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Torbole am Gardasee

Torbole

Torbole ist fest in der Hand der Surfer. Der Ort ist von alters her bekannt für seine ungemein frischen Brisen, die auch außerhalb des üblichen Windzyklus am See plötzlich von der Höhe von Nago über das Wasser fallen. Nur durch das Ledrotal an der Ponale-Straße und durch die hoch über dem See gelegene Mündung des Valvestinotales stürzen noch stärkere Winde auf den See, doch dort ist am Ufer nirgendwo so viel Platz wie hier in Torbole. Dass diese von der Schifffahrt jahrhundertelang gefürchtete klimatische Eigenschaft dieser See-Ecke dem Ort seit der Erfindung des Surfbretts einen solchen Boom bescheren würde, hätte sich bis vor wenigen Jahren niemand träumen lassen, weshalb Torbole noch in jüngsten Beschreibungen als Fischerdorf mit Goethe-Erinnerung erscheint. Damit ist es vorbei; Hafen und Uferstraße sind umlagert von allen Sorten von Fahrzeugen, die eines gemeinsam haben: aufgeschnallte Surtbretter. Der Strand ist dicht bedeckt mit Kunststoffsegeln, kilometerweit in Richtung Malcesine ist die Straße an der Uferseite zugeparkt, denn dort liegen sie auf der Lauer, die windbedürftigen Sportler, immer einen hochsensiblen Zeh im Freien, um sich keine Luftbewegung entgehen zu lassen. Kommt sie dann, die frische Brise, so bedeckt sich der See in Sekundenschnelle mit einer kreuz und quer rasenden Menge bunter Segel, durch die nur die Bugwelle des in Torbole anlegenden Passagierschiffes eine Schneise bahnt. Die Surfer sind fast das Beste, was Torbole zu bieten hat, auch wenn man sie gelegentlich etwas unelegant und völlig frustriert von einem plötzlichen Windabfall zum Ufer zurückpaddeln sieht. Gegen ihren Anblick, wenn sie, mit dem Rücken über die Wellen geneigt, die Segel parallel zur Wasserfläche über den See schießen, kommt das blässliche Goethe-Medaillon über den Sottoportici des Albertihauses ebensowenig an wie das kleine theresianische Zollhäuschen auf der Hafenmole. Wer außerhalb der Saison kommt und dann sogar einen Parkplatz findet, wird den hübschen Hafen und das alteitümliche Bild des den Berghang ansteigenden Ortes zu schätzen wissen; der Kunstfreund muss allein mit dem großen Olbild eines Martyriums des hl. Andreas in der Pfarrkirche des 18. Ih. (mit schöner Aussichtsterrasse) vorliebnehmen, einem der bedeutendsten Werke des Veroneser Malers Giambettino Cignaroli, der aber nicht zu den besten Verretern seiner Zunft zählte. Unschlagbar ist jedoch der Blick, der sich von der Straße hinauf nach Nago über den See und seine Ufer bietet. Von dort erkennt man, dass Torbole direkt unter den ungeheuren Felsabschliffen des Monte Baldo liegt; diese Tätigkeit der Gletscher hat auch die wenige hundert Meter neben der Straße liegenden Marmitte dei Giganti (s. Hinweisschild), die >Schüsseln der Riesen<, hervorgebracht. Es handelt sich dabei um haushohe runde Vertiefungen im Fels, die durch das eiszeitliche Gletschergeschiebe sowie Wasser und Gesteinswirbel des schmelzenden neozoischen Eises entstanden; die Mahlsteine liegen noch darin. Die Höhe von Nago bietet einen einzigartigen Blick über den zwischen hohen Felswänden gelegenen Nordteil des Gardasees, die Sarcamündung und den Steilabsturz des nach Riva geneigten Monte Brione, eines schräg geschichteten und von den Gletschern in seine heutige Form geschliffenen Felsmassivs wischen beiden Orten, oft verglichen mit dem Bug eines halbversunkenen Riesenschiffes. »Wie sehr wünschte ich meineFreunde einen Augenblick neben mich, dass sie sich der Aussicht freuen könnten, die vor mir liegtI« notierte Goethe zum 12. September 1786, als er den See über diese Höhe erreichte. Dieser Anblick gab ihm das, was er auf seiner Italienreise suchte: den viel zitierten »belebenden Hauch der Antike«, denn dieser erste Blick in eine italienische Landschaft dünkte ihn (wie alle seine Zeitgenossen) ein Abglanz des klassischen Griechenlandes, welches durch die türkische Herrschaft seit Jahrhunderten unbetretbar war und das den dichtenden Bürgern des 18. ]h. als Verwirklichung aller ihrer intellektuellen deale von persönlicher Freiheit, Tragik und Schicksal vorkam. Nicht zufällig befand sich daher in Goethes Gepäck die >Iphigenie auf Tauris<, in der er seine Titelheldin >>das Land der Griechen mit der Seele« suchen ließ. Die >Iphigenie< war bereits 1779 uraufgeführt worden, wobei Goethe selbst mit gemischten Gefühlen die Rolle des Orestes spielte, denn kurz danach bezeichnete er seine Schöpfung als >>höckerig« und »übelklingend«. So nahm er das Werk mit auf seine italienische Reise und erhoffte sich treffendere Inspirationen, die in der Tat zu einer Umarbeitung führten, die das Stück heute im ununterbrochenen Fluss der viel gerühmten fünffüßigen Iamben erscheinen lässt. Hier in Torbole war Goethe seiner Antike begegnet, denn er notierte später in Rom: »Am Gardasee, als der gewaltige Mittagswind die Wellen ans Ufer trieb, wo ich wenigstens so allein war, als meine Heldin am Gestade von Tauris, zog ich die ersten Linien der neuen Bearbeitung.« Nicht auszudenken, wie die selbe ausgefallen wäre, säße er heute zwischen den Surfern. Die Straße weiter hinauf erreicht man — vorbei an einem österreichischen Kanonenfort von 1860 — den Ort Nago mit zahlreichen alten Winkeln, einigen mittelalterlichen Häusern und einem im 16. Jh. getätigten reizlosen Neubau der 1194 erwähnten Kirche San Vigilio; vom alten Bau steht noch der Turm mit Biforien und einem romanischen Relief. Von hier führt der Weg in wenigen Minuten auf den kahlen, über dem See vorspringenden Felsen, auf dem die bleichen Ruinen des einst gewaltigen Castel Penede stehen, welches bis zu seiner Zerstörung durch die Franzosen im Jahre 1703 die wichtigste nördliche Zugangsstraße zum See beherrschte. Schon als eine vorgeschichtliche Festung, vielleicht auch eine römische, wurde sie zuerst 1210 erwähnt. Bei solcher Lage war die Burg jahrhundertelang heftig zwischen den Castelbarco, dem Bistum Trient und den Herren vom gegenüberliegenden Burgfelsen von Arco umkämpft. Schließlich kam sie zu Venedig, unter dessen Herrschaft sich hier eine der dramatischsten und kuriosesten Episoden der Geschichte des Sees abspielte; das Szenario der damaligen Ereignisse lässt sich von den Ruinen fast vollständig überblicken. Im Jahre 1437 tobte der Krieg der Serenissima gegen die Visconti an pallen Fronten. Der Gardasee war im Besitz Venedigs, allein Riva war lvon den Mailändern besetzt, die ihre Truppen ständig durch das Ledrotal verstärkten. Gerade als 1438 venezianische Truppen mit der Belagerung Rivas begannen, rückte eine mailändische Armee vor die Mauern des ungleich wichtigeren Brescia. Diese zu Venedig gehörende Stadt lag fast isoliert im Reich der Visconti, da diese den Mincio, den Abfluss des Gardasees und den Po beherrschten. Um Brescia zu retten, konnten venezianische Entsatztruppen nur über den Gardasee herangeführt werden ~ doch da bemerkten die Strategen der Serenissima mit Schrecken, dass die Mailänder inzwischen in Riva eine Flotte von Kriegsschiffen gebaut hatten, die jeden Truppentrans—Port über das Wasser vereitelt hätte: Eine eigene Kriegsflotte musste her, und das so schnell wie möglich. Die Lagunenstadt besaß Schiffe genug, doch war der einzige Wasserweg von Süden zum See, der Mincio, gesperrt durch die riesige befestigte Brücke der Visconti bei Valeggio (s. S. 96). In dieser Notlage unterbreitete der aus Kreta stammende Nicolo Sorbolo der Serenissima einen nglaublichen Plan: Er wollte die Kriegsschiffe durch das Gebirge transportieren und an der für Venedig zugänglichen Nordspitze des Sees bei Torbole ins Wasser setzen. Das Unternehmen klang phantastisch, doch gab es keine Alternative: So wurde auf dem Mittelmeer in der Nähe der Etschmündung eine kleine Flotte zusammengezogen und den Fluss hinauf, durch Verona und die gefährliche Veroneser Klause bis Ravazzone bei Mori transportiert. Dort wurde sie an Land gezogen und zum damals noch nicht versumpften Loppiosee gebracht, auf dem sie bis zum Anstieg der Passhöhe von Nago schwamm. Zweitausend Ochsen aren notwendig, um sechs Galeeren, zwei Galeonen und 26 Kriegsbarken über eine in den Fels gesprengte Route den Pass von Nago hinaufzubringen. Da standen die Schiffe nun, mit dem Bug Hunderte von Metern über dem See, und der schwierigste Teil des Unternehmens begann. Uber unzählige gefällte Bäume, entsprechend bearbeitet als Rollen benutzt, mit Seilen an den Felsen vertäut, wurden die Schiffe schließlich den Steilabhang unterhalb des Castel Penede hinuntergelassen.
Beinahe hätte das teure Unternehmen für Venedig mit einer Pleite geendet, denn als es am 20. November 1439 bei Maderno zu einem ersten Gefecht kam, siegten die Mailänder und versenkten einen großen Teil der venezianischen Flotte, Deren restliche Mannschaften erbauten aber am Ufer des Sees sechs neue Galeeren, für die man das Material auf dem schon erprobten Weg aus Venedig herbeischaffte.
Die kuriose Situation der nächsten Monate ließ sich hier vom Castel Penede genau überblicken: Drüben in Riva überwinterte die mailändische Flotte, unten in Torbole die Venezianer, denen die Zeit knapp wurde. Sobald es die Witterung zuließ, jagten sie die Flotte der Visconti und stellten sie am 10. April 1440 vor ihrem Hafen von Riva.
In einer erbitterten Seeschlacht enterten die Venezianer mehrere mailändische Schiffe; anschließend stürmten sie Riva vom Land und vom Wasser: Mailand war endgültig vom Gardasee vertrieben. Eine genaue Dokumentation dieses Schiffstransports befindet sich mit zeitgenössischen Darstellungen in einem Saal der Burg von Malcesine.
Wer schon in Nago ist, sollte sich einige weitere Sehenswürdigkeiten nicht entgehen lassen. Etwa einen Kilometer vom Ort entfernt ist neben der Straße nach Arco eine zweite Gruppe von Marmitte dei Giganti zu besichtigen. Auf jeden Fall sollte man dem venezianischen Schiffstransport ein Stück in die umgekehrte Richtung folgen und die Passhöhe von Nago in Richtung Mori/Rovereto hinunterfahren, denn so erreicht man bald den Loppiosee. Heute könnte sich keine Kriegsbarke auf ihm mehr ihren Weg bahnen, denn der See verlandet immer mehr und ist teilweise unter seinem dichten Ptlanzenteppich kaum noch zu sehen. Bezüglich seiner Entstehung an so ungewöhnlichem Ort wird die These vertreten, es handle sich um den Rest einer seitlichen Zunge des eiszeitlichen Sarcagletschers (der den Gardasee formte), die durch dieses Tal hinüber zum Etschgletscher reichte.

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