel zitierte >Pinakothek< oberitalienischer Malerei des 16. Jh.; denn nicht nur viele Exponenten der Veroneser Kunst sind hier mit ihren Werken vertreten, sondern auch Tintoretto, Veronese und die beiden größten zeitgenössischen Brescianer Moretto und Romanino. Über dem Portal hängt die ]acopo Tintoretto zugeschriebene >Taufe Christi<, ein Bild, das in seiner großartigen Komposition und den gekonnten Lichteffekten bemerkenswert ist. Von den Gemälden der rechten Seite sind in der dritten Kapelle Domenico Tintorettos >Pfingstwunder<, an dem wohl auch Palma il Giovane mitgewirkt hat, hervorzuheben und in der folgenden Kapelle das Altarblatt (Maria und Erzengel) von Felice Brusasorci. Das Gemälde (hl. Ursula mit Jungfrauen) in der ersten linken Seitenkapelle, das in der Haltung der Figuren bereits manieristische Züge aufweist, ist ein Spätwerk (1545) von G. Francesco Caroto, der auch die Flügel des Triptychons in der dritten Kapelle bemalte. Im weiten Kuppelraum hängen Werke der beiden größten Maler der Brescianer Hochrenaissance: ein Altarblatt (Madonna mit Kind und Heiligen, 1540) von Moretto und zwei ehemalige Orgelflügel (hl. Georg vor dem Richter) von Gerolamo Romanino (s. S. 308f.). Die beiden Figuren der Verkündigung zu Seiten des Presbyteriums malte Giovanni Caroto. Der Hochaltar birgt das größte Kunstwerk der Kirche, die in Komposition, Farbgebung und Lichtführung gleichermaßen meisterhafte >Marter des hl. Georg< (1566) des Paolo Caliari, nach seiner Geburtsstadt Veronese genannt; er malte das Bild wahrscheinlich während eines kurzen Aufenthaltes in seiner Heimatstadt anlässlich der Heirat seiner Tochter, denn schon einige Jahre vorher hatte er Verona verlassen, um in Venedig seinem Talent und Können angemessene Aufträge zu suchen; dort kam er, der zu den Besten seiner Zeit zählt, auch zu dem ihm gebührenden Ruhm. Sein Freund Paolo Farinati malte die >Brotvermehrung< an der rechten Wand des Presbyteriums, gegenüber eine >Mannalese< von Felice Brusasorci.
Auf der anderen Seite des Teatro Romano folge man nun nicht dem Etschufer, sondern der schräg in das Häusergewirr eintauchenden Via Redentore, die in die Via S. Chiara übergeht. Von dieser biegt bald links die schmale alte Gasse San Giovanni in Valle ab, die nach einigen Windungen zur gleichnamigen Kirche (20) führt. Hinter der einfachen Fassade mit dem Lünettenfresko von Stefano da Verona öffnet sich einer der eindrucksvollsten und in seiner Klarheit bestechendsten Kirchenräume der Veroneser Romanik. Mit dem basilikal angeordneten Langhaus, zu dem vom Portal eine Treppe hinunterführt, dem fehlenden Querschiff und dem von der Krypta emporgehobenen Presbyterium mit dreiapsidialem Abschluss ist der um 1120 nach dem großen Erdbeben in Angriff genommene Bau ein typisches Beispiel der romanischen Sakralarchitektur in Verona, in den Grundzügen ähnlich dem größeren und berühmteren San Zeno, das zur gleichen Zeit entstand. Der westliche Teil der Krypta stammt noch aus dem 9. Jh. und ist letztes Zeugnis einer älteren Kirche, deren Entstehungszeit unbekannt ist. San Giovanni in Valle ist nur während der morgendlichen Gottesdienste geöffnet, doch lohnt auch der Blick auf den harmonischen Außenbau mit dem malerischen romanischen Kreuzgang, von dem noch zwei Flügel erhalten sind.
Ein wenig weiter steht die Kirche Santa Maria in Organo (21), deren hoher Kirchturm die Dächer überragt (der Eingang liegt in der Straße I. dell’Acqua Morta). Die eigenartige Fassade mit dem von Sanmicheli entworfenen unteren Teil (Ende 16. Jh.) lässt nicht ahnen, dass sich dahinter eine reiche Freskenausstattung aus der zweiten Blüte der Veroneser Malerei im beginnenden 16. Ih. befindet und vor allem das kunstvoll intarsierte Chorgestühl des Fra Giovanni, eines der schönsten Kunstwerke in der ganzen Stadt.
Das im 7. oder 8. Jh. von Benediktinern gegründete Kloster Santa Maria in Organo war im Mittelalter unermesslich reich geworden; 1444 wurde es von den Olivetanern übernommen, die 1481 mit dem Umbau der Kirche begannen. Der dreischiffige Innenraum präsentiert sich seitdem in gefälliger, aber nicht weiter bemerkenswerter Renaissance—Architektur, sehenswert macht ihn seine Ausstattung. Die reiche Ausschmückung mit Fresken und Gemälden stammt ebenfalls aus der Renaissance und dokumentiert die produktive Veroneser Kunst des 16. Jh., die keine herausragenden, aber durchweg qualitätvolle Werke hervorbrachte. Aufmerksamkeit verdienen zuerst die Fresken (1. Hälfte 16. Ih,) der dem Mittelschiff zugewandten Wände des Obergadens. Sie sind mit Szenen aus dem Alten Testament bemalt, rechts von Francesco Caroto, links von Nicolo Giolfino. Das Bild in der dritten Kapelle des linken Seitenschiffs malte Francesco Morone, das Altarblatt der folgenden, in der die Brüder Francesco und Giovanni Caroto begraben sind, stammt vom Brescianer Gerolamo Savoldo. Reich geschmückt mit Fresken ist der rechte Arm des Querhauses, dessen Stirnwand Francesco Torbido und Paolo Morando, genannt Cavazzola, ausmalten. Nähere Betrachtung verdient die hier sich  öffnende Cappella della Croce. Denn ihre Fresken bezeugen die Kunst des 1476 geborenen Nicolo Giolfino, des Schülers Liberales und wahrscheinlich besten Veroneser Meisters des frühen 16. Jh. und dies, obwohl er gar nicht in das damals favorisierte Venezianische Kunstverständnis der verhaltenen, idealisierenden Harmonie passte. Im >]üdischen Osterfest<, in dem sich die Priester um den Tisch mit dem Ostermahl versammeln, sind es die expressiven Gesichter, die sprechenden Gesten, die das Bild zu dramatischer Lebendigkeit führen. Noch deutlicher wird die Bildsprache Giolfinos in Moses und seinen Begleitern im Vordergrund der >Mannalese<.
Die großen Gemälde im Presbyterium (>Triumph Konstantins< und >Bethlehemitischer Kindermord<) sind Werke des Paolo Farinati. Hinter dem prächtigen Hochaltar von 1714 erstreckt sich der tiefe Mönchschor, der einen der Höhepunkte der Veroneser Kunst birgt. Der Olivetanermönch Fra Giovanni da Verona, ein Meister auf vielen Gebieten — Miniaturist und Architekt, er plante auch den Campanile von Santa Maria in Organo —, schuf zwischen 1493-99 in mehrjähriger Arbeit das in kunstvollster Manier intarsierte Chorgestühl. Es sind zwar auch Heilige unter Arkaden, vor allem aber in phantasievollen Einfällen Stadtansichten, Innenräume, große Möbel mit sich öffnenden Türchen, dahinter Haushaltsgegenstände, Werkzeuge, wissenschaftliche Geräte und Musikinstrumente, außerdem Tiere, Obst und Blumenranken in einer Perfektion dargestellt, die selbst den Unterschied zwischen frischen und welken Blättern genauestens erfasst. Bewundernswert ist außerdem die räumliche Wirkung dieser Intarsienarbeiten, die statt der reichen Farbskala eines Gemäldes nur verschiedene Holztöne zur Hervorbringung von Licht und Schatten, Vorder- und Hintergrund zur Verfügung hatte.
Die 1504 errichtete Sakristei bezeichnete schon Vasari als die schönste Italiens. Die meisterlich intarsierten Wandverkleidungen schuf Fra Giovanni, die bezaubernden Landschaftsbilder der Kastenbänke und an der gegenüberliegenden Wand stammen von mehreren Mitgliedern der Malerfamilie Brusasorci. An den Wänden darüber ziehen sich in einem breiten Fries Porträts von Olivetanermönchen um den Raum, darüber Päpste und Kirchenväter, über allem erscheint Christus als Erlöser; die Fresken sind Werke Francesco Morones. Beachtenswert ist auch das schöne steinerne Altarretabel des 14. Ih., das seinen Platz ursprünglich in der Krypta hatte.
Vor der Sakristei führen steile Treppen hinab in die schmucklose Krypta des 12. Jh., die vom Vorgängerbau stammt und in den Säulen Spolien des ersten, noch vorromanischen Baus enthält. Auf dem Rückweg durch die Kirche beachte man die Skulptur eines Palmesels aus dem 15. ]h. und die Fresken Domenico Brusasorcis (Szenen aus dem Neuen Testament) in der Kapelle links neben dem Presbyterium.

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