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Salò am Gardasee

Salò

Als am 30. Oktober 1901 die Erde an der Westküste des Gardasees bebte, verwandelte sich die Stadt Salo in einen Trümmerhaufen. Die Altstadt wurde auf ihren Fundamenten wieder errichtet, doch fügte man entsprechend den gerade erwachenden touristischen Bedürfnissen der Riviera Bresciana eine Neuerung hinzu: Es entstand entlang der ganzen Seeseite der mondäne Lungolago Giuseppe Zanardelli. Eine solche Uferpromenade hatte es vorher — wie auch in allen anderen Orten des Gardasees — nie gegeben, denn warum sollten Leute, die vom Fischfang lebten, ihre Häuser durch eine Straße vom Wasser abschneiden Die Uferpromenaden mit Cafés, Geschäften und Palmenalleen sind überall am See Erfindungen des 20. Jh,, doch wer möchte sie heute noch missen! Hier in Salo findet man das zweifellos großzügigste Exemplar dieser Gattung, das zudem, da es im Zuge des Wiederaufbaus der ganzen Stadt entstand, sich ungemein harmonisch mit dieser zusammenfügt, Wer die Promenade entlanggeht, wird ebenso wie in der parallel verlaufenden Geschäftsstraße im Inneren des historischen Zentrums bemerken, dass diese Stadt — im Gegensatz zu vielen anderen Uferorten — nicht arm gewesen ist. Wie sollte sie auch — wurde sie doch bereits 1577 von den Visconti zum Verwaltungssitz des Westufers bestimmt und 1426 von den Venezianern zur Hauptstadt der >Magnifica Patria della Riviera< erhoben. Hinter dem etwas großspurigen Titel verbarg sich eine Verwaltungseinheit mit 42 Orten, die sich von Limone im Norden bis Pozzolengo in den Moränenhügeln des Südufers erstreckte. Venedig förderte seine an das feindliche Mailand grenzende Besitzung in jeder Weise, da die Serenissima sich bekanntlich nicht auf die Treue ihrer Untertanen, sondern auf deren ökonomisches Kalkül verließ: Privilegien, Handel, wohlhabende Beamte und großzügige venezianische Bauten brachten dem Ort Reichtum und ein städtisches Gepräge. Wer sich Salo von Gardone aus nähert, sollte unterwegs noch zwei Gebäuden seine Aufmerksamkeit schenken. Im Ortsteil Barbarano, fast gegenüber der Fassade des Palazzo Martinengo, weist rechts eine Steinplatte mit der Aufschrift >Convento PP. Cappuccini< eine gepflasterte Einfahrt hinauf. Sie führt zur Kirche eines Kapuzinerklosters, in deren Westwand das schöne gotische Portal des Domes von Salo eingelassen ist. Es wurde hierhergebracht, als es der aufstrebenden Stadt nicht mehr repräsentativ genug erschien und durch ein riesiges Renaissance-Portal ersetzt wurde. Dieses stammt aus dem jahre 1456 und besitzt ein von Friesen umgebenes ebenso zierliches wie formenreiches Säulengewände mit kunstvollen Kapitellen, die die reich profilierten Archivolten des Spitzbogens tragen.
Nur wenige Meter die Uferstraße weiter liegt links der große Palazzo Martinengo, und seine Straßenfront ist so düster wie die Geschichte, die ihn berüchtigt gemacht hat. 1577 vom venezianischen Condottiere Marchese Sforza Pallavicino mit prächtigen Gärten und Sälen erbaut, bezog es 1585 der unermesslich reiche Herzog von Bracciano, Paolo Giordano Orsini. Der alte Mann, dessen Gemahlin ermordet worden war, hatte gerade die junge und schöne Vittoria Accoramboni zur Frau genommen, die nach dem plötzlichen Tod ihres Gatten bemerken musste, was es hieß, in einer italienischen Adelsfamilie zur Alleinerbin eingesetzt zu werden, zumal sie eine Heirat unter dem Stande des Herzogs war: Die restlichen Orsini fühlten sich um das Erbe betrogen und sannen auf Mord; während sie den Palast am Seeufer umzingelten, gelang der Vittoria im letzten Augenblick die Flucht, auf der sie aber in Padua von einem gedungenen Mörder erdolcht wurde. Ludwig Tieck schrieb einen Roman über die Geschichte. Um 1650 brachte der für seine Grausamkeit gefürchtete Graf Camillo Martinengo den Palast an sich, dessen Familie er noch heute gehört. Man muss sich daher mit einem Blick in den Park mit seinem schönen Brunnen begnügen. So gestimmt erreicht man nun die Stadt Salo, und die kann ebenfalls mit einem ausgesprochen trüben Kapitel aus der jüngsten Geschichte aufwarten (s. S.143f.). Doch vorher sollte man im leisen Wind des Seeufers auf dem Lungolago einen Espresso nehmen, ausgiebig den schönen Blick auf die gegenüberliegende Seite der Bucht genießen und sich dann auf einen Rundgang zu den Kunststätten des Ortes machen. Gleich an der Uferpromenade begegnet man dem alten Rathaus aus dem 14. jh., das von Sansovino (1486-1570) eine venezianische Fassade mit einem schönen, vorgebauten Arkadengang erhielt. Direkt angebaut wurde 1524 der Palazzo della Magnifica Patria, dessen mächtige Kolonnaden sich mit den Arkaden des Rathauses zu einem langen Laubengang verbinden. Neben dem Palazzo führt von der Piazza Vittoria die Via Duomo zum Dom, doch geht man besser erst den Lungolago bis zu seinem südlichen Ende, wo er in die lang gezogene Piazza Vittorio Emanuele Il. abknickt. An deren oberem Ende steht das alte Stadttor mit dem Uhrturm, dahinter taucht man ein in die dunklen, aber betriebsamen Gassen der Altstadt. Dort ist gleich rechts die unauffällige Kirche San Giovanni decollato zwischen den Häusern eingebaut. Sie ist innen von kühlem Barock geprägt, enthält jedoch ein hervorragendes Tafelbild des Renaissance-Malers Zenon Veronese über dem Hochaltar.
Sehr effektvoll wird darauf der Blick von dem großen, kassettierten Tonnengewölbe eingefangen, unter dessen Bogen der Salome das Haupt des johannes auf dem Teller überreicht wird, dahinter weitet sich die Bildbühne in eine entfernte Gebirgslandschaft. Wenn man sich zurückwendet, beachte man die großen hölzernen Mensen der beiden Seitenaltäre, sehr geschmackvoll mit farbigem, überquellendem Blumendekor bemalt. Neben einem zweiten, jedoch entschieden mäßigeren Zenon Veronese an der Südwand ist noch das prächtige Orgelgehäuse aus geschnitztem und bemaltem Holz einen Blick wert. Parallel zum Lungolago zurück erreicht man wieder die Piazza Vittoria neben dem Rathaus, von wo es nur noch ein paar Schritte bis zum Dom sind. Diesen betritt man etwas zweifelnd, fast wäre man an seiner hässlichen, unverkleideten Backsteinfassade vorbeigegangen, wäre da nicht als einziger Schmuck ein großes Renaissance-Portal aus Marmor mit Säulen, kräftigem Gebälk, Skulpturen und Halbfiguren im Tympanon. Dahinter betritt man einen riesigen, düsteren Innenraum, dessen Größe man angesichts der eng in die umliegenden Häuser verbauten Kirche nicht vermutet hätte. 1453 begonnen, beweist der Raum den typischen Charakter der spätesten italienischen Gotik: Nichts ist hier von der aufstrebenden Leichtigkeit deutscher und französischer Bauten der gleichen Zeit zu bemerken; schwer lastende, kaum durchbrochene Mauern umschließen einen dunklen Raum unter wuchtigen Gewölben, mächtige Säulen mit großen Kapitellen teilen ihn in drei Schiffe. Das Presbyterium vor dem Chor wird überwölbt von einer an venezianische Kirchen erinnernden Kuppel. Ende des 16. jh. wurden an den Wänden der Seitenschiffe zehn Nebenkapellen ausgebrochen, die den Raumeindruck jedoch kaum berühren. Ungefär zur gleichen Zeit (1591) erhielten Gewölbezwickel, Gurtbögen und Arkadenlaibungen eine Ausmalung von Tommaso Sandrini in manieristisch-illusionistischer Art. Chor und Seitenkapellen wurden im Laufe der Zeit mit einer ungewöhnlichen Fülle vorzüglicher Werke ausgestattet.
Um sich in der Vielfalt der Einzelkunstwerke zurechtzufinden, beginnt man den Rundgang am besten an der linken Langhauswand: Dort befinden sich in der ersten Seitenkapelle ein Kruzifix und zwei Holzskulpturen einer Südtiroler Werkstatt, in der nächsten ein außergewöhnliches Werk, wie sich nur wenige erhalten haben. Es handelt sich um ein vergoldetes Holzretabel, unter kleinen, von Halbsäulen getragenen Spitzbögen sind Gemälde von Heiligen und der thronenden Madonna eingelassen; das Stück stammt aus der Zeit der frühen venezianischen Gotik, und wenn man die vorzüglich gemalten Figuren betrachtet, wird klar, warum ihr Schöpfer Paolo Veneziano (1300—62) als einer der Begründer der Malerei in der Lagunenstadt gilt. Darüber hängt ein gutes Tafelbild von Gerolamo da Romano, genannt Romanino (1486—1560), das eine auf einer schlichten Holzbank vor einem Baum thronende Madonna mit Kind zwischen zwei
Heiligen zeigt, Doch daneben, zwischen der zweiten und dritten Seitenkapelle, ist Romanino in seiner ganzen Meisterschaft zu bewundern. Das Werk dieses Brescianer Renaissance-Malers zeichnete sich trotz mancher stilistischer Unzulänglichkeiten durch seine charaktervollen, bis an den Rand der Satire gehenden Darstellungen aus, Denn betrachtet man sich dieses Bild genauer, wird man sehr ungewöhnliche Details wahrnehmen: Das Gemälde wurde wie so viele von einem Stifter in Auftrag gegeben, der sich darauf mit seinem speziellen Heiligen gemeinsam verewigen lassen wollte. Dies tat auch Romanino und lässt einen exakt gemalten, dicken Mann zu Füßen des hl. Antonius erscheinen, über dem sich ein weiter RenaissanceBogen schließt, durch den der Blick hinausgeht in eine phantastische, wolkenverhangene Landschaft mit einer Burgruine, Gerahmt wird das Bild von vier Engeln, und die haben es in sich: Anstatt den Stifter huldvoll zu umschweben, wenden sie sich in nicht zu übersehendem Abscheu von diesem ab. Romanino hat diesen Auftraggeber sicher nicht gemocht, der dumpfe Gesichtsausdruck, das feiste Doppelkinn, die Wulstfinger mit dem prahlerischen Goldring sind in ungeschöntem Realismus wiedergegeben. Direkt hinter ihm blickt ein Engel mit verzogenem Gesicht zur Seite, der gegenüber klettert mit einem entsetzten Blick auf den Stifter sogar von der Säule, auf die er aus kompositorischen Gründen eigentlich gehört; die beiden oberen Engel scheinen mit bewegten Gesten etwas auf den Dicken am Bildrand herunterzuwerfen. In der vierten Seitenkapelle links hängt ebenfalls ein Stifterbild, das Romaninos großem Konkurrenten Moretto zugeschrieben wird. (Zwischen diesen beiden Bildern ist gegenüber der Kanzel eine vorzügliche Madonna von Andrea Celesti zu sehen.) Im Chor befinden sich unter den vergoldeten Balustraden links und rechts vom Triumphbogen zwei weitere Meisterwerke: links eine Anbetung der Könige vom verbannten Venezianer Celesti, rechts eine Geburt Christi von Zenon Veronese (14844553). Der Chor, der sich dazwischen öffnet, ist überfüllt von Kunstwerken, die überstrahlt werden von einem großen, reich vergoldeten Altaraufsatz der oberitalienischen Spätgotik. Das Retabel besteht aus fein ziselierten Architekturen in zwei Geschossen, unter Spitzbögen und Fialen sind zehn Holzskulpturen in Nischen mit imitierten Gewölben gestellt, in der Sockelzone finden sich zahlreiche Miniaturen von Heiligen.
Umgeben wird das seltene Stück von großflächigen Bildern und Fresken des Barock-Malers Palma il Giovane, der das Chorgewölbe, die Wände des Presbyteriums und die riesigen geöffneten Flügel der Prunkorgel bemalte. Oben, unter dem Triumphbogen, ist ein spätgotisches Kruzifix (1449) des deutschen Schnitzers Hans von Ulm aufgehängt. Rechts vom Altar öffnet sich in der Langhauswand die Sakramentskapelle mit einem imponierenden Deckenfresko von Battista Trotti, das über gewaltigen, illusionistisch in die Wolken aufrägenden, gedrehten Säulen eine Darstellung des Paradieses zeigt. Zwischen den nächsten drei Kapellen hängen nochmals zwei Olgemälde von Zenon Veronese, man beachte besonders die harmonische Komposition der >Grablegung<. In der letzten Kapelle, bevor man zum Portal zurückkommt, ist mit expressiven, lebensgroßen Holzskulpturen einer Südtiroler Werkstatt des 16. Jh. eine Grablegung szenisch dargestellt; innen, über dem Portal sind Fresken zu sehen, die ebenfalls Hans von Ulm, der lange in Salo weilte, zugeschrieben werden. Wieder zurück auf der Piazza Vittoria, biegt man rechts in die Via Fantoni ein, wo der Palazzo Coen (Nr. 49) das Museo Archeologico mit sehenswerten Funden aus der römischen Vergangenheit Salos beherbergt. Im angrenzenden Gebäudeflügel ist die interessante städtische Sammlung moderner Zeichnungen untergebracht; dort werden auch bemerkenswerte Sonderausstellungen gezeigt.
In die schöne Landschaft der Riviera Bresciana zog sich Benito Mussolini mit seiner faschistischen Exilregierung im eigenen Lande zurück, nachdem er gestürzt, von deutschen Fallschirmjägern befreit und von Hitlers Gnaden wieder als Regierungschef eingesetzt worden war. Am 15, September 1943 wurde die neue >Faschistische Sozialrepublik< mit Salo als Hauptstadt ausgerufen, doch zu sagen hatte diese Regierung nichts mehr. Die Macht im Lande übten der SS-Obergruppenführer Wolff aus, der den Duce bewachte, und der Generalfeldmarschall Kesselring, der die immer näher rückende Front im Kampf mit den Alliierten befehligte. Dennoch wurde in Salo im wahrsten Sinne des Wortes Staat gespielt, Armeen auf dem Papier verschoben, Minister gestürzt, Verräter entlarvt, Sozialisierungsgesetze erlassen, Staatsbesuche organisiert und aberwitzige Pläne zur Wiedererrichtung des römischen Imperiums geschmiedet. Mussolini wohnte mit seiner Familie in der Villa Feltrinelli in Gargnano, doch in seinem Garten patrouillierte die SS und bewachte seine Türen, gerade dass der Duce noch seine Telefonverbindung mit jener anderen Villa in Gardone geheimhalten konnte vor den Deutschen wie vor der rasenden Eifersucht seiner Frau Donna Rachele. >>Denn dort saß sie, die >signora<, von der in der Villa Feltrinelli nicht gesprochen werden durfte, die es für Donna Rachele nicht gab: Claretta Petacci, das hübsche Kind aus Mailänder Vorstadtmilieu, die letzte der zahlreichen Mätressen, die den Weg des Mannes begleitet hatten, der der Gründer eines neuen Imperium Romanum hatte werden wollen und darum vor der Familie und dem
Volk den ehrenfest untadeligen Hausvater gespielt hatte und noch immer spielte«, schreibt Walter Görlitz. Es hat in letzter Zeit nicht an üblen Versuchen gemangelt, die Republik von Salo, die allen Maßnahmen der Deutschen, den von den Italienern gehassten Krieg weiterzuführen, Legitimität verlieh, als menschliches Drama zwischen Mussolini und seinen beiden Frauen darzustellen. Doch selbst der betrogenen Donna Rachele, >>dieser von Eifersucht zermürbten braven Hausmutter«, kann man wenig Achtung zollen, denn während ringsum die italienische Bevölkerung im Namen ihres Duce vertrieben und getötet wurde, hatte diese familienbewusste Dame kein größeres Problem als das, ob sich der Staatschef von Salo beim Spaziergang zu seiner Geliebten schlich — ein brutales Schmieren—stück mit tödlichem Ausgang: Als die deutsche Front in Norditalien nicht mehr hielt, flüchteten die Großen von Salö, allen voran der Duce mit seiner Geliebten in Richtung Schweiz. Unterwegs wurden sie von Partisanen gestellt, die der jämmerlichen Monstrosität dieser Existenzen ein Ende setzten.

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