Nur wenige Kilometer hinter Bogliaco nähert man sich einer flachen, weit in den See vorstoßenden Landzunge. Der Wildbach Toscolano, der aus dem tief eingeschnittenen Tal herabstürzt, das heute der Valvestino—Stausee füllt, hat im Laufe der Zeit so viel Erosionsmaterial in den Gardasee geschwemmt, dass nun darauf der Doppelort Toscolano—Maderno Platz gefunden hat. Womöglich stand hier weit Bedeutenderes, denn im ]ahre 243 ging ein gewaltiger Bergsturz nieder und zerstörte eine römische Siedlung, die angeblich mit der verschollenen sagenhaften Stadt Benacum identisch gewesen sein soll, von der der See seinen antiken Namen (lacus Benacus) führe. Den gleichen Ruhm reklamieren jedoch ebenso unbeweisbar die Orte Torbole, Garda und Salo für sich; auch die Sprachforscher erheben Einwände, da Toscolanum und die N achbardörfer Cecina und Pulciano Namen haben, die auf eine etruskische Enklave deuten, die Ortsbezeichnungen also älter als ein römisches >Benacum< wären. Wie dem auch sei vom römischen Toscolanum ist inzwischen einiges zum Vorschein gekommen, eine große versunkene Stadt war noch nicht dabei.
Toscolano und Maderno sind heute stark touristisiert und bieten in ihren Zentren wenig Originelles, doch besitzen sie zwei Kirchen von ungewöhnlichem Rang.
Wenn man von Norden kommt, liegt gleich am Anfang von Toscolano links neben der Straße die große Pfarrkirche Santi Pietro e Paolo. Obwohl ein harmonischer Renaissance Bau des Iahres 1584 mit einer bewegten Fassade, einem prächtigen Portal und einem von gewaltigen Rundsäulen geprägten Innenraum, macht nicht die Architektur die Bedeutung der Kirche aus. Denn im Inneren sind 22 große Gemälde des Andrea Celesti (1637-1712) zu sehen, einem der großen Künstler Venedigs im 17. Jh,, der nach seiner Verbannung aus der Lagunenstadt- er hatte den Dogen Andrea Grimani mit Eselsohren gemaltgewissermaßen zum Hofmaler des Gardasees wurde. Man beachte besonders die drei Riesengemälde aus dem Iahre 1688, die die ganzen Chorwände hinter dem Altar bedecken, sowie die die Wand über den Portalen einnehmenden Bilder, darunter ein >Bethlehemitischer Kindermord< mit wildbewegten Menschenmengen, um sich eine Vorstellung von der Kunst des Celesti zu machen: von seinem unerschöpflichen Formenreichtum, seiner perfekten Beherrschung des Lichts, seinen groß angelegten Bildkompositionen. Gleiches gilt für die >Geburt Christi< gegenüber der Orgel und der >Anbetung der hl. Drei Königer, die auf die Orgelflügel gemalt ist. Darunter steht mit dem bischöflichen Stuhl aus dem jahre 1621 ein Meisterwerk barocker Schnitzerei.
Geht man von der Kirche ein paar Schritte bergab in Richtung der hässlichen Fabrik und biegt nach wenigen Metern links in den kleinen, sich zum Ufer senkenden Park ab, so findet man dort die Ruinen Feiner römischen Villa der Familie Nonii-Arii mit schönen MosaikfußBöden; eine der Säulen des Außenportals der Kirche mit den Reliefbändern im Stile der Kaiserzeit stammt aus diesen Ruinen.
Noch immer trennt der Toscolanobach seine eigene Anschwemmung in die Hälften von Toscolano und Maderno. Der Bach war seit dem 14. Jh. das Rückgrat des wirtschaftlichen Wohlergehens beider Orte, denn er betrieb die dort angesiedelten Papiermühlen, die seit 1478 durch Gabriele da Treviso europäische Bedeutung erlangten.
Kein namhafter Monarch des späten Mittelalters verzichtete auf Papier und Druckkunst aus Toscolano mit dem Ochsenkopf als Fabrikmarke; bis in den Orient fanden die hier hergestellten Bütten ihren Weg, und es genügt zu sagen, dass die lateinisch gedruckte Bibel, die Martin Luther bei seiner Übersetzung auf der Wartburg vorlag, hier in Toscolano entstanden war.
Toscolano und Maderno verbindet die stark befahrene Gardesana und die reizvolle lange Uferpromenade, die fast um die ganze Landzunge herumführt; auf beiden gelangt man zum Zentrum Madernos, dem lebhaften Lungolago mit seinen beiden Kirchen zwischen Marktständen, Cafés und Restaurants. Maderno schlug im Iahre 1377 eine dunkle Stunde, als die Mailänder Visconti den Verwaltungssitz der Westufergemeinden von Maderno in das für sie leichter erreichbare Salo verlegten. Bis dahin war das bereits in langobardischer Zeit bedeutende, 969 erwähnte Maderno ein wichtiger Ort, der von den deutschen Kaisern Otto I. und Friedrich Barbarossa Privilegien erhalten hatte. Damit war es 1377 vorbei, die guten Einnahmequellen wanderten nach Süden, und außer einigen Papiermühlen und einem heute fast verschwundenen, für seine lasterhaften Orgien berühmt-berüchtigten Palast der Gonzaga entstanden keine besonderen Bauten mehr. Als einziger Zeuge der Zeit, in der Maderno der Hauptort des ganzen Westufers war, ragt an der Bucht, um die sich noch heute das Zentrum gruppiert, die alte Kirche Sant’Andrea aus der Häuserfront. Dieser Bau ist eine der schönsten ländlichen romanischen Kirchen Oberitaliens. Auf den ersten Blick erkennt man, dass sie zur Glanzzeit Madernos entstand; 1130-50 erbaut, ist sie ein Meisterstück der lombardischen Romanik. In der klassischen Manier dieser Baumeister bildet die gesamte Fassade eine massive Wand aus Stein, nur sparsam architektonisch aufgebrochen, hier durch das Portal und ein einziges, dessen Form wiederholendes Rundbogenfenster, darüber das Rundfenster unter dem Giebel muss man sich wegdenken, es wurde erst im 16. Jh. ausgebrochen, Dennoch fehlt dieser Fassade jede lastende Schwere, sie wird belebt durch unregelmäßige Lagen aus grauem, weißem und rosafarbenem Marmor und der unübertrefflichen Kunst der lombardischen Steinmetzen, mittels einer Wandgliederung aus Blendbögen, Friesen und Halbsäulen ganze Kirchenfassaden gewissermaßen in riesige Reliefs zu verwandeln. Man mag darin eine Synthese sehen zwischen der Kunst der Baumeister aus Como, die als eine der wenigen die Fertigkeiten des römischen Monumentalbaus über die Völkerwanderung ins Mittelalter retteten und dem stilistischen Empfinden der in Oberitalien mit der romanischen Bevölkerung verschmolzenen Langobarden, das sich im wesentlichen in der Schaffung großer, von Flechtbandornamenten bedeckter Reliefplatten ausdrückt. Beides vereinigte sich zu einer Baukunst, die als >lombardisch< bezeichnet wird und die mit ihrer Mischung aus souveränem technischen Können und unkonventionellem Formenreichtum auch Sant’Andrea in Maderno gestaltet hat. Der hoch aufragende Mittelteil der basilikal abgestuften Fassade wird von zwei reiten und zwei schmalen aufstrebenden Halbsäulen mit großen Kapitellen monumentalisiert; die beiden schmalen wachsen direkt aus dem Portalgewände empor und tragen einen großen Blendbogen. Oben schließt die Fassade mit einem Giebelfries ab, dessen Rundbögen auf zahlreichen, als menschliche Köpfe skulptierten Konsolsteinen aufliegen. Beste lombardische Steinmetztradition stellt das Portal mit seinem vielfach abgetreppten Säulengewände dar. Die aufs feinste ziselierte Kapitellzone mit ihrem schon spätromanischen Formenreichtum an Tieren und Blattwerk wird gerahmt von verschlungenen Flechtbandreliefs, als wäre noch ein langobardischer Künstler des 8. ]h. am Werke gewesen. (Die Kirche steht am Platze eines langobardischen Vorgängerbaus, der wiederum auf einem römischen Tempel errichtet wurde; von beiden Bauten sind Spolien in den Außenwänden vermauert.) Seit der Rekonstruktion der Krypta hat auch der Innenraum wieder zu seinem charakteristischen Aussehen gefunden: Wie in den veronesischen Kirchen der gleichen Zeit handelt es sich um eine so genannte Bühnenkrypta, d. h. die Krypta ist nur zur Hälfte im Boden versenkt und hebt den lang gestreckten Chor mit dem Altar wie eine Bühne über das Kirchenschiff empor. Der Innenraum ist in drei Schiffe gegliedert, die von schweren Bögen auf mächtigen Stützen im Wechsel von Säulen und Kreuzpfeilern getragen werden. An deren großen Kapitellen, die Reste der Originalbemalung zeigen, offenbart sich abermals die Qualität lombardischer Bauplastik in der sorgfältigen Ausarbeitung von Palmetten, Akanthuslaub, Bestien und dem immer wiederkehrenden Flechttandornament. Neben mehreren spätgotischen Fresken beachte man das letzte ]och des rechten Seitenschiffs vor dem Chor: Gegen 1583 wurde es im Stile der Renaissance ansprechend ausgemalt und stuckiert. Eine Treppe führt hinunter zum gedrungenen, von drei schmalen Schiffen gebildeten Raum der Krypta. Der Mailänder Erzbischof Carlo Borromeo hat sie Ende des 16. Jh. beschädigt, als er die hier ruhenden Gebeine des heiligen Erkulan entfernte und sie in die eigens nach diesem benannte neue Pfarrkirche Sant’Ercolano überführte, die Sant’Andrea schräg gegenüber erbaut worden war.
Doch da war die große Zeit Madernos längst vorüber, der Neubau ist bedeutungslos, selbst das Altarbild ist eine mittelmäßige Arbeit des sonst vorzüglichen Paolo Veneziano aus dem 14. Jh.