Mit Storo erreicht man den ersten Ort der judikarischen Täler (s. S. 345ff.), in denen die Malerfamilien der Baschenis fast das gesamten Kunstschaffen des späten Mittelalters geprägt haben. Kein Wunder, dass man hier gleich einem großflächigen Freskenzyklus dieser Künstler begegnet. Er befindet sich in einer Kirche auf dem Felsen über dem Ort und ist in einem halbstündigen Aufstieg zu erreichen. Der Weg beginnt neben der Pfarrkirche und führt die schmale gepflasterte Straße bergauf, die am Torbogen der >Casa di Riposo< vorbeiführt. Oben steht die 1515 erbaute Kirche San Lorenzo, deren Chor die Baschenis bald danach mit Fresken zur Legende des hl. Laurentius schmückten. Die Bilder zeigen eine feine Farbgebung und einfallsreiche Details im Bemühen um eine realistische Darstellung. Die Kirche ist meist verschlossen, doch gewähren zwei große Offnungen ungehindert Einblick; auch die Sicht in zwei Täler und auf den Idrosee lohnt den Weg hinauf.
In südlicher Richtung kommt man bald darauf nach Lodrone, auf das die düsteren Ruinen einer wehrhaften Burg blicken. Dies ist der Stammsitz der Grafen von Lodron, der gefürchtetsten und brutalsten Adeligen des ganzen Trentino. Weit ab von der bischöflichen Macht in Trient terrorisierten sie über Jahrhunderte die ganze Gegend mit Willkür, Raub und Mord und machten sich diese Lage für jede Form von gewaltmäßiger Bereicherung zunutze. Bis ins 17. Jh. waren sie die uneingeschränkten Herren der inneren Judikarien, auch das Lomaso und selbst die Burgen im Etschtal waren vor ihren Überfällen nicht sicher. Neben der farrkirche von Lodrone (darin 1507 gemalte Heiligenfiguren von Simone II und Dionisio II Baschenis) beginnt der kurze Aufstieg zu den Ruinen von Castel Lodron. Auf ihrer stark befestigten Stammburg residierten die Grafen bis ins 16. Jh., als sie sich unten im Tal den bequemeren Palazzo Bavaria erbauten. Von dem finsteren Gemäuer blickt man weit über das Tal bis hinüber ans Ostufer des Idrosees zur zweiten Zwingburg der Lodron: dem in bizarrer Szenerie auf einem steilen Felsvorsprung aufragenden Castel San Giovanni, das heute ebenfalls eine Ruine ist.
Auch der Palazzo Bavaria, unten im Ort Lodrone, wirkt trotz einiger ansprechender Architekturelemente der Renaissance düster und bedrohlich; vor ihm standen 1554 die aufgebrachten Bürger von Bagolino (s. S. 168 ff.), schwer bewaffnet und entschlossen, den Gewalttätigkeiten der Lodron ein Ende zu setzen. Sie stürmten und plünderten den Palast, die Grafen Ottone und Achille kamen dabei um.
Am südlichen Ortsrand von Lodrone verbindet die Brücke über den Caffarobach das Trentino mit der lombardischen Provinz Brescia, und man betritt den Ort Ponte Caffaro, bis 1918 die Grenze zwischen Italien und Österreich, die besonders im Risorgimento umkämpft war. (Kurz vor der Brücke steht ein weiterer Palazzo der Lodron.)
Der lang gezogene, schmale Idrosee ist mit 568 m der höchstgelegene der lombardischen Seen. Bei einer Fläche von nur 11 km2, eingebettet zwischen steilen Bergflanken mit waldreichen Hängen, besitzt er viel mehr als der Gardasee den Charakter eines Gebirgssees. An seinen mäßig touristisierten Ufern liegen keine historisch bedeutsamen Städte mit entsprechender Kunst. Beides findet man jedoch in einem heute abgelegenen Ort in den Bergen westlich des Sees: Zwischen Ponte Caffaro und Anfo zweigt die Straße ab ins Seitental des Caffarobaches und führt mit schönen Seepanoramen hinauf nach Bagolino.
war schon früh ein selbstständiges Gemeinwesen, das sich in einem ständigen Kampf der Gewalttätigkeiten der Lodron erwehren musste. Bedeutsam ist der Ort aber wegen der Tatsache, dass eine dritte und größere Macht in diesen Auseinandersetzungen mitspielte: die Republik Venedig, die 1440 in den Besitz des Gebietes kam. Sofort fiel ihr Blick auf Bagolino, denn hier wurde Eisenerz abgebaut und verhüttet, und die Seerepublik hatte für ihre Flotten einen unstillbaren Bedarf nach Schiffsnägeln, die sie nun von hier bezog. Venedig erschien es zunächst günstig, zu Statthaltern dieser wichtigen Produktionsstätte die Lodron zu ernennen, mit denen sie verbündet war. Dieses Bündnis beruhte darauf, dass sich Venedig in den Kämpfen gegen Tirol und das Fürstbistum Trient um die wichtigen Handelswege durch das Gebirge die Feindschaft der Lodron gegen Trient zunutze machen wollte. Doch wie so oft, wenn die kühl rechnende Kaufmannsstadt sich mit dem Adel einließ, erlebte sie eine Überraschung, denn dessen von Willkür und Selbstherrlichkeit geprägten Absichten waren ihr ein Rätsel. Anstatt die unvergleichlichen ökonomischen Vorzüge der Verbindung mit Venedig zu nutzen, wollten die Lodron Bagolino selbst besitzen, was keinen Vorteil bot, den die Verwaltung des Handels mit der Lagunenstadt nicht ohnehin an sich gehabt hätte. So registrierte man in Venedig lange ungläubig die nicht abreißenden Klagen der Bevölkerung von Bagolino über Drangsalierungen und gewalttätige Bereicherungen durch die Lodron.
Zum Schutze Bagolinos und seiner eigenen Interessen entsandte Venedig Truppen und entzog schließlich 1472 den Lodron ihre Rechte über Bagolino. Der Tiefpunkt war erreicht, als die Lodron 1515 die venezianische Festung über Anfo zerstörten. 1554 schließlich schritten die Bürger von Bagolino selbst zur Tat: sie überfielen die Lodron in ihrem Palazzo Bavaria und töteten zwei der anwesenden Grafen. Die Bagossi wussten, dass ihre Eigenständigkeit und ihr Geschäftskalkül unter der Ägide Venedigs am besten aufgehoben war, und die Lagunenstadt honorierte ihre Loyalität. Der Ort blühte auf und entwickelte jene Fülle von Kunst und Kultur, der man noch heute begegnet. Nur kurz sieht man, wenn man auf das Dorf zufährt, die große barocke Pfarrkirche über den Dächern, dann taucht die Straße ein in das enge Gewirr mittelalterlicher Häuser. Genau in der Mitte des sich den Berghang entlangwindenden Ortes liegt der zentrale Platz mit seinen Cafés über der Tiefe des Tales, von hier sind die besonderen Sehenswürdigkeiten Bagolinos leicht zu Fuß zu erreichen. Aus den zahlreichen malerischen Gassen hebt sich die Via Portici hervor, über Treppen und Sottoportici mit der knapp oberhalb gelegenen Hauptstraße verbunden. Mit ihren Lauben war dies die alte Geschäftsstraße des Ortes, die heute still daliegt, da sie ihre Bedeutung an die Durchgangsstraße verloren hat, Die Pfarrkirche San Giorgio, zu der steile Treppen von der Hauptstraße hinaufführen, wurde 1632 vollendet, und der Reichtum Bagolinos und seine guten Beziehungen zur Kunststadt Venedig ließen hier eine der prachtvollsten frühbarocken Kirchen des Bresciano entstehen. Durch das von sieben Säulen gerahmte Portal betritt man den weiten Innenraum, gedeckt von einem mächtigen Tonnengewölbe, flankiert von acht Seitenkapellen und vollkommen ausgemalt und stuckiert. Eine unübersehbare Anzahl von Einzelbildern, teils Fresken, teils große Ölgemälde, sind in das Gesamtkonzept der Ausstattung hineinkomponiert worden, darunter mehrere hervorragende Arbeiten. Man beachte als Erstes das die gesamte Westwand über dem Portal einnehmende Bild des Gastmahls im Hause des Pharisäers zwischen gemalten Säulen, ein Werk Pietro Marones. Das Bild des Hochaltars, ein drachentötender Kirchenpatron, stammt vom Venezianer Andrea Celesti, über der Balustrade links neben dem Altar ein vorzügliches Bild venezianischer Schule mit theatralischen Ruinen vor tiefer Landschaft. Ebenfalls gute Gemälde sind in den von Skulpturen und rahmenden Miniaturen überquellenden barocken Seitenaltären zu finden, man beachte besonders am zweiten Altar links die Dreifaltigkeit vom Tintoretto-Schüler Pellegrino. Der Gipfel aber ist die Decke: Schon hart am Rande zur Theatermalerei ist das ganze Tonnengewölbe in eine ungeheure Scheinarchitektur verwandelt worden. Eine gemalte umlaufende Balustrade mit großem Säulenaufbau rahmt mehrere Deckenfresken, in denen in wildbewegten Bildern Heilige gesteinigt und Drachen getötet werden. Die Scheinarchitekturen werden mit zunehmender Nähe zum Altar immer prunkvoller: Im Presbyterium verwandeln sie sich in einen illusionistischen barocken Prachtsaal (ein Meisterwerk von Tommaso Sandrini, 1630), im Chor Monumentalisieren sie das Altarbild mit den letzten Finessen ihres Formenreichtums.
Steigt man die Treppen zur Hauptstraße wieder hinunter, kommt man an der stattlichen Casa Melzi aus dem 16. Jh. vorbei. Die zu einem kleinen Vorplatz gewandte Fassade trägt ein Fresko des venezianischen Löwen, darunter die Wappen von Bagolino und der Grafen Avogadro. Die Casa war der Sitz der von Bürgern Bagolinos gestellten Garnison, die damals unter dem Befehl der Grafen Avogadro stand. Bagolino besitzt noch eine zweite Kirche, die Außergewöhnliches zu bieten hat. Sie liegt am oberen Ende des Ortes neben der Hauptstraße, und auf dem Weg dorthin beachte man einige der zahlreichen schönen Baudetails des Ortes wie Portale, Außenfresken und das im Stile einer gotischen Miniaturburg erbaute historisierende Vogelhaus neben einem dörflichen Palazzo. Die Kirche San Rocco aus dem 15, Jh. enthält einen vorzüglich erhaltenen, farbenprächtigen Freskenzyklus des Giovan Pietro da Cemmo aus dem Jahre 1486: am Triumphbogen rechts und links zwei Hälften einer Verkündigungsszene, in der Bogenlaibung die Sibyllen, an der Rückwand des Chores eine figurenreiche Kreuzigung, an dessen Seitenwänden Szenen aus dem Leben der hll. Rochus und Sebastian. Diese Themen hat man schon oft gesehen, das Besondere dieser Bilder liegt im ungewöhnlichen Stil des Freskanten. Cemmo gilt als eklektizistischer Maler, stillos im guten Sinne, der zusammenkomponierte, was ihm gefiel — und da sind ihm in einer eigenen Mischung aus den graziösen Gestalten der höfischen Gotik, dem Raumempfinden der Renaissance und seiner Vorliebe für realistische Details des Alltagslebens Bilder von großem Reiz gelungen. Als Beispiel beachte man die Maria aus der Verkündigung rechts vom Triumphbogen: Im perspektivisch konstruierten Raum mit Architekturelementen der Renaissance sitzt eine ganz gotische Maria, über ihr vor den Butzenscheiben des Fensters zwei unordentlich gelegte Bücher mit einem Kerzenhalter, der Vorhang ist sorgfältig mit Ringen aufgehängt und dahinter geht der Blick in ein Schlafzimmer, unter dem hölzernen Baldachin des Bettes ist abermals ein Buch eingeklemmt, das Kopfkissen hat zwei hübsche Troddeln und selbst eine kleine Hauskatze fehlt nicht. Die Tradition Bagolinos lebt außer in seinem Ortsbild fort in zahlreichen althergebrachten Dorffesten und religiösen Umzügen mit viel Musik und kulinarischen Spezialitäten zum Anlass; berühmt ist der Ort für das Maskentreiben seines Karnevals.
Hinter den letzten Häusern von Bagolino wird die Straße wieder einsam. Wer weiterfährt, gelangt in eine großartige Gebirgslandschaft; am Ende des Tales kann man über eine steile Passstraße in die Val Camonica gelangen. Wenn man von Bagolino zum Idrosee zurückfährt, steht dort, wo man die Uferstraße wieder erreicht, die Kirche Sant’Antonio, im Inneren mit einem bemerken_swerten Freskenzyklus der Renaissance, den man durch große Öffnungen in der Fassade gut sehen kann, auch wenn die Kirche verschlossen ist. Kurz darauf erkennt man in den zum Idrosee abfallenden Wiesen die uralten Gebäude eines ehemaligen Hospizes mit der Kirche San Giacomo (erbaut 11. Jh., später vielfach verändert), in deren offener Vorhalle noch verblichene mittelalterliche Fresken erhalten sind. Fährt man am Westufer weiter nach Süden, liegt etwa auf halber Länge des Sees das altertümliche Dorf Anfo, vor dem die riesenhafte Festung der Venezianer sich mit doppelten Bastionsgürteln die steilen Felsen hinaufzieht. 1866 Garibaldis Hauptquartier in seiner Kampagne zur Gewinnung des Trentino für Italien, wurde die Anlage ausgebaut und noch im Ersten Weltkrieg als Kanonenfestung benutzt. An seiner Südspitze, beim Ort Idro, verengt sich der See so, dass man den Ubergang in seinen Abfluss, den Chiese, kaum bemerkt. Über die Brücke gelangt man in die alten Ortsteile Lemprato und Crone mit einladender Uferpartie. Von hier führt eine landschaftlich reizvolle Straße durch das Gebirge zum Valvestinosee und hinunter zum Gardasee.