Von Torri aus führt ein sehr reizvolles Stück der Gardesana orientale weiter nach Süden. Sobald die Straße ein wenig bergan steigt, schneidet sie kurz vor ihrer Wende nach Garda eine felsige Halbinsel ab, die in den See hineinragt, schon von weitem zu erkennen an der riesigen Zypressenallee, die zu ihrer Spitze führt. Dies ist die Punta San Vigilio, ein letzter im See versinkender Ausläufer des Monte Baldo, hinter dem der Gardasee plötzlich seinen fjordartigen Charakter verliert und weit nach Osten in die große Bucht von Garda ausschwingt. Allein diese Lage wäre Grund genug für die Berühmtheit des Ortes, doch hat ihm seine Bebauung mit der Villa des Humanisten Agostino Brenzone und der parkähnlichen Gestaltung der umgebenden Landschaft einen schon in vergangenen Jahrhunderten legendären Ruf eingetragen. Als Agostino, Doktor beider Rechte und Mitglied einer Veroneser Patrizierfamilie, der große Besitzungen am Gardasee gehörten (der Name Castelletto di Brenzone deutet noch darauf hin), seine vom Geist der Renaissance erfüllten Inspirationen in die Tat umsetzen wollte, fiel im Jahre 1540 sein Blick auf die Halbinsel San Vigilio. Die schmale Landzunge mit ihrer Anhöhe in der Mitte und ihren zwei höchst reizvollen Buchten an jeder Seite bot ideale Voraussetzungen für die kunstvolle Erschaffung eines >klassischen< Landschaftsbildes. Beim Baubeginn fand Agostino Brenzone an der linken Bucht einen kleinen Hafen vor, in dem der Marmor des Steinbruches oberhalb der Straße verschifft wurde. Am Hafen standen eine kleine Kirche aus dem 13. ]h., die dem hl. Vigilius geweiht war, und ein Wirtshaus der Fischer und Bootsleute. All dies wurde in die neue Bebauung der Halbinsel einbezogen, die dem Michele San Micheli (1484-1559) übertragen wurde, dem bedeutendsten Architekten Veronas seiner Zeit und Festungsbaumeister der Republik Venedig. Nun entstand eine lange Allee zum höchsten Punkt der Halbinsel, wo inmitten eines prächtigen Renaissance-Gartens eine Villa gebaut wurde, die sich mit einer zweistöckigen Loggia zum See öffnet und um die herum die Gärten in mehreren Terrassen, von zinnenbekrönten Mauern geteilt, zum Ufer hinabsteigen. Kurz vor der Villa zweigt links hinunter ein gepflasterter Weg zum Hafen ab, den nun ein malerisches Bauensemble umgibt. An der Bucht zur rechten Seite der Villa wurden dagegen keine Bauwerke errichtet; hier wurde der sanft abfallende Hang mit Ölbäumen bepflanzt, zwischen deren silbrigen Blättern das dunkle Blau des Sees im weiten Rund des Strandes aufleuchtet und noch heute der Phantasie literarisch sensibler Betrachter die Zügel schießen lässt: >bukolisch<, >griechisch<, >arkadisch< oder ähnlich lauten die Assoziationen, die dieser Ort unisono hervorruft. Baia delle Sirene, die Sirenenbucht, wurde er getauft, und welcher Name könnte einem gebildeten Bürger der Renaissance an diesem Orte nähergelegen haben als der des klassischen Symbols der Verführung durch Schönheit.
Wenn man seinen Wagen auf dem kleinen Parkplatz in der Straßenkurve hinter Garda oder kurz dahinter im Marmorsteinbruch abgestellt hat, durchschreitet man jene alte Zypressenallee, über die der Streit, ob in ihrem schattigen Licht eine feierliche, würdevolle, melancholische oder gar auf das jenseits gerichtete Atmosphäre herrsche, noch nicht beigelegt ist. Die dunkle Allee ist der wohlberechnete Kontrast zur lichtüberfluteten obersten Terrasse der Halbinsel, an der sie endet und überraschend den Blick auf die Villa inmitten ihrer Gärten vor dem Panorama des Sees und der Berge des gegenüberliegenden Ufers freigibt. Die Idee der Umgestaltung der natürlichen Landschaft in ein Ideal ihrer Selbst ist schließlich keine englische Erfindung, auch wenn die britischen Landschaftsgärtner sie zu höchster Perfektion brachten. Ein schwer zu übertreffendes Beispiel dieser frühen Form der >gebauten< Gärten als Bühne für den Auftritt der Gebäude ist die Punta San Vigilio; doch war dieser Auftritt nicht, wie später im Barock, als dramatischer geplant, Die Villa des San Micheli präsentiert sich in gewollter Schlichtheit; in ihren vollendeten Proportionen stellt sie nicht das herausgeputzte Schmuckstück dar, sondern ordnet sich als Bestandteil dem Gesamtkunstwerk von Landschaft und Bauwerken unter. Da die Villa sich in Privatbesitz befindet, darf sie nicht betreten werden, doch ihr Anblick inmitten der statuengeschmückten Gärten macht die Konzeption deutlich. Über den alten gepflasterten Weg zwischen hohen Mauern gelangt man, vorbei an einer schönen Limonaia, hinunter zu einem kleinen Platz, dessen eine Front vom Gästehaus der Brenzone (heute Hotel) geprägt wird, daneben führen Stufen durch einen großen Rundbogen hinaus in den Hafen. Der symbolische Schritt durch dieses Tor in die lichte Welt des Gardasees ist oft genug betont worden; selbst Zar Alexander von Russland und Marie Louise, die Frau Napoleons, wurden Anfang des 20. Jh. Vom Ruhm dieses Ortes hierhergelockt. Auf der in den See vorstoßenden Mole stehen Tische und Stühle, von dort, die alten Gebäude zur Seite, weitet sich der Blick hinüber nach Gardone und Manerba, zur anderen Seite hin in die Bucht von Garda, umgeben von der üppigen Vegetation ihrer Ufer und bekrönt von ihrer geschichtsträchtigen Rocca.
Ergo ist San Vigilio der angenehmste Ort am ganzen See, um seinen Espresso zu trinken.