»Wir machten dem Dom einen Besuch, wo der Herr von Montaigne das Benehmen der Leute an einem solchen Tage (es war Allerheiligen) während der großen Messe seltsam fand. Sie standen mitten im Chor und unterhielten sich ganz ungezwungen, mit bedecktem Haupt und dem Altar den Rücken kehrend; erst bei der Wandlung hielten sie es für der Mühe wert, auf den Gottesdienst zu achten.
Orgeln und Violinen spielten die Begleitung. Wir sahen uns auch andere Kirchen an, fanden aber nichts Besonderes; auch mit Putz und Schönheit der Frauen war es nicht weit her«, ließ Michel de Montaigne 1580 seinen Diener notieren, als er durch Verona ging. Sein an der luftigen französischen Hochgotik und der m0numentalen Renaissance seines Landes gebildeter Geschmack konnte mit der schwerblütigen Romanik der Veroneser Kirchen wenig anfangen, doch nach seiner unverzeihlichen Auslassung über die Veroneserinnen ereilte auch ihn das typische Schicksal aller Verona—Reisenden der literarischen Neuzeit, hingerissen zu sein von der ersten Begegnung mit der Antike: »Das Schönste, was wir hier sahen, überhaupt das schönste Gebäude, das der Herr von Montaigne nach seinen eigenen Aussagen in seinem Leben je gesehen hatte, war die so genannte Arena«, und für den ewig mäkelnden Montaigne bedeutete ein solcher Satz geradezu einen enthusiastischen Ausbruch.
Es war der Erste von vielen, die bis heute folgen sollten, denn nachdem unsere Reisenden am Gardasee einen ersten Blick in eine südliche Landschaft getan hatten, betraten sie in Verona ihre erste, ganz mittelalterlich gebliebene italienische Stadt, die mit ihrer Lebensart und den Zeugen ihrer Geschichte alles erfüllte, was sich ein italiensüchtiger Nordländer erträumen konnte. >>Die bunte Gewalt der neuen Erscheinungen bewegte mich in Trient nur dämmernd und ahnungsvoll, wie Märchenschauer; in Verona aber erfasste sie mich wie ein mächtiger Fiebertraum voll heißer Farben, scharf bestimmter Formen, gespenstischer Trompetenklänge ...«, zeigte sich Heinrich Heine berührt. >>Das Amphitheater ist also das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das ich sehe, und so gut erhalten!« geriet Goethe aus der Fassung. Einen Höhepunkt der Verona-Begeisterung lieferte William Shakespeare, sodass das örtliche Fremdenverkehrsbüro sein Zitat als Inschriftentafel an der Stadtmauer angebracht hat. Als nach Tibalts Tod Pater Lorenzo dem Romeo das Urteil eröffnet: Nur aus Verona hat man dich verbannt, nimm es nicht schwer; die Welt ist groß und weit. antwortet Romeo: Die Welt hört auf, jenseits von unseren Mauerndort ist die Hölle, Fegefeuer; Qual! Verbannt von hier; heißt aus der Welt verbannt. Allerdings waren diese Worte weniger eine Hommage an die Stadt als vielmehr an die Tatsache, dass seine geliebte Julia hier weilte: Romeo: Es ist Folter; keine Gnade! Himmel ist hier wo Julia lebt, und alles, Hund und Katze,die kleinste Maus, jedwede Nichtigkeit lebt hier im Himmel und darf sie betrachten nur Romeo darf es nicht! Doch gilt die ganze Begeisterung sowieso nicht, denn Shakespeare war nie in Verona, weshalb die Stadt nächst Julia eindeutig den zweiten Platz einnimmt: Romeo: ja, und ich bin verbannt! Verdammte Weisheit! wenn sie mir keine Julia schaffen kann, das Urteil andern, diese Stadt verpflanzen, so hilft und taugt sie nichts Das hielt Charles Dickens 1846 nicht davon ab, der Stadt die besondere Prüfung aufzuerlegen, ob Verona hielt, was er sich von Italien versprach: >>Ich hatte etwas Angst, nach Verona zu kommen, denn ich fürchtete, es könne meine Vorstellungen von Romeo und Julia zerstören. Aber ich war gerade auf dem alten Marktplatz angekommen, als alle meine Befürchtungen schwanden. Es ist ein so unwirklicher, heimlicher, malerischer Platz, geformt von einer Fülle so abwechslungsreicher und phantastischer Gebäude, dass ich mir nichts Großartigeres vorstellen könnte als diese romantische Stadt ...«. Zweifellos hatte Verona die Prüfung souverän bestanden, und auch bei seinem speziellen Anliegen konnte dem Engländer geholfen werden: »Natürlich ging ich vom Marktplatz sogleich zum Haus der Capulets der Hut (Cappello), das alte Wappen der Familie, ist noch heute zu sehen, in Stein gemeißelt, über dem Torweg des Hofes. Die Gänse, die Marktkarren, die Kutscher und der Hund waren durchaus nach der Art der alten Geschichte, das muss zugegeben werden Uber dies ist das Haus ein misstrauisch, eifersüchtig aussehendes Gebäude, jedoch von ruhigen, maßvollen Proportionen.
So war ich von ihm durchaus befriedigt ...<< Heinrich Heine erfreute sich daran, dass er überall eine Kultur erblickte, die ihm ebenso unbekannt wie faszinierend erschien: »Ich blieb nur einen Tag in Verona, in beständiger Verwunderung ob des nie Gesehenen, anstarrend jetzt die altertümlichen Gebäude, dann die Menschen, die in geheimnisvoller Hast dazwischen wimmeln, und endlich wieder den gottblauen Himmel, der das seltsame Ganze wie ein kostbarer Rahmen umschloss und dadurch gleichsam zu einem Gemälde erhob. Es ist aber eigen, wenn man in dem Gemälde, das man eben betrachtet hat, selbst steckt, und hie und da von den Figuren desselben angelächelt wird, und gar von den weiblichen, wie’s mir auf der Piazza delle Erbe so lieblich geschah«, beschreibt er sein Erlebnis, und diese Betrachtung der Stadt kann nur empfohlen werden: sich der Fülle von angenehmen und fremden Eindrücken zu überlassen; wie Heine meint, der rechte Ort für »großblumige Gefühle und Erinnerungen mit tiefen schwarzen Augen«.
Eine Stadt, die am Ausgang des wichtigsten Alpenübergangs der Geschichte liegt, kann keine langweilige Vergangenheit haben. Nicht weit nachdem die Etsch ihr Gebirgstal verlässt, bildet sie zu Füßen der allerletzten Berge eine große Schleife, die bereits ebenes Land einschließt: auf drei Seiten vom Fluss geschützt, entstand hier schon mehrere ]ahrhunderte v. Chr. eine größere Siedlung der Kelten und Veneter. Da diese so klug waren, gegen das nach Norden sich ausbreitende Rom keinen Widerstand zu leisten, wurden sie friedlich in die Provinz Gallia Cisalpina integriert; im Jahre 89 v. Chr. wurde Verona (die Herkunft des Namens ist unbekannt) offiziell Kolonie, die um 49 v. Chr. römisches Bürgerrecht erhielt. Auf dem Boden der Stadt führten die Römer drei ihrer wichtigsten Straßen zusammen: die Via Gallica, die in westöstlicher Richtung ganz Oberitalien durchquerte, die Via Claudia Augusta, die nach Norden durch das Etschtal über die Alpen führte, und die Via Postumia, die von Ligurien nach Illyrien zog. Entsprechend dieser Bedeutung bauten die Römer Verona prachtvoll und großzügig aus, das vielgestaltige Gelände mit Ebene, Fluss und Berghang bot den antiken Architekten reichlich Gelegenheit zu einer theatralischen Synthese zwischen Landschaft und Prunkbauten.
Zum Ende des 1. Jh. n. Chr. war Verona eine fertig ausgebaute römische Stadt auf dem typischen (bis heute fast unveränderten) Schachbrettgrundriss, mit Theater, Arena, Thermen, Forum, Brücken, Mauern und Toren. Man kennt die Anlage der antiken Stadt heute sehr genau, sie wird überall in Verona sowohl an der Straßenführung wie an den noch sichtbaren Bauten der Zeit deutlich. Das römische Verona füllte den inneren Bogen der Etschschleife und reichte bis kurz vor die Arena, welche außerhalb der Stadtmauern lag. Weit vor der Stadt, an der Stelle des jetzigen Uhrturms des Castel -Vecchio, durchlief die Via Postumia (in die kurz vorher die Via Gallica einmündete) den Triumphbogen Arco dei Gavi, der etwa 200 m von seinem ursprünglichen Standort entfernt wieder aufgebaut wurde. Von hier (am heutigen Corso Cavour) führte sie kerzengerade durch die ebenfalls in Teilen erhaltene Porta Borsari und nun als decumarzus maximus zum römischen Forum (heute: Piazza delle Erbe) und zum Etschufer, wo hinter der (damals noch nicht vorhandenen) Kirche Sant’Anastasia eine Brücke über den Fluss führte. Auf der anderen Seite der Arena zog die Via Claudia Augusta heran und erreichte die Stadtmauer bei der Porta dei Leoni, von der ebenfalls Teile erhalten sind. Von dort führte die Straße als cardo maximus (heute Via Leoni und Via Cappello) zum Forum, wo sie den decummnus traf. Vom Aussehen der Gebäude um das Forum weiß man nichts, ebensowenig von der Gestalt der riesigen Thermenanlage an dem Platz, den jetzt der Dom einnimmt. Doch der eindrucksvollste Prospekt der römischen Stadt lässt sich noch immer gut erkennen.
Geht man zum Etschufer unterhalb des Hügels mit dem Castel San Pietro, erblickt man links die Bögen des antiken Ponte Pietra, der wenig entfernt sein Gegenstück im verschwundenen Pons Postumius (hinter Sant’Anastasia) hatte. Beide Brücken liefen genau auf die beiden Flanken des am jenseitigen Ufer halbkreisförmig in den Berghang gebauten Theaters zu, das mit einer beidseitig prächtigen Schauwand sowohl zu den Zuschauerrängen wie zum städtischen Ufer hin den Raum zwischen den Brücken schloss; darüber, auf dem Gipfel des Hügels, thronte eine römische Zitadelle.
In dieser Gestalt bestand Verona 200 Jahre lang. Doch dann legten sich die ersten Schatten der beginnenden Völkerwanderung über das Römische Reich. Als im Jahr 265 n. Chr. ein Alemanneneinfall drohte, wurde Verona mit einem zweiten verstärkten Mauerring umschlossen, der nun auch die Arena in die Befestigung einbezog. Im Jahre 476 wurde der letzte weströmische Kaiser Romulus vom germanischen Heerführer Odwakar abgesetzt; die Völkerwanderung hatte Rom vernichtet. Nun stand Italien jeder nächsten Welle barbarischer Völker offen, das Vormachtstreben Ostroms (Byzanz) über das Westreich sorgte für zusätzlichen Krieg, und die Kirchenspaltung zwischen einer katholischen Westkirche und einer monophysitenfreundlichen Ostkirche schürte den Hass auf allen Ebenen. Aus dem Chaos ragten unberührt die riesigen Stadtmauern von Verona, und zu ihren Füßen fiel die nächste Entscheidung: Im Jahre 488 erscheinen die Ostgoten unter ihrem König Theoderich in Italien, um mit Billigung des oströmischen Kaisers Odwakar zu verjagen. Dieser verschanzt sich in Verona, doch wird er 490 in einer großen Schlacht von Theoderich besiegt und nach Süden getrieben. Zweieinhalb Jahre wird er in Ravenna belagert (die >Rabenschlacht< der germanischen Heldensage), dann einigt er sich mit dem Gotenkönig auf eine gemeinsame Regierung; beim anschließenden Versöhnungsmahl wird er von Theoderich erdolcht.