Die engen Gassen, die aus dem Viertel der Scaligeri auf die Piazzetta Sant’Anastasia führen, lassen die gewaltigen Ausmaße der dahinter liegenden Kirche nicht ahnen. Sant’Anastasia (7) entstand ab dem Jahre 1290 als neue Klosterkirche der Dominikaner und sie wurde anstelle des Doms zur eigentlichen Stadtkirche des Veroneser Zentrums. Der Bau wurde zwar erst 1481 vollendet, doch stellt er ein stilreines Beispiel der italienischen Backsteingotik dar. Gotik in Italien bedeutet freilich etwas anderes als in ihren klassischen Verbreitungsländern Frankreich, Deutschland und England. Die dortige Baukunst dieser Zeit zeichnet sich durch eine weitgehende Durchbrechung und Auflösung des Mauerwerks durch große, die Vertikale betonende Fenster aus, während den statischen Erfordernissen des dadurch geschwächten Mauerwerks durch ein System den Außenbau umlaufender Strebepfeiler mit Stützbögen Rechnung getragen wurde. In Italien blieben die Mauermassen dagegen schwer und flächenhaft geschlossen, nur von kleinen Fenstern durchbrochen — weshalb es noch heute in den gotischen Kirchen südlich der Alpen so dunkel ist.
Die massig gebliebenen Mauern boten Gelegenheit zur Anbringung zahlreicher Einzelkunstwerke an den großflächigen Innenwänden, weshalb die kunsthistorische Bedeutung der gotischen Kirchen Italiens nicht in ihren konservativen architektonischen Lösungen, sondern in ihrer reichen Ausstattung mit Fresken, Tafelbildern, Reliefs, Grabmonumenten und Altaraufbauten liegt. In diesem Sinne ist Sant’Anastasia in Verona ein klassisches Beispiel italienischer Gotik.
Der mächtige Außenbau ist von blockhafter Geschlossenheit. Die unverkleidete Fassade zur Piazzetta folgt dem basilikalen Querschnitt der dreischiffigen Kirche und ist von massiven Strebepfeilern gegliedert. In der Mitte prunkt das reich gestaltete Portal mit zweifarbigen Steinlagen im vielfach abgestuften Gewände, einem reliefierten Türsturz und einem Fresko der Heiligen Dreifaltigkeit im Tympanon (15. Jh.). Den eindrucksvollsten Anblick gewährt allerdings die Ostseite an der Etsch, die man am besten vom anderen Ufer erfassen kann: Dort überragt der hohe Campanile den ganzen Bau, darunter gliedert sich vor der Fassade des weit ausladenden Querschiffes die vielgestaltige Choranlage mit nach außen vortretenden sechs polygonalen Chorkapellen.
Den Innenraum bildet eine gewaltige dreischiffige Basilika, deren hohe Arkadenbögen auf sechs mächtigen Säulenpaaren ruhen, darüber spannen sich weite, schwer lastende Kreuzrippengewölbe. Der Gesamteindruck wird geprägt von der für Verona typischen Verwendung verschiedenfarbigen Baumaterials: Die Farben des den gesamten Boden bedeckenden Plattenmusters aus dem Jahre 1462 korrespondieren in harmonischer Weise mit den Tönen der Säulen und Arkaden sowie der reichen ornamentalen Ausmalung der Gewölbe und Bogenlaibungen.
Gleich am ersten Säulenpaar sitzen die berühmten due gobbi rechts und links auf den Säulenbasen und tragen verzierte Weihwasserbecken auf ihren buckligen Rücken. Die Rechte der beiden Renaissance-Figuren entstand 1591, die linke um 1500; sie gilt als ein Werk des Caliari, des Vaters von Paolo Veronese. Durchschreitet man die Kirche, so verdienen einige der Grabmonumente und Altare in den flachen Nischen der Seitenschiffe Beachtung; sie gehören mit ihren Statuen, Bildern und Fresken zur venezianischen Renaissance, die in einer produktiven Veroneser Malerschule ihren qualitätvollen, aber provinziellen Widerhall fand. Im rechten Seitenschiff erblickt man im ersten ]och das Grabdenkmal des venezianischen Condottiere Giano Fregoso. Der große, das Vorbild antiker Triumphbögen aufgreifende Altaraufbau entstand 1565 und ist mit vorzüglichen Skulpturen.
Der römische Arco dei Gavi beim Castelvecchio stand für die architektonischen Aufbauten der Wand des vierten Joches Modell (1541), das Altarbild stammt vom Veroneser Maler Francesco Caroto, die Mensa bildet der Marmorsarkophag des 1295 gestorbenen Bischofs Pietro della Scala. Nach einem Tafelbild des Liberale da Verona im fünften ]och öffnet sich das sechste zur Cappella del Crocifisso aus der Zeit um 1450 mit einem Holzkruzifix des 15. Jh., daneben die farbigen Skulpturen einer Grablegung Christi über dem Grab des 1433 verstorbenen Gianesello di Folgaria. Das linke Seitenschiff birgt gleichrangige Kunstwerke: Im vierten ]och sieht man den mehrstöckigen Renaissance-Aufbau des Altars der Familie Miniscalchi. Die formenreiche Architektur, die sich bis zum Gewölbeansatz hochzieht, ist verziert mit Reliefs, Skulpturen und einem großen Gemälde des vorzüglichen Veronesers Nicolö Giolfino, darüber ein zeitgleiches Fresko von Francesco Morone. Im fünften ]och steht die prunkvolle frühbarocke Orgelempore auf vier Säulen aus rosso veronese, daneben öffnet sich die 1585—96 nach außen gebaute Cappella del Rosario, im 17. Jh. barockisiert. Eine reich freskierte Kuppel krönt den Altaraufbau, der ein Blatt des 14. Jh. enthält, auf dem die Stifter Mastino II. della Scala und seine Ehefrau vor Maria knien.
Nunmehr im ausladenden Querschiff angelangt, steht man vor der großartigen Ostpartie der Kirche mit ihren fünf Chorkapellen, an deren Wänden sich die bedeutendsten spätgotischen Malereien Veronas erhalten haben. Sie entstanden in der Zeit der größten Machtund Prachtentfaltung der Scaligeri, die ihren Hof durch einheimische und herbeigerufene Künstler zu einem Zentrum der >höfischen Gotik< in Europa machten. Turone, Altichiero und Pisanello wurden Vorbilder für eine Veroneser Schule der spätgotischen Malerei, die auch nach dem Ende des Hauses della Scala weiterwirkte. Der so genannte >höfische Stil< zeichnet sich aus durch eine >entheiligte< Sicht biblischen und weltlichen Geschehens, jedes Bild dient als Anlass,mit großem dekorativem Aufwand fürstlich-ritterliche Idealfiguren an die Wand zu bannen, Szenen, die von eleganten Höflingen und graziösen Damen bevölkert sind — eine Umwandlung sakraler Autorität in weltliche, die auch vor den heiligen Personen selbst nicht haltmachte. Am besten beginnt man die Besichtigung mit der Kapelle ganz rechts vom Hauptchor, der Cappella Cavalli. (Daneben, an der südlichen Stirnwand des Querschiffes, befindet sich eine große Altararchitektur, fertiggestellt 1502 im Stil der Frührenaissance, mit einem Tafelbild von Gerolamo dai Libri.)
In der Kapelle der Familie Cavalli wird die rechte Wand geprägt von dem berühmten Votiv-Fresko des großen Veronesers Altichiero Altichieri, das um das 1390 entstandene Grabmal des Federico Cavalli herumgemalt ist. Das Bild ist eine unübertreffliche Demonstration der Kunst der höfischen Gotik, deren Auftraggeber den Himmel als Dekoration ihrer irdischen Bedeutung verstanden: Drei Ritter aus der Familie Cavalli knien vor der Maria und lassen sich ihr von ihren drei Schutzheiligen empfehlen. Doch die Maria erscheint nicht mehr als entrückte Heilige, als schöne junge Frau thront sie in einem kunstvollen Architekturgehäuse, derweil sich die Engel wie ein neugieriger Hofstaat zwischen den Säulen drängen und mit k0kett—abschätzigen Blicken die Ritter mustern. Diese tragen auf dem Rücken große Helme in Form von Pferdeköpfen, damit auch niemand die Stifter verkennen konnte (cavallo = Pferd). Hintergrund und Rahmen des Freskos bildet eine perspektivisch gesehene weitläufige gotische Loggia, die das stilisierte >Architekturbe hältnis< der giottesken Tradition durch ein wirklichkeitsnahes und deutlich auf einen höfischen Palast hinweisendes Gebäude ersetzte.
Die große Kunst des Altichiero zeigt sich hier in einer perfekten Mischung der gewünschten monumentalen Idealisierung der Gestalten mit der realistischen Darstellung von >unbelebten< Dingen, wie Bauwerken oder den Pferdedarstellungen auf Kleidern, Schilden und Helmen der Cavalli.
Daneben liegt die Kapelle der Familie Pellegrini, mächtiger Günstlinge der Scaligeri. An der rechten Seitenwand steht das Grabmal des Tommaso Pellegrini (1392) mit einem Lünettenfresko von Martino da Verona, einem Schüler des Altichiero; gegenüber das Familiengrab der Bevilacqua mit einem Fresko von Altichiero selbst.
An den Wänden sind 24 hervorragende Terrakotta—Reliefs mit Szenen aus dem Neuen Testament angebracht. 1430—35 entstanden, zeigen diese Darstellungen den stilistischen Übergang von der späten >höfischen Gotik< zur Frührenaissance. Das berühmteste Kunstwerk der Kirche befindet sich über dem Eingangsbogen zur Cappella Pellegrini: das Fresko >Aufbruch des hl.* Georg zum Kampf mit dem Drachem von Ar1tonio Pisano, genannt Pisanello, Das kurz nach 1433 entstandene Bild ist der Höhe- und Endpunkt der höfischen Gotik in Oberitalien, das Edel-Verhaltene der Personen, die Pracht von Rüstung und Gewändern, die geheimnisvollphantastischen Prunkfassaden der gotischen Stadt im Hintergrund, das makaber-realistische Detail des Galgens mit seinen Gehenkten über der vornehmen Ratsversammlung eine idealisierte Zusammenschau von Macht und Herrlichkeit der Welt des gerade untergehenden Mittelalters. Doch hat das Bild noch eine zweite Hälfte auf der anderen Seite des Spitzbogens, über dem sich die Wasserfläche erstreckt. Dort ist durch die Restaurierung der Drache wieder sichtbar geworden, dem der Kampf gilt, und an ihm kann man ein weiteres Charakteristikum der Kunst Pisanellos studieren, das wesentlich zum viel gerühmten Reiz des Bildes beiträgt: Der Drache ist mit äußerstem >Realismus< gemalt, akribisch sind die einzelnen Schuppen ausgeführt, man erkennt die verschiedene Dicke seiner abstoßenden Häute als wäre er wie die Hunde und Vögel auf der anderen Bildhälfte nach einer wirklichen Vorlage gemalt. Das Fresko gewinnt dadurch seine einzigartige Mischung aus kühlem Realismus und phantastischem Abenteuer. Der Drache ruft auch den eigentlich festgehaltenen Augenblick des Geschehens in Erinnerung: Der Pesthauch des Untieres hatte schon viele Menschen der Stadt Silena zu Tode gebracht, als man beschloss, die Königstochter zu opfern, womit Drachen in der Regel zu besänftigen waren; da kam der hl. Georg des Weges, entschloss sich zum Kampf, setzte in einem Boot auf die Insel des Monsters über und erledigte es mit einem Lanzenstoß. Dieser letzte Augenblick ist unzählige Male in der Kunst des Mittelalters Thema gewesen, nicht so bei Pisanello. Typisch für die höfische Gotik wählte er nicht das religiöse Motiv des Sieges über das drachenmäßige Böse, sondern den stillen Augenblick des Abschiedes von der Prinzessin, der um so mehr Gelegenheit bot für die reichhaltige Entfaltung der Szenerie.
Angesichts der viel zitierten >zaubrischen Atmosphäre< des Pisanello-Gemäldes wird jedoch ein eigentümliches Detail meist verschwiegen. Ausgerechnet zwischen dem Ritter und der Prinzessin prangt eine den Vordergrund nicht unwesentlich bestimmende Rückseite eines Pferdes mitten im Bild. Das Können des Malers erhebt ihn über jeden Verdacht eines kompositorischen Fehlers was also hat das an so hervorgehobener Stelle von hinten gesehene Pferd zu bedeuten. Blickt man über den Sattel hinweg, so gewahrt man in ganz ungotischer perspektivischer Verkürzung den Hals des Tieres mit den Ohren des gesenkten Kopfes, wodurch der Vordergrund des Bildes plötzlich Tiefe gewinnt. Auf der anderen Seite der Prinzessin ist noch ein Reiter in der gleichen Art, aber in direkter Frontalsicht zu sehen. Die beiden Tiere entpuppen sich also als frühe perspektivische Studien Pisanellos; dass er dafür gerade Pferde wählte, entsprach dem Zug der Zeit: Pferde waren das beliebteste Sujet der Frührenaissance, um die Gesetze der Perspektive in der verkürzten Darstellung von Körpern zur Anwendung zu bringen; Pisanellos Kollege Paolo Uccello malte riesige Reiterschlachten allein zum Studium der verschiedenen Ansichten. So hatte Pisanellos Gemälde in der Vollendung der höfischen Spätgotik bereits die ersten Elemente der neuen Epoche, der Renaissance, aufgenommen.
Der große Hauptchor in der Mitte wird beherrscht von dem 1424-29 vermutlich vom Florentiner Nanni di Bartolo errichteten Grabmonument des Condottiere Cortesia Serego, des untauglichen Feldherrn des letzten der Scaligeri, Zwei Landsknechte öffnen einen riesigen Vorhang aus Stuck, hinter dem in prunkvoller Rüstung der Condottiere zu Pferd auf seinem Sarkophag erscheint. Das Grabmonument war als Einheit von Skulptur und Malerei konzipiert, und so malte 1432 Michele Giambono, ein guter Künstler der venezianischen Spätgotik, ein originelles, weit geschwungenes Blattrankenornament und andere Fresken um die Reiterfigur, wodurch die pompösen Skulpturteile des Monuments viel von ihrer Schwere verloren und das Ganze fast den Charakter eines riesigen Wappens erhielt.
Gegenüber ist ein großflächiges Fresko eines > jüngsten Gerichts < zu sehen, das dem Turone zugeschrieben wird. Er kam aus der Lombardei und ließ sich gegen 1350 in Verona nieder; er ist wenig bekannt, doch seine Bilder nahmen schon früh die giottesken Neuerungen auf, befreiten die Veroneser Malerei von den verkrusteten spätbyzantinischen Formen und leiteten zum > höfischen Stil < über.
In der Kapelle links neben dem Hauptchor, der Cappella Lavagnoli, befinden sich an den Wänden Fresken mit Darstellungen aus dem Leben Christi von Francesco Benaglio (1432-ca. 92), Man beachte an der linken Seitenwand in der Predigerszene (Ende des 15. Jh.) die Gewänder der Zuhörer; gegenüber der Sarkophag der Familie Lavagnoli. Daneben, in der Cappella Salerni, das obligate Grab eines Mitgliedes dieser Familie und Fresken von Stefano da Zevio und Bonaventura Buoninsegna (1402-ca. 33). Links neben dieser letzten Kapelle schließt die nördliche Stirnwand des Querschiffes an, deren ebenfalls dem Buoninsegna zugeschriebenen Fresken von einem schönen spätgotischen Portal durchbrochen werden (darüber drei Tafelbilder, das mittlere und das linke von Farinati).
Tritt man aus dem Hauptportal von Sant’Anastasia wieder hinaus auf die Piazzetta, so erblickt man rechts über dem Torbogen das frei stehende Baldachingrab des 1319 verstorbenen Guglielmo da Castelbarco, eine stilistische Vorstufe zu den Grabmonumenten der Scaligeri. Die gotische Kirche daneben, San Pietro Martire (8), wurde im Iahre 1354 als Kapelle der brandenburgischen Ritter geweiht, die Cangrande II. nach der Heirat mit seiner deutschen Frau als Söldner mitbrachte, sie garantierten dem Stadtdespoten eine ganze Weile seine Herrschaft, weshalb sich im Inneren zahlreiche Votivbilder der Brandenburger befinden, darunter eines von Turone. (Die Kirche ist nur bei Ausstellungen geöffnet,) Wenige Minuten von Sant’Anastasia entfernt steht in der Via Forti Nr. 1 der Palazzo Forti aus dem 18. Ih. Er ist Sitz der Galleria d’Arte Moderna (9) mit einem Bestand Veroneser Malerei des 19./20. Ih. Wesentlich interessanter sind die Sonderausstellungen, in denen Künstler und Themen der klassischen Moderne und der Gegenwart vorgestellt werden. Ein paar Schritte weiter, in der Via S. Mamaso 2a befindet sich das sehenswerte Museo Miniscalchi Erizzo (10). Dabei handelt es sich um das große Wohnhaus, das sich die Veroneser Adelsfamilie der Miniscalchi im 15. Jh. erbaute, in den folgenden Jahrhunderten erweitern ließ und bis 1977 bewohnte. Dieser seltene Glücksfall begründet den Reiz des Ortes; denn die Ausstellungsstücke des Museums (u. a. venezianische Gemälde, Zeichnungen aus der Renaissance, Bronzen, Waffen, Porzellan, kunstgewerbliche Gegenstände, antike Fundstücke), die größtenteils von der Familie selbst gesammelt wurden, sind in den Räumen einer ständig bewohnten und vorzüglich restaurierten Adelsresidenz zu bewundern. Glanzstück des Hauses ist die >Wunderkammer< des Ludovico Moscardo, die dieser adelige Gelehrte im 17. Jh. zusammenstellte: eine amüsante Sammlung kurioser Gegenstände und staunenswerter Apparaturen ganz im Geist der manieristischen Kultur.