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Sirmione am Gardasee

Sirmione

Kein Zweifel, Catull war hier — wenn auch keiner genau weiß, wo. In den Hallen der nach ihm benannten Riesenvilla am Nordende der Halbinsel hat er bestimmt nicht gewohnt, die war zu teuer für ihn. Denn zum Klassiker der spätrepublikanischen Zeit Roms wurde er erst im Lateinunterricht wesentlich späterer jahrhunderte, seine Zeitgenossen waren empört über die unverhüllte Erotik seiner Dichtung. Fest steht jedoch, dass er mit den Versen >> Salve, o venusta Sirmio ...« die nun schon 2000-jährige Lobpreisung des Ortes eröffnete, die bis heute kein Ende findet. Die Römer waren geradezu vernarrt in diese Halbinsel, Caesar soll hier zu Gast gewesen sein, die Langobarden gründeten im 8. ]h. ein großes Kloster, Dante ließ sich inspirieren, Anfang des 16. Jh. durchstreifte Gräfin Isabella d’Este Gonzaga begeistert die von verwunschenen Ruinen bedeckten drei Hügel, Carducci und Boito verbrachten hier tiefsinnige Stunden, und Heinrich Noe versank beim Anblick des Kastells in Visionen der Vergangenheit.
Was haben sie alle hier gesucht und anscheinend auch gefunden? Den Traum einer südländischen Landschaft, dem seit der Renaissance die Zeugen der Geschichte nicht fehlen durften. Schon die Lage inmitten blauer Fluten ist eindrucksvoll genug. Sirmione liegt an der Spitze einer 4 km weit in den See vorstoßenden flachen Halbinsel, die sich an ihrem Ende verbreitert und dort mit drei felsigen Hügeln aus dem Wasser emporsteigt. Der verbindende Landstreifen ist an vielen Stellen nur wenige Meter breit, sodass er wie ein lang gezogener Schweif hinüber zum Festland führt. Angeblich soll er Sirmione zu seinem Namen verholfen haben, denn syrma, ein griechisches Wort, das in die lateinische Sprache Eingang gefunden hat, bedeutet soviel wie Schweif oder Schleppe. Auf dieser felsigen Spitze der Halbinsel, durch einen breiten Kanal vor dem Kastell ganz zur Insel geworden, fanden die Römer an einem Ort alles vereint, was der Süden sonst nur verstreut und erst Hunderte von Kilometern entfernt zu bieten hat. Die hellen Klippen, die im schimmernden Blau des weiten Sees versinken, erinnerten sie ebenso an die Küsten Siziliens oder Mittelitaliens wie die Vegetation. Die Römer errichteten hier zwei Kastelle, zwei Häfen, eine Siedlung und, als sie auch noch in den überfluteten Schluchten der Uferfelsen eine heiße Schwefelquelle entdeckten, jene riesige Villa auf dem Felsen am äußersten Ausläufer der Insel, ohne Zweifel der schönste Fleck am ganzen See. Nach dem Untergang des Römischen Reiches besaßen die Langobarden hier ein Siedlungszentrum; der Ort mit dem Blick auf die Berge, über die sie gekommen waren, mag sie gleichermaßen, wenn auch aus anderen Gründen, angesprochen haben. Nur die Scaligeri, die finsteren Tyrannen aus Verona, hatten an Sirmione allein ein strategisches Interesse und erbauten Burg und Stadtbefestigung. Doch dann kamen die Reisenden der Renaissance und der Romantik; die Landschaft, die schon die Römer begeisterte, hatte sich im Laufe der jahrhunderte angereichert mit gewaltigen Ruinen der Antike und des Mittelalters. Zu allen Zeiten aber waren das Licht und die Farben Sirmiones berühmt, denn die Halbinsel wird von einer breiten, bis hundert Meter in den See reichenden Brandungsterrasse umgeben. Diese glatten Felsen, von den Gletschern der letzten Eiszeit abgehobelt — hätten diese ein wenig mehr Zeit gehabt, sie hätten ganz Sirmione abgeschliffen —, liegen nur einen halben Meter unter der Wasseroberfläche, weshalb sich rund um die aufsteigenden Kalksteinwände die tiefblaue Flut in schimmernden Türkistönen bricht. Und wenn dann der See vom Goldglitzern eines Sonnenuntergangs und schließlich vom zarten Rosa eines Abendrots übergossen wird, das langsam über ein tiefes Violett der warmen Dunkelheit einer Sommernacht weicht, teilt sich hier die Schönheit des Südens noch heute jedem mit, der sie sehen will.
Man erreicht das alte Sirmione über die lange Straße auf der schmalen Halbinsel, deren bis ins Mittelalter gefürchteter dichter Wald heute verschwunden ist. Den Eingang in den Ort - man kann es ohne Übertreibung sagen — deckt eine der bekanntesten Wasserburgen der Welt, mit Sicherheit das fotogenste Objekt seiner Art. Nur zwei Brücken führen über das Wasser auf die Insel von Sirmione: die eine (verschlossene) in das Kastell, die andere (geöffnet, doch für den Autoverkehr gesperrt) in den Ort. Der Anblick der Burg hinter dem flachen, grün schimmernden Kanal vor dem blauen See mit seiner gewaltigen Gebirgskulisse ist in der Tat einzigartig.
Betritt man die Altstadt durch ihr einziges geöffnetes Tor, so befindet man sich auf dem Boden der römischen Siedlung Sirmio, die sich hier, zwischen zwei befestigten Häfen, erstreckte. Die Fundamente des großen antiken Osthafens nutzten tausend ]ahre später die Scaligeri und erbauten darauf ihre Wasserburg; der Westhafen wurde zugeschüttet und bildet (wenige Meter hinter dem Kastell nach links) heute die weite Piazza Carducci, die sich, von alten Häuserfronten gesäumt, zum See öffnet. Das römische Sirmio muss sehr anziehend gewesen sein, denn zahlreiche Veroneser und Brescianer Familien errichteten sich hier ihre Villen, unter anderen auch die wohlhabenden Valerier, die ihren dichtenden Sohn Catullus wohl immer als schwarzes Schaf betrachtet haben. Doch nahe der unsicheren Alpengrenze gelegen, konnte sich auch das schöne Sirmio vor den germanischen Barbaren nicht retten. »Eine Inschrift aus dem jahre 350 n. Chr. lässt darauf schließen, dass damals noch Römer die Halbinsel bewohnten. In der Folgezeit wanderten sie ab; die Thermalquelle geriet in Vergessenheit, Villen und Häuser verfielen. Der erneut vordringende Wald überwucherte bald die Gassen und Häuser, nur ein paar Fischer hausten noch in den Ruinen«, beschreibt H. Woletz die Szenerie des durch die Völkerwanderung untergehenden antiken Sirmione. Nach einem langobardischen Intermezzo, von dem kaum Spuren übrig blieben, ist das heutige Bild des Ortes geprägt von der mittelalterlichen Herrschaft der Scaligeri und ihrer venezianischen Nachfolger. Diese Feststellung bezieht sich jedoch nur auf die Bausubstanz, gewissermaßen auf die alten Gehäuse, in denen sich mit Boutiquen, Andenkenläden, Cafés, Hotels und Restaurants alles breit gemacht hat, was man sich unter einem modernen Touristenbetrieb vorstellen kann. Dazu mag man stehen, wie man will, zerstört ist der Reiz Sirmiones jedenfalls nicht.
Wenn man die Burg der Herren della Scala betritt, dieses romantische Wahrzeichen des Sees, erlebt man im Inneren eine eigentümliche Überraschung: Das von außen so malerische Bauwerk entpuppt sich als düstere Festung. Durch ein kleines Vorwerk betritt man unter den hoch aufragenden Mauern den Burghof mit dem einzigen Gebäude, ein schwer befestigter Zugang führt in das große zweite Vorwerk, das die Toranlage über dem Kanal gegen das Festland verstärkte. Eine lange, von drei Seiten beschießbare Treppe führt hinauf auf den umlaufenden Wehrgang, von dem erst über eine schmale Zugbrücke der mächtige, frei stehende Hauptturm zu betreten war, der Feind also bis auf die Mauerkronen gelangt sein musste, bevor er diese letzte Zufluchtsstätte angreifen konnte. Einzigartig unter den erhaltenen mittelalterlichen Wehrbauten Europas ist der weit in den See hinausgeschobene Hafen der Burg: größer als das ganze Kastell, doch ebenso wie dieses von zinnen- und turmbekrönten Mauern eingefasst, wie ein zweiter Burghof, nur dass der Hof aus einer viereckigen Wasserfläche besteht. Durch diesen Hafen konnte das Kastell eine vom restlichen Sirmione völlig unabhängige Existenz führen, und wer vom großen Hauptturm aus einen Blick über die steilen Burgmauern auf die sich darunter duckenden Dächer der kleinen Altstadthäuser wirft, der wird vielleicht ahnen, dass das Verhältnis des Ortes zu diesem Kastell und seinen Machthabern kein freundschaftliches gewesen sein kann. Denn in ihren Mauern sollte Alberto della Scala jene veronesischen Milizen Zusammenziehen, die am 7. November 1276 den Ort Sirmione überfielen und ein Blutbad anrichteten. Dieser Tat lag ein dringlicher Wunsch des Papstes zugrunde, denn Sirmione war damals ein Zentrum der Patariner—Ketzerei. Die Patariner waren ebenso wie die Katharer Teil einer sich über ganz Europa ausbreitenden Bewegung, die gemäß den Worten ]esu: >>Mein Reich ist nicht von dieser Welt« eine Kirche forderten, die sich aller weltlichen Beteiligung enthalten sollte. Da sie der Auffassung waren, die Welt sei vom Teufel und die Seele von Gott geschaffen, strebten sie weder nach Macht noch nach Reichtum und verneigten sich nicht mehr vor dem Stuhl Petri, der beides begehrte.
Diese Schmälerung seiner Autorität beantwortete der Papst mit der Aufforderung an die weltlichen Territorialherren, seine Widersacher mit Feuer und Schwert aus dem Weg zu räumen, andernfalls ihnen der Kirchenbann drohe. Und da traf der Papst die Scaligeri an einer empfindlichen Stelle, denn die waren in Verona gerade erst an die Macht gekommen und hatten sich längst nicht gegen alle Konkurrenten endgültig durchgesetzt — da hätte ein Kirchenbann üble Folgen haben können. Was war dagegen schon das Leben von ein paar Hundert Häretikern; so beschloss Mastino I. della Scala den kleinen Kreuzzug gegen die ahnungslose Bevölkerung der Halbinsel, die von Bischof Bernardo Oliba fast vollständig für die Lehre der Patariner gewonnen worden war. Wer das Massaker überlebte, wurde als Gefangener nach Verona gebracht und dort in Schauprozessen der Ketzerei angeklagt und zum Tode verurteilt- Sirmione muss nahezu entvölkert gewesen sein, Doch scheute sich Mastino, die Massenhin richtung vollziehen zu lassen, erst nach seiner Ermordung schritt sein Bruder Alberto auf Drängen des Papstes zur Tat: Riesige Scheiterhaufen wurden in der Arena von Verona errichtet, und am 13. Februar 1278 wurden dort 177 Männer und Frauen öffentlich verbrannt. Man mag sich nach dem Grund dieser auf den ersten Blick so sinnlosen Greuel fragen. Ein weltlicher Machthaber des Mittelalters konnte sich, wenn er gnädig gestimmt war, mit der militärischen Niederwerfung des Gegners begnügen, nicht jedoch der Papst. Denn seine Macht wurde nicht von Waffen bedroht, sondern von Gedanken, jedenfalls von solchen, in denen nicht er das einzig gültige Wort über Gott und die Welt führte. Die harmlosen Patariner, die nie eine Waffe gegen den Heiligen Stuhl erhoben hatten, wurden, ohne es zu wissen, seine Todfeinde, weil sie ihr Verhältnis zu Gott ohne Amtskirche zu regeln gedachten. So loderten die Scheiterhaufen der heiligen Inquisition durch ganz Europa bis in die Arena von Verona, denn der Kurie war seit ihrer brutalen Vernichtungskampagne gegen die südfranzösischen Katharer wohlbekannt, dass man Gedanken nur ausrotten konnte, indem man alle ausrottete, die sie dachten.
Bevor man das Kastell verlässt, werfe man einen Blick in das offene Gewölbe des Gebäudes im Burghofz Dort sind Fundstücke ausgestellt, die während der Ausgrabungen am Orte des langobardischen Klosters San Salvatore auf dem Cortinehügel gemacht wurden, welches auf dem Platze des römischen Kastells errichtet worden war. Zu sehen sind mehrere antike Reliefs, Meilensteine und Mosaike; das beste Stück ist eine große langobardische Schmuckplatte im typischen Flachrelief, über und über bedeckt mit lechtbandornamenten und abstrakten Symbolen.
Der unberührtere Teil der Altstadt befindet sich zwischen den weniger aufgeputzten schmalen Gassen hinter dem Kastell, die nach rechts bergauf führen. Durch eines dieser Sträßchen, spätestens durch die Via Antiche Mura, wo die alte Stadtmauer verlief, erreicht man die Pfarrkirche Santa Maria Maggiore am Ortsrand, die dort nahe dem Felsabsturz zum Wasser den See überragt. Der heutige Bau stammt aus dem späten 15. Jh., sein schlichtes Äußeres zeichnet sich durch einen schönen Säulengang vor der Westfassade aus (mindestens eine Säule römisch); gegenüber steht das alte Pfarrhaus mit dem eingebauten Kirchturm. Das einschiffige Innere birgt einige bemerkenswerte Kunstwerke: Neben dem monumentalen Marmoraltar des 18. Jh. in der Apsis und dem reizvoll verzierten Orgelgehäuse aus derselben Zeit verdient vor allem das große Ölgemälde des Seitenaltars links neben der Orgel Beachtung, ein vorzüglich komponiertes Bild von Paolo Farinati (1524-1606), Schüler des großen Veronese. In der Kirche befinden sich zahlreiche Fresken verschiedener Maler des 15. jh., die neben einem mürrischen Christophorus und einer zierlichen Madonna am Pilaster links der Orgel viel Mittelmäßiges zeigen.
An der Südwand ist jedoch eine große Kreuzigungsszene zu sehen, die mit ihrer dramatischen Schilderung, den plastisch durchformten Figuren und den expressiven Gesichtern eindeutig von einer besseren Hand stammt.
Hinter der Kirche führt eine Treppe hinunter zu einem kleinen Strand, an dem noch ein Turm der mittelalterlichen Stadtbefestigung steht. Dort gegenüber führt ein Weg den ersten und höchsten der drei Hügel der Insel hinauf, den Colle Cortine, auf dem sich einst das römische Kastell erhob, während Sirmione die antike Garnisonsstadt darstellt. Von dieser Burg hat sich nichts erhalten, vermutlich nutzten die Langobarden deren Trümmer, um auf demselben Hügel im Jahre 760 das Kloster San Salvatore zu gründen, das ebenfalls ver-
schwunden ist (abgesehen von einigen höchst interessanten Funden, die in der Wasserburg der Scaligeri ausgestellt sind). Steigt man vom Ortszentrum hinauf zur Spitze der Insel mit der Villa des Catull, so begegnet man vorher einem weiteren Platz mit langobardischen Reminiszenzen. Nicht weit vor der Villa zweigt links hinauf eine schmale Straße auf den zweiten, den Mavinohügel ab.
Oben findet sich die romanische Kirche San Pietro in Mavino, gegründet im ]ahre 765 von langobardischen Mönchen im Auftrag ihrer letzten Königin Ansa, Gemahlin des unglücklichen Desiderius. Die noch heute einsame Lage der Kirche zwischen Zypressen und Olivenhainen, die ein Sirmione wie aus vergangenen Zeiten zeigt, muss schon früher suggestiv genug gewesen sein, denn man ließ sie im Mittelalter nicht verfallen wie das langobardische Kloster, sondern erweiterte sie im 11. oder 12. Jh. um den Glockenturm und eine dreiapsidiale Ostpartie, die zum Teil noch ihre alte Ausmalung bewahrt hat. Betritt man die Kirche, so ist das romanische Fresko des lüngsten Gerichts in der Koncha der großen Mittelapsis das unmittelbar eindrucksvollste Bild des lrmenraums: Christus thront als Weltenrichter in frontaler Starrheit in der Mandorla, rechts und links blasen Engel die Posaunen der Auferstehung, zu seinen Füßen zwei schmale Bildstreifen, in denen die Toten aus ihren Gräbern steigen. Das Fresko stammt von einem Veroneser Maler aus dem Jahre 1321 und ist ein weiteres Beispiel für den konservativen Byzantinismus der veronesischen Kunst dieser Zeit. Die intensiven Farben, die eindrucksvolle Geste des Christus, vor allem aber die phantasievollen Muster auf den reich gestalteten Gewändern mit ihren prunkvollen Bordüren weisen jedoch bereits auf die schmuckfreudige Kunst Veronas der frühen Gotik. Später ist in der Kirche noch viel dazugemalt worden: Mehrere Heilige, eine thronende Madonna und eine Kreuzigung aus dem 14.-16. Jh. finden sich in den Seitenapsiden, an den Langhauswänden Apostel, eine Schutzmantelmadonna, ein speerstechender hl. Georg und abermals zahlreiche, zum Teil gut gelungene Heiligenfiguren.
Nicht weit von San Pietro erreicht man am nördlichsten Punkt Sirmiones den dritten Hügel, der mit steilen Felswänden in den See abbricht und die Überreste des größten römischen Landhauses Norditaliens trägt. Sicher auch des schönsten, denn die Szenerie ist einzigartig: Aus einer duftenden südlichen Vegetation ragen über dem See die gewaltigen Ruinen eines antiken Monumentalbaus, umgeben vom grünlich glitzernden Wasser der breiten Brandungsterrasse. Dies seien die Grotten des Catull, eine Behauptung, die 1483 ein Venezianischer Chronist aufstellte. Das Haus der Valerier, Catulls Familie, ist dieser Riesenbau sicher nicht gewesen, höchstens könnte dies auf den kleineren Vorgänger der heutigen Villa aus dem letzten vorchristlichen jahrhundert zutreffen; jedenfalls dürfte Catull (87-54 v. Chr.) diese exponierte Stelle der Insel gekannt haben. In der Tat weiß bis heute niemand, was dieser zyklopische Palast, der etwa um 150 n. Chr. entstanden ist, wirklich war. Die wahrscheinlichste Hypothese ist, dass es sich um eine ungewöhnlich prunkvoll ausgestattete mcmsio mit Thermalbad handelte, also eine Art exklusives Gästehaus für Reisende im Auftrag des römischen Imperiums, die mit einem Spezialdiplom ausgestattet waren. Doch selbst mit dieser Erklärung mag man sich kaum zufriedengeben, denn schon die wenigen Funde, die man im kleinen Museum nächst dem Kassenhäuschen bewundern kann, verweisen mit einem großen polychromierten Gebäudegiebel und kunstvollen Freskenresten (man beachte besonders das hinter Glas gelegte Fragment eines Bildes von antiken Schiffen auf dem See) auf eine Ausstattung von solcher Pracht, dass man an einen Imperatorenpalast glauben könnte. Der ausgedehnte archäologische Bezirk ist erst zum Teil ausgegraben worden und stellt heute eine faszinierende Ruinenlandschaft dar. Aus dem Trümmergewirr strukturiert sich am deutlichsten die so genannte Kryptosäulenhalle heraus, ein 159 m langer zweischiffiger, ehemals gewölbter doppelter Säulengang von je 4,20 m Breite, welcher auf 64 Arkaden ruhte (von denen zahlreiche wieder errichtet wurden) und der zum Lustwandeln bei Regen oder heißer Sonne diente, An dessen Außenseite befinden sich parallel gelagerte Räume, die vorsichtig als >Läden< bezeichnet werden, da man vermutet, dass die Villa ein eigenes kleines Handelsareal besaß. Weiter ist das große Schwimmbecken mit seinen vier breiten Treppen von Interesse, das wahrscheinlich mittels Bleirohren von der heißen Bojolaquelle am Seeufer gespeist wurde, doch warum die Anlage als >Grotten des Catull< bezeichnet wird, merkt man erst, wenn man von der Hochfläche des Hügels die Felsen hinunter zum Strand geht. Hier durchschreitet man auf alten Treppen riesige gewölbte Gänge, deren Scheitel auf der Höhe des Hügelplateaus liegen. Die so genannten Grotten erweisen sich als kolossale Gewölbe, die aber eigentlich nur Substruktionsmauern heute verschwundener Aufbauten darstellen, die über die Abbruchkante des steilen Kalkfelsens hinausgebaut waren, um der Villa einen symmetrischen Grundriss zu geben und sie nicht von der zufälligen Form der Felsen abhängig zu machen. Als diese ehemals unterirdischen Hallen noch im romantischen Gewand der eigenen uralt überwucherten Trümmer dalagen, boten sie der Phantasie eine unerschöpfliche Quelle, und noch heute nehmen sie sich im Abendlicht, besonders wenn man sie vom See aus betrachtet, recht verwunschen aus. Denn der Sonnenuntergang ist die eigentliche Zeit dieser Ruinen: Wenn das Licht unter den Bögen der Säulenhalle abnimmt, senkt sich Stille über die Mauern, der abendliche Duft von Thymian und Minze steigt auf; und Lesbias Sperling sucht sich einen Schlafplatz in einem Olbaum. Kein Zweifel, hier war Catull, und wer das Glück eines Lateinlehrers hatte, der ihm den Dichter nicht gerade in Form einer Klassenarbeit nahegebracht hat, erinnert sich vielleicht an diese Stimmung aus seinen Worten: >>Salve, 0 venusta Sirmio ...«

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