In der ganzen Stadt ist man ihnen begegnet, den Palästen, der Kirche, den Gräbern, den Stadtmauern, den Geschichten von Aufstieg und Fall der Scaligeri — es fehlt noch ihre Festung, und die ist das Castelvecchio. Aus gutem Grunde liegt es nicht im Zentrum der Stadt, sondern an ihrem Rande, untrügliches Indiz, dass die Herren von Verona den Weg aller Signorien gegangen waren und ihre eigene Stadt zu fürchten begonnen hatten. Man muss daher ihrem Abgang an den Rand des historischen Zentrums im wörtlichen wie übertragenen Sinne folgen, um ihrer Festung ansichtig zu werden — die 15 Minuten zu Fuß zwischen der Piazza dei Signori und dem Castelvecchio symbolisieren für das Haus della Scala die Spanne zwischen dem Gipfel ihrer Macht und der Tiefe ihres Sturzes zu verhassten, verratenen, schließlich vertriebenen Tyrannen.
Von der Piazza Erbe führt der Weg entlang einer schnurgeraden Straße, an der es viel zu sehen gibt; man bewegt sich dabei auf der Trasse des römischen decumanus maximus, dessen antikes Pflaster nur wenig tiefer als der heutige Asphalt liegt. Man nehme am oberen Ende der Piazza Erbe, unter der Barock—Fassade des Palazzo Maffei links den Corso Porta Borsari, der bald in den Corso Cavour übergeht, welcher sich gradlinig in den Corso Castelvecchio wandelt. Im schmalen, belebten, von mittelalterlichen Fassaden gesäumten Corso Porta Borsari zweigt bald rechts ein kurzer Durchgang zur Via Francesco Emilei ab, an der die Kirche Santa Eufemia (29) liegt.
Der gewaltige, düstere Backsteinbau gehört seit seiner Barockisierung nicht mehr zu den bedeutenden Kirchen Veronas, doch ist ihr Innenraum zwei Blicke wert. Santa Eufemia wurde zur Zeit der Scaligeri anstelle einer 1275 abgerissenen Basilika neu errichtet und 1331 geweiht, wenige ]ahre später war auch die dreichörige Ostanlage der Kirche fertig. Innen bildet der Bau einen riesenhaften einschiffigen Raum, der in seiner ursprünglichen Form mit einem offenen Dachstuhl einen höchst bemerkenswerten Eindruck geboten haben muss. Im ]ahre 1739 wurde die Kirche barock verändert, seitdem deckt den Raum eine weit gespannte, aber drückende Flachtonne: ein ungewöhnliches Raumerlebnis. Der zweite Blick gilt der rechten Wand des Hauptchores, an der sich Reste der gotischen Wandmalereien erhalten haben. Die Fresken im Stile des Altichiero stammen von dessen Schüler Martino da Verona und zeigen rechts und links von einem Tafelbild eine eindrucksvolle Darstellung des Jüngsten Gerichts<. Daneben ist hinter dem Altar das reich gegliederte Grabmal der Familie dal Verme (beides 15. Jh.) aufgestellt.
Die beiden Seitenchöre sind mit ihren steilen Kreuzrippengewölben als Kapellen in gotischen Formen belassen worden. Die linke hat Teile der ornamentalen Freskierung des 14. Jh. bewahrt, die rechte zeichnet sich durch vorzügliche Renaissance-Malereien des Francesco Caroto aus (>Legende des hl. Tobias< von 1542 an der linken Wand, darunter gotische Fresken des 14. Jh.).
Wo der Corso Porta Borsari in den Corso Cavour übergeht, führt die Straße durch den Doppelbogen der monumentalen Fassade eines verwitterten römischen Stadttors: die Porta Borsari (30; um 100 n. Chr. entstanden). Die noch erhaltene dreigeschossige Frontmauer ist reich gegliedert mit Rundbogenfenstern in Rahmungen aus Halbsäulen und Giebeln, die Torbögen sind überhöht von je einer Ädikula (die zur Stadt gewandte Schauseite ist nicht mehr erhalten). Dieses durch alle ]ahrhunderte sichtbare Zeugnis der Antike hat ebenso wie der nur wenig entfernt stehende römische Triumphbogen (s. S. 242) die Renaissance Architektur Veronas entscheidend geprägt; die Formen beider Bauwerke dienten als unmittelbare Vorbilder für die Altar- und Grabmalkunst wie für die Palazzi Sanmichelis.
Nunmehr auf dem verkehrsreichen Corso Cavour angelangt, öffnet sich bald auf seiner linken Seite die Häuserfront zu einem stillen kleinen Platz, auf dem hinter Bäumen die beiden aneinander gebauten Kirchen Santi Apostoli und Sante Tosca und Teuteria (31) stehen. Die größere, Santi Apostoli, ist im Jahre 1194 geweiht worden und war in ihren basilikalen Formen und den verschiedenfarbigen Steinlagen des Außenbaus ein Prunkstück der Veroneser Romanik. Durch zahlreiche Umbauten wurde sie sehr entstellt, allein ein großer Teil der erhaltenen Außengliederung des 12. jh, (besonders Chorpartie und Campanile) ist noch einen Blick wert; am Sockel des Turmes befinden sich gotische Grabmäler des frühen 15. Jh. Weit interessanter ist die zweite Kirche, ein winziger Bau, der hinter der Apsis der größeren fast verschwindend tief im Boden steckt. Sante Tosca und Teuteria wurde im ]ahre 751 als Kirche geweiht, doch stand der Bau bereits im 5. Jh. und war ziemlich sicher das Grabmal eines Ehepaares aus den letzten Tagen des römischen Weltreiches, noch bevor der Gotenkönig Theoderich Einzug in Verona hielt. Die beiden Titelheiligen waren dagegen zwei seltsame jungfrauen, die im Wald lebten, sich von Spinnweben vor einem verliebten Freier schützen ließen und diesen durch Gebete zu einem gottesfürchtigen Leben bekehrten, wofür sie heiliggesprochen wurden. Dass sie in diesem Grabmal beigesetzt waren, schien bewiesen, als man hier im jahre 1160 einen antiken Sarkophag mit zwei Skeletten entdeckte, doch eine Untersuchung im jahre 1913 ergab, dass diese verschiedenen Geschlechts waren.
So erhärtete sich die Vermutung, dass der Bau ein spätantikes Grabmal und damit eine der ältesten erhaltenen Kirchen Oberitaliens darstellt. Das kleine Gebäude hatte ursprünglich den Grundriss eines griechischen Kreuzes (mit vier gleich langen Kreuzarmen), dessen zentraler Mittelraum von vier Eckpfeilern begrenzt und von einem kuppelähnlichen Gewölbe gedeckt wird. Die vier anschließenden Kreuzarme wurden im 14. jh. seitlich geöffnet und um kleine niedrigere Eckräume erweitert, sodass die Kirche heute fast ein Quadrat bildet. In diesem seltenen Beispiel eines antiken Raumes beachte man den angeblichen Sarkophag der beiden Heiligen, verziert mit Reliefs des 15. jh., sowie zwei weitere Grabmäler der Familie Bevilacqua aus dem 14. und 16. jh.
Geht man auf der gleichen Straßenseite den Corso Cavour wenige Schritte weiter, steht man unter der ausladenden Fassade des Palazzo Bevilacqua (32), um 1530 von Sanmicheli errichtet. Dieser bedeutendste Architekt der Veroneser Renaissance war zugleich der viel beschäftigte Festungsbaumeister der Republik Venedig; sein Bemühen, den kriegerischen Bauten mit ihrem schweren Mauerwerk klassische Schönheit zu verleihen, hinterließ auch an seinen zivilen Prunkgebäuden seine Spuren: »Von dieser einseitigen Beschäftigung her behielt Sanmicheli (und nach ihm fast die ganze spätere veronesische Architektur) eine Vorliebe für das Derbe an den Erdgeschossen der Paläste. Gleichwohl wirken diese Gebäude immer sehr bedeutend durch die mächtige Behandlung des Obergeschosses mit seinen wenigen und großen Teilen und der ernsten Pracht ihrer Ausführung«, schreibt Burckhardt, und sein Urteil kann hier vor dem rustizierten Untergeschoss und den großen Bögen des ersten Stockwerks mit den reichen figürlichen Dekorationselementen geprüft werden.
Direkt gegenüber dem Palazzo öffnet sich auf der anderen Straßenseite ein unscheinbares Tor auf einen kleinen Kirchhof, hinter dem die zum Teil in die Häuser verbaute Fassade der Kirche San Lorenzo (33) aufragt, Die monumentale Strenge des Innenraums hat in Verona kein Beispiel, denn der Bau wurde nach dem Erdbeben von 1117 als einzige romanische Emporenbasilika der Stadt errichtet. Im Stützenwechsel tragen mächtige kreuzförmige Pfeiler und schlanke Marmorsäulen über plastisch gestalteten Kapitellen die Seitenschiffarkaden, darüber ziehen sich an der West-, Süd- und Nordwand die Emporen entlang, die sich mit großen Biforien zum Mittelschiff öffnen. Auffallend ist die enge Verwandtschaft mit der Unterkirche von San Fermo Maggiore (s. S. 236), die auf gleichem Grundriss steht: auch hier die beiden querhausartigen Seitenkapellen mit ihrem apsidialen Abschluss, die zusammen mit den drei Apsiden der Ostwand einen eindrucksvollen Staffelchor bilden. Da im Zweiten Weltkrieg durch schwere Beschädigungen fast die gesamte Innenausstattung verlorenging, ist der einzige Schmuck innen wie außen die typische Veroneser Wandgliederung in der warmen Farbigkeit polychromer Steinlagen. Man beachte neben einem Altarbild von Domenico Brusasorci (1562) am Außenbau das ungewöhnliche Detail der zwei festungsartigen runden Treppentürme vor der Westfassade.
Bleibt man auf der gleichen Straßenseite des Corso Cavour, so erreicht man nach wenigen Schritten den Palazzo Canossa (34), ebenfalls nach 1530 von Sanmicheli errichtet. Denkt man sich die unproportionierte Figurenbalustrade weg, die erst im 18. Jh. aufgesetzt wurde, hat man die originale Fassade der Renaissance vor sich; man sagt ihr nach, dass Sanmicheli statt der antiken Vorbilder hier manieristischen Bauidealen nachgegangen sei. Nur wenige Meter weiter öffnet sich rechts, schon unter den Mauern des Castelvecchio, eine Grünfläche, in deren Mitte der viel gerühmte Arco dei Gavi (35), ein römischer Triumphbogen vom Anfang des 1. Jh. n. Chr. steht. Etwa 100 m vom heutigen Aufstellungsort entfernt überwölbte er (am jetzigen Corso Cavour) die antike Fernstraße Via Postumia; dort stand er 1800 ]ahre lang, bis ihn die Franzosen um 1805 abrissen. Dieser Triumphbogen mit seiner klassischen Gliederung durch Halbsäulen und großer Giebelädikula wurde eines der bedeutendsten Vorbilder der Renaissance-Architektur Oberitaliens, besonders Venedigs, dies um so mehr, als auf ihm die Inschrift >VITRUVVIVS LL ARCHITECTUS< zu lesen war: Nur zu gern hielt man diesen Baumeister für den großen Vitruv persönlich, der das berühmteste Architekturtraktat des Altertums herausgegeben hatte. Die Trümmer des Arco dei Gavi wurden erst 1932 wieder entdeckt und nach einer Aufrisszeichnung zusammengefügt, die kein Geringerer als Andrea Palladio für Studien zum Bau seiner epochemachenden Architektur angefertigt hatte.