Das relativ unberührte Torri del Benaco kann mit einer Burg der Scaligeri, einer erwinkelten Altstadt, einer hübschen Hafenpartie und einem reichhaltigen historischen Ambiente aufwarten. Denn Torri ist wie das benachbarte Garda eng verknüpft mit Aufstieg und Fall der beiden Berengar, der letzten italienischen Nationalkönige aus den alten langobardischen Herzogtümern, die kurz vor der Jahrtausend wende in dem Versuch scheiterten, das langobardische Königtum wieder zu errichten. Berengar I. (888-924) ist in Torri nicht nur in jenem Saal der Burg präsent, der seinen Namen trägt, zwischen den alten Häusern finden sich umfangreiche Reste seiner Stadtmauer und neben der Pfarrkirche steht der mächtige Turm seiner Zitadelle. Und gegenüber, unter Lauben am See, könnte man in der Bar Berengario bei einem Cappuccino darüber nachdenken, wer das wohl war, bevor man sich in der Stadt auf seine Spuren begibt. Man schrieb das Jahr 887. Das fränkische Imperium, das ein Jahrhundert zuvor das Langobardenreich in Italien zu Fall gebracht hatte, lag selbst in den letzten Zügen. Auf seinem Thron saß untätig Karl der Dicke, während die Sarazenen den Süden, Ungarn und Mähren den Osten, die Normannen den Norden seines riesigen Reiches verwüsteten. Als er auch noch trotz militärischer Überlegenheit den Normannen, die gerade Paris belagerten, Unsummen Geldes für ihren Abzug bot und ihnen damit die Mittel für die nächsten Raubzüge in die Hand drückte, wurde er auf dem Reichstag zu Tribur empört abgesetzt.
Damit erlosch die fränkische Zentralgewalt des Reiches, und in den zugehörigen Gebieten brach jenes Chaos aus, auf das die örtlichen Herrscher nur gewartet hatten. Zwischen den plündernd und mordend durch Italien ziehenden Heeren der Ungarn, Sarazenen und dalmatinischen Slawen schlug sich der alte langobardische Adel mit dem neu eingesetzten fränkischen um das nun herrenlose Land. In diesem
Augenblick erhoben sich die alten langobardischen Herzogtümer Friaul, Benevent und Spoleto mit keinem geringeren Anspruch, als nach dem Ende der Frankenherrschaft das langobardische Königreich wieder zu errichten. Zunächst ist man sich einig: Bereits 888 wird der Markgraf von Friaul, dessen Einflussbereich auch Verona und den Gardasee umschloss, als Berengar I. zum König von Italien gekrönt. Optimismus macht sich breit ob der neuen langobardischen Macht und noch im gleichen Jahr zieht Wido von Spoleto, der die Königskrone auch gerne gehabt hätte, mit Einverständnis Berengars nach Burgund, wo die Frage, wer sich als neuer Herrscher durchsetzen würde, noch nicht entschieden war. Als es Wido jedoch nicht gelingt, Wenigstens dort König zu werden, kehrt er 891 zurück, überfällt Berengar und entführt die Krone nach einer siegreichen Schlacht bei Brescia in sein Herzogtum Spoleto. Dort zwingt er Papst Stephan V dazu, ihn zum Kaiser zu krönen, den gleichen Staatsakt muss Papst Formosus an seinem Sohn Lambert vollziehen. Dieser Titel hatte freilich wenig zu sagen, denn der faktische Machthaber in Oberitalien War Berengar geblieben. Dieser hatte in aller Stille gerüstet und besiegt Lambert, doch ist seine Freude nur kurz: im Jahre 899 dringt ein starkes Ungarnheer nach Italien ein und bereitet Berengar in einer Schlacht an der Brenta, östlich von Verona, eine furchtbare Niederlage; Oberitalien wird ein Jahr lang geplündert und gebrandschatzt. Diese Zeit der Schwäche nutzt die langobardenfeindliche Partei im Lande und sieht sich wieder nach fränkischen Herrschern um. Ihr Blick fällt auf Burgund, wo es Boso von Vienne, immerhin ein Schwager des Frankenkönigs Karl der Kahle, gelungen war, in der Provence ein eigenständiges südburgundisches Königreich zu errichten. Sie rufen dessen Sohn Ludwig nach Italien und krönen ihn in Pavia zum König; Berengar wehrt sich vergebens. Als er auch noch seine sicherste Machtbasis, die Stadt Verona, verliert, flieht er nach Bayern, wohin die Langobarden seit ihrer bayerischen Königin Theodolinde traditionell gute Beziehungen unterhalten. Abermals scheint er von der Bühne abgetreten zu sein, und man hört lange nichts von ihm, bis er plötzlich im Juli des Jahres 905 mit einem kleinen Heer in Verona ; erscheint und seinen gerade dort weilenden Rivalen überrumpelt. Er Älässt Ludwig von Burgund blenden und schickt ihn nach Hause, wo er 928 einsam und vergessen in der Provence stirbt.
Nach dieser Tat scheint Berengar, nun schon zum dritten Mal König von Italien, selbst Verona zu unsicher geworden zu sein. Er begibt sich hierher nach Torri und lässt den Ort stark befestigen, zusätzlich erbaut er im benachbarten Pai eine Burg. Aus der Zeit seiner Hofhaltung in Torri del Benaco haben sich im Staatsarchiv von Verona sechs Urkunden erhalten, die im Datum den alten Namen des Ortes >Tulles< tragen. Von hier aus beginnt Berengar seinen erfolgreichen Feldzug gegen die im Lande umherziehenden Ungarn, seine Macht festigt sich dadurch so erheblich, dass endlich im Jahre 915 der große Augenblick da ist. Papst johannes X. krönt ihn als Berengarius I. zum Kaiser, die Wiedergeburt eines nunmehr italienisierten Langobardenreiches scheint geglückt. Doch Berengar hatte die Rechnung ohne seine alten Feinde im eigenen Reich gemacht. Während er abermals in Abwehrkämpfen gegen sarazenische Angriffe auf Reggio (918) und gegen den erneuten Ungarneinfall (921) verwickelt ist, rufen sie König Rudolf II von Hochburgund. Dieser erscheint im lehre 922 und schlägt den vom Dauerkrieg geschwächten Berengar in der Schlacht bei Fiorenzuola.
Kämpfend zieht er sich in sein vertrautes Stammland zurück und verschanzt sich in Verona, wo er jedoch 924 von der stadtinternen adligen Burgunderpartei ermordet wird. Wäre Berengar damals wieder in sein überschaubares Torri statt nach Verona gezogen, vielleicht wäre die Geschichte anders ausgegangen. Denn hier war einer der wenigen Orte, wo dieser an jeder Ecke von Feinden umgebene Mann sich sicher und wohl gefühlt haben dürfte, auch wenn es die Bar Berengano damals noch nicht gab. Denn die liegt ein paar Meter außerhalb des alten Mauerrings des 10. Jh., der sich an der schräg gegenüberstehenden Pfarrkirche zum See wandte, die Obergeschosse des Campanile stehen auf einem alten Turm der Stadtbefestigung. Die Pfarrkirche Santi Apostoli Pietro e Paolo wurde erst 1712-23 in schlichtem Barock erbaut. Einzig überzeugend ist das prunkvolle Orgelgehäuse von Angelo Bonatti aus Desenzano mit doppelgeschossigem Säulen- und Pilasteraufbau, reich verziertem Gebälk und durchbrochenem, bildergeschmücktem Giebel. Gleich neben der Pfarrkirche steht das bleiche Gemäuer der Torre di Berengario. Dies war der Eckturm von El Trincero (die Schanze), der Burg Berengars in Torri, die verwinkelte Häusergruppe dahinter steht noch auf ihren Grundmauern. Genauer gesagt, war dies eine der beiden Burgen, mit denen Berengar das schwer befestigte Städtchen sicherte, die zweite stand auf dem Platz der heutigen Scaligeri-Bauten. Ebenso wie diese war El Trincero der Standort einer der Befestigungen, die die Römer nach ihrer Niederwerfung der Alpenvölker (15 n. Chr) gebaut hatten, um sich gegen den hier ansässigen Stamm der Tuliassi zu schützen.
Am Turm vorbei betritt man nun die Altstadt, deren Ausdehnung bis zum Hafen der Fläche der mmauerung durch Berengar I, entspricht, da sich Reste der über tausend Jahre alten Mauer parallel zur bergwarts verlaufenden Gardesana bis zur Burg der Scaligeri verfolgen lassen. Das heutige Bild Torris ist geprägt von der Zeit gediegenen Wohlstands des 15. und 16. Jh., als der Ort — nachdem er zusammen mit Verona an Venedig gefallen war - ein Zentrum des Schiffb/aus und der Marmorverarbeitung am See geworden war. Die völlige Verarmung der Gardasee-Gemeinden durch die Kriege des 18. Und 19. Jh. hat dieses Ortsbild gewissermaßen konserviert, und der Weg hindurch, sei es durch die alte Hauptstraße im Inneren oder über den Lungolago, eröffnet auf kleinen Plätzen oder durch schmale gewölbte Gassen die reizvollsten Ausblicke. So erreicht man den Platz am Hafen, die Piazza Calderini, an drei Seiten gerahmt von der Burg und mittelalterlichen Fassaden. Hier sind die übrigen Sehenswürdigkeiten Torris versammelt: Die gesamte Nordfront wird gebildet vom heutigen Hotel Gardesana mit seinem langen Laubengang. Dies ist der ehemalige Palast (16.'Jh.) der Gardesana dell’Acqua, einer Vereinigung von zehn Gemeinden des Ostufers, die von Venedig das Recht erhalten hatten, ihre Angelegenheiten halb autonom zu regeln, immerhin saß der von Venedig eingesetzte Capitano del Lago den Ratssitzungen vor. Der alte Ratssaal der Gardesana ist heute der Speisesaal des Hotels.
An das obere Ende des ehemaligen Palastes schließt sich die kleine Kirche Santissima Trinita an, seine einstige Kapelle. Das Gotteshaus ist jedoch älter als der Palast und dient heute als Kriegerdenkmal. Der Bau enthält innen farbenprächtige Fresken der Zeit um 1400. An der Westwand befindet sich ein großer Christus in der Mandorla, er trägt ein gemustertes Gewand und ist umgeben von Evangelistensymbolen.
Besser sind die übrigen Wandmalereien, denen trotz ihres schlechten Zustandes ein bewegterer Vortrag und eine feinere Farbgebung anzusehen sind. Besondere Aufmerksamkeit verdient das leider sehr beschädigte Bild in der Nordwestecke, neben dem Altar. Es handelt sich wie in Assenza um ein Abendmahl in jenem konservativen byzantinisierenden Stil, der in Verona bis ins 14. ]h. gepflegt wurde.
Verlässt man die Kirche, so ist gleich daneben, unter der ersten Wölbung der Kolonnaden des Gardesana-Palastes, ein beschrifteter Gedenkstein zu sehen. Er erinnert an Domizio Calderini, der 1444 oder 45 hier in Torri geboren wurde. Er erwarb sich besonderen Ruhm mit dem Übersetzen und Kommentieren lateinischer Dichter; als er 1478 nur 34-jährig an der Pest starb, war er einer der meistbewunderten Gelehrten Italiens.
Vorbei an der mittelalterlichen Häuserfront der Ostseite des Hafens, aus der die Ca’ Bertera, ein Haus der Zeit um 1400 mit Loggia und Außenfresken, hervorsticht, gelangt man zum Eingang der Burg der Scaligeri. Diesen Besuch darf man keinesfalls auslassen, enthält der Bau doch eine der letzten Limonaie des Gardasees, also ein noch im Gebrauch befindliches historisches Gewächshaus für Zitrusfrüchte.
Die Burg reicht bis in römische Zeit zurück, als hier zum Schutz einer Garnison die ersten Befestigungen errichtet wurden. Während der Gotenkriege verfallen, entstand am selben Platz unter Berengar I. eine zweite Anlage, die nach dem Ende der italienischen Nationalkönige ebenfalls zur Ruine wurde. Aus beider Resten ließ im Jahre 1383 Antonio della Scala die heutige Burg errichten. Die Scaligeri in Verona hatten erkannt, dass sie zu den Großen nicht mehr gehörten und befestigten hastig die Grenzen ihres Territoriums, doch es nutzte ihnen nichts mehr. Nur vier Jahre später erschienen die Armeen der Visconti vor Torri del Benaco; die alte Stadtmauer des Berengar und die neuen Wälle der Scaligeri waren gleichermaßen den frühen Feuerwaffen nicht gewachsen. Die Burg wurde nach sechstägiger Belagerung erobert, die mailändische Front rückte ein weiteres Stück gegen Verona vor, das wenig später fiel.
Damit war auch die kurze militärische Karriere der Burg in Torri beendet. Einem langsamen Verfall preisgegeben, steht heute noch, neben einem Wohngebäude, die gewaltige Außenmauer, von drei Türmen verstärkt, die oberen Geschosse des seeseitigen Turms ruhen auf römischen Quadern. Die Befestigungen zur Hafenseite sind verschwunden. In den Räumlichkeiten der Anlage ist ein interessantes kleines Museum mit Schaustücken der früheren Erwerbstätigkeiten in Torri untergebracht: Herstellung von Olivenöl, Fischerei und Marmorverarbeitung. Außerdem ist ein instruktives Stadtmodell des alten Torri zu sehen (mit dem Verlauf von Berengars Stadtmauern) und mehrere Nachbildungen der berühmtesten Felszeichnungen, die sich an den Felswänden oberhalb des Ortes befinden. Die riesige Mauer und alle drei Türme sind begehbar und lohnen den Aufstieg durch den Blick über Stadt und See. Die eigentliche Attraktion der Burg aber ist die Limonaia. Sie befindet sich an der Außenseite der Mauer an der Stelle eines 1760 abgerissenen Vorwerks; die Lage an der die Wärme abstrahlenden Südmauer war für die empfindlichen südlichen Pflanzen ideal. Für die armen, abseits vom Verkehr gelegenen Dörfer des Gardasees waren die bereits im 14. Jh. Eingeführten Gewächse der Zitrusfrüchte von wirtschaftlich großer Bedeutung, da sich geeignete Anbaubedingungen außerhalb des milden Gardaseeklimas erst wieder in Süditalien fanden. Der Jahrhundertelange Anbau ging erst in jüngster Zeit zu Ende, als es die Verkehrsbedingungen erlaubten, Zitrusfrüchte massenweise direkt aus dem Süden zu importieren. Die vielen stillgelegten Limonaien, besonders in der Gegend von Limone und Gardone, fallen noch heute jedem Betrachter auf: Große, eingeebnete Flächen am Berghang, auf denen ganze Galerien von viereckigen Pfeilern stehen. Diese dienten zur vollständigen Abdeckung der Limonaia, denn ganz so optimal war das Klima des Gardasees für die sensiblen Südfrüchte auch wieder nicht, Besonders im Winter, wenn die eisigen Gebirgsstürme über die Ufer fegten, mussten die Gewächse durch ein Bretterdach von oben und Glasverkleidungen von vorne geschützt werden, als wärmespendende Rückwand diente ein reflektierender Felsen oder wie hier in Torri eine große Burgmauer. Reichten diese Maßnahmen nicht aus, so zeigte ein mittelalterliches Thermometer zu große Kälte an: In der Limonaia stand eine Tonschüssel mit Wasser; wenn dieses gefror, wurde es Zeit, zwischen den Bäumen kleine Feuer anzuzünden, um die Luft in dem abgeschlossenen Raum zu erwärmen. Überall am See ist der Anbau von Zitrusfrüchten zum Erliegen gekommen, hier in Torri ist eine letzte Gelegenheit, die eigentümliche Atmosphäre dieser alten Gewächshäuser zu erleben. Die Bäume, hoch und alt, hängen voller Zitronen, Orangen und Mandarinen; in der Stille dieses großen Wintergartens plätschert leise ein kühler Brunnen. Wer sich länger in Torri aufhält, sollte sich Wanderungen oder Spaziergänge in die von Olivenhainen geprägte Landschaft des Berghanges hinter dem Ort nicht entgehen lassen. Besonders empfehlenswert ist die von der ersten weiten Linkskurve der Straße nach Albisano in Richtung Süden abzweigende Strada dei Castei, bis zu Beginn des 20. Jh. die Verbindung zwischen Torri und Garda, mit viel gerühmten Ausblicken auf die Punta San Vigilio mit ihrer Sirenenbucht. Vor allem aber berührt dieser Weg hinter der Ca’ Bianca die Felsenlandschaft am Hang des Monte Luppia, wenig oberhalb von Brancolino, wo in den 60er—Jahren ungewöhnliche Felszeichnungen entdeckt wurden. Zu sehen sind Hände, sonnensymbole, Bewaffnete, Boote, aber auch Olivenbäume und Weidetiere, eingeritzt in die vom Quartärgletscher glattgeschliffenen Wände. Die ältesten — vor allem Hände und Sonnensymbole — stammen wohl aus der Jungsteinzeit, der Großteil ist jedoch seit dem Mittelalter entstanden. Da sich die Bilder an den uralten Wegen hinauf zu den Weiden des Monte Baldo finden, ist anzunehmen, dass es Hirten waren, die hier in den Fels ritzten, was für sie von Bedeutung war (s. Abb. S. 71).