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venezianisches Verona

Vier Jahrhunderte unter dem Markuslöwen:
venezianisches Verona

>> So wie die Tyrannien entstehen, wachsen und sich befestigen, so wächst auch in ihrem Innern verborgen der Stoff mit, welcher ihnen Verwirrung und Untergang bringen muss«, schrieb Matteo Villani über die Signorien des 14. Jh. und prophezeite so auch den Sturz der Visconti in Verona. Denn diese trieben es genauso schlimm wie die Scaligeri, und unter der Bevölkerung machte sich jene Stimmung breit, die damals Boccaccio in die Worte fasste: >>S0ll ich den Gewaltherrn König, Fürst heißen und ihm Treue bewahren als meinem Obern? Nein! denn er ist Feind des gemeinen Wesens. Gegen ihn kann ich Waffen, Verschwörung, Späher, Hinterhalt, List gebrauchen; das ist ein heiliges, nothwendiges Werk. Es gibt kein lieblicheres Opfer als Tyrannenblut.« Diese Mahnung nahmen sich die Veroneser zu Herzen, als in einem letzten Akt von Krieg und Gewalt sich beinahe eine neue Signorie in der Stadt etabliert hätte. Die wilden Auseinandersetzungen in der Visconti—Familie, die 1402 mit dem Tode des Giangaleazzo begannen, nutzte der Herr von Padua, Francesco da Carrara, um sich Veronas zu bemächtigen. 1404 erschien er mit einem Heer vor der Stadt, bei dem sich auch die letzten erbberechtigten Überlebenden der della Scala befanden, die noch auf Anhänger in Verona zählen konnten. Die paduanischen Truppen schießen ein Ehrfurcht gebietendes Loch in die Stadtmauer und lassen Brunoro und Antonio della Scala ohne weiteren Widerstand scheinheilig zu neuen Herren ausrufen — doch nur, um sie wenige Tage später, nachdem ihre Armee als > Verbündete < eingerückt war, auf einem Fest zu verhaften und in den Kerker zu werfen. Nun regieren die Carrara in Verona, und alle Schrecken der Tyrannei scheinen sich fortzusetzen — doch nach einem Jahr wurde alles ganz anders. Im Jahre 1405 beschloss das mächtige Venedig, das keinen Fußbreit italienischen Bodens besaß, von seiner Lagune überzusetzen und eroberte in kurzer Zeit halb Oberitalien. Als sich venezianische Truppen auch Verona nähern, wird dort rasch noch die obligate Verschwörung gegen die Carrara angezettelt und am Tag darauf die Herrschaft über die Stadt freiwillig und erleichtert Venedig angeboten. Mit diesem 23. Juni 1405 ist die Zeit der Tyrannen in Verona endgültig vorbei, denn die Serenissima ließ die Macht der Signorien auf ihrem Gebiet nie wieder entstehen.
Dies war auch der Zweck der plötzlich geänderten Eroberungspolitik Venedigs gewesen, das sonst nur Expansionspläne im Mittelmeer hegte. Die Kriege der Städte untereinander stellten eine dauernde Gefährdung der wichtigsten Handelswege nach Norden dar, außerdem konnte jede Laune eines Stadtherrschers Zölle und Steuern in die Höhe treiben, was den Warenstrom verteuern oder sogar in eine andere Hafenstadt leiten konnte. Angesichts der großen Wirtschaftskrise Italiens zu Beginn des 15. Jh. - aufgrund des Hundertjährigen Krieges zwischen England und Frankreich verlagerte sich die kapitalkräftige Nachfrage auf Waren wie Eisen und Waffen, Venedig hatte jedoch hauptsächlich Gewürze und Getreide anzubieten — wollte sich auch die Lagunenstadt solche geschäftsgefährdenden Unwägbarkeiten nicht mehr leisten. So eroberte Venedig die Städte vor seiner Haustüre selbst und unterwarf sie allein seinem ökonomischen Kalkül eines reibungslos tlorierenden Handels. Die Serenissima stand daher im Rufe einer >Herrschaft der sanften Hand<, was gemessen an einer Adelsherrschaft sogar stimmt; dass sie auch anders konnte, wo ihre Großmachtinteressen ernsthaft gefährdet waren, beweisen Venedigs Kriege entlang den Mittelmeerküsten.
So wurde Verona venezianische Provinz und blieb es bis 1796, als Napoleon mit weiten Teilen Italiens auch die Republik Venedig an sich riss. Bis dahin hatten die Venezianer Verona zu einer gewaltigen Festung ausgebaut, da sie die Expansionsgelüste der neuen Großmacht im Norden, der Habsburger, immer mehr zu fürchten begannen. Doch blieb die Stadt weitgehend unbehelligt, gediegener Wohlstand und sogar eine lokale Malerschule der Renaissance und des Barock blühten auf, deren beste Talente freilich rasch nach Venedig abwanderten; die veronesischen Kirchen sind voll von ihren Fresken und Ölgemälden, Die Stadt behielt weitgehend ihr mittelalterliches Gepräge, denn es entstanden nur noch wenige große Repräsentationsbauten, dafür schmückten sich die zahlreichen Palazzi der Veroneser Handelsfamilien mit prächtigen Außenfresken und schönen Höfen, beides trägt noch heute zum Reiz des Stadtbildes bei.
Die friedlichen Zeiten waren vorbei, als Napoleon 1796 die Stadt besetzte und im März des nächsten ]ahres ein blutig niedergeschlagener Volksaufstand, die > Pasque Veronesi < ausbrach. 1801 wurde dieStadt zwischen Osterreichern und Franzosen geteilt, die sich schwer bewaffnet auf beiden Seiten der Etschbrücken gegenüberlagen. Als Napoleon 1814 geschlagen wurde, kam Verona in den Besitz der Österreicher, die die Stadt unter Benutzung der Stadtmauern der Scaligeri und der venezianischen Bastionen zum nordwestlichen Eckpfeiler ihres berühmt-berüchtigten Festungsvierecks ausbauten, mit dem sie ganz Oberitalien beherrschten. Noch einmal regierten in Verona zur Zeit des Risorgimento, der italienischen Einigungsbewegung, Terror und Gewalt durch das österreichische Militär, dann fiel die Stadt 1866 an das neu gegründete italienische Königreich.

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