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Stadtrepublik - Die Scaligeri Verona am Gardasee

Stadtrepublik

Verona gehörte seit der Zeit Berengars zum Herrschaftsgebiet der Grafen Sambonifacio, doch hatten die Kleinadeligen im Inneren der Stadt längst neue Parteien gebildet, für die die tradierten Machtansprüche wenig galten. Ein Wald von düsteren Geschlechtertürmen überragte die Stadt, denn alle einflussreichen Familien versuchten ihr Glück mit Intrige und Schwert. So errichteten sie neben ihrem Haus einen festen Turm, der möglichst alle anderen überragen sollte, gleichermaßen zum Belauern der Rivalen und als eigene letzte Zuflucht im Falle des Nachsehens. Das berühmte San Gimignano in den Hügeln der Toskana gibt eine letzte Vorstellung vom Aussehen der Städte im 12. ]h., auch wenn selbst dort nur noch ein Bruchteil der einstigen Türme steht. Die Regierungsform der Stadtrepublik mit ihren großen romanischen Kommunalpalästen für die Ratszusammenkünfte, die immer an einem zentralen Stadtplatz gelegen sein mussten, damit davor die Volksversammlung Platz hatte, prägt die historischen italienischen Innenstädte unverändert bis heute, so auch in Verona der Palazzo Comunale an der Piazza delle Erbe.
Bei allen Gegensätzen verwalteten die adeligen Familien durch ein kompliziertes System von Versammlungen, einen großen und einen kleinen Rat sowie verschiedene durch Wahl zu besetzende Positionen die Städte so erfolgreich, dass diese einen steilen ökonomischen Aufschwung nahmen. Das ist nicht verwunderlich, denn alle Adelsfamilien waren gleichzeitig Händler oder Geschäftsleute, weshalb es keinen Gegensatz zwischen ihrem Herrschaftsanspruch und dem Wohl der Stadt gab — ganz im Gegensatz zu Deutschland, wo sich die Städte in endlosen Kämpfen gegen ihre feudalen und kirchlichen Herren aufrieben. Doch die großen politischen Auseinandersetzungen gingen an den Städten nicht vorüber, sie wiederholten sich dort im Kleinformat: Überall spaltete sich die Oberschicht in eine ghibellinische (kaiserliche) und eine guelfische (päpstliche) Partei, die sich tagaus tagein mit Mord und Intrige, Revolten und Straßenschlachten das Leben schwermachten. Hier wurde weder die Sache des Kaisers noch die des Papstes ausgetragen, hinter den Namen verbarg sich die Konkurrenz des Stadtpatriziats um Macht und Einnahmequellen, die mit den beiden Symbolfiguren ihrer jeweiligen Partei nur insofern zu tun hatten, als dass entweder ein kaiserlicher oder päpstlicher Vertreter einer Familie Rechte und Privilegien verliehen hatte, mit denen sie sich gegen die anderen durchzusetzen versuchte. Wie irreführend die Bezeichnungen sind, kann man z. B. daran sehen, dass Verona als erzghibellinisch galt, aber den ersten Lombardischen Städtebund gegen den Stauferkaiser Friedrich I. Barbarossa organisierte (1167).
Dennoch schlugen sich 250 Jahre lang in Ober- und Mittelitalien Familien, Kommunen, ganze Städtekoalitionen unter diesen Parteibezeichnungen, Um die Einzigartigkeit des Phänomens der Stadtrepublik richtig zu würdigen, muss man bedenken, dass in Europa die gesamte Staatsgewalt vom Mittelalter bis in die Neuzeit dynastisch organisiert war, d, h. es herrschten Kaiser, Könige, Herzöge, Grafen oder ähnliche Figuren, die alle ihre Macht aus der Legitimität ihrer Geburt, aus angestammten oder von Höheren verliehenen Herrschaftsrechten herleiteten. Allein hier in Italien entstanden Stadtrepubliken, deren Repräsentanten gewählt wurden — und danach, noch auffälliger, die Signorien, Herrschaften einzelner, zum Teil nicht einmal adeliger Familien. Die Grundlage dieser Entwicklung war die formelle Zugehörigkeit Italiens zum Deutschen Reich, ohne dass die Kaiser jemals die Mittel besessen hätten, diesen Anspruch in die Praxis umzusetzen. Als die deutschen Kaiser diesen Stadtrepubliken einen Reichsvikar vor die Nase setzen wollten, bildeten sie Städtebünde, an denen schließlich die militärische Gewalt der deutschen Ritterheere zerbrach: Im Frieden von Konstanz (1183) musste Kaiser Friedrich Barbarossa die Unabhängigkeit der italienischen Städte anerkennen. Danach gab es noch einen letzten Versuch, Oberitalien direkt der deutschen Krone zu unterwerfen, indem dort eine vom Kaiserhaus abhängige Dynastie etabliert werden sollte.
Den Auftrag zur Schaffung dieses neuen Throns erhielt Ezzelino da Romano (1194-1259), eine mörderische Bestie, die auf den Pfiff des bis heute hochverehrten Stauferkaisers Friedrich II. hörte, der auch sein Schwiegervater war. 1226 war Ezzelino zum Podesta von Verona, dem höchsten Amt der Stadt, berufen worden und machte Verona zum Zentrum seiner Gewaltherrschaft, die er für Friedrich II. auf ganz Oberitalien auszudehnen sich anschickte. Friedrich war in der Tat eine ungewöhnliche Erscheinung unter den mittelalterlichen Herrschergestalten Europas, denn er vertrat eine weit in die Zukunft weisende Staatsauffassung, >>Friedrichs Verordnungen (besonders seit 1251) laufen auf die völlige Vernichtung des Lehnstaates, auf die Verwandlung des Volkes in eine willenlose, unbewaffnete, in höchstem Grade steuerfähige Masse hinaus«, schreibt Jacob Burckhardt und urteilt: »Der erste moderne Mensch auf dem Thron«. Im Sinne dieses absolutistischen Zentralismus seiner Macht waren für Friedrich selbständige Staatsgebilde wie die italienischen Stadtrepubliken ein unhaltbarer Zustand, den er nicht nur standesgemäß mit Heerbann und Fehdehandschuh zu bereinigen gedachte, sondern indem er die Ausrottungskampagne seines Schwiegersohnes gegen den oberitalienischen Adel deckte. Gegen die Mordtaten des kaiserlichen Günstlings fand sich eine Koalition zusammen, wie sie Italien vorher und nachher nie mehr sah: Venedig und der Papst, gemeinsam mit den Resten des oberitalienischen Adels, besiegten Ezzelino 1259 in einer Schlacht bei Cassano d’Adda. Als er verwundet noch im gleichen Jahr starb, läuteten im ganzen Land tagelang die Glocken, und in den italienischen Märchen heißt der Teufel noch heute — Ezzelino.
Doch als die Überlebenden des Hochadels ihre alte Machtposition wieder einnehmen wollten, geschah Ungeheuerliches. Den Grafen Sambonifacio war für ihre Beteiligung an der Koalition die Wiedererlangung ihrer privilegierten Stellung in Verona zugesichert worden.
Als sich die Sieger gegen Ezzelino nun in die Stadt begaben, sahen sie sich dort bereits einem neuen, vom Volk gewählten Machthaber gegenüber. Es war Mastino I. della Scala, und mit ihm begann die Tyrannei in Verona.

Die Scaligeri

Unter diesen Herren della Scala, so genannt wegen der aufsteigenden Leiter in ihrem Wappen (ital. scala), erlebte Verona seine Blütezeit im Guten wie im Schlechten. Bis zum Sturz der Scaligeri im Jahre 1387 wurde die Stadt zu einer italienischen Großmacht, die zeitweise bis in die Toskana regierte; Kunst und Literatur an ihrem prunkvollen Hofe waren berühmt: Dante fand hier nach seiner Verbannung Aufnahme und verherrlichte die Scaligeri in seiner >Göttlichen Komödie<; die bahnbrechenden Malereien des Altichiero machten Verona zu einem Mittelpunkt des höfischen Stils der Gotik in Europa. Doch die im mittelalterlichen Sinne illegitime Macht der Herren della Scala eine Wahl war damals noch keine Legitimation, andere zu beherrschen — brachte jahrzehntelang Krieg, Intrige und Greueltaten über die Stadt, bis sich die Scaligeri in einer regelrechten Orgie von Familienmorden nahezu selbst ausrotteten. Sie waren nicht die einzigen, die dem Beispiel Ezzelinos folgten, eine bisher nicht existierende Herrschaftsposition zu schaffen und mit Gewalt zu halten: Etwa zu gleicher Zeit entstanden überall in Italien Signorien durch Familien, die aus dem Händler- und Kleinadelsstande stammten: die Visconti in Mailand, die Carrara in Padua, die Manfredi in Faenza, die Malatesta in Rimini, die Gonzaga in Mantua, die Este in Ferrara, die verruchtesten von allen: die Baglioni in Perugia und viele andere mehr. Wie diese Familien an die Macht kamen, liest sich fast überall wie ein Roman, auch bei den Scaligeri in Verona, denn ihre Wahl kam einem Umsturz gleich. Vor den Zeiten Ezzelinos hatten die Adeligen der Stadt, allen voran die mächtigen Grafen Sambonifacio, das Recht auf die Besetzung der einflussreichen Positionen der Stadtrepublik, besonders auf das verfassungsmäßige Amt des podestä del comune.
Durch Schwächung und Dezimierung des Adels seitens Ezzelinos Mordkommandos hatten die anderen Stände, I—Iandwerker und Kaufleute, Notare und Richter, in zunehmendem Maße den Stadtstaat in ihre Hände genommen, und sie dachten nicht daran, ihn wieder an die alten Herren abzugeben. So nutzten sie in aller Eile die kurze Zeitspanne zwischen dem Sieg der Adeligen gegen Ezzelino und deren Rückkehr in die Stadt: Sie schufen ein neues, durch keine Tradition legitimiertes Amt, den podestä del popolo, gewissermaßen der Chef der neu entstandenen, zu allem entschlossenen Volksvertretung, und betrauten damit eben jenen Mastino I. della Scala. Als die Grafen Sambonifacio vor Verona erschienen, ließ man sie zwar herein, doch stellten sie bald fest, dass niemand mehr auf sie hörte, sondern nur noch die Anordnungen des Volksvertreters galten — für das feudale Europa des Mittelalters ein noch nie dagewesener Vorgang. Die Sambonifacio und ihr Anhang verließen die Stadt bald wieder, um eine Armee auszurüsten, im ]ahre 1260 griffen sie Verona an,  doch kam ihre Kampagne bereits einige Kilometer vor der Stadt zum Erliegen, da sie von niemandem mehr Unterstützung erhielten.
Dieser Erfolg gab Mastino della Scala Gelegenheit, seine noch unsichere Position zu festigen und seine Gegner ausweisen oder hinrichten zu lassen. Die Tyrannei begann und sie blühte auf durch die Protektion Venedigs. Denn Mastino war so klug, sein neu geschaffenes Amt dazu zu nutzen, der Lagunenstadt die Märkte und Transportwege Veronas, besonders die Benutzung der Etsch, zu eröffnen, und das daraus folgende Wohlwollen Venedigs für seine Person brachte eine ökonomische Großmacht auf seine Seite.
Das bekamen jene Verschwörer zu spüren, die offenbar in einem letzten Versuch, die Etablierung der della Scala zu verhindern, Mastino I. am 26. Oktober 1277 in der Nähe seines Hauses bei der Piazza dei Signori ermordeten. Die Veroneser gerieten darüber so in Panik, weil sie die gerade beginnende Blüte des florierenden Handels mit Venedig wieder in Mord und Totschlag untergehen sahen, dass sie nur einen Tag später Mastinos Bruder, Alberto della Scala, mit nahezu unumschränkten Machtbefugnissen zum neuen Herren der Stadt machten. Als Strafgericht für den Mord beseitigt Alberto die restlichen Feinde seiner Familie, lässt deren Häuser einreißen und mit den Steinen die Straße vom Marktplatz zum Ponte delle Navi (bei San Fermo) pflastern — es müssen ziemlich viele gewesen sein. Wie die Verordnungen des Alberto zeigen, tritt mit ihm die Tyrannei bereits unverhüllt ans Licht: Als Erstes verfügt er das Verbot jeglicher Kritik an seiner Person und seinen politischen Maßnahmen, er richtet sich eine nur ihm (nicht mehr der Stadt) ergebene Leibgarde ein und kauft jene Stände am Marktplatz, an denen bisher Waffen frei käuflich waren. Dafür lässt er sich auf Lebenszeit zum capitario del popolo wählen, verlangt einen Treueid vom Podesta der Stadt und erhält das Recht, die Politik Veronas nach eigenem Gutdünken zu bestimmen — von der Stadtrepublik war nichts als ein paar Titel übrig geblieben. So haben sich die della Scala auch dejure gegen die anderen Familien Veronas durchgesetzt, Alberto (1277-1301) mausert sich zu einem richtigen Herrscher. Um dem Papst zu gefallen, organisiert er das Massaker an den Bürgern Sirmiones und ihre öffentliche Massenverbrennung in der Arena (s. S. 103f.); in der Stadt baut er sich einen regelrechten Hofstaat auf, indem er seine Leibgarde zu einer Privatarmee erweitert und sich mit Beratern und Juristen umgibt, die ganz im Sinne dieses Realisten der Macht nicht nach dem Stande, sondern nach dem Grade ihrer Nützlichkeit und Ergebenheit ausgewählt wurden. Doch all dies kostete Geld, und das besaßen die aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Scaligeri nur in geringem Maße. So wurden die    Familienmitglieder in einträgliche Ämter geschoben, einer wurde Bischof von Verona, ein anderer Abt von San Zeno, andere kirchliche Stellen konnten nur nach der gekauften Befürwortung durch Alberto besetzt werden. Als er am 3. September 1301 eines natürlichen Todes starb — keine Selbstverständlichkeit bei den della Scala —, konnte er das Verdienst für sich in Anspruch nehmen, nach Mastinos Absicherung seines Hauses nach außen dessen Stellung nach innen gefestigt zu haben.
Die Nachfolge seines Sohnes Bartolomeo stieß daher in Verona auf keinerlei Widerstand, die Herrschaft der Scaligeri über die Stadt war gewissermaßen erblich geworden, ohne dass freilich ein entsprechendes Erbrecht existiert hätte. Bartolomeo starb bereits im Februar 1303, bekannt ist er vor allem deshalb, weil sich in seiner Regierungszeit die Geschichte von Romeo und Julia zugetragen haben soll.
Wie rasch das Machtbewusstsein der Veroneser Herrscher gewachsen war, zeigte sich nun an dessen Bruder Alboino (1304-11), der zusammen mit Mantua, Bologna, Parma und Brescia den Aufstieg des Azzo d’Este aus Ferrara bremsen kann. Noch nicht stark genug, selbst Großmacht zu werden, kann Alboino so verhindern, dass die Würfel zugunsten einer anderen Stadt der Po-Ebene fallen. Nach seinem Tod übernimmt sein Bruder Cangrande I. della Scala (1311-29) die Regierung, eine illustre Figur des italienischen Mitteil alters, ein Taktiker, Intrigant und Eroberer, der Verona zu einem großen Flächenstaat machte, den seine Nachfolger bis vor die Tore Mailands, Florenz und an die Lagune von Venedig ausdehnten. Sein Aufstieg ist eng verknüpft mit dem Italienzug Heinrichs VII. mit einem Heer von 100 000 Mann, welches die Autorität des deutschen Kaisers über Italien wiederherstellen sollte. Die vom Kaiser anvisierte Ernennung von Reichsvikaren, die jeder Stadt vorstehen sollten, ging selbst den Ghibellinen zu weit; so verfiel Heinrich auf die Idee, keine deutschen Beamten einzusetzen, sondern die ohnehin regierenden Familien gegen enorme Geldsummen zu Vikaren zu ernennen. Die erste Stadt, in der er nach seiner Alpenüberquerung dieses Geschäft tätigte, war Verona, wo Cangrande bereits 1311 Reichsvikar wurde und die neue Würde zu nutzen wusste: Das benachbarte Padua war guelfisch, also papsttreu, und bemühte sich nicht um die Gunst des Kaisers. Davon erbittert, unterstützte Heinrich seinen frisch gebackenen Reichsvikar mit 300 Rittern, als dieser wie üblich mit Hilfe der Verbannten einen Umsturz im paduanischen Vicenza organisierte und inmitten der Wirren am 15. April 131 1 mit veronesischen Truppen einmarschierte — ein stark befestigter Stützpunkt am wichtigen Handelsweg Venedigs durch die Valsugana war gewonnen, Als Cangrande nach dem Tod Alboinos im November 1311 Alleinherrscher in Verona wurde, war er gerade 20 Jahre alt. In kurzer Zeit wurde der Hof der Scaligeri einer der glanzvollsten Italiens, Cangrande gewährte allen bedeutenden Verbannten anderer Städte Asyl und zog mit Händlern, Künstlern, Gelehrten und Heerführern die geistige und militärische Creme Italiens nach Verona.
Es ist unmöglich, ein Gesamtbild der politischen und kriegerischen Verwicklungen der italienischen Städte zur Zeit der Signorien zu zeichnen, allein die Aufzählung aller Heerzüge, Verschwörungen, Eroberungen und Verhandlungen des Cangrande aus Verona würde ein ganzes Buch füllen. Vom Glanz seines Hofes hat er nicht viel gesehen, denn die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er außerhalb der Stadt an der Spitze seiner Truppen und an anderen Höfen, um die jeweiligen Herrscher für sich zu gewinnen, seine dortigen Widersacher auszustechen oder deren Siege über ihn nicht zum Tragen kommen zu lassen. Über die Probleme der ersten Scaligeri, ihre Macht innerhalb Veronas durchzusetzen, war er längst hinaus, er plante ein norditalienisches Großreich — was indes auch alle anderen Stadtherrscher taten, weshalb deren Augen genauso begehrlich auf Verona ruhten, wie die Cangrandes auf den anderen Städten. Cangrande mischte sich in alle oberitalienischen Streitigkeiten ein, oder er provozierte sie, wenn nötig. Sein Krieg mit Padua begann, indem er der Stadt die Wasserversorgung durch Umleitung eines Flusses abschnitt, mit 60 000 fiorini überzeugte er den Grafen von Görz, die Guelfen besser nicht mehr zu unterstützen, in Mantua ließ er seinen alten Freund Passerino Bonacolsi ermorden, um die ihm noch ergebeneren Gonzaga an die Macht zu bringen. Cangrande hatte wirklich wenig Zeit, sich in Verona aufzuhalten, weshalb sein Cousin Federico meinte, 1325 die Macht innerhalb der Stadt an sich reißen zu können, doch wurde sein Putsch niedergeschlagen. Bis zu seinem Tode am 22. Juli 1329 besiegte und besetzte Cangrande noch den Erzfeind Padua und die zugehörige Festungsstadt Treviso, dort starb er überraschend, von fast zwanzig Jahren Krieg erschöpft; sein Grabmal in Verona wird überragt von einer der seltsamsten Reiterstatuen des Mittelalters.
Cangrande hinterließ nur uneheliche Söhne und drei Töchter, deren Nachfolge undenkbar war. So traten die Söhne seines Bruders Alboino, Mastino II. und Alberto II. die Herrschaft an, die als erstes zwei mit dieser Regelung unzufriedene Söhne Cangrandes für immer im Kerker verschwinden ließen. Der eigentlich Regierende von beiden war Mastino Il., der Verona zu seiner größten Machtfülle führen sollte, doch zugleich mit seiner unklugen Politik gegenüber Venedig und der unter ihm beginnenden innerfamiliären Mordserie den Grundstein für den Untergang der Scaligeri legte. Gleich seine ersten Erfolge tragen den Keim des Verhängnisses in sich: 1332 erobert er Brescia, 1335 bemächtigt er sich mit diplomatischem Geschick und militärischen Drohungen der Städte Parma und Lucca, weitere Signorien der Po-Ebene sind von ihm abhängig. Zu diesem Zeitpunkt war Verona zweifellos eine italienische Großmacht, die jedoch mit dieser Ausdehnung an die Grenzen von gleich drei anderen Großmachten stieß: Brescia lag nahe bei Mailand, Lucca bei Florenz, Padua und Treviso bei Venedig. Dieses zunächst nur auf Bündnissen, Absprachen, Einschüchterungen, Bestechung und Eroberung beruhende Staatsgebilde hätte sich womöglich stabilisiert, wäre Mastino II. nicht so selbstherrlich gewesen, sich mit Florenz und Venedig gleichzeitig anzulegen. Denn er vergaß, was immer noch die Macht der della Scala garantierte: das Wohlwollen Venedigs; er belegte die Handelswege der Lagunenstadt, die zu Lande fast alle durch sein Territorium führten, mit immer drückenderen Steuerlasten, um die Kriege in seinem immer usgedehnteren Territorium finanzieren zu können. Venedig war nicht gewillt, dies durchgehen zu lassen, denn solche Maßnahmen trafen seine Händler durch Verteuerung der Waren. Die Serenissima gab Mastino in zahlreichen Verhandlungen vergebliche Gelegenheit zur Umkehr, dann wurden die Arsenale geöffnet. Da Venedig zwar eine Flotte, aber kein Landheer besaß, verbündete es sich mit Florenz, das es auf die Stadt Lucca abgesehen hatte. Diese Koalition ließ keine Frage offen, wer der Stärkere war; unter Mastinos Verbündeten grassierte der Verrat. Treviso, Padua, Parma und Brescia gehen verloren; das nun isolierte Lucca muss Mastino — allerdings gegen eine enorme Summe — verkaufen.
Am 3. Juni 1351 starb Mastino Il. an einem Fieber. Unter seiner Herrschaft hatte Verona Aufstieg und Fall erlebt, doch was nun folgte, stellte für die Zeitzeugen den machtpolitischen Niedergang der Stadt weit in den Schatten. Denn mit seinen drei Söhnen und Nachfolgern Cangrande II., Canfrancesco (genannt Cansignorio) und Paolo Alboino betraten mörderische Figuren die Piazza dei Signori, die bald die ganze Stadt gegen sich aufbringen sollten. Zunächst übernahm der Älteste, Cangrande II., die Macht, den die Chronisten cams rabidus, den >tollwütigen Hund<, nannten, und seine Regierungszeit (1351-59) begann stilgerecht mit einem Familiengemetzel. Als er längere Zeit außerhalb der Stadt weilt, übergibt er die Verwaltung seinem unehelich geborenen Halbbruder Fregnano, der in seiner Abwesenheit eine Revolte anzettelt und zu seiner Unterstützung Truppen aus Mantua in die Stadt lässt. Cangrande II. wird gewarnt und kehrt seinerseits mit einer kleinen Armee zurück; mitten in der Stadt, auf der Etschbrücke Ponte delle Navi entbrennt eine Schlacht, in deren Verlauf Fregnano getötet wird. Tags darauf werden auf der Piazza delle Erbe 34 Verschwörer gehängt, darunter auch ein Sohn Cangrandes I. und ein weiterer Halbbruder namens Zanotto.
Der Aufstand sollte weitreichende Folgen haben. Dass Fregnano von Teilen der Veroneser Bevölkerung unterstützt wurde, zeigte Cangrande II. den Grad seiner Verhasstheit an. So sicherte er seine Tyrannei durch eines der markantesten Bauwerke der Stadt: In kürzester Zeit, von 1354-56, stampfte er das riesige Castelvecchio (s. S. 243) aus dem Boden und zog sich mit seiner Familie fast ganz hinter dessen gewaltige Mauern zurück, da er die Stadt kaum noch zu betreten wagte. Derweil zogen seine Soldaten durch Verona und trieben Steuerlasten ein, mit denen Cangrande ein Vermögen für seine drei Kinder anhäufte. Bei einem seiner wenigen Ausgänge in die Stadt wurde er am 14. Dezember 1359 vom Bruder Cansignorio in der Nähe der Kirche Sant’Eufemia ermordet; er war gerade 28 Jahre alt.
Cansignorio regierte nach dem Mord an seinem Bruder von 1359 bis 1375. Auch seine Schreckensherrschaft residierte im Castelvecchio, dem er die elegante Brücke über die Etsch anbauen ließ, um im Falle einer Volkserhebung einen Fluchtweg über den Fluss und in die Berge zu haben. Unter ihm erlebt Verona eine letzte Kunstblüte des Mittelalters: Bedeutende Architekten und Künstler, darunter die Maler Turone und Altichiero, werden gerufen, um das Castelvecchio in einen so prunkvollen Bau zu verwandeln, dass sich mancher Fürstenhof dahinter hätte verstecken können. Als Cansignorio, der seine unehelichen Söhne zu seinen Nachfolgern machen will, sein Ende nahen fühlt, lässt er seinen Bruder Paolo Alboino, der dabei ein Hindernis gewesen wäre, 1375 in Peschiera wegen angeblichen Verrats hinrichten; weitere vermeintliche Gegner werden in einer Massenexekution in der Arena geköpft.
Als Cansignorio della Scala am 19. Oktober 1375 stirbt — sein Grabmal ist das schönste von allen Monumenten der Scaligeri —, treten seine unehelichen Söhne Bartolomeo und Antonio die Herrschaft an. Gegen eine entsprechende Summe erhalten sie alsbald vom Papst die >dispensa dal difetto della nascita illegittima<, die Befreiung vom Makel der unehelichen Geburt, und damit wenigstens eine offizielle Anerkennung ihrer Nachfolge. Im Juli 1381 ermordet Antonio seinen Bruder Bartolomeo, um die den Veronesern abgepressten Steuern allein genießen zu können — besser gesagt: mit seinem verschwendungssüchtigen Weib Samaritana da Polenta.
Diese in Verona verhasste Frau stammte aus Ravenna im damaligen Kirchenstaat, in dem man eine noch hemmungslosere Ausplünderung des Volkes gewohnt war als in den selbstbewussten Handelsstädten Norditaliens. Sie hatte eine ganze Schar von Verwandten und Günstlingen mit nach Verona gebracht, die von Antonio della Scala eine Steuer nach der anderen bewilligt bekamen, um ihren luxuriösen Hof zu finanzieren. Nach dem Mord an Bartolomeo verließen die einflussreichsten Familien Veronas die Stadt und flüchteten nach Mailand — ihnen war klargeworden, dass die Machtausübung der Scaligeri jedes rationale Kalkül verloren hatte. In Mailand bahnte sich indes der Untergang des Hauses della Scala an, denn bereits 1379 hatte der dort herrschende Bernabo Visconti begonnen, das Veroneser Territorium anzugreifen. Dieser war verheiratet mit einer Tochter Mastinos II., Regina della Scala, von der er seine Ansprüche auf Verona herleitete. Die geflohenen Veroneser unterstützten seinen Krieg gegen ihre Heimatstadt nach Kräften — Spinetta Malaspina aus Verona wird an der Spitze des Visconti-Heeres die Stadt der Scaligeri erobern, Das Ende bringt der Sturz Bernabos durch seinen berüchtigten Neffen Giangaleazzo Visconti, der sich mit den da Carrara aus Padua verbündet. Von zwei Seiten in die Zange genommen, bietet Antonio della Scala verzweifelt die Stadt dem böhmischen König Wenzel an, um als dessen Statthalter weiter herrschen zu können, doch es ist zu spät: Es gelingt den geflohenen Veronesern, gleichgesinnte Daheimgebliebene zu bewegen, der anrückenden Armee der Visconti ein Stadttor zu öffnen. Während die Mailänder fast kampflos in die schwer befestigte Stadt eindringen, verlässt Antonio della Scala in der Nacht vom 18. zum 19. Oktober 1387 in einem kleinen Boot auf der Etsch Verona. Wenig später stirbt er auf einem Ritt in die Toskana, wo er auf Bündnispartner hoffte. Die Visconti sind so Herren über Verona geworden.

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