Drei Straßen führen auf die grüne Hochebene von Tremosine und weiter zum Tignale: von Limone, von der Straße unterhalb Muslone und dazwischen eine Abzweigung im Tunnel der Uferstraße hinter Campione. Besonders die letztgenannte Strecke ist ein Erlebnis für sich: Durch die wilde Landschaft der Brasaschlucht mit dunklen Felstunneln führt sie über zahllose Kehren mit grandiosen Ausblicken hinauf nach Pieve di Tremosine, doch ist auch die Auffahrt durch die Piovereschlucht, die in der Nähe von Muslone abzweigt, nicht zu verachten.
Pieve, der Hauptort der weit verzweigten Gemeinde Tremosine, liegt direkt an der Kante des senkrechten Steinabbruches der Felsen hinunter zum Wasser und bietet eine großartige Aussicht über den See hinüber auf die Gipfel des Monte Baldo. In dieser Lage befindet sich auch das einzige dortige Bauwerk von künstlerischem Interesse: die Pfarrkirche von Tremosine auf einem kühnen Felsvorsprung. Ende des 14. jh. erbaut und 1712 erneuert, zeigt sie
heute eine hübsche Barock-Einrichtung, man beachte die gelungenen Schnitzereien des Orgelgehäuses aus dem 17. Jh., den großen Hochaltar mit gedrehten Säulen, Putti, Skulpturen und polychromen Marmorintarsien sowie das vollständig erhaltene Chorgestühl, eine gute Schnitzarbeit des Barock.
Den See noch vor Augen, wähnt man sich nach wenigen Minuten Fahrt über die gewellte Hochebene von Tremosine wie in eine nördlichere Welt versetzt, denn hier befindet man sich in einer klassischen Gebirgslandschaft. Kleine Dörfer liegen inmitten weiter Almen, welche durchzogen werden von tiefen Schluchten, überragt von steilen Bergen mit waldreichen Hängen; viel gerühmt sind die hiesigen Wandermöglichkeiten, besonders hinauf zum Monte Tremalzo oder hinüber zum Tignale. Eigentümlicherweise gehört dieser entlegene Felsen zu den ältesten dauerhaft besiedelten Orten am See, denn hier fand man die (heute im Museum in Brescia befindliche) rätselhafte Inschrift des Voltino mit vier Zeilen auf lateinisch, der Rest in einem nahezu unübersetzbaren, vermutlich etruskischen Dialekt. Von der Hochfläche von Tremosine führt eine gewundene Straße durch wilde Gebirgslandschaft um das tiefe Tal des Campionebaches herum nach Tignale, einer am Hang hoch über dem See verstreuten Gemeinde mit entsprechenden Ausblicken. Einzigartig unter den Szenerien des gebirgigen Seeufers ist dort der Wallfahrtsort Madonna di Monte Castello, mit Kirche und Kloster knapp unter dem charakteristischen Gipfel des gleichnamigen Berges gelegen. Fast 700 m stürzt der Felsen neben der Kirche senkrecht in die Fluten des Sees, ' und diese Furcht erregende Höhe verleiht der dichtbewaldeten Bergspitze mit der breit gelagerten Kirche selbst bei strahlendem Sonnenschein eine Atmosphäre düsterer Unnahbarkeit — zu der der äußerst steile Anfahrtsweg zum Kloster sein übriges tut. Die Kirche steht auf dem Platz einer alten Festung, die jahrhundertelang zwischen Trient, Verona, Brescia und Mailand umkämpft war. Im 16. Jh. wurde die heutige Wallfahrtskirche erbaut; der flache, dreischiffige Innenraum wird von weit gespannten Bögen auf eckigen, zweifarbigen Pfeilern gegliedert. Auffallend ist der Dachstuhl des Mittelschiffs: Es handelt sich um eine für die spätgotische Architektur des Veneto typische, im Querschnitt etwa dreipassförmige Decke, die auf zweifach abgestuften Konsolgesimsen Tonnensegmente trägt; zwei der bedeutendsten Kirchen Veronas sind in ähnlicher Weise gedeckt (San Fermo und San Zeno). Ebenfalls veronesischen Einfluss verraten die Fresken mit dem großen Architekturthron im Bild einer Madonna mit Kind und einem segnenden Heiligen.
Von Tignale führt eine Straße mit nicht minder eindrucksvollen Aussichten hinunter ans Ende der Steilküste, wie in eine andere Welt in das ganz südländisch geprägte Gargnano.